Sprachliche Distanz – Herausforderung, Hindernis oder Anregung? Oder: Gibt es den endgültigen Text?


Ingrid Haselberger



Veranstaltungskalender Sektion für Schöne Wissenschaften
In der Zusammenfassung der Vorträge und Arbeitsgruppen-Ergebnisse der Weltkonferenz am Goetheanum wird unter vielem anderen auch über das Referat berichtet, das Marcelo da Veiga im Rahmen der nachmittäglichen Fachgruppenarbeit der Sektion für Schöne Wissenschaften hielt.
Vor kurzem wurde in einem Blog-Kommentar darauf Bezug genommen.
Da das die Fachgruppe war, an der ich selber teilgenommen habe, ergreife ich die Gelegenheit, über die Diskussionen zum Thema „Sprachliche Distanz“ zu berichten und einige eigene Gedanken daran zu knüpfen. Ich ziehe dabei nicht nur meine (teils noch sehr lebhafte) Erinnerung, sondern auch meine damaligen Aufzeichnungen zu Rate.

Marcelo da Veiga schilderte zunächst die Entwicklung der Philosophie, als Ursprung aller Wissenschaften:
Zu Beginn war die Philosophie ganz sachbezogen – man fragte nach der Wirklichkeit, nach den allerersten Gründen des Daseins.
Später wurden diese Fragen, und damit die Philosophie selbst, mit der Religion assoziiert – im Mittelalter mutierte die Philosophie daher zur »Magd der Theologie«.
Im 18./19.Jahrhundert wurde die Philosophie mehr und mehr personenbezogen – vor allem im deutschen Sprachraum bildeten sich Philosophenschulen, die jeweils die »Wahrheit des Meisters« vertraten. Philosophisch-wissenschaftliches Arbeiten war nun vor allem Exegese der vorliegenden Werke der »Advokaten« verschiedener Philosophen (Kant, Fichte etc).
Im 20. Jahrhundert erschien Philosophie degradiert zur Hilfswissenschaft für die Natur- und Sozialwissenschaften.
Nun aber besinne man sich (vor allem im amerikanischen Raum) mehr und mehr auf die Phänomenologie, auf Husserls Forderung, sich bei der analytischen Betrachtung der Dinge an das zu halten, was dem Bewußtsein unmittelbar (phänomenal) erscheint.
In Amerika gebe es inzwischen, so da Veiga, »Argumentationswettbewerbe. Man liest gar nichts mehr.« Die Diskussion sei ganz sachbezogen geworden, man berufe sich auf keine Autoritäten mehr, es gelten nur noch Argumente.

In der oben verlinkten Zusammenfassung heißt es (S 131):

»Der Umgang mit Anthroposophie ist auch im 21. Jh. indessen noch stark exegetisch geprägt und erhält durch die editorische Tätigkeit von Christian Clement derzeit sogar neuen Auftrieb. Anthroposophische Geisteswissenschaft will sich aber, ähnlich wie die Naturwissenschaften es mit unterschiedlichen Ausschnitten der natürlichen Wirklichkeit jeweils tun, mit geistiger Wirklichkeit befassen. Welche Rolle das überlieferte schriftliche Werk Rudolf Steiners in Zukunft dabei spielen kann oder muss, gilt es – auch in Anbetracht einer immer größer werdenden sprachlichen Distanz zu beforschen und neu auszuloten.« 

In der Anthroposophie, so da Veiga, herrsche »extreme Personengebundenheit«, das genaue Gegenteil von Sachbezogenheit – wenn man sie als Wissenschaft verstehen wolle, begegne man daher häufig dem Einwand: »Das ist ja eine Ein-Mann-Wissenschaft!«

Marcelo da Veiga schilderte »zwei Gesten« der Anthroposophie:
Einerseits die
Verständigung des Bewußtseins mit sich selbst, andererseits die Darstellung des Übersinnlichen.
Anthroposophie sei »weder eine Heilslehre noch ein Heilsweg«, sondern es gehe darum, »das intellektuelle Denken anknüpfungsfähig zu machen für die Geistige Organbildung«: Die Darstellung übersinnlicher Inhalte solle helfen, Organe auszubilden, die dann ein Erkennen ermöglichen. Die Darstellung/Überlieferung sei also nur ein »Vehikel«, aber nicht die Sache selbst.

