Die Besetzung von Begriffen- aus dem Handbuch der Kreuzfahrer und Populisten

Kreuzfahrer Quelle Wikipedia
Heiner Geißler, der kürzlich verstorbene ehemalige politische CDU- Generalsekretär (1), jesuitisch geschult und während seiner aktiven Laufbahn ein Meister der Zuspitzung - später hingegen ein viel gehörter und geschätzter Denker und Moralist -, hat während seiner Kampagnen einmal etwas bekannt, das mich immer begleitet hat: Es ginge, ursprünglich von Kurt Biedenkopf verbreitet, in der politischen Auseinandersetzung darum, Begriffe zu besetzen: „Seit 1973 gibt es die plakative, vom damaligen Generalsekretär der CDU, Kurt Biedenkopf, geprägte Formel vom "Besetzen der Begriffe". Gemeint war damit, dass sich in der politischen Auseinandersetzung derjenige durchsetzt, der Problem- oder Sachverhalte seiner Sichtweise entsprechend benennt und dadurch interpretiert und der seine Argumente sprachlich am besten entwickelt und vermittelt. Diese Formel und die in der Folge eingerichtete "Projektgruppe Semantik" der CDU verdeutlichen, welch hohen Stellenwert die Politik der Rolle der Sprache zumisst. Nun wird nicht erst seit 1973 um das "Besetzen von Begriffen" gerungen, sondern es geht in der politischen Kommunikation grundsätzlich darum, wer über die Definitionshoheit zentraler politischer Orientierungsvokabeln verfügt. In derartigen Konflikten gibt es verschiedene sprachliche Strategien, mit denen um Wörter gestritten wird.“ (2)

Immerhin, die Siebziger waren eine Ära, in der vielleicht noch nicht so offen wie heute mit Ängsten, Wut und identitär- nationalistischen Elementen gespielt wurde („In den Auseinandersetzungen über die Einwanderungspolitik wurde z.B. mit Ausdrücken wie Ausländer- bzw. Asylantenflut, -schwemme, -strom, -welle, -lawine etc. der suggestive Eindruck hervorgerufen, als handele es sich bei diesen Zuwanderern um eine ungeheuer große, jedenfalls eine viel größere als die tatsächliche Anzahl von Menschen“(2)), mit denen heute ziemlich global Massen fasziniert, geblendet und wie ein Bär mit Ring in der Nase durch die politische Arena gezerrt werden. Aber es ging dennoch um Mittel der Manipulation wie die Prägung und Usurpation politischer Begriffe, mit denen Positionierungen medial inszeniert werden können. Nehmen wir nur z.B. den Begriff der „Entsorgung“ von Atommüll, mit dem dreissig Jahre lang unter der Oberfläche der Diskussion suggeriert werden konnte, dass es im Umgang mit diesem Material eine Methode geben könnte, gänzlich sorgenfrei zu hantieren. Natürlich wissen wir heute, dass die Fässer, die in Salzbergwerken vor sich hin korrodieren, ebenso wenig „Entsorgung“ mit sich bringen wie die in den Pazifik schwappenden Kühlwassenmengen von Fukushima, die verstrahlten Landstriche in der Ukraine oder der bröselnde Stahl der Atomkraftwerke Belgiens. Die politische Kehrtwende Angela Merkels hat den Begriff „Entsorgung“ selbst entsorgt. Und selbst auf die interessante politische Technik der CDU- Generalsekretäre, die durch Prägung, Deutung und gesellschaftliche Verbreitung solcher Begriffe das Denken und Empfinden der Wähler beeinflusste, sehen wir heute fast mit Wehmut.

Denn die zu Hochzeiten der Produktion von Atommüll grassierende Sorge vor Verstrahlung der Natur und Vergiftung von Kindern und Enkeln war ja durchaus rational. Es war die mit der Atomwirtschaft konspirativ verbundene Politik, die der Bevölkerung relativierende Begriffe implementieren wollte. Heute ist die politische Landschaft dagegen rassistisch verseucht, was durch Begriffe wie die „Flüchtlingskrise“ angeheizt wird. Mit diesem Begriff wird nicht relativiert, sondern ein ganzer Komplex nationalistischer und anti-globaler Gefühlen angestossen, mit denen eine über viele Jahre - auch in anthroposophischen Zusammenhängen- gepflegte konspirative „New- World- Order“ konnotiert ist- die Suggestion einer politischen Verschwörung der „Eliten“ zum Zwecke der Zersetzung des mitteleuropäischen Genpools und der christlichen Identität durch massenhafte Importierung von Kriegsflüchtlingen aus aller Welt, vor allem aus dem islamischen Kulturkreis.

Es ist merkwürdig, wie archaisch, ja geradezu archetypisch diese Reflexe ins Stammhirn der Mitteleuropäer geprägt sind. Man bemerkt das, wenn man eine Geschichte der Kreuzzüge wie die von Thomas Asbridge (3) liest, in der man erfährt, wie es der herrschende Papst Urban II verstand, den „Bund christlicher Brüderlichkeit“ zu beschwören, um eine angeblich „unmittelbar bevorstehende muslimische Invasion“ (4) zu verhindern. Urban verknüpfte die Eroberung der heiligen Stadt Jerusalem, dem „Nabel der Welt“ (eine über fast ein Jahrtausend prägender Begriff) durch die christlichen Krieger mit einer Pilgerschaft. Zugleich startete er eine antimuslimische Propaganda- Offensive, in der z.B. behauptet wurde, die christlichen "Sklaven" - auch dieser Begriff eine politische Suggestion- der Levante würden durch muslimische Herrscher systematisch gefoltert und ermordet, um Steuern selbst denen abzupressen, die ihr Gold verschluckt hätten: „..oder- man wagt es kaum zu schildern- sie schneiden das Fleisch auf, das die Därme bedeckt, nachdem sie den Magen ihrer armen Opfer mit einem Messer aufgeschnitten haben und mit grauenhaften Verstümmelungen offen legen, was die Natur verhüllt hat.“ (5)

Damit war aber nur der Anfang gemacht mit „aufwieglerischer Rhetorik (..), die Assoziationen hervorrief, die man heutzutage als Kriegsverbrechen und Völkermord bezeichnet“ (5) Die „drastische Dehumanisierung der muslimischen Welt“ im 11. Jahrhundert wurde nun durch Heerscharen von hoch ideologisierten Hetz- Predigern zunächst in ganz Frankreich verbreitet, wobei die Dämonisierung der Muslime stetig zunahm. Tatsächlich hatten viele dieser Hetzer - „populistische (oft von der kirchlichen Autorität nicht anerkannte) Prediger“ (5) keine direkte Verbindung zum Papst- aber sie trugen, ihm folgend, die Idee des heiligen Krieges gegen die dämonische muslimische Macht durch ganz Europa.

Die vielen Analogien zur heutigen Internet- Hetze selbst ernannter Prediger, Laien und auch anthroposophischer „Geschichts-“ und „Friedensforscher“ gehen bis hin zur Prägung des Begriffs „Kreuzzug“: „Festzuhalten ist, dass nicht Papst Urban II. den Begriff „Kreuzzug“ prägte. Das Unternehmen, das er in Clermont anstieß, war so neuartig und in vielfacher Hinsicht mit seiner Konzeption noch in einem derart embryonalen Zustand, dass es kein Wort gab, mit dem man es angemessen hätte umschreiben können. Zeitgenossen bezeichneten diesen „Kreuzzug“ schlicht als Tier (Reise) oder peregrinatio (Pilgerfahrt). Erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts bildete sich eine spezifischere Terminologie heraus - zum einen mit dem Wort crucesignatus („mit dem Kreuz (auf der Kleidung) gekennzeichnet“) für einen „Kreuzfahrer“, zum andern schließlich mit der Verwendung des französischen Wortes croisade (das damals noch die Bedeutung „Kreuzweg“, Passionsweg hatte).“ (6) Der Begriff Kreuzzug in seiner komplexen irrlichternden Fülle, der auch die strategische Einheitlichkeit eines gerechten religiösen Krieges suggeriert, setzte sich erst ab 1095 durch. Unter die Richtung Jerusalem ziehenden Stoßtrupps, Heere, Räuberbanden mischten sich viele verwirrte und asoziale Geister, die ihr Leben bislang als Vagabunden gefristet und nun eine Mission hatten. Darunter erlangten einige - wie Peter von Amiens- solchen Star- Status, dass man von Popstars des Massenmords sprechen kann. Gerade der Gosse entsprungen, bot der Heilige Krieg die Möglichkeit, durch außerordentlich enthemmte, fanatische Hetze („Als hätte er eine göttliche Stimme in allen Herzen ertönen lassen“ (7) - so ein Zeitgenosse) Massen zu mobilisieren, ja ganze Heere aus „Gesindel“, die - gerade in Deutschland- zum „Volkskreuzzug“ des mörderischen Eiferns wurden. Dass die antimuslimische Hetze einen Vorwand zur enthemmten Gewalt darstellte, zeigte sich schon im Frühjahr 1096: „Unterwegs beschlossen einige dieser „Kreuzfahrer“, dass man die „Feinde Christi“ auch schon in größerer Nähe zur Heimat bekämpfen könne, und begingen entsetzliche Massaker unter den Juden im Rheinland“ (8). Gerade im ersten Kreuzzug zogen neben einigen geordneten Heeren marodierende Massen von bis zu 100000 Menschen- der überwiegende Teil zu Fuß- Richtung Osten- ein enthemmter, hoch ideologisierter Mob mit identitärer „christlicher“ Ausrichtung.

Wie prägend der Begriff „Kreuzzug“ doch gewirkt hat, der in der Folge durch die Entstehung des romantisierten Ritterbildes weiter verklärt wurde, zeigt sich in den unseren bis heute in Europa vorhandenen Vorstellungen. Die Legitimierung des Massenmordes durch die religiös- apokalyptische Verbrämung reicht ebenso tausend Jahre zurück wie die Dämonisierung des Fremden- vor allem in der Vorstellung des Anderen in jüdischem und islamischem Kleid. Die Bildung einer politischen Massenmobilisierung durch das Operieren mit diesen archaischen Mustern wirkt bis ins 21. Jahrhundert nach.

