Der Guru ist tot, aber er rührt sich noch. Über Andrew Cohen in DIE ZEIT

Cohen und Gronbach auf Cohens Website
Guten Morgen, Ihr Erdlinge. Guten Abend, ihr Sehnsüchtigen. Ihr, die Ihr Euch nach Vollendung, nach Reinheit, nach Erfüllung und sinnhaftem Leben sehnt, Ihr müsst jetzt ganz stark sein. Denn die Zeit der Gurus - so jedenfalls stellt DIE ZEIT diese Woche fest- ist endgültig vorbei: „Das ist der Meta-Effekt der gegenwärtigen Medienwelt: Der Meister gerät zur skandalösen Figur, der gerade noch Heilige verwandelt sich in den Alltagsmenschen und Kumpel von nebenan.“ (1)

Die Macht des Überhöhens und Verschweigens, des Idealisierens einer übermenschlichen Projektionsfläche in Gestalt des Gurus zerbricht im multimedialen Zeitalter; der quasi- übermenschliche Allwissende wird vom Podest gefegt, wenn sich seine Adepten zusammen tun und sich in den sozialen Netzwerken über die allzu menschlichen kleinen schmutzigen Geheimnisse der Führergestalt austauschen. Das Über- Ego dessen, der über den kleinen Bedürfnissen und Bedürftigkeiten schwebt, seine Reinheit, nach der die Adepten schmachten, zerspringt angesichts der neuen medialen Realitäten in Stücke- jedenfalls, was die klassischen, abgelebten Varianten des Gurutums betrifft. Ohne Geheimnis, ohne Idealisierung ist der Meister lediglich ein weiterer Ritter von der traurigen Gestalt. Der Anbetungswürdige findet sich im Staub wieder, und der Bann - die Bezauberung- zerbricht.

Bernhard Pörksen bringt drei Beispiele von Gurus, denen genau dieses widerfahren ist: Missbrauch, Gewalt, Ausbeutung der Jünger haben ihnen den Hals gebrochen. Einer von ihnen, die Pörksen vorstellt, ist der von Info3 und einigen anthroposophischen Funktionären promotete Andrew Cohen: „Es gibt das schöne Bild und das hässliche Bild des Andrew Cohen. und man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen: Es wird allein das hässliche Bild überleben. Es zeigt ihn als Sektenführer, als Soziopathen, als jemand, der seine Schüler geschlagen hat. Der Spaß hatte an der Unterwerfung anderer und der seine Anhänger drängte, ihm Geld zu geben, das sie ihm nicht wirklich geben wollten.“ (1) Websites, Facebook- Gruppen, filmische Dokumentationen und Bücher haben Cohen demontiert, der sich mehrere Jahre zurückzog, öffentlich Reue mimte und Besserung gelobte. 2017 aber hat er trotz massiver Anfeindungen ein Comeback versucht - auch mit Hilfe anthroposophischer Anhänger wie dem hinduistisch- emphatischen Info3- Autor Sebastian Gronbach-, dessen Ausgang noch offen ist: „Er wolle künftig, so versprach er, ein spiritueller Lehrer mit Fehlern sein, mit Schwächen, ein lernbereiter Mensch. Seit einigen Monaten gibt er wieder Seminare in den uSA und in Europa, nun vor deutlich geschrumpftem Publikum.“ (1)

Pörksen räumt dem wenig Chancen ein, da der Zauber des spirituellen Führers eben von der Überhöhung und dem Geheimnis lebt. Die aggressive Public Relations- Arbeit, die das Wirken von Typen wie Gronbach oder Cohen begleitet, kann nicht verhindern, dass immer wieder Aussteiger- Berichte oder Leaks auftauchen, die die Integrität der Führer zumindest infrage stellen, ins Lächerliche ziehen oder Widersprüche in Verhalten oder Äußerungen aufzeigen. Bei Gronbach werden Kritiker online daher unverzüglich geblockt, oder- wie ich selbst hier in Blogs oder bei Facebook über die Jahre erlebte- von den ihn stützenden Anhängern und PR- Kampagnen einer Info3- Gruppe durch Gegenattacken geschützt und abgeschirmt. Ganz ähnlich ist man vor Jahren auch zur Unterstützung von Andrew Cohen vorgegangen- allerdings ohne Erfolg. Heute distanziert sich selbst die Integrale Bewegung, der er selbst einst vorstand, selbst aufs Schärfste von ihm.

Pörksen spricht daher auch „vom Tod des Meisters und vom Verglühen der Vorbilder in einer medial ausgeleuchteten Welt. Sie handelt davon, dass das religiöse und spirituelle Heldenzeitalter zu Ende geht..“ (1) Diese Art von Inszenierung einer desolaten Schüler- Meister- Beziehung, die zu Milarepas Zeiten ihre Berechtigung gehabt haben mag, gehört schlicht nicht ins 21. Jahrhundert und wird völlig zu Recht demontiert. Das verhindert freilich nicht, dass heute ähnlich gestrickte Muster auf der politischen Bühne auftauchen und die Massen bestricken- solche, die die geheimen Mächte hinter den Kulissen des Tagesgeschehens zu entlarven vorgeben und Verschwörungstheorien in offene Ohren blasen. Aber das ist ein anderes Kapitel der Idiotie.


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1 DIE ZEIT, 8. Juni 2017, no 24, „Entzauberte Gurus. Die Macht der religiösen Führer schien unumschränkt – bis sich ihre Kritiker und Opfer im Internet zusammenschlossen. Nun stehen die Idole am Pranger. Gut so?“ VON BERNHARD PÖRKSEN

2 Andrew Cohen bei Gronbach: http://www.andrewcohen.com/sebastian-gronbach-anahata-akademie/