In meinen Worten:
Ein Text, und sei er auch von Rudolf Steiner, ist nicht dasselbe wie die Geistige Wirklichkeit. Und so wie sich Rudolf Steiner als Geisteswissenschaftler nicht ausschließlich mit Texten anderer befaßte, so kann es auch heute nicht die Aufgabe der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft sein, sich ausschließlich mit Textexegese zu befassen.
Martin Basfeld sagte dazu (diesen Satz habe ich wörtlich mitgeschrieben): »Steiners Texte regen an, dorthin zu kommen, wo reales Geistiges sich aktuell vollzieht.«

Für eine solche Anregung aber kann das, was als »sprachliche Distanz« bezeichnet wurde, ein Hindernis sein: die gesprochene Sprache entwickelt sich weiter, die Sprache des Textes aber bleibt stehen in der Zeit, in der der Text geschrieben wurde. Basfeld bezeichnete das als »riesige Barriere – die Texte werden immer unverständlicher.«

Marcelo de Veiga erzählte von den Erfahrungen mit der Übersetzung Steiner’scher Texte: da sei man von vornherein mit dem Problem der Sprachentfernung konfrontiert — und selbstverständlich übersetze man Steiner in das heutige Portugiesisch, und nicht in das Portugiesisch, wie es vor hundert Jahren gesprochen wurde.

Ich erinnerte mich daran, was ich vor einiger Zeit in dem Büchlein Geistige Schau und irdischer Ausdruck (Verlag Freies Geistesleben, 2001) von Rudi Lissau gelesen habe – ich habe die Stelle jetzt herausgesucht:

»Im Vorwort zu seiner neuen Übersetzung der Philosophie der Freiheit ins Englische spricht Michael Lipson von der wunderbaren Möglichkeit, die englisch sprechende Menschen haben, von Zeit zu Zeit dieses Werk in ihre Sprache zu übersetzen. […] Gerade die Tatsache, sagt Michael Lipson, dass wir wissen, dass unsere englische Sprache nicht die idealen Worte für Steines Ausdrücke besitzt, gibt uns ein lebhaftes Gefühl für sein Ringen, das Unsagbare in Worte zu fassen. So kann Michael Lipson sein Vorwort mit den Worten schließen: «Hier haben wir einen Vorteil deutschsprachigen Lesern gegenüber, die der Versuchung unterliegen, ihre Version des Textes für die endgültige zu halten.»«
  
Auch Owen Barfield, der Steiner-Texte ins Englische übersetzte, hatte es als einen Vorteil der amerikanischen Anthroposophen betrachtet, daß eine Übersetzung immer auch eine Aktualisierung der Sprache mit sich bringt.

Um diese Probleme bewegte sich die Diskussion in der Fachgruppe der Sektion für Schöne Wissenschaften: Soll man auch im Deutschen Steiners Sprache „aktualisieren“ – oder soll man im Deutschen auf diesen selbstverständlichen „Vorteil“ des unmittelbareren sprachlichen Zugangs verzichten, der sich in Übersetzungen selbstverständlich ergibt?

Marcelo da Veiga machte darauf aufmerksam, daß ein Übersetzer ja niemals direkt die Wörter aus der anderen Sprache überträgt, sondern er muß zuerst Klarheit gewinnen über das Gemeinte, die Begriffe – um dann diese Begriffe in die Worte der betreffenden Sprache zu fassen.
Martina Maria Sam bezeichnete Steiners Sprache nicht als veraltet, sondern im Gegenteil als eine »Sprache der Zukunft«, und wies darauf hin, daß in jeder Übersetzung der Text »vorverdaut« erscheine, »auf das Verständnis des Übersetzers heruntergebrochen«.
Und auch Tomáš Zdražil (früher Klassen- und Oberstufenlehrer in Tschechien, lehrt an der Freien Hochschule Stuttgart) plädierte für die Beibehaltung der Originalgestalt und erzählte: »Ich habe Deutsch gelernt an Steiner.« Durch das Lesen in Steiners Original-Sprache könne man die Entwicklung Rudolf Steiners mitvollziehen und daran anknüpfen und fortsetzen.

Sind also Steiners Texte für alle Zeiten in Stein gemeißelte, endgültige Darstellungen?