Die von Heiner Geißler gekennzeichnete Besetzung von Begriffen hat im deutschen Wahlkampf 2017 z.B. Alexander Gauland anschaulich demonstriert: „Die Staatsministerin im Bundeskanzleramt, Aydan Özoğuz, hatte in der Zeitung Tagesspiegel gesagt: "Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, nicht identifizierbar." Unter Bezugnahme auf dieses Zitat führte Herr Gauland in seiner Rede aus: "Das sagt eine Deutschtürkin. Ladet sie mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt die nie wieder hierher. Und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.““ (9) Sein vielschichtiger Zynismus zeigt sich dabei in den Konnotationen zum Holocaust, zur rassistischen Hetze, aber auch zur Usurpation (10) gerade dieses Begriffs, der eine Generation zuvor gerade die linken und grünen Anti- Atomkraft- Gegner beschäftigt hatte. Die Sorge vor der atomaren Verseuchung (auch des Gen- Pools) wird auf rassistische Weise umgedeutet, wobei archaische Ängste vor Überfremdung wie zur Zeit der antimuslimischen Kreuzzüge ebenso mitschwingen wie eine schallende Backpfeife ins Gesicht der Nach- Achtundsechziger. Gauland landet ein solches vergiftetes Statement mit vollem Bewusstsein und mit dem großen Können eines rassistischen Populisten, der in der Tat Begriffe besetzen kann. Das Gefolge der Laienprediger, die diesem Gift folgen, wird es verbreiten und vertiefen, auf Marktplätzen in Thüringen und Sachsen wie auf jeder Internet- Plattform. Kreuzzüge dieser Art haben ja nun Konjunktur, und die Gosse zieht wieder einmal "nach Jerusalem", setzt ihre besten Hetzer an ihre Spitze und verleiht ihnen Macht. Wir werden sehen und ertragen müssen, wohin diese moderne Version der Kreuzzüge uns global führt. Vermutlich werden autoritär geführte Wirtschaftsmächte asiatischer Prägung ihre Vorteile aus den ideologischen Verwirrungen der Demokratien ziehen- womöglich aber stärken sich auch die regenerativen, aufklärerischen inneren Abwehrkräfte der offenen Gesellschaften am Ende selbst.

Was die extreme Ideologisierung bis hin zur Massen- Suggestion und der Demoralisierung in Bezug auf die Kreuzzüge betrifft, gibt es entsprechende Äußerungen Rudolf Steiners: „Studieren Sie die Kreuzzüge. Studieren Sie, wie zunächst aus einem gewissen Impuls heraus, der durchaus mit dem Wesen der Geister der Persönlichkeit, der Archai, zusammenhängt, die Kreuzzüge sich entwickeln, wie gewaltige Absichten den Kreuzzügen zugrunde liegen. Studieren Sie dann, wie die Kreuzfahrer immer mehr und mehr Massenurteilen unterliegen, wie die Massenurteile immer suggestiver wirken. Je weiter die Kreuzfahrer sich von Westen nach Osten bewegen, desto mehr wird der Einzelne eingefangen in die Massenurteile. Wir sehen, wie die Menschen ihre Persönlichkeit verlieren. Wir sehen, wie die europäischen Kreuzfahrer im Orient in bezug auf ihre Seeleneigenschaften verfallen.“  (11) Typisch für Rudolf Steiner ist aber auch, dass er im Nachsatz das Paradox negativ bewertet, dass gerade durch die kriegerische Öffnung des Westens während der Kreuzzüge langfristig die damals arabisch geprägte Wissenschaft und Vernunft im mittelalterlichen Europa Einzug hielt: „Und unter dieser moralischen Dekadenz gutmeinender Menschen, die von Westen nach dem Osten gezogen sind, gewinnen wiederum an Herrschaft die von Osten nach Westen strebenden Impulse, welche in dem muselmanischen, in dem türkischen Menschen leben.“ (11)

Das kann man durchaus anders bewerten. Aber politisch nutzen kann man die tief verankerten Reflexe einer scheinbaren kulturellen Unvereinbarkeit zwischen Ost und West bis heute. Vielleicht kann man die von Rudolf Steiner erwähnten grassierenden „Massenurteile“ der Kreuzfahrer- Ideologie mit dem einher gehenden seelisch- geistigen Verfall ebenso mitbedenken wie den von ihm im selben Kontext angesprochenen geistig- abnormen Impuls, der in den ideologisierten Massen „vor allen Dingen“ durch „ein emotionelles Verhältnis zu ihren Sprachen“ (12) bewirkt wird- eben durch eine Kombination von nationalistisch- identitärer Gruppen- Gefühligkeit, der Abgrenzung gegenüber dem Fremden und dem kulturell Anderen, und beeinflussbar und lenkbar durch aufgeladene, besetzte Begriffe. Die kulturelle Identitätskrise der Gegenwart lässt die vorhandenen, uralten Konflikte wieder an die Oberfläche kommen, beflügelt von den Macht- Instinkten der Populisten- im Dienste „eines furchtbaren, unpersönlichen, unindividuellen Gemeingeistes“ (12), der nach Rudolf Steiner in „verschiedene(n) Epochen der Weltgeschichte .. waltet“. (12)

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1  http://www.sueddeutsche.de/politik/ehemaliger-generalsekretaer-cdu-politiker-heiner-geissler-ist-tot-1.3659139
2 http://www.bpb.de/politik/grundfragen/sprache-und-politik/42715/begriffe-besetzen?p=all
3 Thomas Asbridge, Die Kreuzzüge, Stuttgart 2015
4 Asbridge, S. 48
5 Asbridge, S. 49
6 Asbridge, S. 52f
7 Asbridge S. S. 53
8 Asbridge, S. S. 54
9 http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-08/volksverhetzung-alexander-gauland-thomas-fischer-strafanzeige
10 „Man versucht, sich des Fahnenwortes eines Gegners zu bemächtigen, also ein Wort mit anderen Inhalten zu füllen, es umzudeuten, oder man versucht, ein vom politischen Gegner benutztes Fahnenwort zu diskreditieren, es gleichsam seiner positiven Bedeutung zu berauben.“ in: 2
11 Rudolf Steiner, GA 222, S. 65ff
12 Rudolf Steiner, GA 222, S. 68ff


Kommentare

  1. "Unindividueller Gemeingeist"

    Rudolf Steiner war es noch erlaubt, diesen zu brandmarken, bzw. als negativ wirkend darzustellen.
    Heute hat sich dieser Geist sein nicht mehr in Frage zu stellendes Wirkungsrecht erkämpft, aber eben leider nicht nur in Thüringen und Sachsen, sondern im wahrsten Sinne global. Er darf sowohl positiv wie auch negativ wirken, ein ambivalent einsetzbares Instrument sein.

    Siehe den Hinweis auf den "Verlust der kulturellen Identität" , der augenscheinlich dann unübersehbar hervortritt, wenn z..B. Merkel nicht die Leugnung der Existenz deutscher Kultur seitens einer Deutschtürkin als kulturellen Identitätsverlust, oder auch - was diese Leugnung ja unbestreitbar ist - als rassistisch kritisiert, sondern (nur) die empörte Reaktion Gaulands für rassistisch hält.
    Ganz klar bedient letztere Aussage ebenfalls rassistische Ressentiments, ist und bleibt aber dennoch nur eine, wenn auch völlig inakzeptable, Reaktion auf die erste, ursprüngliche und auch eindeutig rassistische und daher gleichermassen inakzeptable Aussage Özogüns, über welche öffentlich allerdings kaum diskutiert wurde ("deutsche Kultur jenseits der deutschen Sprache ist nicht identifizierbar").

    Klar wir dadurch , dass wenn - wie es ganz offensichtlich geschieht - Deutschland, die Deutschen und die deutsche Kultur im allgemeinen und a priori von der Möglichkeit überhaupt ein Ziel rassistischer Angriffe sein zu können, ausgenommen werden, dies wohl eindeutig demselben "unindividuellen Gemeingeist" entspringen muss.
    Einem Geist, das ist richtig, der sich des Populismus, der Besetzung von Begriffen und der Bedienung aller möglichen unzeitgemässen Klischees bedient, um "unindividuell" zu wirken. Er kann sozusagen unter verschiedenen Vorzeichen wirken.
    So wie in diesem Fall, wo er (nur) den Deutschen keine eigene Kultur zugesteht, indem ihnen ihre Individualität abgesprochen und geäusserte Zweifel an ihrer kulturellen Identität zumindest stehen gelassen werden.

    Dieser Widerspruch - "unindividueller Geist" versus der dem heutigen Zeigeist wohl eher entsprechenden und wirkungsberechtigten Geist-Individualität und der unterschiedlichen weil individuellen kulturellen Identität eines jeden Menschen wie auch jeder Gemeinschaft - wird durch obigen Beitrag leider nicht aufgelöst.

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    1. Ich denke, Sie unterschätzen die Wirkung und Bedeutung von Sprache. Niemand hat mMn mehr zur deutschen Identität beigetragen als Luther, indem er aus den tausenden von Idiomen einen ihm stimmig erscheinende Quintessenz schuf, um diese als Grundlage seiner Bibel- Übersetzung zu nehmen und zu verbreiten- zusammen mit Forschern und Fachleuten seiner Zeit, und mit dem Medium und Netzwerken seiner Zeit. Er nutzte das Drucker- Netzwerk, das bislang für Ablasszettel uä gesorgt hatte. Ganz offenbar ist diese essentielle Sprachform angenommen worden, wenn vielerorts auch - als "Hochdeutsch"- quasi wie eine Zweitsprache. Die identitäre Wirkung von Sprache ist also nicht zu unterschätzen. Wo Sie kulturelle Identität ansonsten verorten, müssten Sie schon selbst verraten. Beim Schweinebraten? Königsberger Klopse?

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    2. "Identitäre Wirkung von Sprache" in Ehren, aber die Frage, wo jenseits der Sprache und nun auch des Schweinebratens eine deutsche kulturelle Identität verortet werden kann, macht stutzig.
      Gerade so, als ob Ihnen dazu auch nicht viel mehr einfallen würde.
      Ist denn der Kulturbegriff nicht praktisch unvorstellbar breit gefächert? Die Anzahl der Kulturen, möglicher kultureller Identitäten bzw. anderer Begriffe an denen sich Kultur festmachen nicht schier unendlich?

      Ich nehme mir mal das Recht heraus, eine allfällige Frage nach der deutschen kulturellen Identität jenseits von Sprache und "Esskultur" als rassistisch zu bezeichnen.
      Denn darum ging es.
      Denn wenn jemand die Frage nach türkischer Kultur jenseits von Döner oder einer italienischen jenseits von Spaghetti stellen würde, wäre er ganz bestimmt ein Rassist!

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    3. @ Anonym:

      »...die Frage, wo jenseits der Sprache und nun auch des Schweinebratens eine deutsche kulturelle Identität verortet werden kann, macht stutzig.
      Gerade so, als ob Ihnen dazu auch nicht viel mehr einfallen würde.«


      Nun wäre ich wirklich neugierig, was eigentlich Ihnen alles einfällt zur deutschen Kultur — wohlgemerkt, jenseits der deutschen Sprache. Und natürlich auch im Unterschied zu den spezifischen Kulturen anderer europäischer Länder.
      Bisher haben Sie dazu noch nichts geschrieben.
      Was genau identifizieren Sie als »spezifisch deutsche Kultur, jenseits der Sprache«?

