Habe gefälligst Demut, du lauwarmer Geist

Die moralischen Bedingungen - gewissermaßen das Treibhaus, in dem der anthroposophische Christus- Geist gedeiht- hatten schon immer etwas moralin- Saures, zutiefst Spießiges, einen implementierten Code des Verhaltens, Denkens und auch Empfindens, inklusive spezifischer exklusiver Anleitungen zum Unglücklichsein. Nur dann, wenn die moralischen Bedingungen erfüllt wären, die in sich unmöglich zu realisieren sind („Habe gefälligst Demut“) kann in die reine Seele des Anthroposophen der beseligende Christus- Geist einziehen und ihn erleuchten und intuitiv befruchten. Bis dahin stehen die Fron des Alltags, die unzüchtigen, geistlosen Zeitgenossen und die materialistischen Umstände dieser Inkarnation der Verwirklichung zuverlässig im Wege. Bis dahin beobachtet der moralisch aufs Schlimmste gefasste reine Geist seine Umgebung auch mit einer gewissen distanzierten Überlegenheit und umgibt sich mit ähnlich griesgrämigen Seelenverwandten, mit denen er sich karmisch verbunden glaubt.

Die reine Seele, freilich, hat es nicht leicht. Nicht nur Gegner und Feinde des Geistes bevölkern die Gegenwart, auch leichtfertige, lotterhafte Steiner- Interpreten, die sich dieser Moral nicht anschliessen wollen. Sie weigern sich einfach, Rudolf Steiners spirituelle Weltsicht als Katechismus zu begreifen, picken sich einzelne Aspekte aus dem Werk des Meisters heraus und weigern sich, andere anders als zeitgebunden anzusehen. Das sind die lauwarmen Geister, die keine wirkliche karmische Grundlage besitzen, kein wirkliches, umfassendes anthroposophisches Verständnis, keine Liebe für den Schulungsweg und die Vollendung in Christo. Sie verwässern das Werk, indem sie intellektuell auffassen, was doch in strenger Moral und konsequenter, aufopfernder Lebensführung verwirklicht werden sollte. Sie gehören nicht in unsere Gruppe der Platoniker und Aristoteliker des wahren Geistes.

Falls der geneigte Leser sich den Moralisten anschliessen möchte, kann er das durchaus bei Autoren der Gegenwart tun. Sie finden die Auffassung vom anthroposophischen Moral- Treibhaus, in dem die guten Absichten wuchern, sogar bei Repräsentanten von einigem Rang, wie z.B. Lorenzo Ravagli, der noch die Gelegenheit ergreift, wieder einmal dem Katholiken Helmut Zander den wahren „Weg der Transformation des Menschen“ vor die gläubige Stirn zu stossen: „Die Selbsterziehung ist moralische Selbsterziehung. Was Helmut Zander abschätzig als »Tugendkataloge« bezeichnet, ist in Wahrheit eine Schilderung der Seelenverfassung, die derjenige erzeugen muss, der dem lebendigen Christus einen Zugang zu seinem Herzen gewähren will. Dass der katholische Theologe dieser Seelenverfassung mit solcher Häme begegnet, zeugt nur davon, wie sehr er sich von jenem Wesen entfernt hat, dem er aufgrund seiner Profession verpflichtet sein sollte. Das vollendete Wesen der Liebe kann in eine Seele, die von Hass oder Neid, von Missgunst oder beißender Kritik zerfressen ist, nicht eintreten. Sie muss das Brautgemach erst zubereiten, in das ihr himmlischer Bräutigam einziehen soll.

Zu den systemischen Paradoxien von Hardliner - Anthroposophen wie Ravagli gehört, dass sie, die sich in der offenbar vorliegenden Gewissheit sehen, in der sie exklusiv „dem lebendigen Christus einen Zugang“ zu ihrem Herzen gewähren können, ihre eigene Bescheidenheit, das Fehlen von Hochmut und ein Höchstmaß von Demut als gegeben voraussetzen: „Die erste moralische Anforderung ist daher, dass sie sich vom Hochmut befreit, so wie Christus selbst sich vom Hochmut befreite, indem er sich zum Diener und Erlöser aller Wesen erniedrigte, indem er seinen Jüngern die Füße wusch, zu den wüstesten Anklagen schwieg, sich auspeitschen und verhöhnen ließ usw.“ Ja, der karmisch erlesene Anthroposoph weiß in seiner Eigenwahrnehmung, dass er in seinen Beschimpfungen der Gegner vielmehr eigentlich „das Wesen des Christus, die selbstlose Liebe“ praktiziert. Und das in vollkommener Hingabe und trotz einer schrecklichen menschheitlichen Situation, in der Demut „der gegenwärtigen Menschheit in Ost und West so fremd ist“.