Dazu noch einmal Rudi Lissau (Geistige Schau und irdischer Ausdruck):
»Aber die geistige Welt spricht weder deutsch noch englisch noch sonst eine Erdensprache. […] Die Vokabeln unserer Sprachen stammen […] größtenteils aus dem Bereich der Sinneswelt, manchmal auch aus den Bedürfnissen der menschlichen Seele. So überrascht es nicht, dass Steiner immer wieder ausruft, unsere Sprache sei einfach nicht imstande auszudrücken, was wirklich geschieht, wenn Wesen mit Wesen verschmilzt. Immer wieder begegnen uns als Leser der Vorträge Steiners Stellen wie «ich kann das nur andeuten» oder «ich kann das nur in stammelnden Worten sagen». Das ist keine falsche Bescheidenheit, das sind keine Floskeln, das ist einfach eine Tatsache oder auch manchmal Ausdruck der Verzweiflung. Ein erschütterndes Beispiel findet sich in dem Dornacher Arbeitervortag vom 17. März 1923. Steiner beschreibt da seine mühevolle Vorbereitung auf den Vortrag, die Suche nach geeigneten Worten und sagt, dass der ärgste Augenblick immer erst nach Beendigung des Vortrags komme. Denn «nachher … kriegt man erst recht Angst, dass die Worte eigentlich nicht das Richtige bezeichnet haben».«
  
Ich würde dafür plädieren, daß es im Umgang mit den Mitteilungen Rudolf Steiners ganz Verschiedenes geben sollte – aber jeweils genau bezeichnet, sodaß der mündige Leser weiß, woran er ist mit dem Text, den er in Händen hält:

Einerseits die Originaltexte der Schriften, so wie Rudolf Steiner sie niedergeschrieben hat.

Andererseits die Vorträge, so wie sie von Stenographen mitgeschrieben wurden – aber mit dem deutlichen Hinweis darauf, daß es sich um Mitschriften handelt, die naturgemäß (um mit Martina Maria Sam zu sprechen) »auf das Verständnis des jeweiligen Stenographen/Redakteurs heruntergebrochen« erscheinen.

Drittens Übersetzungen, sowohl in fremde Sprachen als auch, von Zeit zu Zeit, wenn ein Text aus sprachlichen Gründen unverständlich zu werden (und infolgedessen gar nicht mehr gelesen zu werden) droht, in die heutige deutsche Sprache  – wieder: mit dem deutlichen Hinweis darauf, daß es sich dabei nicht mehr um einen Originaltext, sondern um das Verständnis eines einzelnen Übersetzers handelt.

Und viertens natürlich Darstellungen der übersinnlichen Wirklichkeit, wie sie dem eigenen Bewußtsein des jeweiligen Autors erschienen ist – am schönsten mit der andeutungsweisen Schilderung, wie es dazu gekommen ist.
Hier könnte es sich erweisen, was Martin Basfeld sagte: 
»Steiners Texte regen an, dorthin zu kommen, wo reales Geistiges sich aktuell vollzieht.«

Kommentare

  1. Ein feiner Text, und ein bedeutendes Thema. Für mich eine Begründung, warum mir zu meiner eigenen Überraschung Steiner- Texte in englischer Übersetzung oft so frisch und nahbar erscheinen, so "passend" zum zeitgenössischen Sprach- Umfeld. Im Deutschen gelesen dagegen manchmal wie ein ungepflügter Acker.

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    1. Lieber Michael,
      danke!

      Was ich noch erwähnen sollte:
      Auch wenn an diesen Nachmittagen so mancher durchaus eine Berechtigung in dem Anliegen sah, auch die Sprache der deutschen Texte zu „aktualisieren“, so war man sich doch weitgehend einig, daß an Steiners Begriffsprägungen nicht gut vorbeizukommen sei.
      Marcelo da Viega drückte es so aus:
      »Die Genialität Steiners, gerade diese Vermittlungswerkzeuge zu entwickeln, ist nicht leicht zu ersetzen.«
      Und Renatus Ziegler erzählte von seinen eigenen Versuchen, die Philosophie der Freiheit »in eigenen Worten präzise zu fassen«:
      »Aber Steiners Texte haben eine Offenheit, die ich so nicht hinkriege.«

      Zudem machte jemand in der Diskussion darauf aufmerksam, daß das Stolpern über ungewohnte Worte innerlich aktiver mache.
      Dazu fiel mir eine Stelle ein aus Owen Barfields schönem Buch "Poetic Diction - A Study in Meaning“ – leider hatte ich sie damals nicht parat. Unter der Kapitel-Überschrift Strangeness heißt es da:

