Rückkehr nach Reims und Fluchten aus der Provinz. Meine Bücher im Mai

Teju Cole via Bookforum
Die Selbstvergewisserung als moralisches, sexuelles, politisches, gesellschaftliches Wesen ist vielleicht in den mittleren Jahren das geringste Problem: Wenn man sich in Familie, Beruf, Interessen ausleben kann, bedarf es keiner irritierenden Selbstbeschäftigung- das Eingebundensein in den sozialen, ideellen und gesellschaftlichen Kontext trägt und prägt, sofern man einer der privilegierten Gesellschaften angehört, die gerade nicht umgewälzt und zerstört werden. Ein Individuum, gibt ihm im Sich- Ausleben eine spezifische Note, in der es sich getragen fühlen kann. Das ist im besten Sinne als soziale Inkarnation zu verstehen.

Dieser Note, die sich in einem sozialen Geflecht, in einem Sprach- und Ausdrucks- Zusammenhang und in einer Perspektive entfaltet, entspringt das sich im weitesten und im konkretesten Sinne verwirklichende Individuum. Solche Perspektiven sind das Privileg liberaler Gesellschaften, denn wer von der Hand in den Mund, von Tag zu Tag, von Mahlzeit zu Mahlzeit lebt, wagt an solche Perspektive nicht zu denken. Auch nicht, wer in einem Kulturkreis lebt, der von Klasse, Geschlecht oder jeden Aspekt des Alltags durchdringender Korruption determiniert ist.

Teju Cole, der nigerianisch- amerikanische Autor der großen Ode an New York, „Open City“ (1), hat auch ein Buch über sein seit nahezu zwei Jahrzehnten nicht mehr aufgesuchtes Herkunftsland Nigeria mit dessen Hauptstadt Lagos geschrieben- ein Frühwerk. Nicht nur die Korruption ist das von Cole dargestellte Problem, sondern eine alle Schichten durchdringender frömmelnder Aberglaube, man müsse sich nicht tatsächlich aktiv einsetzen, da die Dinge schon wahr werden würden, wenn man sie sich fest genug vorstelle: „Ich sehe ihn forschend an, finde aber keine Zeichen von Einsicht in seiner Mimik. Er schüttelt nur den Kopf, als würde er mich dafür bemitleiden, dass ich in meinem wissenschaftlichen Weltbild gefangen bin. Entspann dich! Gott hat alles im Griff. Und in seiner Haltung finde ich endlich den Schlüssel zu so vielem, was mir in den vergangenen Wochen aufgefallen ist. Die Vorstellung, dass etwas Realität wird, weil man es sagt, dass die Gesetze der Einbildungskraft stärker sind als alle anderen.“ (2)

Dieser feste Glaube an die Macht der Vorstellung scheint ein ferner, moderner Nachfahre des Animismus zu sein. Der Fatalismus bereitet den Boden für die Flucht der Einen und für die Ergebenheit der Anderen an die Verhältnisse, wie sie sind- egal wie korrupt sie erscheinen. Der Fatalismus geht bis in die Regierungsspitze: „Der Präsident der Republik ist unfähig, nicht permanent von Gott zu reden, hierin ist er seinen Wählern nicht unähnlich. Sein Lieblingsthema ist das »Image« des Landes. Präsident Obasanjo glaubt, den größten Schaden erführe Nigeria durch Leute, die das Land kritisierten. Kritik ist unpatriotisch. Er beharrt darauf, der einzige Fehler sei es, auf Fehler hinzuweisen. Man sollte ausschließlich gute Dinge sagen.“ (2) In diesem Sinne kann der Idealismus sich sich wie Bann über die Gesellschaft legen, selbst im 21. Jahrhundert: „In Nigeria bekomme ich häufig die Redewendung idea l’a need zu hören, also in etwa: Man braucht nur eine prinzipielle Idee, das Konzept. Man sagt das bei allen möglichen Gelegenheiten und meint: Das ist gut genug, kein Grund, sich in Details zu verlieren.“ (2)

Aber natürlich durchdringt die fatale Perspektivlosigkeit nicht nur Kontinente, sondern jede Biografie- auch die privilegierteste. Mit dem Altern, Krankheit und Tod schrumpfen die Möglichkeiten, schnurren zusammen auf ein einziges Zimmer, ein Bett, einen einzigen durchdringenden Schmerz. So ergeht es dem Erzähler Harry Chapman, einer 70jährigen Figur in Paul Baileys Roman (3), der zum seltenen Genre von Literatur des hohen Alters gehört. Chapman, ein schwuler, agnostischer Londoner Romancier, ist mit heftigen Magenbeschwerden ins Krankenhaus eingeliefert worden. In der Perspektive auf den Nullpunkt des Krankenhausbettes zusammen geschnurrt, entsteht zwischen einer fatalen Operation zur nächsten eine reiche Innenwelt des Erzählers, in der nicht nur seine längst verstorbene, ätzende Kommentare absondernde Mutter, sondern Sexpartner, Freunde, Penner, sogar geliebte Romanfiguren zwischen Ärzten, Besuchern und Krankenschwestern auftauchen und mit ihren penetranten Fragen und Einwürfen das Leben Chapmans aufrollen wie ein großes Tuch. Erfolge, Versagen, Begierden, Großmut- im Nullpunkt der Existenz, im Verschwimmen von Imaginationen und Realität, enthüllt sich das gelebte Leben, und die ungelösten Fragen treiben an die Oberfläche:

„-Oh Mother, you could tell me now.
-I could, if I had a mind to. But perhaps I haven´t.“ (3)

Ein Moment, das Chapman in diesem Kamaloka der verschwimmenden Perspektiven aufgeht, ist die Entstehung der eigenen intellektuellen Londoner Schriftsteller- Identität aus dem Widerstand gegen die Herkunft, die von Armut geprägt war.

