Der süße Schatten. Einige schauerliche Anmerkungen

Günter Uecker in kunstlebenberlin
Es lässt sich ja schwer beurteilen, warum - auch im anthroposophischen Themenbereich- bestimmte Aspekte unsere stetige Aufmerksamkeit oder auch unseren Widerwillen wecken. Es hat natürlich immer etwas mit uns selbst zu tun, wenn auch meist mehr oder weniger tief unter der Oberfläche dessen, was anzuerkennen tolerabel wäre.

Ich denke an einen Bekannten, der mich Jahre lang dafür kritisierte, dass ich so deutlich Kritik äußern würde, vor allem in Bezug auf bestimmte anthroposophische Phänomene. Ich weiß nun, dass es einer dieser anthroposophischen Reflexe ist, „positiv“ und unvoreingenommen an Dinge heran gehen zu wollen bzw. zumindest den Anschein zu erwecken. Er hatte ja nicht unrecht - der Skorpion in mir sticht in ungeklärte Angelegenheiten- tat mir aber auch Unrecht, indem er meine unvoreingenommenen Blicke ignorierte. Letztlich hing er sich an den Dingen bei mir auf, die ihm selbst wohl wie ein Gift aufstiessen. Dass er es an mir ausließ, behinderte ihn aber womöglich gerade im Umgang mit seinen Schwächen Die anderen, typisierten Reflexe bei ihm wie Anti- Modernismus, Technophobie, Anti- Materialismus hatten einen ähnlichen für ihn identitären Aspekt, hielten aber stets nur bis zu dem Punkt, an dem sie unbequem wurden. Das identitäre Selbstgefühl sonnte sich in seinem Gutmenschentum. Er schlürfte seinen Steiner, um den süßen Schatten zu bedienen. Er zimmerte sich ein elitäres, wenn auch illusionäres Reich und umgab sich mit Gleichgesinnten. Ich bin sicher, dass er heute mit den anti- elitären Hunden dieser Szene heult, gegen EU, CIA- Verschwörer, Globalisten und Banken.

Ich weiß, dass ein ganz anderes Gift, das mich umtreibt, der natürliche Mangel an Fokussierung ist. Ein verträumtes Kind, ein Kind mit magischen Augen, ein leichtgläubiges Wesen, dessen Mutter von Aberglauben und dessen Vater von Nachkriegs- Illusionen getrieben war. Knapp unter der Oberfläche brütete ein Grauen, das ohne Konturen war, aber nach dem zehnten Lebensjahr seine Schatten so warf, wie es Günther Uecker* unnachahmlich ausdrückt: „Das waren Versuche einer plastischen Malerei, die Licht einfängt und Schatten wirft, gekoppelt an den Gedanken, daß der eigene Schatten sich schauerlicherweise nachts mit der Dunkelheit der Erde verbindet, um in den Morgenstunden wunderbarerweise wieder individuell zu werden. Denken Sie nur an die Angst, die einen abends überkommt. Als einzelgängerisches Kind erlebte ich solche Momente sehr intensiv. In meinen Bildern wird dies thematisiert.“ (S. 79) Uecker hat sich, wie er erwähnt, auch mit Steiner (Arbeitervorträge) und Goethe (Farbenlehre) beschäftigt- gerade was den Umgang mit dem Licht betrifft: „Was der Mensch an Lichtenergie umwandelt, um zu sein, ist höchstwahrscheinlich seine physiologische Existenz.“ (S. 78)

In diesem Sinne ist für Uecker das Licht deshalb zum lebensbestimmenden Thema geworden, weil die Angst, die Dunkelheit und die Schrecken der nächtlichen Entwerdung ihn umtrieben. Für mich selbst war das - auch ohne Künstler zu werden- mit der inneren Indifferenz und dem kindlichen Grauen ganz ähnlich. Für mich war in der anthroposophischen Arbeit ein Element gegeben, einen diffusen Mystizismus ins klare Licht zu holen, die Schattenwelt zu durchleuchten, zu fokussieren und zu stabilisieren, ohne das existentiell Brüchige zu leugnen, in Lethargie oder Selbstgerechtigkeit zu verfallen.

Mit einem Wort: Positivität hängt ab von dem Grauen, dem man entsteigt- dieses gibt die Kraft, sich abzustossen und wirklich den Willen zu entwickeln, der durch ein gestaltetes Leben führt. Oder, um es mit Jörgen Smit zu sagen: „Die Übung der Vorurteilslosigkeit stärkt die Mutkräfte, denn man lässt sich bewusst ein auf das noch nicht Durchschaute und Geübte; niemand lernt schwimmen, ohne daß er in das noch unbekannte Wasser hineinstießt. Hier wird die Kraft des werdenden Menschen, der ständig über sich selbst hinauswächst, geprüft und gestärkt.“ **

Die Kraft, sich den eigenen heftigsten Kontrasten zu stellen und von hier aus bewusst konkret Schritt für Schritt zu setzen in unbekanntes Terrain ist etwas anderes, als sich in einer scheinbaren Toleranz zu wiegen, die das eigene Selbstgefühl konstituiert. Oder dem Common Sense seiner Zeit trotzig zu entsagen, um dann den Parolen der identitären Polit-Clowns zu verfallen. Gewiss, der Konsens der westlichen Zivilisationen ist auf frühes harmonisches Miteinander ausgelegt, auf ein Funktionieren in adäquatem Wohlverhalten, in einem Kollektiv, das nach dem ersten Lebensjahr in Krippen angelegt wird. Individuelle Freiräume werden bei entsprechendem Wohlverhalten zugestanden- ein Funktionieren in einer vernetzten und globalisierten Massengesellschaft kommt ohne sanfte soziale Kontrolle nicht aus. Das ist der Preis der Massengesellschaft. Nicht Wenige begreifen nicht nur diese Systeme als real existierende sozialistische Organismen, deren Kontrolle sie sich widersetzen möchten, befeuert von populistischen Agitatoren. Die Erklärungsversuche, warum sie sich selbst in einem neuen Mainstream der Abgehängten oder - wahlweise- der eingebildeten geistigen Eliten dieser Systeme begreifen, divergieren in der Deutung; sie mögen sich religiös, politisch, elitär oder in Mischungen davon positionieren. Meist bildet sich nicht nur ein neuer, trotziger Mainstream, der das eigene Scheitern umdeutet und sich in oppositionellem, wenn nicht destruktivem Gruppenverhalten gefällt- eine antagonistische Selbstfindung, die auf Vernichtung des Gegners abzielt. In dieser Lage wird die Autobombe ebenso zum persönlichen Statement wie die ostentative Verehrung eines neo-stalinistischen Führers- der Widerstand gegen den Mainstream wird zur Frage der eigenen Identität und ist nicht verhandelbar. Dass sich aus dieser primitiven Gemengelage heute überall der neue politische Mainstream bildet, befeuert von identitären nationalistischen Impulsen, ist bedauerlich. Europa hat offenbar nicht - im Sinne von Uecker- in einer allmählichen Reife einen kontinuierlichen Weg aus dem Schatten geschafft, den es seit Anfang des 20. Jahrhunderts geworfen hat. Der Rückfall in identitäre, nationalistische Reflexe erscheint wie eine Regression, die alle Gefahren wieder auf den Tisch bringt, denen Europa entstammt.

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*Nagel, Axt und Hammer. Orkane des Möglichen - Über die Kunst und die Bewahrung des Menschen, in Letter International, Europas Kulturzeitschrift 116
** Jörgen Smit, Der meditative Erkenntnisweg der Anthroposophie, in (Div) Freiheit drüben, Stuttgart 1988