      »Aristotle in his Poetics showed that he knew the aesthetic value of ‚unfamiliar words’[1], among which he included "foreign expressions' [2]; in keeping diction above the 'ordinary level'[3]; and anyone who has been to the trouble of learning a foreign language after the age at which he had reached a certain degree of aesthetic maturity, will know that aesthetic pleasure arises from the contemplation of quite ordinary expressions couched in a foreign idiom. It is important, then, to note that this is not, in so far as it is aesthetic, the pleasure of comparing different ways of saying the same thing, but the pleasure of realizing the slightly different thing that is said. For, outside the purest abstractions and technicalities, no two languages can ever say quite the same thing.«
      -------------------------------------------------------
      [1] γλώτται
      [2] ξενικοί λόγοι
      [3] ιδιωτικόν

      [Meine Übersetzung: In seinen ‚Poetica’ zeigte Aristoteles, daß er sich des ästhetischen Werts von ‚unvertrauten Wörtern’ [1], zu denen er auch ‚fremdsprachige Ausdrücke’ [2] zählte, bewußt war; denn sie tragen dazu bei, das Gesagte über dem ‚gewöhnlichen Niveau’ [3] zu halten; und jedermann, der sich in einem Alter, in dem er schon einen gewissen Grad an ästhetischer Reife erlangt hatte, die Mühe gemacht hat, eine Fremdsprache zu erlernen, wird um die ästhetische Freude wissen, die aufkommt, wenn man ganz gewöhnliche Begriffe betrachtet, die in ein fremdes Idiom gekleidet sind. Es ist nun wichtig, anzumerken, daß das nicht, insofern es ästhetisch ist, die Freude am Vergleich der unterschiedlichen Arten ist, dasselbe zu sagen, sondern die Freude, das ein bißchen andere, das hier gesagt wird, zu erkennen. Denn abgesehen von bloßen Abstraktionen und Formalitäten können keine zwei Sprachen jemals ganz dasselbe sagen.]

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  2. »Steiners Texte regen an, dorthin zu kommen, wo reales Geistiges sich aktuell vollzieht.«

    Danke für Deinen Text Ingrid, er ist wie ein Kompass.

    Dein "Gibt es den endgültigen Text" führte mich etwas in die Befürchtung einer Texteierei, da Dr. Clement sehr mit Steiners Texten arbeitet und mir schwante, Du willst nur ihn verteidigen. Endlich wurde klar der Impuls Rudolf Steiners von Dir aufgezeigt.

    Persönlich habe ich Bedenken, ob an Texten Steiners vorangeschritten werden kann. Es wird wohl der individuelle Mensch sein Geistiges mit herein in diese Inkarnation tragen und kann an den Texten Steiners sich wiederfinden. Steiner betonte einmal, warum muß ich all die Vorträge halten, ein Jeder könnte dies, der die Mysteriendramen erlebte, oder meine Bücher las. Ja, manchmal wirkt Steiner doch sehr weltfremd in seiner Art. Las den Hinweis von ihm erst kürzlich dank der vielen Hinweise von Blogteilnehmern, welche mein Forschen weiter anregte.

    @Ton Majoor
    vielen Dank für die Zitate Steiners,
    sie ermöglich-te-n durch die Zeit hier, das Karma-geflecht besser zu verstehen.

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    1. @ Ernst:

      Ich freue mich, daß Du mit meinem Artikel etwas anfangen kannst.

      Und zu Deinen anfänglichen „Bedenken“:

      »da Dr. Clement sehr mit Steiners Texten arbeitet und mir schwante, Du willst nur ihn verteidigen.«
      Christian Clement hat an dieser „Weltkonferenz“ gar nicht teilgenommen, und er war auch nur ein Nebenthema an den Fachgruppen-Nachmittagen der Sektion für Schöne Wissenschaften.
      Aber ja, natürlich arbeitet Clement als Herausgeber der Schriften Rudolf Steiners mit Steiners Texten.
      Und noch einmal ja: ich bin immer noch jederzeit bereit, dieses Unternehmen zu verteidigen.

