Die Artisten in der anthroposophischen Manege, ratlos

Gewiss, da gibt es die, die vernehmlich in den sozialen Netzwerk Beifall klatschen, wenn die nationalistischen, hetzerischen Querfront- Anthroposophen mit Hang zu Diktatoren bloggen oder posten. Es sind gerade die, die nicht eigentlich eine eigene Meinung, einen Standpunkt oder eine anthroposophische Linie vertreten, sondern immer wieder den Meister zitieren. Die passiv- aggressive anthroposophische Haltung spiegelt sich aber offenbar gern in radikalen Demokratie- Verweigerern wie Mikeondoor, der hier ein Pamphlet gegen den heute angeblich kulturbestimmenden Transhumanismus zitiert, aber zugleich für gleichgesinnte - rechte und glaubensstarke - Anthroposophen auf derbe, unfreiwillig komische Art eine Online- Partnerbörse ankündigt: „Aus aktuellen Anlass erscheint demnächst hier auf diesen Seiten eine neue Rubrik mit dem Titel: Anthroposophische Partnersuche. Für alle, die aktiv ihre „Stoßkraft und Freudigkeit des Daseins“ erweitern wollen…

Dieses brachiale, stoßkräftige anthroposophische Fussvolk wird sich, geeint in seinem gemeinsamem Hass auf Liberalismus, EU, „Materialismus“ und demokratische, offene Prozesse in einer Partnerbörse sicherlich gerne vereinigen, unter dem Banner der unerschütterlichen Treue zum großen Meister.

Aber es werden immer weniger. Die Jungen bleiben fern, die Mitgliederzahlen schrumpfen, die Gelder bleiben aus. Im Angesicht der immer schlechteren finanziellen und personellen Umstände werden die Grabenkämpfe um Ressourcen, um einen Rang, um einen Platz am Futtertrog stetig härter, die Versuchungen größer, den Einflüssen von Geldgebern und bestimmten Netzwerken nachzugeben und das abzuliefern, was eindeutig verwertbar erscheint: Esoterisches Geschwafel, das den Erwartungen eines erheblichen Teil des Marktes entspricht; spekulatives Zeug, aus Anthro- Textbausteinen gebastelt; selbstbeschönigender, selbsterhöhender, die Eitelkeit kitzelnder Pomp; trendiger neurechter, anti- globalisierender, pseudohistorischer Polit- Kitsch: Alles, worauf die verbliebenen stumpfen Pseudo- Esoteriker eben abfahren.

Wer, bitte, will sich schon ratlos, fragend, selbstkritisch präsentieren? Und doch, die Anthroposophische Gesellschaft unternimmt genau das. Es gibt durchaus nicht nur die rückwärts Gewandten und Selbstbezogenen, sich stoßkräftig untereinander Mischenden, sondern auch die, denen ihr Anthroposophensein zur offenen Frage geworden ist und die sich um die Zukunft der hundert Jahre alt gewordenen Dame Gedanken machen. So ein aktuelles Skript zur Zukunft der Anthroposophischen Gesellschaft: „In verschiedenen Kolloquien, Arbeitsgruppen, Interviews und Konferenzen wurde in der Deutschen Landesgesellschaft ab Januar 2016 das Thema «Zukunft der Anthroposophischen Gesellschaft» bearbeitet. Aus diesen Schritten entstanden zentrale «Kernthemen», die in den nächsten drei bis fünf Jahren bearbeitet und ausgestaltet werden sollen.

Klar werden viele der momentan dominanten Probleme angesprochen (die politischen Abwege bleiben ausgeklammert), teilweise in Zuschriften an die Organisatoren, vor allem aber in den dokumentierten Interviews mit engagierten anthroposophischen Persönlichkeiten, die zu Wort kommen. Der Konfliktforscher Friedrich Glasl sieht z.B. Probleme in Bezug auf „anthroposophische Forschung“: „Es wird manchmal etwas schnell von Forschung gesprochen, aber Forschungsergebnisse, die sich wirklich präsentieren können und sich einem Diskurs stellen, gibt es zu wenig. Dennoch gibt es Menschen, die Hervorragendes geleistet haben und die erkenntnistheoretische Basis dazu sehr gut durchdacht haben. Auch Geistesforschung gibt es zu wenig und was erarbeitet wird – auch Gutes – kommt zu wenig in die Öffentlichkeit. Es gibt Mitglieder, die die Auseinandersetzung mit der Wissenschaft  in der akademischen Welt nicht zu scheuen brauchen und wichtige Beiträge leisten. Was die Arbeit in der Allgemeinen Sektion betrifft , wo es um die Klassenstunden geht, um den Schulungsweg, da ist es schwierig, wenn Menschen, die schon Jahrzehnte in der Hochschularbeit aktiv sind, gefragt werden: Kannst du etwas über deine Ergebnisse sagen, Imagination, Inspiration, Intuition, Schwellenerlebnisse usw.? Das ist schwer, da gilt natürlich dieses «sei vorsichtig und nicht prahlerisch über bestimmte Dinge, das können Illusionen oder was auch immer sein». Es ist wichtig, das zu respektieren, aber es müsste doch untereinander möglich sein, bei den Lektorentreffen, dass man sagen kann: Wir machen uns nichts vor und sind absolut ehrlich, wie haben wir geforscht, was ist dabei – mit aller Vorsicht – an Erkenntnissen gewonnen geworden?

Ja, was? Und wie schafft man den fast unmöglichen Spagat zwischen einer Initiationsgemeinschaft, die auf Initiative bauen will, aber in einer in Statuten, Hierarchien und Machtgefügen erstarrten Institution? Das scheint vor allem die früher für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Monika Elbert umzutreiben: „Es muss vorrangig um Erkenntnisinhalte statt um Verwaltung gehen und es braucht vor allem, statt Repräsentieren, «gute Zusammenarbeit» und gute Projekte. Die Kultur der Selbstbehauptung gilt es zu überwinden zugunsten gegenseitiger Förderung und des absoluten Ernstnehmens der jeweiligen Intentionen. Verantwortliche Positionen in der Anthroposophischen Gesellschaft  müssten streng nach dem Kriterium besetzt sein, ob die Persönlichkeiten wirklich Intentionen zur Veränderung haben.

Und nicht wenige - so zeigt nicht nur diese Umfrage - engagierte Mitarbeiter ödet die toxische Wirkung erstarrter, in Tradition gegossener anthroposophischer Esoterik an: „Die alten Formen der Hochschule haben eine lähmende Wirkung und sind daher zu retardierenden Kräften geworden. Wie lange können wir es uns noch erlauben, das nicht sehen zu wollen?“ (Monika Elbert)

All diesen ganz unterschiedlichen, aber nachdenklichen Stimmen engagierter Anthroposophen nachzugehen, ist deutlich spannender als manche Lektüre anthroposophischer Literatur. Für Lydia Fechner wirkte der anthroposophische Habitus geradezu erstickend: „Ich war ungefähr sechs Mal im Jahr in Dornach und habe sozusagen mein ganzes Leben auf diese Gesellschaft  ausgerichtet, auf meine Art und Weise, mit meinen Leuten. Und andererseits, ich habe da immer schon so ein bisschen schmerzlich erlebt, dass es bei Anthroposophen eben so ist, dass man ganz schnell jemanden beurteilt, ob er dazu gehört oder nicht. Das erlebe ich als ein soziales Problem und das geht nicht nur sozusagen aus von rein Bekenntnismäßigem, «ich bin Anthroposoph oder ich identifiziere mich mit allem was Steiner sagt», sondern oft  bis in den Habitus rein, also wie man lebt, was man macht. Also, einfach so eine Art Lebenshabitus. Und das habe ich immer als sehr unangenehm erlebt.“ Für Claudia Grah-Wittich erscheint dieser Habitus selbst in den meisten anthroposophischen Publikationen: „Die Zeitschriften in der anthroposophischen Szene. Es ist wirklich einer meiner Alpträume, wenn ich sie neben meinem Bett staple und mich frage, ob nicht einer mit einem Adlerblick auf die Menge schauen könnte. – Das wurde bestimmt schon gemacht, aber ich bin jetzt mal frech: Die «Anthroposophie», «Die Drei», die «Mitteilungen», «Das Goetheanum», «Weltweit», ... letztlich sind es dieselben Themen immer wieder von einem anderen Redaktionsteam aufbereitet und Menschen werden beschäftigt und Gelder werden akquiriert und jede Zeitschriften kämpfen darum, dass sie irgendwie überlebt. Das ist für mich das Bild der anthroposophischen Szene.“