Und das, diese demütige Selbstvergottung, ist doch, wie Ravagli ausführt, nur der erste, allerkleinste Schritt, um anständige spirituelle „»Geistesaugen« und »Geistesohren«“ zu entwickeln. Denn das strebt doch die anthroposophische Moral an: Dass sie wahrgenommen werde. Wenn nicht von der öden, schnöden Welt, so doch zumindest von der erhabenen, reinen „geistigen“ Welt. An dieser Stelle erlaubt sich Ravagli einen weiteren Hieb gegen diese gewissen Steiner- Interpreten, die den Meister mit akademischen, nicht mit „Geistesaugen“ lesen und interpretieren wollen, „die Rationalisten“, die die geistigen Wahrnehmungsorgane „gerne als Allegorien aus der Geisteswissenschaft wegerklären, um sie zu jenem stromlinienförmigen Gebilde umzudeuten, das für Akademiker und den Zeitgeist annehmbar ist und die Anthroposophie angeblich wissenschaftlich »diskursfähig« werden lässt.“

Sie alle werden einstmals an der Stelle stehen, an der sich die echten Anthroposophen offenbar schon immer - geadelt durch das Studium von Rudolf Steiners Werken- befinden, in der Begegnung mit dem institutionalisierten Gewissen, dem „kleinen Hüter der Schwelle“, in dem sich die ekligen seelischen Eigenschaften, mit denen sie befleckt sind, widerspiegeln: „Eine Seele, die jahrzehntelang vom Neid beherrscht und getrieben wird, nimmt allmählich die Form des Neides an, sie wird zu einem verzerrten, verschrumpelten Gebilde, das von abstoßendem, schmutzig-gelbem, filzigem Geflecht überzogen ist. Und so mit all jenen »Eigenschaften«, die die Seele ablegen muss, wenn sie dem Herrn der Liebe Einzug in ihr Brautgemach gewähren will.

Das alles ist immer noch nur die Einführung von Lorenzo Ravaglis Einführung in Rudolf Steiners Schulungsweg- zumindest in der klassischen moralisierend- anthroposophischen Interpretation und mit der typischerweise fehlenden Reflexion der eigenen Perspektive, die als gegeben voraus gesetzt wird, auch wenn es doch um „das erhabene Geheimnis“, um „das Zukunftsziel der gesamten Entwicklung“, um Himmel und Hölle geht: „Wir sind unsere eigene Hölle, sagen die Mystiker, – aber auch unser eigener Himmel.“ Eben. Wie kann dann die eigene Perspektive unhinterfragt bleiben?

Und was ist, wenn die Menschen und Wesen sich weder belehren noch befreien lassen wollen von den edlen, reinen Geistesschülern, die sich für sie aufzuopfern behaupten? Was ist, wenn der an sich selbst und Andere gestellte Anspruch ihnen bigott, vermessen und unverschämt vorkommt? Was ist, wenn der Kern des Selbstbildes („Der Weg der Einweihung ist ein Weg, der im Dienste der Befreiung und Erlösung aller Wesen, die Menschen und Genossen des Menschen sind, beschritten werden soll.“) eitel und selbstgefällig daher kommt, arrogant und ohne dass irgend jemand den „Bräutigam“ in diesem „Brautgemach“ erkennen wollte? Was ist, wenn diese moralisierende Selbstvollendung sich nach hundert Jahren organisierter Beschwörung in ihr Gegenteil verkehrt hat? Was ist, wenn die Formeln von der „mystischen Vereinigung des Menschen mit Christus in der intuitiven Erkenntnis“ sich in phrasenhafter Leere entzaubert und entlarvt haben? Was ist, wenn der „lebendige Geist“ längst in der Welt ist und es nicht für nötig befindet, sich in einem moralisierenden System von Belehrung und Selbstvergottung gefangen zu sehen, das sich für seinen legitimen und exklusiven Verwalter hält? Was ist, wenn die anthroposophische Attitüde einen Widerspruch in sich selbst darstellt, der nichts als Neurosen und verkorkste Biografien züchtet?

So weit die Fragen (nein, nicht des Lauwarmen, des Materialisten, des Intellektuellen, des Katholiken oder Freimaurers) des Hüters der Schwelle, der den moralisierenden Anthroposophen heimsucht: Das ungeliebte Spiegelbild, der dunkle Spiegel der Selbstverliebten und reinen Geister, der ungebeten anklopft als verschrumpeltes Gebilde, das vom filzigen Geflecht von hundert Jahren anthroposophischer Hybris überzogen ist.

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