      Gesetzt den Fall, es käme wirklich dazu, daß Steiners Originaltexte in unterschiedlichen „sprachlich aktualisierten“ Versionen veröffentlicht werden: dann wäre die Existenz verläßlicher textkritischer Ausgaben umso wichtiger, nicht nur für die Übersetzer (die hoffentlich weiterhin das Original zur Grundlage nehmen würden und nicht eine sprachlich aktualisierte Fassung), sondern damit jedermann in Zweifelsfällen oder bei tieferem Interesse im Original nachlesen kann. Die Gestalt, wie sie die SKA bietet, finde ich dafür besonders geeignet, da nicht nur der Ausgabe letzter Hand, sondern auch die Textentwicklung zu Steiners Lebzeiten aufgezeigt wird. Auf diese Weise kann man, wie es das Anliegen Tomáš Zdražils ist, die Entwicklung Rudolf Steiners noch klarer mitvollziehen und auch die Richtung dieser Entwicklung erkennen – was für eigenes Anknüpfen und Fortsetzen fruchtbar sein kann.

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  3. In der Anthroposophie, so da Veiga, herrsche »extreme Personengebundenheit«, das genaue Gegenteil von Sachbezogenheit – wenn man sie als Wissenschaft verstehen wolle, begegne man daher häufig dem Einwand: »Das ist ja eine Ein-Mann-Wissenschaft!«
    //

    Das ist sicher auch in Bezug auf den rosenkreuzerischen Impuls hochproblematisch:

    Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit (GA 130, Seite 66)

    Es wurde festgesetzt, daß alle Entdeckungen, die sie machten, hundert Jahre lang als Geheimnis bei den Rosenkreuzern bleiben müßten und daß erst dann, nach hundert Jahren, diese Rosenkreuzer-Offenbarungen der Welt gebracht werden dürften. Erst nachdem hundert Jahre darüber gearbeitet worden war, durfte in entsprechender Weise darüber gesprochen werden. So wurde vom siebzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert vorbereitet, was 1785 in dem Werk «Die geheimen Figuren der Rosenkreuzer» zum Ausdruck kam.
    Nun ist es auch von großer Bedeutung, zu wissen, daß in jedem Jahrhundert die rosenkreuzerische Inspiration so gegeben wird, daß niemals der Träger der Inspiration äußerlich bezeichnet wurde. Nur die höchsten Eingeweihten wußten es. Heute kann zum Beispiel äußerlich nur von solchen Geschehnissen gesprochen werden, welche hundert Jahre zurückliegen, denn das ist die Zeit, welche jeweils verflossen sein muß, bevor davon äußerlich gesprochen werden darf. Die Versuchung ist zu groß für die Menschen, einer solchen ins Persönliche gezogenen Autorität – was das Schlimmste ist, was es gibt – fanatische Heiligenverehrung entgegenzubringen. Es Hegt dies eben zu nahe. Es ist diese Verschwiegenheit aber nicht nur eine Notwendigkeit gegen die äußeren Anfechtungen des Ehrgeizes und des Hochmutes, deren man sich ja vielleicht noch erwehren könnte, sondern auch vor allem gegen die okkulten astralen Attacken, die fortwährend auf eine solche Individualität gerichtet sein würden. Deshalb ist die Bedingung, daß erst hundert Jahre nach einem solchen Faktum davon gesprochen werden darf, eine notwendige.


    S. Birkholz

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    1. Ja – danke, Stephan, das ist ein sehr wichtiger Beitrag.

      Das Problem der „ins Persönliche gezogenen Autorität“, das Steiner hier so treffend schildert, kenne ich seit meiner Jugend sehr gut – einerseits als Chorsängerin, andererseits als Gesangstudentin:
      Nur allzuselten schaffte es ein „Maestro“, eine „Maestra“ (als Chorleiter meist männlich, als Gesanglehrer oft weiblich), sich der »äußeren Anfechtungen des Ehrgeizes und des Hochmutes« zu »erwehren«. Ja, es wurde meist nicht einmal der Versuch gemacht – das „Guruprinzip“ war einfach Teil des „Systems“. Wer am dankbarsten verehrte, bekam die hilfreichste Zuwendung…
      Und natürlich wäre Geheimhaltung in solchen Fällen keine Option – sowohl der Dirigent als auch die Diva stehen per definitionem im Lichte der größtmöglichen Öffentlichkeit.

      Wie man sich im Internet überzeugen kann, laufen Meisterkurse heutzutage normalerweise anders ab. Erfreulicherweise haben die heutigen „Meister“ sehr oft gelernt, sich der genannten Anfechtungen besser zu erwehren (und möglicherweise dann auch potentiellen „okkulten Attacken“ besser standzuhalten). Auch die Studenten dieser „Meister“ wirken sehr viel erwachsener, als ich es früher erlebt habe.