      Bei uns in Österreich ist viel von „Leitkultur“ die Rede, und von „Wertekursen“, in denen diese „Leitkultur“ vermittelt werden soll. Einmal abgesehen davon, daß ich es für ein absurdes Unterfangen halte, Werte in Kursen zu vermitteln (mir würde es genügen, wenn jede/r im Land sich an unsere Gesetze hält, gleichgültig, welche Werte man im Inneren hochhält oder auch verachtet): es ist mir bisher noch nicht gelungen, eine solche „Leitkultur“ zu identifizieren, die nicht gleichzeitig eine europäische wäre — und damit eben nicht mehr eine spezifisch österreichische, oder meinetwegen – wenn wir uns nicht auf die Landesgrenzen, sondern auf die des Sprachraumes beziehen – eine spezifisch deutsche.

      Was genau verbindet, Ihrer Ansicht nach, Sachsen mit Bayern, Hamburger mit Stuttgartern (wenn Sie den gesamten deutschen Sprachraum nehmen wollen: Vorarlberger mit Burgenländern, Schweizer mit Südtirolern) — und trennt alle diese gleichzeitig von, beispielsweise, Franzosen, Schweden oder Ungarn? Jenseits der Sprache? (Die Eßkultur ist es meinem Eindruck nach eher nicht.)

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    4. @ Ingrid,

      zur deutschen Kultur jenseits der Sprache fällt mir spontan sehr viel ein. Aber abgesehen davon , dass ich es geradezu erschreckend finde, sollte es ernst gemeint sein, wenn jemand, noch dazu wenn er im deutschen Kulturkreis sozialisiert ist, keine deutsche oder auch österreichische Kultur wahrzunehmen in der Lage ist, sehe ich keinen Sinn darin, auch nur einen Versuch dazu zu unternehmen diese zu beschreiben, wenn - wie mir scheint - die ganze Diskussion nur dazu dienen soll, die These zu untermauern es gäbe gar keine deutsche oder ggf. auch österreichische Kultur.

      Einen Versuch würde ich gerne unternehmen, wenn du ganz klar sozusagen als Vorbedingung mir eine einzige Frage beantworten würdest, nämlich ob du es in Bezug auf eine türkische oder italienische Kultur gleichermaßen hältst, also ob du kurz darlegen könntest, ob du der Meinung bist, dass es da auch jenseits der jeweiligen Sprache keine spezifische Kultur gibt.
      Das wäre für mich ev. ein Hinweis, ob in diesem Forum Rassismus nur selektiv angeprangert werden soll, also der Rassismus gegen alles Deutsche erlaubt, nicht verurteilt oder sogar gutgeheißen wird, und nur der Rassismus anderen Nationalitäten, Kulturen usw. gegenüber verurteilt wird und werden soll.

      Werte machen noch keine Kultur aus. Eine Kultur beinhaltet auch Werte, das ist klar, aber diese reichen nicht aus um Kultur zu begründen.
      Kultur ist deswegen auch weit mehr als nur die Beachtung von Regeln und Gesetzen.
      Klar auch, daß es "europäische Werte" gibt, genauso wie es weltweit gültige Werte gibt. Aber es gibt eben auch Werte, die nur auf untergeordneter Ebene, sprich auf Ebene einer Sprachgemeinschaft, Nation, Region, Ort, ja sogar nur auf persönlicher Ebene jedes einzelnen vorhanden und wirksam sind.
      Nicht nachvollziehen kann ich die irgendwie im Raum stehende Annahme, dass weil es "europäische Werte" gibt, alle Europäer von Lappland bis Sizilien eine einzige kulturelle Identität haben soll(t)en. Oder etwa gar "haben dürfen"? Denn zu Ende gedacht, hat es geradezu diesen erschreckenden Anschein!

      Das jeweils Verbindende zwischen Hamburgern und Bayern, und das sie von Lappländern und Sizilianern Trennende gründet auf weit in die Vergangenheit zurückreichende schicksalshafte Berührungen ihrer Vorfahren untereinander, also im Prinzip auf deren Zugehörigkeit zu Schicksalsgemeinschaften.
      Dieses Gefühl der Verbundenheit mit den Vorfahren, also mit den Mitgliedern dieser generationenübergreifenden Schicksalsgemeinschaften kann man den Menschen nicht nehmen, es wäre ein geistiges Verbrechen.

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    5. @ Anonym,

      meine Frage ist eine ehrliche Frage, es geht mir nicht darum, hier irgendwelche Thesen zu verbreiten oder zu untermauern.
      Wieso die Frage nach den Merkmalen einer spezifisch deutschen Kultur (bzw der Abgrenzung dieser Kultur gegenüber einer allgemein-europäischen Kultur) „Rassismus gegen alles Deutsche“ sein sollte, wird mir nicht klar.
      Auch wird mir nicht recht klar, wieso Dich zwar der (zu Ende gedachte) Gedanke erschreckt, »dass weil es "europäische Werte" gibt, alle Europäer von Lappland bis Sizilien eine einzige kulturelle Identität haben soll(t)en. Oder etwa gar "haben dürfen“?«, Du aber offenbar an dem Gedanken, daß alle Menschen innerhalb der Grenzen eines Landes nur eine einzige kulturelle Identität haben soll(ten) oder etwa gar „haben dürfen“, nichts Erschreckendes findest. (Sehr im Gegensatz zu mir.)

      :-) Daß ich mir schwertu, das Spezifische der Kultur des deutschen Sprachraums zu sehen, mag vielleicht auch daran liegen, daß ich eben Wienerin bin, mit der Geschichte (im Sinne der »Verbundenheit mit den Vorfahren, also mit den Mitgliedern dieser generationenübergreifenden Schicksalsgemeinschaften«) eines Vielvölkerstaates.
      In meiner Studentenzeit nahm ich teil an einem Meisterkurs bei der ungarischen Sängerin Julia Hamari. Sie unterrichtete damals an einer deutschen Musikuni (der Kurs fand in Eltville am Rhein statt), die Teilnehmer kamen aus allen Teilen Deutschlands, ich war die einzige Österreicherin, und es nahmen neben einer Japanerin auch noch etliche Ungarinnen teil. Damals stellte ich fest, daß ich mit einigen dieser Ungarinnen sehr viel mehr gemeinsam hatte als mit dem Hamburger oder den Berlinern… Ähnliches hatte ich schon früher auf einem europäischen Chorfestival in Schweden erlebt, damals waren es auch weniger die Deutschen, sondern vor allem die Tschechen, die mir „heimatlich vertraut“ erschienen...

      Zu Deiner Frage: die türkische Kultur kenne ich zuwenig, um darüber Genaueres sagen zu können. Ich empfinde aber tatsächlich etwas „Fremdes“ in der türkischen Lebensart, die ich hier in Wien manchmal von außen erlebe (allerdings ist mir die Lebensart, die sich im Münchner Oktoberfest zeigt, in ähnlicher Weise fremd).
      Gar nichts „Fremdes“ fand ich an einer türkischen (in Ankara lebenden) Sängerin, mit der ich vor Jahren in Mozarts Oper „Così fan tutte“ sang. Sie amüsierte sich sehr darüber, wie die beiden verkleideten Liebhaber von Despina ausgelacht werden: »Che sembianze! Che vestiti! Che figure! Che mustacchi! Io non so se son Vallacchi, o se Turchi son costor!« - Ja, wie schaut’s denn ihr aus? Diese Kleider, diese Schnurrbärte, seid's ihr vielleicht Wallachen oder gar Türken???
      :-) Ich sah in unserer Vertrautheit ein Ergebnis der uns alle während dieser Zusammenarbeit nicht trennenden, sondern verbindenden Kultur – nämlich: Mozart.

      »zur deutschen Kultur jenseits der Sprache fällt mir spontan sehr viel ein.«
      Willst Du nicht doch noch damit herausrücken?

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    6. @ Ingrid,

      danke für deine Antworten bzw. "Nicht-Antworten"
      Allerdings bin ich mit der mir in den Mund gelegten "Umkehrung" meiner eigenen Argumentation absolut nicht einverstanden. Nicht eine unbefangene ehrliche Frage nach den Merkmalen der deutschen Kultur bezeichnete ich als rassistisch, sondern die Leugnung oder das in Frage stellen einer solchen (jenseits der deutschen Sprache).
      Ich füge jetzt noch einmal hinzu, dass das natürlich vor allem dann gilt, wenn man dasselbe beispielweise von der türkischen oder italienischen oder jeden anderen auf ein Land, Volk, Nation, Staat usw. bezogenen Kultur nicht behaupten würde.
      Ich meinte, dass Frau Özogüns Aussage über die "Nicht-Identifizierbarkeit" einer deutschen Kultur jenseits der Sprache, ein rassistischer Ausspruch ist, dazu stehe ich. Das gilt, sofern sie nicht wenigstens dazu sagen würde, dass dasselbe auch für die türkische Kultur oder jede andere im Zusammenhang mit der jeweiligen Sprache, Land, Nation verknüpfte Kultur gelten würde, was sie aber nicht tat. Denn nur wenn es allgemein auf jede beliebige an ein Land, Nation usw. bezogene Kultur gemünzt wäre, wäre die Aussage eine rassismusfreie Meinung.
      Stellen wir uns doch mal den Sturm der Entrüstung vor, wenn ein Deutscher dasselbe über die türkische Kultur gesagt hätte. Willst du denn wirklich diese selektive Rassismus-Wahrnehmung einfach nicht wahrhaben?
      In Analogie ist auch deine Antwort für mich unbefriedigend, wenn du schreibst, du würdest die türkische Kultur (nur) zu wenig kennen, als daß du dazu deine Meinung äußern könntest. Deine Aussage impliziert aber eigentlich schon das Bestehen einer türkischen Kultur, zumindest lässt du offen, ob sie nun tatsächlich existiert oder nicht, ganz im Gegenteil zur deutschen Kultur, dessen Existenz du mehr oder minder in Abrede stellst ( "es ist mir bisher noch nicht gelungen, eine solche „Leitkultur“ zu identifizieren, ...........eine spezifisch deutsche").

      Mich erschrecken alle Zwänge, also auch mich ggf. mit einer "europäischen Kultur" - die ich ja keinesfalls leugne - identifizieren zu müssen. Ich habe auch nirgendwo behauptet, dass ich daran nichts Erschreckendes finden würde, wenn alle Menschen innerhalb der Grenzen eines Landes nur eine einzige kulturelle Identität haben soll(ten) oder etwa gar „haben dürfen“, da hast du mir etwas in den Mund gelegt, was ich nicht gesagt habe und mich jedenfalls gründlich missverstanden.