„Irgendwie überlebt“ - heilfroh, dem Habitus und der erstarrten Pseudo- Esoterik entkommen zu sein: Wie soll man aus diesen Aussagen von Akteuren Zukunft dieser Gesellschaft schaffen? Eigenartig, dass gerade diese Ratlosigkeit geradezu befreiend wirkt, mehr noch, als die Brainstorming- Stichworte für die zukünftige Arbeit im Anhang des Skripts. "Irgendwie überlebt" bedeutet auch: Hier werden wirklich die Fragen gestellt, die weh tun. Dass sich die deutsche Gesellschaft das traut und zutraut, erscheint als wirklicher Hoffnungsschimmer, ja als Zeichen neuer Stärke. Die Einsicht, dass die Probleme in der verkrusteten Struktur der Gesellschaft selbst liegen, kann nur dem Raum geben, was tatsächlich trägt, kann nur die Voraussetzung zur Bildung neuer, initiativer struktureller Formen sein. Gerade das Bekenntnis zur Ratlosigkeit, die Ehrlichkeit, Offenheit im Umgang miteinander- ja das Bekenntnis eines Scheiterns dieser Gesellschaft scheint mir der tragende Boden dafür sein, sich als Anthroposophische Gesellschaft neu zu erfinden.

Kommentare

  1. „In verschiedenen Kolloquien, Arbeitsgruppen, Interviews und Konferenzen wurde in der Deutschen Landesgesellschaft ab Januar 2016 das Thema «Zukunft der Anthroposophischen Gesellschaft» bearbeitet"

    Ich musste beim lesen des Textes an das letzte Buch von Jostein Saether ("Hauchdünn") denken, indem er schilderte, wie ein Seminar der anthrop. Gesellschaft (Kassel) zum Thema "Umgang mit meditativen Erfahrungen" mehr oder weniger darauf hinauslief, eben solche geschilderten Erfahrungen der Teilnehmer anzuzweifeln oder zu relativieren (Wenn jemand aus eigener meditativer Erfahrung etwas schildert, könnten andere "schamhaft berührt" (!) werden, usw.).

    Ich persönlich würde auch in Zukunft aus Dornach nicht mehr erwarten als die üblichen Parolen und rhetorischen Ermunterungen a la "Mut haben, neues zu denken..." usw.

    Es gibt erfreulicherweise immer mehr anthroposophisch arbeitende Menschen, die von höheren authentischen Erfahrungen sprechen, soweit ich das überblicke, alles unabhängig von Dornach (und auch kaum im Netz).

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    1. Einerseits gibt es in Anthroposophistan das Klima der Abgrenzung, andererseits die Scham des Individuums, dergleichen zu formulieren- denn der Akt des Verbalisierens verändert die Erfahrung, sie wird flach oder pompös oder fremd dem gegenüber, wie die Weite, Offenheit, aber auch Konkretheit der Erfahrung war- man nagelt das in Worten fest, die nur eine Richtung angeben, aber nie das Erleben selbst fassen können. Daher scheut man zurück. Zudem gibt es eine Kategorie im Alltag, wenn man z.B. intuitiv die notwendige Initiative in einem Team zu fassen bekommt, die ebenso "spirituell" ist, aber das fliesst eben ganz ins praktische tun ein. Da gibt es nichts zu formulieren. Man macht einfach.

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    2. Da stimme ich Dir grundsätzlich zu. Jostein hat es in seinem Buch aber etwas anders gemeint: Ein eher einflussreicher Referent (sowohl im Vorstand der AAG als auch der FHG) hat die imaginative Schilderung einer Anwesenden aus seiner Autorität heraus eben relativiert - ausgerechnet in einem Seminar zum Thema "Austausch über die meditative Praxis".

      Dass die Gefahr besteht "ein Akt des Verbalisierens" würde die Erfahrung verändern, ist klar. Das muss/kann aber, finde ich, jeder selbst entscheiden, was man von eigenen Erfahrungen öffentlich sagt. Jostein machte eher auf den Umstand aufmerksam, dass man in der AAG grundsätzlich misstrauisch gegenüber entsprechenden Schilderungen/Erfahrungen von Anthroposophen ist.

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  2. Die Lehren Steiners im Leben angewandt, sie führen über Ratlosigkeit hinaus. Als ich heute morgen gezielt den Tag der Pladoyers des Meineidprozesses als Folge des Mollath-Verfahrens in Regensburg besuchte, da wußte ich nicht, wie das Schicksal selbst Vetrauen legt. Links von mir saß der ehemalige Schüler der Rudolf-Steiner-Schule in Nürnberg Herr Mollath, zwei leere Sitze zwischen uns. Kurz vor Beginn des Verfahrens setzte sich Illona Halsbauer neben mir. Sie sprach mit einer dritten Person. Weil die Zeit so knapp, Entschuldigung für die Unterbrechung. Sprach gezielt ein Wort, das die Erinnerung wachrufen sollte. Es gelang. Mir war vor Jahren, Du kennst doch diese Frau, welche ebenfalls sieben Jahre in der Psychiatrie festsaß, wie Mollath, beide kennen sich jetzt. Ein Schicksalskreis. Gespräche mit dem Angeklagten, dem Anwalt. Alle waren offen. Mit einem kleinen Stück Marzipan konnte ich gezielt den Angeklagten vor Unterzuckerung bewahren, der Richter hatte schon eine Pause eingeschaltet, weil die letzten Worte fast nicht gelingen wollten, die Stimme brach.
    Herr Holzhaider schrieb einen ganz guten Artikel:

    http://www.sueddeutsche.de/bayern/regensburg-freund-von-gustl-mollath-wegen-meineids-verurteilt-1.3452150

    Der Journalist Holzhaider hatte 1995 den Artikel geschrieben "Die Botschaft des kleinen t".
    Zufällig befand er sich heute in unserer Nähe, als Illona Haslbauer mir Dinge aus der Psychiatrie, dem Verfahren, Hinweise ihres Anwaltes erzählte, die so noch nicht in den Medien standen. Erzählte dem Journalisten von dem "Zufall". Er sagte nur "Karma".

    So ist der studierende Karmagedanke Steiners wie ein roter Faden doch hinter der äußeren Ratlosigkeit aktiv. Es gab vor Jahren die Anregung, wir sollten uns persönlich treffen. Ich gehe davon aus, wir würden uns vielfach doch viel besser persönlich verstehen, unterhalten, austauschen, als es eingeschränkt hier möglich ist. - Es gab von Seiten des Vorstands Versäumnisse, las gestern erstmals einen Text von 1995. Um über Dritte zu schreiben (meine Person) wäre es besser gewesen, erst Gespräche zu führen. Die teilweise Ratlosigkeit ist auch Versäumnissen geschuldet.... .

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    1. Hier ein Zeitungsbericht, als Mollath und Haslbauer noch in der Forensik festsaßen.

      http://www.mittelbayerische.de/region/regensburg-stadt-nachrichten/grosses-theater-nicht-nur-auf-der-buehne-21179-art1006428.html

      Während der Pausen wurden die Schicksale von Mollath und Haslbauer auf Leinwänden abwechselnd rechts, links projeziert. Hatte Illona erkannt.

      E.S.

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