      Das ist – da Geheimhaltung heutzutage wohl kaum mehr möglich ist – meiner Ansicht nach auch die einzig mögliche Lösung dieses Problems: die Menschen müssen (und werden, da bin ich zuversichtlich) immer besser lernen, sich all dieser Anfechtungen bewußt zu werden und besonnen damit umzugehen – sowohl als verehrter „Guru“ als auch als verehrender „Jünger“: denn ohne fanatische Jünger“ könnte es schließlich keine „fanatische Heiligenverehrung“ geben.

      :-) Übrigens: seit ich selbst unterrichte, habe ich die Sache auch von der anderen Seite kennengelernt und bin nun bereit, meinen ehemaligen „Meistern und Meisterinnen“ einiges abzubitten: es ist gar nicht so einfach, sich zu wehren gegen die entschlossene Verehrung von seiten eines bestimmten Typs von Schülern (und ich spreche hier von erwachsenen Menschen). Wer verehren will, der verehrt, selbst wenn der Verehrte Fehler macht (»Du bist so großartig, sogar Fehler machst Du, damit ich denke, daß Du ein ganz normaler Mensch bist…« :-) wörtliches Zitat von vor ein paar Jahren) - - -

      Herzlich,
      Ingrid

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    2. Ja, ich hab' s eher von der anderen Seite angeschaut:

      Wenn mir der Zugang zu einer Person (beispielsweise wg. antipathischen Kräften) versperrt ist, so ist mir auch der Zugang zu den durch sie vertretenen/repräsentierten Aspekten der Geisteswissenschaft/Anthroposophie verweht.

      s. birkholz

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    3. Bodo v. Plato ab Seite 33 finde sehr empfehlenswert; führt auch von dem Personenbezogenen weg...

      s. birkholz

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    4. Danke Stephan für Deinen Hinweis ab Seite 33. Bezug auf GA 130?!
      Beginne bereits ab Seite 30, finde Hinweise zur Philosophie.
      Kannte bisher nicht diesen Hinweis von Rudolf Steiner:

      "Der im Liebesfeuer sich hinopfernde
      Buddha ist der Inspirator unserer Geisteswissenschaft."

      Interessanter Hinweis, der zu weiteren Forschungen anregt.

      E.S.

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  4. Durch die gemeinsame Arbeit der letzten Tagen, besonders der Nach-t-Wirkung im Zusammenhange des Beitrages von Ingrid, der Hinweise von Ton Majoor ergab sich tiefere Einsicht in das Karma Rudolf Steiners, seiner Mysteriendramen, des Scheiterns der Weihnachtstagung. Für diese Einsichten bin ich dankbar, da gleichzeitig auch tiefere Aspekte eigener Schicksalszusammenhänge auftauchten. Wichtig war hierbei der nächtliche Hinweis auf GA 141, ein bewußter Hinweis, der so nicht nicht nächtlich stattfand (es wird mir ein bestimmter Vortrag Steiners gezeigt). Las gerade unterwegs kurz die Inhaltsangabe. Nächtlich war der Hinweis inspiriert durch das von Ingrid verwendete künstlerische Bild des gleichschenkligen Kreuzes mit Kreis, der Farblichkeit. Die nächtliche Version von GA 141, welche ich in jener Sphäre aufschlug behandelte die Entwicklung der Liebe zwischen Mann und Frau, die geschichtliche Entwicklung durch die Kulturen.

    Wiewohl Dr. Clements Textarbeiten hilfreich sein mögen für Menschen, welche sich an den Texten Steiners verbeißen wollen, so kann nicht unerwähnt bleiben, Clement beschäftigt sich mit Steiner aus rein wissenschaftlicher Textperspektive mit der Frage im Bewußtsein – die er „hier“ formulierte, wie „real“ (gültig) sind Steiners geschilderte Geistigen Welten.