      Selbstverständlich denke ich, dass es in jedem Land eine Vielzahl von Kulturen gibt und auch geben soll.
      Hängt denn die Tatsache, dass die Ostösterreicher mit den Ungarn trotz verschiedener Sprache kulturell mehr gemeinsam haben als mit den Hamburgern nicht vielleicht doch auch mit der Tatsache zusammen, dass sie ihnen geografisch näher sind und ehemals sogar in einem gemeinsamen Staat auf gewissen Ebenen eine gemeinsame Identität und kulturelle Gemeinsamkeiten entwickelt haben?
      Diese Affinität der Österreicher zu den Ungarn gehört ja gewissermaßen auch zur einer spezifisch österreichischen Kultur, mit der sich sicherlich nicht alle, aber doch einige Österreicher identifizieren?

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    7. @ Anonym:

      »Nicht eine unbefangene ehrliche Frage nach den Merkmalen der deutschen Kultur bezeichnete ich als rassistisch, sondern die Leugnung oder das in Frage stellen einer solchen (jenseits der deutschen Sprache).«
      Nun - ich kann auch das nicht „rassistisch“ finden. Weil ich es nämlich gar nicht „schlimm“ fände, wenn sich herausstellen sollte, daß sich eine spezifisch deutsche Kultur jenseits der Sprache nicht identifizieren ließe.
      Um zu erkennen, was Frau Özugün gemeint oder nicht gemeint hat, sollte man zumindest den Zusammenhang kennen, in dem sie diesen umstrittenen Satz geäußert hat: siehe hier.
      Herrn Gaulands Ausspruch »… wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können« sehe ich jedenfalls eindeutig als rassistisch an. Du etwa nicht?

      Und solange Du nicht mit kulturellen Merkmalen herausrückst, die Du als „spezifisch deutsch“ ansiehst, halte ich eine weitere Diskussion über dieses Thema nicht für fruchtbar.

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    8. Liebe Ingrid,

      den Zusammenhang der Aussage von Frau Özoguz kenne ich seit langem.
      Wenn man übrigens die zum Großteil sehr aufschlußreichen Kommentare unter deinem von dir verlinkten Tagesspiegel-Artikels liest, wird einem allerdings sofort klar, dass der Frau fast nur Ablehnung, Unverständnis und Kritik entgegenschlagen!

      Ich halte übrigens auch eine Diskussion nicht für fruchtbar, wenn man ganz offensichtlich die Beiträge des Gesprächspartners gar nicht wirklich liest und auch nicht wirklich darauf eingeht, wie du jetzt zum wiederholten Male beweist!

      Zum Beispiel hatte ich bereits in meinem Beitrag vom 25.09, 8:42:00 "ganz klar" geschrieben, daß ich Gaulands Entgleisung auch für rassistisch halte!
      Warum also deine erneute Frage ob ich das "etwa nicht tue"?
      Was willst du damit bezwecken?
      Ich werte das als einen Versuch mich als jemanden hinzustellen der ich nicht bin, mir - wenn auch indirekt und unterschwellig - Aussagen und Geisteshaltungen anzudichten, die ich nie von mir gelassen habe und die mir völlig fremd sind.
      Ich schließe nun daraus, dass es dir nicht wirklich um eine fruchtbare Diskussion geht, sondern um die Verteidigung eines gegen deutsche Kultur gerichteten Rassismus.

      Schade, aber auch klar, dass wo man vor einer alles beherrschenden Propaganda in die Knie fallen muss, Argumente zweitrangig und Widersprüche unauflösbar werden und im Ergebnis potentiell gewinnbringende Diskussionen versanden.

      Lg ;-)

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    9. @ Anonym,

      tatsächlich, ich hatte nicht mehr alle Einzelheiten Deines Beitrags vom 25.9., 8.42 parat. Mea culpa!
      Was Du daraus für Bezweckungen und Hinstellungs-Versuche fabrizierst, ist allerdings ganz Deine Sache.

      Ich nehme zur Kenntnis, daß Du offenbar nicht willens (und möglicherweise auch gar nicht in der Lage) bist, Merkmale einer spezifisch deutschen Kultur zu benennen, ;-) und lasse diese Diskussion jetzt also ebenfalls versanden.

      Gute Nacht!

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  2. Der erste Kreuzzug sei nach Steiner von Papst Urban II organisiert um ein Ventil für die wachsende Ketzer-Bewegung zu schaffen (GA 51 und 180). Ihre Weltuntergangsstimmung war antirömisch, asketisch, kirchenfeindlich geprägt. Moderne Populisten sind also pervertierte Ketzer (dennoch: Ketzer) die von ihrer Elite massenpsychologisch gelenkt werden.

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    1. Asbridge vertritt in The Greatest Knight: The Remarkable Life of William Marshal, the Power Behind Five English Thrones die These, der erste Kreuzzug sei vom Vatikan (schon, aber ohne Erfolg vom Vorgänger Urbans) organisiert worden, um die interne Gewalt in Europa abzuleiten, um es gestalten, zu einen und letztlich bequemer beherrschen zu können. Aus demselben Grund sei die Figur des Ritters geschaffen worden. Bis dahin war es ein völliges Tabu gewesen, die Pilgerschaft und spirituelle Erfüllung kriegerisch aufzufassen. Der Heilige Krieg wurde bewusst inszeniert, als Ventil der Islam auserkoren. Es war ein Leichtes, immer neue, auch interne Ventile auszuwählen, wenn es opportun erschien. Die Innenseite dieser Gewalt war dann wohl die Inquisition.

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    2. "als Ventil der Islam auserkoren"

      In Analogie könnte man dann ja schlussfolgern, daß der Islam das heute auch noch ist.
      Daß also, damit vom Westen "Gewalt abgeleitet" und dieser "gestaltet und bequemer beherrscht werden kann" auch heute noch das Feindbild Islam gepflegt und weiter aufgebaut wird.
      Und dann natürlich die ganzen Aktionen zur Schädigung, Spaltung und Schwächung des Islams, wie Aufbau des radikalen Islamismus, des IS, die Kriege Irak, Lybien, Syrien, Anti Iran Hetze und dgl. mehr.

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    3. So wie die Christenheit ist auch der Islam im Kern miteinander verfeindet- schon unmittelbar nach Mohammeds Tod. Harun al Raschid wollte lieber eine Allianz mit Karl dem Großen eingehen als eine Einigung mit seinen Todfeinden, den Umayyaden (die wir als "Mauren" kennen) auch nur in Erwägung zu ziehen. Mit einem Wort: Es gibt "den" Islam so wenig wie "das" Christentum.

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    4. Wenn Sie meinen, es gäbe keinen einzigen und wahren Islam und kein einziges und wahres Christentum, dann stimme ich zu. Aber, wenn es nicht pure Sprachverwirrung sein soll, den Islam und das Christentum (ohne Anführungszeichen) gibt es sehr wohl. Alles was sich als eine Religionsgemeinschaft bezeichnet, die auf der Lehre Mohammeds oder auf Christus aufbaut!
      Das wahrhaft Besorgniserregende ist doch einzig und allein die nicht auszurottende Instrumentalisierung des Andersartigen!

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    5. Ja, die "Instrumentalisierung des Andersartigen" ist in der Tat das eigentliche Problem, weil es das stärkste Element zur Findung von Identität ist- die Abgrenzung schafft den gefühlten Innenraum, die Sphäre des Ego, aber auch die Sphäre des Nationalismus. Die Attitüde der Arroganz ist allgegenwärtig, gerade in Zeiten, in denen durch Auflösung von Grenzen, Traditionen und Werten eine Verunsicherung vorherrscht. Niemand kann sich davon freisprechen- man kann es an sich bemerken und daran arbeiten. Es ist eine Kraft, die manipulativ missbraucht werden kann-Nummer bis hin zu furchtbaren Exzessen. Aber den Kern des Problems findet man in sich selbst-Nummer die Wunde des Amfortas, die existentielle Krücke schlechthin.

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    6. Wunderbar, wie Sie das zum Ausdruck bringen. "Abgrenzung" schafft in der Tat zweierlei Innenräume. Sei es solche die jeder Mensch benötigt um zur Freiheit zu gelangen, als auch solche die schnurgerade in geistige Gefängnisse führen. Das ist die Verantwortung der "Instrumentalisierenden". Diese kann ihnen niemand nehmen.
      In diesem Sinne ist das Wahldebakel der Großparteien u.a. auch eine Folge von Ausbrüchen aus den geistigen Gefängnissen, die von diesen zum nur vermeintlichen Zwecke des Machterhalts aufgebaut wurden.
      Der Drang nach Freiheit, sprich die geistigen Bedürfnisse des Individuums, überwiegen letztlich immer.
      Die Verantwortung des Einzelnen liegt darin, nach dem Gefängnisausbruch nicht unbewusst in die neuen Gefängnisse hineinzustolpern, wie die von den Populisten errichtet sind und bereitstehen. Freiräume sind letztlich auch abgegrenzte Räume, die verteidigt werden müssen, damit sie nicht zu Gefängnissen umfunktioniert werden.

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    7. Liebe Ingrid,
      es geht doch wohl nicht darum, dass Anonym hier die spezifisch deutsche Kultur beschreiben muss, um zu beweisen, dass es eine solche geben könnte - das ist schon eine eigentümliche Beweislastumkehr Deinerseits...

      s.b.

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  3. Lieber Stephan (Antwort auf diesen Kommentar),

    »dass Anonym hier die spezifisch deutsche Kultur beschreiben muss, um zu beweisen, dass es eine solche geben könnte«
    Du folgst also offenbar A.s Unterstellung, ich wolle hier die „These“ untermauern, »es gäbe gar keine deutsche Kultur.«
    Das liegt mir fern.
    Ich frage nur danach, was A. - jenseits der Sprache - als die Merkmale einer solchen Kultur ansieht.
    Ich sehe noch immer nicht, warum diese Frage rassistisch oder sonstwie verwerflich sein soll.
    Nun, er will’s nicht sagen, das nehme ich zur Kenntnis und mache mir meinen Reim darauf.


    Daß Du in diesem Zusammenhang von Beweislastumkehr sprichst, paßt gut zum eigentlichen Thema von Michaels Artikel:

    »„Besetzen der Begriffe". Gemeint war damit, dass sich in der politischen Auseinandersetzung derjenige durchsetzt, der Problem- oder Sachverhalte seiner Sichtweise entsprechend benennt und dadurch interpretiert und der seine Argumente sprachlich am besten entwickelt und vermittelt.«

    Beweislastumkehr ist ein Begriff aus dem Schadenersatzrecht. Er impliziert nicht nur, daß es darum geht, irgendetwas zu beweisen, sondern auch, daß es um einen Schaden geht. Wo wäre denn in unserem Fall der Schaden?
    Auch A.s Rassismus-Vorwürfe suggerieren, daß es etwas „Schlimmes“ sei, wenn die Kultur eines Volkes, die als spezifisch diesem Volk zugehörig wahrgenommen wird, an die Sprache des jeweiligen Volkes gebunden wäre.
    Wie schon gesagt: ich sehe nicht, was daran „schlimm“ sein könnte.

    Bisher habe ich auch gar nicht den Eindruck, es sei heutzutage ein Ziel deutscher „Kulturschaffender“, daß das Etikett „spezifisch deutsch“ auf ihren Werken klebt — was sich aber ganz natürlich ergibt, wenn es sich um Dichter, Schriftsteller oder sonst mit der deutschen Sprache Schaffende handelt.

    Wie dem auch sei: diese ganze Diskussion bleibt sinnlos, solange niemand versuchen will, zu schildern, was er - wie gesagt: jenseits der Sprache - unter „spezifisch deutscher Kultur“ versteht.

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    1. Das Subjekt- Objekt Verhältnis - die sinnliche Differenzierung- wird zB sehr früh (8. Monat) sprachlich geprägt. Man kann da schon im singenden melodischen Fluss des Kleinkindgebrabbels Halbsätze wie *Dattdennda* (Das ist das- was ist das) heraus hören, während der Blick schweift und kurz auf Objekten verweilt. Die Kinder singen sich an die Dinge heran, erheben sie als Objekte aus dem Fluss der Wahrnehmung heraus und bilden indirekt eine Ich- Perspektive heraus. Diese Differenzierung wird aus der Sprache gebildet und formt durch die Begrifflichkeit das ganze Denken. Die Art dieser Differenzierung ist kulturabhängig. Sie prägt dann aber auch die Person.

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    2. Nein, Ingrid, ich vertrete nicht die These, dass Du jemanden etwas unterstellst - ich vertrete lediglich die unumstößliche Auffassung, dass Frau Özoğuz in ihren wahlkampforientierten Kulturbetrachtungen bodenlose Scheiße geredet hat.
      //
      Ich könnte Dir auch sagen, dass Artikel 1 des Grundgesetzes (welches für mich übrigens ein spezifisch(!) deutsches Kulturgut darstellt) von mir dennoch nicht anerkannt werden kann, weil Du mir keine spezifischen Charakteristika von der Würde des Menschen aufzeigen kannst.

      (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
      //
      Ich kann darum (im Sinne der Beweislastumkehr) auch nicht nachvollziehen, weswegen Anonym hier argumentativ in der Bringschuld sein sollte...

      [Ich glaube übrigens tatsächlich, dass meine hier deutlich formulierte Anschauung etwas mit meiner frühkindlichen Sing-Sang-Sozialisation im Sinne eines Kulturmerkmals zu tun hat.]

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    3. An dem Beispiel der frühen *Sing- Sang- Sozialisation* sieht man vielleicht, wie anspruchsvoll die vom Steiner oder im Zen gemeinte echte meditative Praxis doch ist: Mit vollem Bewusstsein ins nicht- sprachlich Geprägte vorzudringen; "wie die Kindlein". Das geht nur in vollkommener Hingabe an den Logos, aber ohne irgend etwas aufzugeben in Bezug auf Autonomie.

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    4. @ Stephan:

      »Ich könnte Dir auch sagen, dass Artikel 1 des Grundgesetzes (welches für mich übrigens ein spezifisch(!) deutsches Kulturgut darstellt) von mir dennoch nicht anerkannt werden kann«
      Das ist genau der Punkt, auf den ich hinauswill, und der sich auch in Frau Özoğuz’ Artikel findet:
      Der Artikel 1 Eures Grundgesetzes hat Gültigkeit unabhängig davon, ob Du ihn innerlich anerkennst oder nicht.
      Auch ob Du begreifst, worum es sich bei der Würde des Menschen handelt, spielt keine Rolle – jedenfalls solange Du nicht ein Organ der staatlichen Gewalt bist, die verpflichtet ist, sie zu achten und zu schützen.
      Es genügt, wenn Du Dich an die in dem Land, in dem Du Dich aufhältst, geltenden Gesetze hältst – ganz gleich, ob Du nachvollziehen kannst, warum sie gelten, oder ob Du das nicht kannst.
      Gesetze aber enthalten keine kulturellen, sondern politische Normen.
      Und das ist auch gut so: im Rechtsleben gelte Gleichheit, im Geistesleben aber Freiheit.
      Das Beharren auf einer „Leitkultur“ widerspricht meiner Ansicht nach allem, was Rudolf Steiner in seinen Betrachtungen zur Dreigliederung des Sozialen Organismus über „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ gesagt hat.

      Ich füge hinzu: bevor jemand, der in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen und sozialisiert ist, Staatsbürger wird, würde ich gern prüfen, ob er auch innerlich auf dem Boden der Verfassung, zuallermindest der Europäischen Menschenrechtskonvention steht.
      Denn mit der Staatsbürgerschaft eröffnet sich die Möglichkeit, die Gesetze eines Landes (auch die Verfassung) auf demokratische Weise zu verändern.

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    5. @ Ingrid,

      leider grenzt deine Argumentation schon wieder an Rabulistik.

      Es wurde nicht suggeriert, dass es etwas "Schlimmes" sei, wenn "die Kultur eines Volkes, an die Sprache gebunden sei. Es wurde vielmehr zum Ausdruck gebracht, dass es etwas Schlimmes sei, wenn behauptet wird, dass es jenseits der Sprache nichts gäbe, wo deutsche Kultur identifizierbar wäre.

      Ich stimme dir z.B. bei Mozart zu, sicherlich einer Ikone der deutschen Kultur im weiteren Sinne. Und ganz klar bewerte ich es als sehr positiv, dass die von ihm austrahlende Kultur nichts Trennendes, sondern sehr begrüßenswerterweise etwas Verbindendes hat. Dein eigenes Beispiel widerlegt in wirklich überaus anschaulicher Art und Weise die These von Frau Özoguz.

      Beweislastumkehr ist aber eine sehr üble Sache. Sie kann und darf nicht nur juristisch, sondern auch umgangssprachlich aufgefasst werden.
      Praktizierte Beweislastumkehr ist absurd und würde zu einer grotesken Legitimierung von Lächerlichkeit führen.
      Genauso wie es lächerlich wäre, wenn ein Angeklagter seine Unschuld beweisen müsste, anstatt die Ankläger seine Schuld, ist es nicht minder lächerlich, dass wenn jemand eine gewagte These aufstellt, die dem gesunden althergebrachten und offensichtlichem Empfinden der Mehrheit der Bevölkerung - ja in diesem Fall sogar der Weltöffentlichkeit (wage ich mal zu sagen) widerspricht - wie im gegebenen Fall die Nichtexistenz der deutschen Kultur, dann wäre es die natürlichste Sache der Welt, wenn der Autor dieser Behauptung wenigstens eine Spur des Bemühens an den Tag legen würde, dies nicht nur zu behaupten sondern auch zu begründen. Und eben diese "Beweislast" nicht den anderen aufzubürden!

      Der "Schaden" in unserem Fall, ist die im Raum stehende, unbewiesene und rassistische Behauptung, dass es keine deutsche Kultur gäbe, was darüber hinaus auch noch auf einer vergleichbaren Ebene stattfindet, als wenn jemand die Existenz Deutschlands, des Erzgebirges, der türkischen Kultur oder einer real existierenden Person in Frage stellen würde.

      Und was immer wieder in den falschen Zusammenhang gebracht wird, rassistisch ist niemals die Frage nach der deutschen Kultur, diese könnte ja auch auf bloße Unwissenheit oder den Versuch der Abwehr der Bezeichnung der besagten Aussage als rassistisch" zurückzuführen sein, sondern die Behauptung es gäbe keine.
      Umso mehr natürlich, wenn man eine derartige Behauptung nur auf die deutsche Kultur bezieht, nicht aber klar und explizit allgemein formuliert, also beispielsweise auch auf eine türkische Kultur.

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    6. @Ingrid
      Gesetze aber enthalten keine kulturellen, sondern politische Normen.

      Genau da scheiden sich wohl unsere Geister:

      Das Grundgesetzt ist kein allgemeines Gesetzt, sondern eine Verfassung, auf der alle anderen Gesetze aufbauen; es folgt selbst keinen Gesetzesgrundlagen, sondern basiert ausschließlich auf menschlich-kulturellen Errungenschaften (im Falle des deutschen Grundgesetzes auf menschlich-kulturellen Errungenschaften des deutschen Volkes).
      //
      Frau Özoguz ist das (besonders im Hinblick auf die 'Leitkulturdebatte') ein schwerer Dorn im Auge, sie versucht, das Kulturgut Grundgesetz auf die Ebene einer allgemeinen gesellschaftlichen Vereinbarung hinunterzudrücken. (Nicht umsonst erfordern Grundgesetzänderungen eine 2/3-Mehrheit...)
      //
      Für mich ist Politik ausdruck von Kultur; die künstliche Trennung zwischen Politik, gesellschaftlichen Normen und Kultur kann ich gedanklich einfach nicht nachvollziehen; eines ist gleichermaßen Grundlage und Ursache des anderen; da scheiden sich wohl unsere Geister...

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    7. ...
      Im Sinne der Dreigliederung würde ich Kultur auch keinesfalls dem Geistesleben zuordnen oder gleichsetzen!

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    8. @ Anonym (;-) ich will immer zuerst „Rudolf“ schreiben),

      »die im Raum stehende, unbewiesene und rassistische Behauptung, dass es keine deutsche Kultur gäbe«
      — diese Behauptung hast DU in den Raum gestellt und nicht etwa Frau Özoğuz.

      Wo sagt sie denn, daß es keine deutsche Kultur gäbe?
      Sie sagt, man könne eine spezifisch deutsche Kultur jenseits der Sprache nicht identifizieren.

      Wie Michael sich, meiner Ansicht nach sehr überzeugend, darzustellen bemüht (zB hier), ist Kultur immer sehr stark an Sprache gebunden. Natürlich nicht nur die deutsche, sondern jede. Das macht es naturgemäß schwierig, volkskulturspezifische Merkmale jenseits der Sprache zu definieren.

      Frau Özoğuz weist auch darauf hin, daß kulturelle Regeln »nicht ohne Grund ungeschrieben« sind; ich stimme ihr hierin zu, und bin wirklich froh, daß bisher niemand meiner Aufforderung gefolgt ist, einen Katalog der Merkmale „spezifisch deutscher Kultur“ zu erstellen.
      Denn das würde uns womöglich zurückführen in die Zeiten, aus denen der Begriff „Kulturschaffende“ stammt.

      Kultur – ganz im Gegensatz zu Regeln des sozialen Zusammenlebens, die sich ja auch in Gesetzen formuliert finden – Kultur eignet sich meiner Ansicht nach nicht dazu, in Normen oder Kriterienkatalogen festgeschrieben zu werden. Und auch das hierarchische Prinzip ist ihr fremd. Deshalb finde ich, daß wir auf Begriffe wie „Leitkultur“ gut verzichten können.

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    9. @ Stephan,

      »Frau Özoguz ... versucht, das Kulturgut Grundgesetz auf die Ebene einer allgemeinen gesellschaftlichen Vereinbarung hinunterzudrücken. (Nicht umsonst erfordern Grundgesetzänderungen eine 2/3-Mehrheit…)«

      :-) Wieder sehe ich hier den Versuch, einen Begriff negativ zu besetzen — indem Du nämlich von »hinunterdrücken« sprichst, ganz so, als wäre eine gesellschaftliche Vereinbarung etwas „Niedriges“.

      Die Verfassung eines Staates ist eine in Gesetzesform gegossene gesellschaftliche Vereinbarung – aber sie ist nichts „Niedriges“; sie ist im Gegenteil ein sehr hohes Gut — und selbstverständlich hat sie die bisherige menschlich-kulturelle Entwicklung des jeweiligen Staatsvolkes zur Grundlage, ja, sie wäre ohne diese kulturelle Entwicklung gar nicht zu denken.

      Eben weil jede Verfassung eine Vereinbarung ist und kein Naturgesetz, kann sie auch geändert werden.
      Und weil es sich dabei um grundlegende Regeln handelt, die man nicht bei jedem Regierungswechsel der Willkür einer einfachen Mehrheit der Abgeordneten preisgeben will, hat man vereinbart, daß für eine Änderung der Verfassung/des Grundgesetzes eine ⅔ Mehrheit der Abgeordneten erforderlich ist (bei uns in Österreich: bei Anwesenheit von mindestens der Hälfte der Abgeordneten; zudem muß es bei Gesamtänderungen eine Volksabstimmung geben).
      Ja, sogar Eure Ewigkeitsgarantie beruht auf einer Vereinbarung...


      Und wirklich: Du würdest Kultur nicht dem Geistesleben zuordnen? Sondern? Etwa dem Rechtsleben?
      Tatsächlich: dann scheiden sich hier unsere Geister.

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    10. Kultur(fähigkeit) ist überhaupt erst die Grundlage/Voraussetzung, dass der Mensch seine Verhältnisse (beispielsweise) dreigliedern kann; ich würde Kultur(fähigkeit) gar keinem Dreigliederungsbereich zu-/unterordnen; lediglich ihre Früchte...

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    11. Schade, dass immer nur um den Brei herum debattiert wird. Klar war gemeint "jenseits der deutschen Spräche liesse sich keine deutsche Kultur identifizieren".
      Der Bezug war in allen Beiträgen immer dieser, und nun wird auf der natürlich unbestreitbaren Tatsache herumgeritten, dass es vor lauter Wiederholungen nun zugegebenermassen halt einmal vergessen wurde.

      Aber daraus jetzt etwas anderes konstruieren zu wollen.....hmm, wirklich nichts Neues halt!

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    12. @ Ingrid,

      "..........bin wirklich froh, daß bisher niemand meiner Aufforderung gefolgt ist, einen Katalog der Merkmale „spezifisch deutscher Kultur“ zu erstellen...."

      Was soll man denn zu diesem Sinneswandel nach einigermaßen langer Insistenz, mit der diese Aufforderung wiederholt wurde, nun denken?

      Vielleicht, daß da jemand befürchtet, Frau Özoguz's Meinung über die deutsche Kultur könnte eventuell doch noch widerlegt werden?

      Oder noch schlimmer, der ganze in ihr steckende Rassismus sich auch hartnäckigen Leugnern einer deutschen Kultur urplötzlich offenbaren?

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    13. Ach Rudolf, ich meine ach Anonym.
      Schon wieder sprichst Du von »hartnäckigen Leugnern einer deutschen Kultur«, ohne den Zusatz „jenseits der Sprache“...
      Es handelt sich also wohl doch um mehr als nur Vergeßlichkeit.
      Und übrigens würde so, ohne die Präzisierung »jenseits der Sprache«, die angeblich erhobene „These“, es gäbe überhaupt gar keine deutsche Kultur, sehr viel besser die Empörung erklären, die mir so manchem Deiner Beiträge zugrundezuliegen scheint...

      Oder kannst Du mir begreiflich machen, was denn so „Schlimmes“ oder gar „Rassistisches“ sein sollte an der Behauptung, das „spezifisch Deutsche“ der deutschen Kultur lasse sich jenseits der Sprache nicht als „spezifisch deutsch“ identifizieren?

      Freilich läßt sich in einigen Ländern dieser Erde auch jenseits der Sprache durchaus eine spezifische Kultur identifizieren. Man erkennt sie beispielsweise daran, daß die Frauen sich (nicht immer freiwillig) in der Öffentlichkeit verhüllen.
      Im deutschen Sprachraum sehe ich kulturelle Einflüsse einer in der Gesellschaft etablierten Religion heutzutage sehr viel weniger stark als noch zur Zeit der Inquisition. Darüber, daß wir heute keine religiös indizierten Hexenverbrennungen mehr vollziehen, bin ich sehr froh, und hoffe, daß das auch so bleibt.
      Allerdings ist mit der verblassenden Wichtigkeit der Religion auch ein Verlust verbunden, den ich in meinem beruflichen Alltag erlebe: die meisten mir bekannten deutschsprachigen, westeuropäischen oder amerikanischen Musiker sind so sehr „säkularisiert“, daß sie nur einen rein ästhetischen Zugang zur Kirchenmusik finden, ohne sich um die Inhalte zu kümmern (gar, wenn diese Inhalte in lateinischer Sprache vermittelt werden sollen…).
      Das ist beispielsweise in den osteuropäischen Ländern noch ganz anders – wie ich es vor allem mit polnischen Kollegen erlebe.

      Je länger ich darüber nachdenke – hier liegt übrigens die Antwort auf die Frage »Was soll man denn zu diesem Sinneswandel nach einigermaßen langer Insistenz, mit der diese Aufforderung wiederholt wurde, nun denken?«: diese Diskussion hier war mir Anlaß, über Dinge nachzudenken, über die ich in dieser Ausführlichkeit bisher noch nicht nachgedacht hatte; ich fragte zuerst, weil ich einfach neugierig war auf „spezifisch deutsche“ Kulturmerkmale jenseits der Sprache; daß keine Antwort kam, wunderte mich zunächst; inzwischen bin ich, wie gesagt, froh darüber – je länger ich also darüber nachdenke, desto stärker wächst in mir die Überzeugung, daß die Abwesenheit einer staatlich festgesetzten „Leitkultur“ eines der Hauptmerkmale der heutigen deutschen (und eben gleichzeitig auch europäischen) Kultur sein könnte…



      Detail am Rande: in Österreich gilt seit vorgestern das AGesVG. Die am Sonntag aus Dubai anreisenden Passagiere (die noch verhüllt in das Flugzeug eingestiegen waren) wußten offenbar Bescheid – keine einzige dieser Frauen trug Burka oder Nikab. Eine Asiatin allerdings mußte ihre Grippemaske abnehmen, weil sie kein ärztliches Attest mit sich führte. Und erste Anzeigen und Abmahnungen gab es am Rande eines vor dem Parlament abgehaltenen „traditionellen Clownspaziergangs“ (Verhüllungen »im Rahmen künstlerischer, kultureller oder traditioneller Veranstaltungen« bleiben erlaubt).
      Dieses AGesVG, auf das ich persönlich nicht gerade stolz bin (auch wenn ich wirklich kein Freund der Gesichtsverschleierung bin), ist eine Frucht der österreichischen, nicht aber der spezifisch österreichischen Kultur (denn ähnliche Gesetze gelten auch anderswo); wohin sich die spezifisch deutsche Kultur diesbezüglich entwickelt, scheint noch nicht endgültig entschieden zu sein.

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    14. Ich persönlich kann an Musik und Gesang nichts spezifisch künstlerisches oder kulturelles ausmachen; ich sehe in Musik und Gesang nichts weiter als gesellschaftliche Normen und Vereinbarungen, wo jeder mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (Klopfen, Jaulen, Staubsauger, Föhn, Motorrad) die Luft in Schwingung versetzen kann und eine einfache Mehrheit darüber befindet, was angehört wird und was nicht.
      Ich wüsste auch nicht, was daran so schlimm sein sollte!

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    15. @ Ingrid,

      ich als anonym versichere, dass es wieder nur die verdammte Vergesslichkeit war. Aber auch ohne Zusatz "jenseits der Sprache" ändert die Argumentation nicht ihre Zielrichtung, bzw. das Gesagte nicht seine Bedeutung.

      Die zentrale Frage ist wohl, ob das "Schlimme" das "spezifisch Deutsche" ist, welches angeblich ohne Verbindung mit der Sprache nicht identifizierbar ist und daher nicht existiert, da richtigerweise Lärm und Gejaule nicht einem bestimmten Volk oder Weltgegend zuordenbar sind?
      Oder aber, ob diese "spezifisch deutsche" Kultur diejenige ist, die es einem Teil der Deutschen, Österreicher, Schweizer, Südtiroler usw. usw. verunmöglicht, eigenen Gesang, eigene Musik, eigene Kunst, Lebensart, Tradition usw usw usw usw von den entsprechenden Lebensäußerungen anderer Menschen außerhalb ihres Hauptsiedlungsgebietes zu unterscheiden?

      Stephan liegt richtig, sich an Normen haltende Lärmmacher schaffen auch keine Kultur, zumindest keine - so wage ich wiederum zu behaupten - die spezifisch deutsch wäre, und darüber hinaus auch in Bezug zu etwas anderem stünde, als bloß zur deutschen Sprache.

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    16. Guten Morgen, Ihr beiden.

      Ihr überrascht mich. Das hätte ich nun doch nicht erwartet.

      Die Art, wie Ihr von »Klopfen, Jaulen, Staubsauger, Föhn, Motorrad« oder »Lärm und Gejaule« schreibt, erinnert mich an den Prawda-Artikel über eine Aufführung von Schostakowitschs Oper Lady Macbeth von Mzensk im Jahre 1936. Oder an eine gewisse Ausstellung in München, zwei Jahre später…

      Nein, @ Stephan, hier und heutzutage sind Musik und Gesang nicht »gesellschaftliche Normen und Vereinbarungen«. Die Komponisten sind an nichts als ihre Inspiration gebunden; sie komponieren individuell, wie sie selbst es für angebracht halten, und sie lassen sich weder vorschreiben, welche Instrumente sie verwenden müssen oder nicht verwenden dürfen, noch lassen sie sich, @ Rudolf, auf die Leitkultur ihres »Hauptsiedlungsgebietes« festlegen.

      Das war nicht immer so.
      Ich denke an den als „diabolus in musica“ verbotenen Tritonus; an die docta sanctorum pratum von Papst Johannes XXII gegen die „Ars Nova“; an den Erzbischof von Salzburg, der sich über die „gewaltig vielen Noten“ Mozarts beschwerte.

      Ich denke an die strengen Regeln von Harmonielehre und Kontrapunkt, an die Überwindung der Tonalität und damit der „Herrschaft“ des Grundtones durch Josef Matthias Hauer und Arnold Schönberg – und an die Überwindung auch der Zwölftonmusik durch noch spätere Komponisten...

      Ich denke an das Zeitalter des Absolutismus, das die Blütezeit der Polyphonie beendete; an das Verbot des Walzers (und, über ein Jahrhundert später, an seine Förderung als Bestandteil des politischen Programms »zur Ausgrenzung des Undeutschen«) - - - und ich denke natürlich an die Kulturschaffenden in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts…

      Heute sind wir bei der Freiheit der Kunst und damit auch der Musik angelangt – nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten Europäischen Union.
      Darüber bin ich sehr froh, und dahinter will ich nicht zurück.

      Einen schönen Tag wünsche ich!

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    17. @ Ingrid,

      ganz klar wäre das ein Idealzustand, wenn die Kunst (als Bestandteil von Kultur) frei wäre, wie auch gesetzlich verankert. In der Praxis gibt es aber, vor allem in entwickelten Industrienationen, eine sowohl öffentliche wie auch private Förderung von Kunst. Dadurch ist diese sicher nicht frei, sondern direkt oder indirekt gelenkt und beeinflusst. So wie die Kunst in Europa über Jahrhunderte durch die Kirche maßgeblich geprägt, gelenkt und finanziert wurde. Das ist das Eine.

      Das Andere ist die Tatsache, dass Kultur viel mehr mit tradierten Werten, Gefühlen und Empfindungen die in den Menschen generationenübergreifend leben zu tun hat, als wir gemeinhin glauben.
      In diesem Sinne kann auch beispielsweise auch moderne Kunst beeinflusst sein, im Sinne einer Reaktion auf nicht mehr verinnerlichte Tradition sein.

      Hinzu kommt, dass auch wenn Kunst- und Kulturschaffende wirklich frei wären, die Tatsache, dass sie nicht wie du schreibst nur an ihre Inspiration gebunden sind, sondern - auch wenn sie sich bewusst nichts vorschreiben lassen - bewusst, unbewusst oder sehr oft aus reinem tief in der Seele sitzenden Empfinden Leitkultur verkörpern, ja sogar verkörpern wollen und dieser somit zu weiteren Ausstrahlungen verhelfen.

      Die gesamte Entstehung, Wirkung und Bestehen von Kultur einzig und allein an der Sprache als verbindende und erzeugende Ebene festmachen zu wollen, bedeutet im Grunde die Umkehrung ihrer Entstehungs- und Wirkungsprinzipien.

      Deutsche Kulturträger und an der deutschen Kultur schaffende sind demnach sicherlich weder zwangsläufig deutsch sprechende Menschen, noch solche, die sich bewusst auf die "Leitkultur ihres Gebietes" festlegen lassen. Wenn schon, sind sie von dieser beeinflusst, strahlen sie diese aus, prägen sie, aufgrund von Wirkungsmechanismen die sich rational nicht fassen lassen.

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    18. @ Anonym,

      natürlich hast Du recht — vollkommene Freiheit ist hier auf Erden wohl auf keinem Gebiet zu erreichen.
      Selbstverständlich gibt es sowohl „unkünstlerische“ (finanzielle Förderungen, Netzwerke, Publikumsgeschmack…) als auch kulturelle Einflüsse – wie Du sagst: tradierte Werte, Gefühle und Empfindungen, die in den Menschen generationenübergreifend leben, Reaktion auf nicht mehr verinnerlichte Tradition (Nietzsches „Gott ist tot“ wäre ohne das Christentum nicht denkbar)…

      Aber es ist doch ein gewaltiger Unterschied, ob man im Nachhinein feststellt, was bisher Leitkultur gewesen ist, oder ob man versucht, eine „Leitkultur“ für die Zukunft festzuschreiben.
      Insofern freue ich mich mit Aydan Özoğuz, daß die „15 Thesen zur Integration“ auf den Begriff „Leitkultur“ verzichten.
      Was in der Zeit, in der wir heute leben, „Leitkultur“ ist, werden wohl erst spätere Generationen erkennen können.

      Du sagst:

      Ja. Genau deshalb meine ich, daß man heute gelebte Kultur - jenseits der Sprache - nicht gut „spezifisch deutsch“ nennen kann.
      Oder meinst Du, bei von der deutschen Kultur beinflußten Menschen, die gar nicht, oder doch: nicht nur deutsch sprechen, wirkten dennoch ausschließlich Einflüsse der „spezifisch deutschen“ Kultur?

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    19. :-) Oh --- ich sehe, mein Zitat aus Deinem posting ist beim Absenden rätselhafterweise verschwunden.
      Ich meinte dieses:
      »Deutsche Kulturträger und an der deutschen Kultur schaffende sind demnach sicherlich weder zwangsläufig deutsch sprechende Menschen, noch solche, die sich bewusst auf die "Leitkultur ihres Gebietes" festlegen lassen. Wenn schon, sind sie von dieser beeinflusst, strahlen sie diese aus, prägen sie, aufgrund von Wirkungsmechanismen die sich rational nicht fassen lassen.«

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    20. @ Ingrid,

      ich meinte, dass auch Menschen, die der deutschen Sprache gar nicht mächtig sind, sich mit deutscher Kultur identifizieren können, diese als Lebensleitlinie angenommen haben können, verinnerlicht haben können, deutsche Kultur ausstrahlen können, Träger deutscher Kultur sein können und - weil eben so unendlich viel zu einer deutschen Kultur gehört, dass man es wohl kaum in einem Blogbeitrag auch nur annähernd erschöpfend beschreiben könnte - auch ihre ganze Lebensessenz von dieser durchdrungen und geprägt sein kann.

      Dies als Hinweis, dass es einfach nur sinnlos reduktiv und daher zutiefst unrichtig ist, deutsche Kultur (nur) an der deutschen Sprache festmachen zu wollen. Ich bleibe dabei, es ist geringschätzend, beleidigend und rassistisch, vor allem wenn man ergänzend dazu sagt, ganz ohne Belege, sich bei anderen Kulturen nicht sicher zu sein, ob es sich dort nicht genauso verhält. Denn sonst könnte man ja noch mit einem gewissen Recht ins Feld führen, dass man seinem Urteil eben nur einen anderen Kulturbegriff zugrunde legt, als den mit Sicherheit von der Mehrheit verinnerlichten.

      Deutsche Kultur hat sich hauptsächlich im Hauptsiedlungsgebiet deutscher Muttersprachler entwickelt, das ja. Aber nicht aus sich alleine heraus, sie ist, so wie fast jede Kultur weltweit, auch aufgrund von unendlich vielen Einflüssen anderer Kulturen (und auch Sprachen, denken wir an die unendliche Zahl an romanischen und auch anderen Sprachen entlehnten Wörtern in der heutigen deutschen Sprache) zu dem geworden was sie ist.
      Deutsche Kultur ist unendlich viel mehr, als etwas, das man nur im Zusammenhang mir der Sprache in ihrem Entstehungsgebiet sehen und deuten kann.

      Ich stimme mit dir überein, dass man nicht "für die Zukunft" bestimmen kann, was deutsche Leitkultur zu sein hat.
      Genauso wie es aber ein geistiges Verbrechen wäre, wenn wir "bestimmen" würden, die heute noch bestehende deutsche Kultur "abzuschaffen", bzw. in einer europäischen aufgehen zu lassen. Beide existieren und wirken nebeneinander und ineinander. Ich hoffe doch sehr im gleichberechtigten Sinne.
      Die Geburt und der Tod von Kulturen sind im geistigen Sinne betrachtet, schicksalshaft für ihre Träger, d.h. durch Menschen zwar beeinflusst, aber dennoch nicht vorherbestimmbar.

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    21. @ Anonym,

      Es kann keine Rede davon sein, »die heute noch bestehende deutsche Kultur "abzuschaffen"«, und es geht auch nicht darum, sie »in einer europäischen aufgehen zu lassen« im Sinne eines anscheinend von Dir befürchteten „Einheitsbreis“.
      Wie schon Rudolf Steiner (Philosophie der Freiheit, Kapitel Individualität und Gattung) sagte: Von allem „Gattungsmäßigen“ (»Rasse, Stamm, Volk, Familie, männliches und weibliches Geschlecht«) macht sich der Mensch nach und nach frei.
      Und so wird Kultur heutzutage, zumindest meinem Eindruck nach, immer individueller; Künstler kümmern sich immer weniger darum, welcher Nation ihre Kunst angehören mag, sondern verschmelzen die Einflüsse, denen sie schicksalsmäßig ausgesetzt sind oder die sie aktiv aufsuchen, jeweils zu etwas ganz Neuem, das sich – so es sich nicht dezidiert um Folklore handelt – nicht mehr als „spezifisch national“ etikettieren läßt.

      Vor einigen Jahren hatte ich Kontakt mit einen Ägypter, der sich intensiv mit Rilke befaßte (selbstverständlich sprach er sehr gut Deutsch); er übersetzte Rilkes Gedichte ins Arabische und dann wieder zurück ins Deutsche (er nannte es eine „volle Drehung“). Es war sehr interessant, dem Unterschied zwischen Rilkes Original und der aus dem Arabischen zurückübersetzten Nachdichtung nachzuspüren. Aber: das daraus entstandene Gedicht würde ich, obwohl es in deutscher Sprache abgefaßt ist, nicht mehr als „spezifisch deutsch“ bezeichnen.

      Oder nehmen wir Massenets „Werther“, Gounods „Faust“ oder Boitos „Mefistofele“, die alle ohne den (wohl unumstritten spezifisch deutschen) Dichter Goethe nicht möglich gewesen wären. Würdest Du sie etwa als „spezifisch deutsche“ Opern bezeichnen? Ich selbst dann nicht, wenn sie (wie früher hierzulande üblich) in deutscher Übersetzung gesungen würden...

      Und:
      »dass auch Menschen, die der deutschen Sprache gar nicht mächtig sind, sich mit deutscher Kultur identifizieren können, diese als Lebensleitlinie angenommen haben können, verinnerlicht haben können, deutsche Kultur ausstrahlen können, Träger deutscher Kultur sein können und … auch ihre ganze Lebensessenz von dieser durchdrungen und geprägt sein kann«
      Also, ich tu mir schwer, mir Menschen vorzustellen, die die deutsche Kultur in der von Dir geschilderten Weise verinnerlicht haben, ohne der deutschen Sprache mächtig zu sein.
      Kannst Du da Beispiele nennen?

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    22. @ Ingrid,

      selbstverständlich ist die Bestimmung des Menschen die Entwicklung hin zur Freiheit, nicht nur nach Steiner. Trotzdem kann aber - zu Ende gedacht - niemals jeder Mensch seine nur noch ihm eigene Kultur entwickeln und verkörpern, das wäre unsinnig. Richtigerweise sollte eine positiv wirkende Kultur etwas Verbindendes haben. Wo es aber etwas zu Verbindendes gibt, gibt es nun mal auch Andersartigkeit, in diesem Fall also spezifische und unterschiedliche Kulturen, das ist gar nicht anders vorstellbar.
      Anscheinend dreht sich unsere Diskussion im Kreis, weil du einen völlig anderen Kulturbegriff hast. In jeder spezifischen Kultur, auf jeder denkbaren Ebene wirkt das Geistige, die "geistige Welt". Aber eben nicht nur auf die Gegenwart bezogen, sondern auch aus der Vergangenheit heraus und in die Zukunft hinein gerichtet. In der Kultur können sozusagen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Einheit bilden. Der Volksmund sagt ja bezeichnenderweise, "wer nicht weiß (oder beachtet) woher er kommt, kann auch nicht wissen, wohin er geht".

      Jede Kultur ist mehr als nur Kunst, Dichtung usw... Eindeutig dazu gehören auch z.B. der "Volkscharakter", Traditionen, Sitten, Gebräuche, Umgangsformen, die "Lebensart", die Art der zwischenmenschlichen Beziehungen, wie Freundschaften gepflegt werden und dgl. mehr.
      Jeder Geschäftsmann weiss z.B., dass wenn er mit ausländischen Geschäftspartnern in Beziehung treten möchte, er nur dann erfolgreich sein wird, wenn er spezifische kulturelle Besonderheiten der Partner anerkennt und berücksichtigt, auch innerhalb Europas. Die "Handschlag-Qualität" z.B. hat sicher in Sizilien eine andere Bedeutung (auch im Sinne eines geistigen Hintergrunds) als in Deutschland. Das gehört auch zum Kulturverständnis.
      Du fragst nach einem Beispiel eines Trägers deutscher Kultur der nicht deutsch spricht? Vielleicht kann ein umgekehrtes Beispiel eher dazu beitragen, nur mal diese Möglichkeit plausibel erscheinen zu lassen. Nach WK2 breitete sich in D rasant der Jazz aus, fast in jedem Kuhdorf gab es einen Jazz-Club. Verkörperten in der Folge nicht ganze Generationen deutsch sprechender Anhänger dieser Musik-Gattung eine (importierte) amerikanische Kultur?
      Es ist uns, so sehe ich das, durch jahrzehntelange Propaganda gehörig ausgetrieben worden, uns auch nur vorzustellen, dass deutsche Kultur überhaupt irgendeine Wirkung auf andere Kulturen oder Sprecher anderer Muttersprachen haben könnte (oder praktisch haben dürfte). Das ist das Problem.
      Wegen dieses "Scheuklappen-Effekts also hier vielleicht lieber ein auf Österreich gemünztes Beispiel:
      Im Jahr 2011 (!!) reiste anlässlich der Feierlichkeiten zur Beisetzung Otto von Habsburgs in Wien eine Schützenkompanie aus dem "Trentino" an (Ein zu 99,9% von ca. 550.000 italienischen Muttersprachlern besiedeltes, bis 1919 zur Donaumonarchie und seit damals zu Italien gehörendes Gebiet).
      Der Kommandant hielt auf italienisch (des Deutschen war er nicht mächtig) einen simultan ins Deutsche übersetzten Vortrag mit dem Titel "Storia del Trentino, dall'occupazione italiana ad oggi" (Geschichte des Trentino, von der italienischen Okkupation bis heute).
      Nicht dass du jetzt denkst ich hätte irgendwas mit monarchistischen Umtrieben am Hut, auch ich finde diese italienischen "Schützen" so ziemlich aus der Zeit gefallen. Aber ich habe tiefen Respekt vor ihrer kulturellen Identität, vor dem was in ihrem Innern lebt. Sie pflegen sehr an Tirol und Kärnten erinnernde Trachten, Traditionen, Bräuche und Lebensgewohnheiten. Obwohl schon ihre Großväter italienische Bürger und Sprecher waren, sie empfinden heute noch das Ausscheiden ihres Siedlungsgebietes aus Österreich als "italienische Okkupation", blicken heute noch nach Österreich und sind kulturell eindeutig Österreicher, die Sprache ist hier völlig unerheblich.

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    23. @ „Anonym“,

      es kann schon sein, daß wir unterschiedliche Kulturbegriffe haben.
      Nun könnten wir viel darüber diskutieren – zum Beispiel über den Unterschied zwischen Folklore und Weltkultur; darüber, ob der weiße Komponist George Gershwin auch heute noch fordern würde, seine Oper Porgy and Bess dürfe nur von Schwarzen aufgeführt werden; darüber, wie es kam, daß wir hier in Europa den Jazz heute nicht mehr als spezifisch afro-amerikanisch (früher häufig als „Negermusik“ bezeichnet) empfinden, sondern, wie es in der wikipedia heißt, »im Hinblick auf seine künstlerische Bedeutung häufig als amerikanisches Pendant zur klassischen europäischen Musik«. Darüber, ob wir Georg Friedrich Händels englische oder italienische Opern als spezifisch deutsch empfinden, oder nicht doch eher (wie ich) als spezifisch Händel, und zur europäischen Musik gehörig - - - es ist ein weites Feld, und mir fehlt die Zeit (und, ehrlich gesagt, auch die Lust), das alles hier mit Dir abzuhandeln.

      Daher (für mich abschließend) nur noch soviel:
      Ich verstehe unter Kultur - im Gegensatz zu „Natur“ - alles vom Menschen Gestaltete.
      Die Natur unterliegt den Naturgesetzen, und der Mensch tut gut daran, damit zu rechnen, daß diese von ihm nicht abänderbaren Naturgesetze auch in Zukunft Geltung haben werden.
      Auf dem Gebiet der Kultur ist das anders: sicherlich lassen sich im Nachhinein Gesetzmäßigkeiten erkennen. Und sicherlich wirken auch hier „Naturgesetzmäßigkeiten“ in gewissem Sinne mit hinein. Aber, wie schon erwähnt: Von der Naturgrundlage des „Gattungsmäßigen“ macht sich der Mensch nach und nach frei.
      Inwieweit „spezifisch nationale Gesetzmäßigkeiten“ auch für die Zukunft Geltung haben, das ist also noch nicht entschieden. Hier ist das Gebiet der menschlichen Freiheit.

      Vielleicht können wir uns ja darauf einigen, daß sich zwar im Nachhinein, in Bezug auf die Vergangenheit, nationale/regionale „Leitkulturen“ feststellen lassen, daß es aber keine für die Zukunft festgeschriebene „Leitkultur“ geben kann?
      Denn nur darum, um „Leitkultur“ als „ideologischen Kampfbegriff“ für die gegenwärtige und zukünftige Entwicklung, ging es schließlich in Frau Aydan Özoğuz’ so heiß umstrittenen Satz...

      Noch einen schönen Tag!
      Ingrid

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    24. Liebe Ingrid,

      meine Weigerung spezifische Beispiele für die deutsche Kultur zu bringen, entsprang genau denselben Bedenken, die du auch angeführt hast. Es ist selbstverständlich sinnlos, darüber zu diskutieren, ob z.B. Mozart nun ein Aushängeschild für eine deutsche, österreichische, europäischer Kultur oder eine Weltkultur ist.
      Er ist sicher alles in einem. Da gibt es verschiedene sich überlagernde Ebenen von Kulturauffassungen und -definitionen, wo jede ihre Berechtigung hat.
      Aber aus dieser Erkenntnis abzuleiten, es gäbe keine deutsche Kultur (jenseits der Sprache) ist abwegig. Genau da liegt Frau Özoguz einfach falsch, zumal ein derartiger Ausspruch einiges an negativ ausgerichteter Emotionalität durchscheinen lässt.

      Selbstverständlich kann Kultur oder auch Leitkultur nur auf die Vergangenheit oder die Gegenwart bezogen sein. Niemand kann hellsehen, bzw. vorhersehen ob eine deutsche Kultur auch in Zukunft noch existent sein und Einfluss auf andere Kulturen haben wird. Das liegt - zumindest teilweise - auch in der Verantwortung und in der Freiheit ihrer heutigen Kulturträger, da stimme ich überein, das ist sehr richtig!

      Wenn man aber Frau Özoguzs Ausspruch vom Rassismusvorwurf befreien möchte, sollte man , wie ich meine, nicht mit spitzfindiger Rabulistik ausweichend anführen, es sei ihr um den Charakterisierung einer nicht an die Sprache gebundenen Kultur einer "Region" im weiteren Sinne gegangen, welche sie wiederum nicht geleugnet habe.
      Wenn davon auszugehen ist, dass eine Mehrheit der in der hauptsächlich von deutschsprechenden Menschen bewohnten "Region" eine (auch nur umgangssprachlich) als "deutsche Kultur" bezeichnete Kultur für existent und in ihrer Existenz für berechtigt hält, dann ist und bleibt der Ausspruch Frau Özoguzs rassistisch. Es sei denn, man würde klar anführen, dass dieses Urteil nach demselben Argumentationsschema allgemein und auf jede x-beliebige nationale Kultur auch anwendbar wäre.
      Also wenn man klar dazusagen würde, dass auch eine Meinung im Sinne von.... auch eine "türkische Kultur" ist "jenseits der türkischen Sprache nicht identifizierbar", .... nicht rassistisch sei.

      Eine Aussage aber, man kenne die türkische Kultur nur zu wenig, um sich hier analog positionieren zu können, reicht in diesem Zusammenhang leider nicht aus. Diese würde einzig und allein antideutschen Rassismus widerspiegeln.

      Dir auch noch einen schönen Tag!
      "......"

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  4. „Ja, die "Instrumentalisierung des Andersartigen" ist in der Tat das eigentliche Problem, weil es das stärkste Element zur Findung von Identität ist- die Abgrenzung schafft den gefühlten Innenraum, die Sphäre des Ego, aber auch die Sphäre des Nationalismus.“ (siehe Michael - 27.09.2017 um 15:26 MESZ)
    Und diese Instrumentalisierung des Andersartigen ist etwas, das tagtäglich, stündlich und, ohne dass wir das so recht zu bemerken scheinen, non-verbal beinahe fortlaufend geschieht. Auch hier. Wir arbeiten uns ab in „Aber-Haltungen“ in Bezug auf das Sagen des anderen Menschen, anstatt „vorteilsfrei bemüht“ in innerer Teilhabe die Gedankengänge dieses Menschen „über das eigene Vermeinen hinaus“ mit- und fortzudenken.
    Spezifisch deutsche Kultur drückt sich im Tiefgang ihrer Sprache aus, in der inneren freilassenden und wertschätzenden Haltung mit der über die Sprache ein Austausch gepflegt wird. Mäkeln lässt sich leicht, vor allem aus der Anonymität heraus.
    Verantwortlichkeit für die deutsche Kultur zeigt sich in meinen Augen daran, ob „ich“ dies in meinem „eigenen Namen“ zu tun bereit bin. Auf diesen Mut kommt es an.

    Bernhard Albrecht

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