Dieses Phänomen der Herkunft, diesen Widerstand gegen die Determination, hat Chapman mit Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ (4) gemein. Armut, Provinzialität, Vorurteil legen sich sich auch in den Perspektive- reichen westlichen Gesellschaft wie Schatten über die Biografien. Eribon, ein in Frankreich bekannter Soziologe und populärer TV- Philosoph, Linker und schwuler Aktivist, legt mit der „Rückkehr nach Reims“ ein Mittelding zwischen Biografie und soziologischer Betrachtung vor. Nach 30 Jahren bewusst abgebrochenen Kontakts zur proletarisch- kommunistischen, strikt homophoben Familie kehrt Eribon zurück, nur um festzustellen, dass die gesamte Familie inzwischen rechts wählte: „Wie konnte es dazu kommen, dass man in derselben Familie wenig später rechte oder rechtsextreme Parteien wählte und dies sogar manchmal als die „natürliche“ Wahl empfand? Was war geschehen, dass nun so viele den Front National wählten, die ihn zuvor intuitiv als Klassenfeind betrachtet und seine Vertreter genüsslich beleidigt hatten, sobald sie auf dem Fernsehschirm auftauchten (eine seltsame und doch wirksame Art, sich in dem zu bestätigen, was man ist und woran man glaubt)?“ (4)

Eribon ist keinesfalls der TV- Salonlinke, den man vermuten könnte, sondern geht sehr ehrlich mit sich und der Situation um. Das betrifft das Versagen der Linken (ohne „Sehnsüchte und Energien“) ebenso wie die eigene Karriere, das Selbst, das sich im Widerstand gegen das dumpfe Elternhaus bildete, die ewigen Minderwertigkeitsgefühle wegen der eigenen Herkunft und seiner Homosexualität, die Flucht in angeeignete Kultur und Bildungsbürgertum, immer im Bewusstsein des eigenen „Klassengefühls“: „Was mir vor allen Dingen unbestreitbar vorkommt, ist die Tatsache, dass ein solches Ausbleiben des Klassengefühls eine bürgerliche Kindheit kennzeichnet. Die Herrschenden merken nicht, dass ihre Welt nur einer partikularen, situierten Wahrheit entspricht (so wie ein Weißer sich nicht seines Weißseins und ein Heterosexueller sich nicht seiner Heterosexualität bewusst ist).“ (4)

Vor diesem Hintergrund beleuchtet Eribon, durch das biografische Element lebendig geschildert, Identität und „Transformationsprozesse des Selbst“ im Zusammenhang mit der sozialen Herkunft. In seinem Fall geht es um eine bewusst vorgenommene Trennung, um eine „Desidentifikation, die sich aus der immer wieder zurückgewiesenen Identität speiste“, die aber auch die Energie vermittelte, eine akademische und öffentliche Karriere zu bestehen. Reims bleibt für ihn die „Stadt der Beleidigung“, die homophobe Provinz. Paris dagegen war für ihn mit der Hoffnung verbunden, ein „freies schwules Leben“ führen zu können und ein „Intellektueller“ werden zu können (S. 223).

Reims hat politisch die Fahnen gewechselt, aber die Provinzialität so wenig verloren wie Coles Nigeria. Auch Teju Cole hat die Metropole vorgezogen, um eine Existenz und Identität begründen zu können. Die Fluchten aus der Provinzialität, Determination durch vorgefundene Rollen, soziale Klammern, Korruption, Religion und Apathie begründen die existentielle Selbstschöpfung, eine eigene Sprache und biografische Spur. Die Widersprüche zwischen der gelebten Moderne und den verfallenen Gespenstern vergangener Epochen könnten größer nicht sein, durchziehen die globale Gemeinschaft und spitzen sich in ihren Widersprüchen stetig zu.


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1 Teju Cole, Open City
2 Teju Cole, Jeder Tag gehört dem Dieb 
3 Paul Bailey, Chapman´s Odyssee, London 2011
4 Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Berlin 2017/ 13

Kommentare

  1. ich find`s übrigends nicht wenig bedenklich, auf diesem blog negerromane zu empfehlen. es könnten durchaus schwangere (ingrid? sonnenmädchen ursula?) mitlesen und schaden nehmen.

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    1. Das Sonnenmädchen weint vielleicht ein bisschen, aber Ingrid hat solchen Spott nun wirklich nicht verdient.

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    2. Vor allem möchte ich mir das Haarkleid der Nachfahrenschaft der Egoblog-Leser gar nicht erst vorstellen...

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