    Interessant ist der Hinweis auf die Angst Steiners, nach den Vorträgen, ob er auch die richtigen Worte gefunden hat. Will einen Aspekt der letzten Nacht hervorheben. Steiners „Vergehen“ war, das Intimste, Menschliche der „N-acht“, des Nacht-odlichen der Menschheit auf der Bühne als Mysteriendramen dargestellt zu haben. Es hat in jener Sphäre nach menschlichen Begriffen eine gewisse „Ärgernis“ hervorgerufen, was Rudolf Steiner der Welt präsentierte. Aus diesen Gründen wurde er „abberufen“, weil noch mehr Mysteriendramen hätten die Menschheit verwirrt. Steiners Wissen kam zu früh, unvorbereitet. Wie wenig Steiner die Menschen aus seiner Sicht verstand, ist eben sein Hinweis, jeder könn-t-e solche Vorträge halten wie er, wenn er nur die Mysteriendramen erlebt, die Bücher (nicht die Vorträge) liest. Steiner übersah, es bedarf durchaus einer Überschreitung der Schwelle, einer erlebten Initiation, oder mitgebrachten Initiation aus einem früheren Leben, um Vorträge mit den esoterischen Inhalten zu halten, wie Rudolf Steiner dies Tat. Dank der vielen Beiträge des Blogbetreibers hat sich ja herausgestellt, Steiner stand elementar zwischen zwei Frauenseelen (Brief an liebe „Mysa“), war irgendwo hilflos, sah die kommende Zerstörung seines Werkes durch die Eifersucht von Marie Steiner (Original Steiner in einem Brief). Wir dürfen also konstatieren, Steiner lebte sein Werk in einem nicht genug vorbereiteten karmischen Feld. - Insofern /es reifen die Gedanken beim Schreiben (unterwegs)/ ist der nächtliche Hinweis auf GA 141 wie ein „wunder Punkt“ des Karmafeldes Steiners und wir als Nachkommen besichten dies Feld mit Verantwortung. Die von Niederhausen gelobte „Mädchenliebe“, sie hat ihre Berechtigung, unabhängig, wie in der Gegenwart vielen Menschen diese obsolet erscheinen mag. Der Zwiespalt der kosmischen Liebe, der Entjungferung, des Herabsteigens, der Verstrickung in knallharten Lebenswirklichkeiten, sie lassen die von Jedem Menschen innerlich erlebten, ersehnten „Liebe“ zwischen den Geschlechtern, ins Wanken, in Ver-acht-ung geraten, als gäbe es diese reine Liebe nicht. Ga 141 als gegebene Datei und das nächtliche 1-4-1 GA weisen auf den Menschen, der neu erfasst, erkannt und gelebt werden wir-d.
    Dieser Mensch wird die neuen sozialen Impulse verwirklichen, welche über das deutsch-irrational-Gehabe, wie es durch Trump so gekonnt zum Ausdruck gebracht wird, hinausgehen. Die tiefere berechtigte Bedeutung von Trump wird sich erst später erweisen, der Schwung der durch ihn für die Welt kommt. Wie eine Fata-Morgana der Händedruck zwischen dem lächelnden Trump, dem lächelnden russischen Außenminister (alles nur Theater?! - Weltenhumor des Menschheitsrepräsentanten ?!)

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    1. Der von Ingrid gewählte Titel führt scheinbar gegen die Intention Steiners, da Steiner seinen "Text" nicht fixiert haben wollte, er rang mit Sprachbildern, er will uns nicht an seinen Text binden. Die nächtliche Inspiration sich mit GA 141 zu verbinden, führte nun zu gelesenen Sprach-Bildern von Steiner, zum Verstehen der Sonnenphäre, zum Verstehen von Luzifer, zum Verstehen von Religionen, das Verstehen, das Christliche in anderen Religionen zu finden, etwa als Krsna-Mönch selbst erlebt. Würde der textliche Austausch beim früheren Info3-blog dargestellt, in seiner inneren Entwicklung und Bedeutung betrachet werden - er "lebt" als gewordene Wirklichkeit im Untergrund - würde sich schon zeigen, das von Heisterkamp verwendete Bild der "Speerspitze" Deutschlands ("Info3) hatte zumindest seine Berechtigung. Im Nachspüren zur Frage zu Felix Hau hat sich nun ein Buchtitel von Info3 gefunden "Die Jahrhundert-Illussion". Der Titel scheint mir passend auch zu "Anthroposophie", obwohl an Schulen blühend, ist von einem realen Austausch im Sinne der Hinführungen der Vorträge wie in GA 141 oder den Erlebnisweisen von Jostein Saether, Wibke Reinstein oder Judith von Halle eine Zersplitterung "Anthroposophie" eingetreten. Stephan Birkholz warf hier zurecht ein, dann wenn das innere Erlebte zum Geschäftsmodell wird, treten Probleme auf. Das ist ein unaufgeregter gültiger Einwurf.

      "Manchmal wollen die Menschen die Wahrheit nicht hören, weil sie nicht wollen, dass ihre Illussionen zerstört werden"- Friedrich Nietzsche

      Da ein Vorstandsmitglied 1973 uns Mitglieder im Großen Saal des Goetheanums verkündete, Rudolf Steiner, Christian Morgenstern und Friedrich Nietzsche werden nach der Menschheitskatastrophe 1998 gemeinsam erscheinen, soll Nietzsche hier zitiert werden, weil der Spruch auch auf viele Anthroposophen zutrifft, welche die Texte Steiners alle kennen.... .
      Die Texte kennen, bedeutet noch gar nichts!
      E.S.

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    2. Erst später fiel mir auf, das von Ingrid verwendete Bild, welches in der Nachtsphäre mich inspirierte, tiefer das Karma Rudolf Steiners wahrnehmen zu dürfen, ist Teil des Kalenders der Sektion für Schöne Wissenschaften.
      Durch das Gespräch mit dem Sektionsleiter ca 1975 zeigt sich, unter der Oberfläche arbeitet das Geistige auf seine Weise. Vor ein paar Tagen kam eine mail der römisch-katholischen Theologin Gudrun Kugler an. Vor Monaten hatte ich ihr gezielt zwei pdf-Dateien geschickt, sie antwortete nun darauf. Sie hatte die Texte gelesen, besonders die "Einzelheiten"... . Frau Kugler ist daneben österreichische Landtagsabgeordnete und Wiener Stadträtin.

      Zufällig taucht dieser Tage ein Hinweis auf, der in der mail an die Theologin eine Rolle spielte, zeigt, welche Probleme in AAG und Katholische Kirche parallel auftauchen:

      "Neben der „sachlichen“ Seite kommt ein weiteres hinzu. Papst und Bischöfe sind in den Augen Gläubiger nicht nur Gesetzgeber. Die Beziehung zu ihnen hat für sie auch eine emotionale Seite. Auch wenn der Papst den Titel „Diener der Diener Gottes“ führt, ist er für Gläubige der Stellvertreter Christi, den man wertschätzen, ja lieben möchte. Die sich ausbreitende Frustration und Enttäuschung, auch bei loyalen Katholiken, führt dazu, dass die Stärken des Papstes, z.B. sein Eintreten für die Schwachen und sozial Abgehängten, nicht mehr wahrgenommen wird. Das wäre aber eine Katastrophe. Die Auflösung kommt nicht durch Verfolgung der Kirche von außen, sondern aus dem Inneren."

      http://kath.net/news/59633

      AAG und Katholische Kirche geht es um den Christus. Kann das "schöne" gleichschenkelige Kreuz, mit dem "weiblichen" Kreis ein Zeichen sein, für offene Gesprächsbereitschschaft, die Hereinnahme von Ingrid als "Mitarbeiterin des Goetheanums" (habe den Eindruck, sie nahm das an) wie ein Signal, es bewegt sich doch etwas im Sinne eines lebendigen Christentums.

      Vor Monaten schrieb ich von dem inneren Erlebnis, wie "Asylanten" mithelfen am "Dritten Goetheanum", nachdem das Erste abgebrandt war, das Zweite unvollendet blieb. Gerade Österreich, Geburtsland von Rudolf Steiner, war das Land, welches in der Asylantenfrage im besonderen Maße gefordert wurde. Als ich in Wien den Dalai Lama hörte, die besondere Schwingung der Stadt, der Häuser, der Menschen erlebte, da war dieses Ost-West-Thema lebendig. Es braucht Zeit, bis Gedanken sich erden.... .

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    3. Dank des Hinweises von Ton Majoor auf GA 93a erklärt sich mir, warum vor 34 Jahren während der Mysteriendramen im Schlafsaal das "Menschheits-Ich" im Kreise schlafender Mitglieder erlebt wurde.
      Steiner erklärt dies in dem Vortrag.

      Dank der blog-Arbeit ist diese Aufklärung jetzt möglich geworden. Dank in die Runde für die Geduld.

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    4. vor "Freude" ... ..es sind tatsächlich 44 Jahre vergangen!
      e.s.

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Egoistisch am meisten gelesen: