Wenn Linke mit Rechten reden und Rechte mit Linken leben - Was ist dran am Smarties-Dogma?


Ingrid Haselberger

Immer mehr Menschen empfinden in letzter Zeit, daß unsere Gesellschaft gespalten ist. Man meint zwei „Fronten“ wahrzunehmen, die oft mit den althergebrachten Bezeichnungen „die Rechten“ und „die Linken“ benannt werden.
In vielen Diskussionen (nicht zuletzt auch hier im Blog) scheinen diese beiden „Fronten“ einander unversöhnlich gegenüberzustehen: man wirft reflexartig mit stereotypen Argumenten hin- und her, findet allerlei despektierliche Bezeichnungen füreinander oder macht dem jeweiligen Gegner Therapievorschläge - - - bis man sich schließlich frustriert voneinander abwendet und jeweils die eigenen Vorurteile (daß man eben mit „denen“ nicht wirklich reden kann) bestätigt findet.

Dazu sind vor kurzem zwei sehr unterschiedliche Bücher 1) erschienen, die – jeweils von ihrem Standpunkt aus – versuchen, ein wenig Farbe in dieses traurige Schwarz-Weiß zu bringen. Ich habe alle beide mit großem Vergnügen gelesen. Die insgesamt fünf Autoren nähern sich ihrem Thema mit Humor, Freude an pointierten Formulierungen und - ja, wirklich! - liebevollem Augenzwinkern. 2)

Der fundamentale Unterschied laut wikipedia (vgl. die jeweils ersten Sätze der Artikel): Während die politische Linke von der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen ausgeht und sich daher die »Aufhebung von Ungleichheit und als Unterdrückung begriffenen Sozialstrukturen, zugunsten der wirtschaftlich oder gesellschaftlich Benachteiligten, zum Ziel« gemacht hat, betont die politische Rechte die prinzipielle Verschiedenheit der Menschen und »befürwortet oder akzeptiert daher eine gesellschaftliche Hierarchie.«

Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfeld (von der hier im Blog schon die Rede war) formulieren das in ihrem Buch »Mit Linken leben« (MLL) auf ihre Weise (und lassen ahnen, daß es ihnen nicht nur um Unterschiede zwischen individuellen Menschen geht, sondern auch um Gleichheiten innerhalb gewisser Menschengruppen):
Während die Linke andauernd von »Vielfalt« redet, will sie von echten, konkreten Unterschieden zwischen Menschen nichts wissen – seien diese kultureller, religiöser, biologischer, ethnischer, nationaler, geschlechtlicher oder politischer Art, auf der individuellen ebenso wie auf der kollektiven Ebene. Ihre Vorstellung von »Buntheit« und »Vielfalt« nennen wir das »Smarties-Dogma«: Ein »Smartie« ist eine Schokolinse mit einem knallbunten Zuckerguß; unterhalb dieser Schicht bestehen jedoch alle Smarties aus der gleichen Schokolade.
(MLL S 62)

Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn (die sich selbst allerdings ausdrücklich nicht als »Linke« sehen, sondern als »Nicht-Rechte«) verfolgen in ihrem Buch »mit Rechten reden« (MRR) einen anderen Ansatz:
Wir begreifen, so viel sei verraten, als »rechts« keine eingrenzbare Menge von Überzeugungen oder Personen, sondern eine bestimmte Art des Redens. […] Fast alle »rechten« Phänomene, mit denen wir es derzeit zu tun haben, lassen sich als Formen der Rede auffassen, genauer gesagt: der reaktiven Rede. Der rechte Diskurs reagiert auf eine demokratische Öffentlichkeit in der Krise.
Die strukturelle Dummheit von Talkshows und Meinungsforschung, eine von der Ausnahme zur faktischen Norm erhobene Große Koalition und das Internet als Medium der Meinungsbildung haben eine Diskussionskultur geschaffen, die sich vor allem durch zwei Merkmale auszeichnet: Nervosität und Erwartbarkeit. Und damit haben sie den Nährboden für Sprechweisen bereitet, die vor allem einen Zweck verfolgen: Störung.  
(MRR S 10f)

Die MLL-Autoren stimmen dieser Schlußfolgerung ganz unverhohlen zu – in ihrem abschließenden »Tugendkatalog« heißt es:
6. Es ist nicht die Hoheit über den Diskurs erstrebenswert, sondern seine Zerstörung!
(MLL S 318)

Es ist nicht meine Absicht, in diesem Aufsatz zu untersuchen, welches der beiden „Lager“ mit seinen politischen Vorstellungen inhaltlich recht hat – ob »rechts richtig und links giftig« ist, wie es in MLL heißt, oder ob es sich genau umgekehrt verhält (einige Gedanken dazu seien einem künftigen Aufsatz vorbehalten).
Ich werde vielmehr einzelne Zitate aus beiden Büchern einander direkt gegenüberstellen, um einerseits unterschiedlichen Stil und Sichtweisen der jeweiligen Autoren erlebbar zu machen und andererseits eine gewisse Spiegelbildlichkeit aufzuzeigen, die – trotz ihres unerschütterlichen Glaubens an die prinzipielle Verschiedenheit der Menschen – auch den beiden Autoren von MLL aufgefallen ist:
Wir haben uns erlaubt, ein paar Sätze aus dem Büchlein Aufstehen statt wegducken. Eine Strategie gegen Rechts von Bundesjustizminister Heiko Maas und seinem Ghostwriter Michael Ebmeyer zu entnehmen und ein wenig zu verfremden. Wo bei Maas »Rechte« stand, setzen wir »Linke« ein, und das Ergebnis paßt unheimlich genau. 
(MLL S 17)

Und in ihrer Betrachtung von Klaus-Peter Hufers Buch »Argumente am Stammtisch. Erfolgreich gegen Parolen, Palaver und Populismus« heißt es:
Die Einleitung zu diesem Kapitel verschafft uns ein inzwischen wohlbekanntes Erlebnis: Nahezu jeder Satz läßt sich problemlos umkehren und auf all die Situationen anwenden, in denen man als Rechter einer Übermacht von linken Parolen gegenübersteht: »Wer mit einer Stammtischparole [setze für unseren Gebrauch ein: Gutmenschen-, Antifa-, Gegen-Rechts-Parole] konfrontiert wird, der gerät sofort in die Defensive. Denn die Sprüche sind plötzlich und unerwartet da, selten ist man auf sie vorbereitet. Sie kommen aus der Mitte der Gesellschaft: am Arbeitsplatz, in der Straßenbahn, bei der Familienfeier, im Gespräch mit dem Nachbarn, im Taxi, beim Friseur, an der Ladentheke und selbstverständlich auch in der Kneipe.« […] Das Schlagwort »Stammtischparole« dient Hufer als eine Art Löschschaum, mit dem er jede politische Aussage, die ihm mißfällt, bannt und neutralisiert. »Stammtisch« findet nicht notwendigerweise am Stammtisch statt, sondern kann immer und überall sein. Der Unterschied zu unserer Lage ist, daß die »Sprüche« des Gutmenschentums für unsereinen nicht ganz so unerwartet kommen, eben deshalb, weil seine Geschwader quasi überall anzutreffen sind (außer im Safe Space unserer, äh, Stammtische).
Hufer weiter: »Es macht sich das fatale Gefühl breit, daß man auf die aggressiv daherkommenden Äußerungen zwar viele und gute Gegenargumente hätte, aber dann müßte man weit ausholen, Pro und Contra abwägen, eine differenzierte Sicht nahe bringen, Fakten heranziehen. Doch will der Parolenverkünder dieses überhaupt hören?« Danke, Herr Hufer! Sie haben treffend beschrieben, wie man sich als Rechter inmitten aggressiver linker Parolenschwinger fühlt!  
(MLL S 125f)

Die MRR-Autoren sehen »rechtes« Verhalten zunächst als Reaktion auf die anfängliche »Übermacht der Linken« – und zwar nicht nur reflexartig, sondern in vielen Fällen als ganz bewußte Spiegelung:
Mussolini imitierte Lenin vor dem Spiegel, als Noske auf Arbeiter schießen ließ; Goebbels studierte Eisenstein, als Adorno und Horkheimer zum Institutsfasching in SA-Uniformen erschienen; und als Andreas Baader mit Knarre und Tigerunterhose über die deutsche Autobahn raste, las Alain de Benoist mit roten Ohren Antonio Gramsci und Guy Debord. 
(MRR S 58)

Als Voraussetzung für die »rechte Erfolgsgeschichte« benennen sie das »ideologische Desaster der Linken« – und kommen dabei wieder auf den Spiegel zu sprechen, diesmal von der anderen Seite aus:
Die neue Linke […] hatte kaum noch etwas mit der alten zu tun. Sie war mehr Kind des Krieges als der Revolution. […] Der Zweite Weltkrieg hatte mit einem Triumph der Linken geendet. Aber […] sie triumphierte in einer Welt, die vom rechten Widerstand gegen die Revolution geformt worden war. Einer Welt aus Freunden und Feinden. […]
Die alte Linke hatte mit Karl Marx noch dialektisch und humanistisch gedacht. Sie kannte nicht nur die Stärken ihres Gegners, sie schätzte sie auch. Sie konnte Nein und Ja sagen. Nein zu den Ausbeutern, ja zu ihrer Bildungsidee. Nein zu den Produktionsverhältnissen, ja zu den Produktionsmitteln der Industriegesellschaft. Nein zum Bürgertum, ja zur Verbürgerlichung der Arbeiterklasse. Die Strategie der alten Linken bestand darin, den Gegner zu bekämpfen und sich dabei dessen Stärke anzueignen. Und genau das machte sie ideologisch stark.
Die neue Linke konnte dagegen nur noch Nein zu ihren Feinden sagen, so wie diese zu ihr. Aus einer Bewegung zur Emanzipation der Arbeiterklasse war eine Partei von Anti-Faschisten, Anti-Imperialisten und Anti-Kapitalisten geworden. Und genau das machte sie ideologisch verwundbar. Denn der geistige Preis für den Sieg war hoch. Um sich in der Welt zu behaupten, hatte die Linke ihre beiden größten Schätze, die Dialektik und den Humanismus, geopfert. Übrig blieb eine entkernte Ideologie, die nur notdürftig verhüllen konnte, wie sehr sie sich ihrem Feind angeglichen hatte. Die Linke dachte im Freund-Feind-Schema. Wie die Rechte. Sie behauptete sich selbst in einer Welt von sich selbst behauptenden Völkern und Nationen. Wie die Rechte. Und dann entdeckte sie auch noch die Unterschiede zwischen den Rassen, Kulturen, Religionen und Geschlechtern, die alle um die eigene Identität kreisen. Wie die Rechte.
Aus einem Gegner, dem die Linke ins Gesicht sehen konnte, war ein Feind geworden, dessen Züge sie fürchten musste, wenn sie selbst in den Spiegel sah. Ein kaum erträglicher Zustand, aus dem nur Selbsterkenntnis, eine Rückkehr zu Marx, und Erneuerung, eine Hinwendung zu Nietzsche und Hannah Arendt, herausgeführt hätten. Aber die Linke entschied sich für den Selbstbetrug. Statt das Denkschema eines nicht besonders denkstarken Feindes zu kritisieren, fügte sie sich ihm. Und schminkte es mit Moral. 
(MRR S 39ff)

Spätestens wenn es um den Islam geht, wird deutlich, daß die Zuschreibungen »Links=Gleichheit« und »Rechts=Individualismus« so nicht funktionieren:
Warum könnt ihr es nicht mit AKP, Salafismus, IS etc. als Quelle von Gefahren genug sein lassen? Warum muss es unbedingt der komplette Islam sein? Warum verwendet ihr so viel Mühe darauf, auch noch die letzte fromme Muslima, die nur irgendwo in Ruhe ihre Gebete verrichten will, dem Lager eurer Feinde zuzuschlagen?
Fällt euch auf, dass das Bild, das ihr vom Islam zeichnet, demjenigen des Islamischen Staats und anderer Fundamentalisten zum Verwechseln ähnlich sieht? Ihr unterstellt theoretisch genau das, was diese Fundamentalisten gerne in der Praxis sähen – einen einheitlichen Islam als handelnde Einheit. 1,7 Milliarden Gläubige zwischen Neuguinea und Marokko, regional sehr unterschiedlich und oft nur rudimentär organisiert – aber für euch ein kompakter geschichtlicher Akteur. 
Die gläubigen Muslime, vor denen ihr euch so fürchtet, sind euch ironischerweise in vieler Hinsicht ähnlich. Sobald sie ihren Glauben radikal ins Politische wenden, tun sie exakt das, was ihr unzerbeißbaren Kirschkerne im Mund der Gesellschaft auch tut, wenn ihr eure persönlichen Ansichten zum Maßstab erklärt: Sie setzen das, was für sie unbedingt gilt, für alle anderen absolut. Ihr könntet euch ineinander erkennen. Das wäre ein Gesprächsthema, das uns sehr interessieren würde: Erkennt ihr, dass sie euer Spiegelbild sind? 
(MRR S 119f)

Die Autoren von MLL sehen den Islam zwar grundsätzlich als »paradoxen Verbündeten der Progressiven« (MLL S 83), stimmen der obigen Argumentation in MRR aber implizit zu, wenn es heißt:
Als Rechte respektieren wir so manche »konservativen« Züge des Islams, die ihm heute eine gewisse Überlegenheit über die westliche Dekadenz und den liberalen Individualismus verleihen (was sich besonders in den Geburtenraten niederschlägt) […] 
(MLL S 170)

Die erwähnten von den »Rechten« respektierten »konservativen Züge des Islam« finden sich im Kapitel Womit man Linke »triggern« kann:
[…] gibt es eine ganze Reihe von spezifischen Ansichten und Präferenzen, mit denen man sein Publikum, je nach Milieu und Zusammensetzung, aufs Schönste »triggern« und ärgern kann. Hier eine unvollständige Liste in loser Folge (alle genannten Beispiele sind wirklichkeitserprobt):
Wenn man etwa der Ansicht ist, daß die meisten Frauen als Mütter und Hausfrauen wesentlich glücklicher wären, als sich dem Zwang unerfüllbarer feministischer Ideale zu unterwerfen;
wenn man der Ansicht ist, daß die traditionellen Geschlechterrollen auch in der modernen Welt sinnvoll sind und große Vorteile für Männer, Frauen und Kinder bieten, wenn sie passend modifiziert und gut erfüllt werden;
[…]
wenn man für Kopftuch- Schleier- und Burkaverbot ist;
wenn man andererseits findet, daß auch westliche Damenbekleidung wieder geziemender werden sollte und die Finessen der weiblichen Kopfbedeckung der Wiederentdeckung harren;
wenn man der Ansicht ist, daß Gewalt so manche Probleme löst (sie hat immerhin Wien von der Türkenbelagerung befreit und Helms Klamm vor Saurons Armeen gerettet);
[…] 
(MLL S 52)

Das von den »Rechten« vertretene Paradigma der »traditionelle Geschlechterrollen« kommt deutlich zum Ausdruck im heiteren Kapitel Patriotship.de: Partnersuche für Rechte (MLL S 253ff), in dem der angebliche Verlust der »Männlichkeit« der linken Männer thematisiert wird:
Bei Schnecken können dieselben Individuen Weibchen oder Männchen oder beides zugleich sein, je nach Paarungsgelegenheit. […] 
Linke Männer sind Schnecken, weil sie sich weder trauen, ihre eigenen Erwartungen noch die der Frauen voranzustellen. […]
Daß es auf dem linken Ufer offenbar einen wachsenden Bedarf an verlorener Männlichkeit gibt, läßt sich aus einem »Manifest« der Journalistin Hannah Lühmann (1987) mit dem programmatischen Titel »Warum haben linke Männer keine Eier?« (welt.de, 20. Juni 2016) entnehmen: »Die Männer müssen ihre Körper zurückerobern. […] Wo ist der wilde linke Mann? Der Pöbelmann? Der Sehnsuchtsmann? […] die Reaktion frißt unsere Männer. Nehmt das, ihr Gender-Feministinnen, der Mann, er eiert noch, der Mann, er reitet wieder, der Mann, er kämpft.« Der Linke, so er kein gewaltbereiter Antifant ist, sei beleidigt, »weil ihm die prolligen Strahlo-Männer die Schau stehlen. Er ist so beleidigt, daß er sich noch nicht einmal eingestehen kann, daß er beleidigt ist, er sagt stattdessen: „Das ist ein archaisches Geschlechterbild, da sollen wir auf gar keinen Fall hin zurück.“«
Manche linke Frauen haben gelegentlich Glück und werden überwältigt vom Thymos rechter Männer, die sie wirklich verteidigen wollen und die auch körperlich dazu in der Lage sind, die einen Ehrbegriff haben und wissen, was auf dem Spiel steht. Männer, die keine Scheu haben, auf Frauen zuzugehen, und genderlosen Schnecken sind. […] Da hat sich eine Frau in einen wirklich männlichen Typen verliebt, liegt ihm zu Füßen, himmelt ihn an, ihr inneres Bild vom Alphamännchen ist perfekt. Doch irgendwann haut die Mehrheitsgesellschaft brutal rein in die Liebesszene: der Mann ist ein sozialer Outcast, ein Problem- oder sogar Schadbär, die junge Dame muß sich womöglich rechtfertigen oder gar distanzieren. […]
Die heutige Linke, verstrickt in einen »intersektionalen« Antidiskriminierungskanon, zu dessen fixen Bestandteilen Feminismus, Schwulenkult und Genderismus zählen, hat sich zum Feind männlicher Prinzipien und zum Agenten der Feminisierung der Männer gemacht.
(MLL S 255ff)

Das wissen offenbar auch die »Linken« – ein paar Seiten später erzählt Caroline Sommerfeld eine Anekdote aus ihrem Leben:
Ich entsinne mich besonders eines Gesprächs mit einem befreundeten (und nunmehr entfreundeten) Psychoanalytiker […]
Ich darf aufzählen, was ich allein an diesem Abend alles war, allein durch meine Konversion nach rechts: mehrere Male »hysterisch«, einer »Masche« aufgesessen, es sei »schade« um mich als Intellektuelle und Freundin […], ich hätte irgendetwas ganz Tiefenpsychologisches nicht ganz aufgearbeitet (er könne mir gern dabei helfen), sei sexuell frustriert (danke, mein Mann saß daneben) und suchte mir jetzt in der rechten Szene Kompensationsobjekte. 
(MLL S 299)


Insgesamt finde ich sehr viel Übereinstimmung in diesen beiden Büchern.
Zum Beispiel darüber, daß weder »Rechte« noch »Linke« in reiner, ungemischter Form existieren:
Das Hilfsangebot eines Ratgebers sollte eine Frage betreffen, die unmissverständlich genug ist, um in Form eines nüchternen How-to-do-Titels benannt zu werden: Wie man ein Aquarium einrichtet. Wie Sie bei Ihrem Chef mehr Gehalt rausschlagen. Wie Sie Ihr Moppel-Ich lieben lernen usw. […]
Nun heißt unser Buch aus guten Gründen nicht: Wie man mit Rechten redet. Denn das würde ja voraussetzen, eine »man« und eine »Rechte« genannte Gruppe ließen sich ebenso deutlich voneinander unterscheiden wie Untergebene und Chefs oder Sie und Ihr Moppel-Ich. Weil das aber nicht möglich ist, haben wir es gar nicht erst versucht. 
(MRR S 9f)

und:
[…] da es uns vor allem auf die alltägliche, zwischenmenschliche, soziale Ebene ankommt, werden wir rasch entdecken, daß es »Linke« und »Rechte«, die nur links oder nur rechts sind, im strengen Sinne kaum gibt, nicht einmal unter den dezidiert politisch Engagierten.  
(MLL S 33)

Oder darüber, daß es sich mit »Gleichheit« und »Ungleichheit« komplizierter verhält, als es zunächst den Anschein hat:
»Wer Gleichheit sagt, sagt auch Ungleichheit«, konstatiert Niklas Luhmann in seinem rechtstheoretischen Aufsatz »Der Gleichheitssatz als Form und als Norm«(1991). »Und wenn es gelänge, alle Menschen in jeder Hinsicht gleich zu behandeln? Dann würde die Ungleichheit im Verhältnis von Mensch und Nichtmensch entsprechend zunehmen; und praktisch würde jede die Gesellschaft differenzierende Beziehung zwischen dem Gesellschaftssystem und seiner Umwelt abreißen.« 
(MLL S 61)

und:
Wer aber unterscheidet, hat zuvor verglichen. Immer. Auf die Frage, was den einen Menschen von einem anderen unterscheidet, kann man erst sinnvoll antworten, wenn man beide unter dem gleichen Gesichtspunkt vergleicht. Wenn ihr über die Unterschiede zwischen Menschen redet, dann gebt ihr damit zu, dass sie jedenfalls in einer Hinsicht gleich sind: als Menschen. […]
Menschen sind unterschiedlich – und sie sind darin gleich, dass sie Menschen sind. Dasselbe gilt für Kulturen und Gesellschaften. Und anders als bei Steinen unterscheiden sie sich nicht voneinander in Exemplaren, sondern durch das, was sie sind, indem sie etwas tun. Das geht so weit, dass derjenige, der anderen das Menschsein abspricht, das nur tun kann, weil er es vorher voraussetzen muss. Menschen sind gleich darin, dass sie als Menschen – im doppelten Sinn – angesprochen werden können. Genau deswegen kann man oft beobachten, dass man dann lieber über Menschen spricht, wenn es darum geht, sich von ihnen abzugrenzen. Und jetzt könnt ihr euch mal überlegen, warum wir kein Buch über Rechte, sondern für Rechte geschrieben haben.  
(MRR S 117)


Oder darüber, daß »Rechte« und »Linke« einander brauchen:
[…] die Verteidiger des linksdrehenden Status quo […], die sich durch die Abgrenzung von echten oder imaginierten »Rechten« geradezu konstituieren, also unsereinen nötig haben, damit sie die Rolle der »Guten« spielen und dabei allerlei riskante Gesellschaftsexperimente durchsetzen können. 
(MLL S 36)

und:
Die Rechten, Sie erinnern sich, brauchen für ihr Spiel das Nein der anderen. Aber weil sie es ohne Anlass nicht bekommen, schon gar nicht permanent, müssen sie es sich holen. Also provozieren sie den Widerspruch. 
(MRR S 71)

Im Kapitel »Die linke Klischeekiste« (MLL S 123ff) kritisieren Sommerfeld/Lichtmesz das oben erwähnte Buch von Klaus-Peter Hufer: offenbar fingiert Hufer ein Stammtischgespräch mit erfundenen »Rechten«, denen Argumente in den Mund gelegt werden.
Obwohl sie dieses fingierte Gespräch für »nicht realistisch« halten, liefern die Autoren im folgenden ausführliche Begründungen für die Richtigkeit jedes einzelnen der von Hufer den »Rechten« in den Mund gelegten Sätze – und bestätigen damit, daß jedenfalls Hufer den »Rechten« nichts unterstellt, sondern ihre Argumente korrekt wiedergibt.

Umgekehrt scheinen viele Aussagen in MLL, unter anderem, daß die Rechten so etwas wie »die neuen Schwulen« seien (MLL S 28), gut zu der Schilderung in MRR zu passen, daß die »Rechten« sich gern als Opfer inszenieren:
Wir haben [den Mythos der »Rechten«, I.H.] nur genau genug studiert, um uns darin frei bewegen zu können. Es ist der Mythos vom ewigen, unerlösten Opfer. Er ist grausam und schön, so wie die unverstandene Natur, von der er handelt. Für uns ist er ein wilder Garten, in dem wir schweifen und wandern, den wir hier beschneiden, dort wuchern lassen, den wir betreten und verlassen, ganz wie es uns beliebt. Aber die Rechten, so hatten wir nun begriffen, können das nicht. Besessen von seiner Schönheit, Grausamkeit und vermeintlichen Ewigkeit, sind sie Gefangene ihres eigenen Mythos. Seit hundert Jahren träumen sie ihn. Bei Tag und bei Nacht. […] 
Die Rechten sind die Minderheit, die sich selbst Deutschland nennt. Und daran wollen sie um jeden Preis leiden. Im Felde unbesiegt, haben sie den Dolchstoß aus der Heimat und das Friedensdiktat des Feindes erlitten. Sie haben die Republik erlitten und das Dritte Reich. Den 30. Juni 1934 und den 20. Juli 1944. Die Gebietsverluste im Osten und die Vertriebenen in ihrer Stadt. Die deutsche Teilung und die Wiedervereinigung. Die Kriegsverbrechen der Roten Armee und die Wehrmachtsausstellung. Und heute leiden sie an Europa und Amerika, an der modernen Welt und der Einwanderung von Muslimen. Sie leiden am Meinungskartell der Eliten und an den Manieren des Pöbels. Sogar an Auschwitz leiden sie: Die Juden haben es wenigstens hinter sich, sie aber tragen schwer an einer Schuld, deren Unvergänglichkeit außer ihnen schon lange niemand mehr behauptet. Und all dies Leid haben immer andere verursacht. Sie haben es Deutschland und damit ihnen angetan, und sie tun es immer wieder. Und dagegen, sagen sie, werde man sich ja wohl noch wehren dürfen. Jeder, der das nicht einsehen will, ist blind oder dumm. Und darum kann, wer nicht mit ihnen leidet, nur gegen sie sein. Aggressive Jammerlappen sind sie. Wehleidige Arschlöcher. Unerlöste, tatbereite Opfer.
Das, liebe nicht-rechte Leser, ist unser Problem mit den Rechten. Nicht weil sie irgendwelchen Ideen anhängen, die vielleicht ein bisschen skandalös klingen mögen, aber tatsächlich nur schlicht und undurchdacht, jedenfalls nie im Leben mehrheitsfähig sind, machen sie uns zu schaffen, sondern weil sie anderen die Schuld dafür geben, dass kein Gott und kein Präfekt erscheint, um sie zu erlösen. Sie spucken und fauchen von ihrem selbstgewählten Kreuz auf uns hinab – und hoffen, dass wir zurückfauchen. Und wenn wir es tun, dann klagen und jammern und schimpfen sie so lange über diese entsetzliche Schandtat gegen ein wehrloses Opfer, bis einige Zuschauer tatsächlich Mitleid mit ihnen kriegen. So mobilisieren sie ihren Anhang. Nicht durch Programme, sondern durch Provokationen. Und Gejammer. 
(MRR S 66f)

Die Autoren von MRR konstatieren zudem einen »Vernunftvorbehalt« der »Rechten«:
[…] wir sehen, dass ihr selbst dann, wenn ihr miteinander redet oder mit einem klugen Nicht-Rechten, der zufällig euer Ehemann ist 3), die Vernunft unter einen entscheidenden Vorbehalt stellt. Und dieser Vorbehalt lautet: Wann immer es mir passt, lasse ich die Vernunft Vernunft sein und behaupte einfach, dass ich Recht habe. Letztlich sind alle Einwände, so der Vorbehalt, doch nur »Theorie«, während mir das »Leben« doch permanent bestätigt, dass es in Wirklichkeit so ist, wie ich es sehe. 
(MRR S 78)

Und unfreiwillig komisch lesen sich so manche einander widersprechende Stellen in MLL, die diesen »Vernunftvorbehalt« irgendwie zu bestätigen scheinen:

Da wird zum Beispiel eine Theorie des amerikanischen Bloggers Michael Trust 4) vorgestellt (MRR S 112f), nach der die Amygdala, der Teil des Gehirns, der für Angstreaktionen zuständig ist, »bei »Konservativen« in der Regel stärker ausgeprägt [ist] als bei Liberals«. Das erkläre zwar, wieso die »Linken« den »Rechten« vorwerfen, ihre Politik auf Angst zu bauen. Vor allem aber:
Für einen Konservativen hingegen bieten die Forschungen zur Korrelation zwischen Amygdala-Ausprägung und politischer Einstellung eine verlockende Erklärung dafür, warum Linke so unfähig erscheinen,die Realität wahrzunehmen und adäquate Schlußfolgerungen daraus zu ziehen. In unseren Augen erscheinen Linke als fahrlässig naiv, weltfremd, infantil, »gutmenschlich« sentimental, stets bereit, sich in ideologische Illusionen zu flüchten. Da nun die Amygdala durch Erfahrungen wie Angst, Schmerz und Konflikt stimuliert wird, die ihre Herausbildung fördern, liegt der Schluß nahe, daß Gesellschaften, in denen der Ernst des Lebenskampfes durch Wohlstand, Wohlfahrtsstaat und technischen Komfort drastisch reduziert wird, massenhaft Menschentypen hervorbringen, deren entsprechende Gehirnteile verkümmert sind. 
(MLL S 113f)

Dem direkt widersprechend, wird einige Seiten später zustimmend aus »All They Have Is Fear« 5) zitiert und den »Linken« eben jene Angst zugeschrieben, die sie wegen verkümmerter Amygdala doch angeblich gar nicht empfinden können:
»Wenn ein Mann mir versichert, er sei gegen Rassismus oder Sexismus oder Xenophobie oder Homophobie oder Transphobie oder was auch immer gerade angesagt ist, dann ist alles, was ich sehe: Angst. Er hat Angst, seinen Job zu verlieren. Er hat Angst, seine Kunden zu verlieren. Er hat Angst, von der Schule geschmissen zu werden. Er hat Angst, von den Medien angeschwärzt zu werden. Er hat Angst, verklagt zu werden. Er hat Angst, sein Haus zu verlieren. Er hat Angst, seine Freundin oder Ehefrau zu verlieren. Er hat die Dienstvorschriften unterzeichnet, er hat die Videos und Powerpoint-Präsentationen gesehen. Er kennt die Regeln und er hat gesehen, was mit denen passiert, die gegen sie verstoßen haben. Viele Männer haben Angst, die Gedanken auch nur zu denken, die zu den Worten führen könnten, die ihnen Ärger einbringen könnten. Es ist gruselig. Ich verstehe es.«
(MLL S 176)

Oder: 
Linke seien meist Utopisten, Rechte Realisten (MLL S 41); Rechte beziehen ihr Weltwissen aus der Geschichte und fragen, wie die Welt ist, Linke beziehen ihr Weltwissen aus einer imaginierten Zukunft und fragen, wie die Welt sein soll (nach Manfred Kleine-Hartlage, MLL S 65).
Aber: gerade die Rechten seien es, die sich »dem Zeitgeist verweigern« (MLL S 55), und:
Während also der Rechte […] heute tendenziell eher der Außenseiter, der Dissident, der Abweichler, der Nonkonformist, der Systemkritiker, der Aus-der-Reihe-Tänzer ist, ist der Linke dementsprechend heute eher der Insider, der Normalo, der Konformist, der (konservative?) Systemerhalter […] 
(MLL S 66)

Die Autoren von MRR hingegen sehen sich selbst als Vertreter des »Logos« und ordnen den »Rechten« den »Mythos« zu:
Über den Gebrauch, den wir von unserem Verstand machen, sprecht ihr ja oft und gerne abfällig. Wir erscheinen euch als Vertreter eines abstrakten Denkens, das sich nicht nur der Planeten, Atome und Molekülverbindungen, sondern auch der menschlichen Angelegenheiten bemächtigt hat. Mithilfe des Verstandes stellt die Vernunft Naturgesetze auf, schon das erscheint vielen von euch als Zerstörung des organischen Bandes, das alle beseelten und unbeseelten Dinge eint. Vor allem aber empört ihr euch, dass die Vernunft auch Verfassungen und Menschenrechtskataloge schreibt. Diese Art des Denkens eignet sich also zur Markierung eures Gegners, von dem ihr meint, fundamental verschieden zu sein. Ihm schreibt ihr ein Prinzip zu, das ihr wahlweise »Geist«, »Abstraktion«, »Bewusstsein«, »Theorie«, »Aufklärung«, »Doktrin« oder eben »Vernunft« nennt, euch selbst dessen mal »Seele«, mal »Bild«, mal »Wirklichkeit«, mal »Symbol«, mal »Sein«, aber besonders gerne »Leben« genannten Gegensatz. Die kürzeste Version dieses Gegensatzes lautet aus eurer Sicht: ihr Logos, wir Mythos. 
(MRR S 78)

- - -

Was läßt sich also nach der Lektüre dieser beiden Bücher zur »Smarties-Frage« sagen?
»Rechte« wie »Linke« provozieren einander, reagieren aufeinander, diskutieren immer wieder spiegelbildlich. Dabei stehen sie oft ganz deutlich auf einander gegenüberliegenden Seiten des jeweils zu Betrachtenden, haben daher jeweils eine andere „Aussicht“.
Statt sich aber wirklich probeweise auf den jeweils „gegnerischen“ Standpunkt zu stellen, finden beide „Lager“ ihr jeweiliges Gegenüber häufig von vornherein im naiven Irrtum, in der bewußten Lüge oder in krankhafter Realitätsverkennung befangen und fragen gar nicht erst ernsthaft danach, ob man vom anderen Standpunkt aus vielleicht tatsächlich etwas sieht, das die eigene Ansicht ergänzen könnte:
Die Begriffe, mit denen Linke Rechte abstempeln, sind das, was in der Kommunikationswissenschaft Frames genannt wird – Deutungsrahmen mit moralischer, normativer, emotionaler Aufladung. Unsere Aufgabe besteht nun darin, auf diese Begriffe und Attacken mit Reframings zu antworten, also mit Umdeutungen, Umwertungen, Perspektivenwechsel, alternativen Akzentsetzungen und so weiter. Sobald wir die Definitionshoheit abgeben, uns auf die Fragen unserer Gegner einlassen, ihre Fragestellungen akzeptieren, haben wir verloren. Wir müssen sie vielmehr in unseren Deutungsrahmen ziehen. […] Wir haben bereits festgestellt, daß die überwiegende Mehrheit der politischen Debatten und Auseinandersetzungen nur wenig mit sachbezogener Wahrheitsfindung, sondern nach Schopenhauer sehr viel mit der »Kunst, recht zu haben« zu tun hat. Die Kriegserklärungen von links sind eindeutig, und wir haben keine andere Wahl, als sie anzunehmen. Es genügt also nicht, die Begriffe der Linken zu demontieren und zu »reframen«: Wir müssen unsererseits Schlagwörter prägen, die unsere Gegner griffig etikettieren und moralisch diskreditieren. Daß es dabei zu manchen Ungerechtigkeiten und Pauschalisierungen kommen wird, ist leider unvermeidlich […] 
(MLL S 173f)

Solange uns keine anderen als reflexartige, spiegelbildliche Reaktionen einfallen, gleichen wir alle meiner Ansicht nach tatsächlich Smarties: wir unterscheiden uns nur durch den „Zuckerguß“ unserer unterschiedlichen Standpunkte – teilen aber die angeborenen, instinktmäßigen Reaktionsmuster und die tiefinnerliche Überzeugung („Schokolade“), daß wir selbst diejenigen sind, die recht haben. 6)

Es ginge auch anders.
Und auch dazu sind erfreulicherweise in beiden Büchern Ansätze vorhanden.
So heißt es – an Voltaire gemahnend – in MRR:


Euer Protest gegen die real existierende Demokratie in Deutschland hat viel damit zu tun, dass ihr eure Redefreiheit beschnitten seht. Ihr seid zwar um Wege, euch Gehör zu verschaffen, nur selten verlegen und habt wenig Grund, euch über mangelnde öffentliche Resonanz zu beklagen. Aber es ist nicht zu leugnen: Eure Kommentare werden gelöscht, eure Meinungen vielerorts zensiert, ihr werdet moralisch und oft auch als Personen ausgegrenzt – und so zum Schweigen gebracht. Nur noch eure eigenen Zeitungen drucken eure Texte. Wer euch in seine Talkshow einlädt, riskiert den Boykott der anderen Gäste, wer euch ein öffentliches Podium gibt, den Besuch der Antifa.
Wenn ihr aber ehrlich seid, kann das durchaus seine strategischen Vorteile haben. Schließlich könnt ihr nun die Linken und Liberalen als Heuchler brandmarken, die skrupellos ihre eigenen Ideale verraten, wenn es ihnen im Kampf gegen den politischen Gegner nutzt. Da sieht man mal, so könnt ihr sagen, was ihr Gerede von Meinungs- und Redefreiheit wert ist, wenn sie es mit jemandem zu tun bekommen, der nicht immer nur sagt, was ohnehin alle richtig finden!
Wir hätten dieses Buch nicht geschrieben, wenn wir euch in diesem Punkt nicht zustimmen würden. Ihr habt das Recht, zu reden. Und dass euer Reden vielleicht irgendjemandes Gefühle verletzt, ist kein hinreichender Grund, euch von vornherein zum Schweigen zu bringen. […] Ihr sollt sagen können, was ihr denkt. Aber wenn wir daraufhin eure Ansichten bestreiten und angreifen und kritisieren, dann nehmen wir euch die Redefreiheit nicht weg – dann machen wir selbst Gebrauch von ihr. Das versteht sich so sehr von selbst, dass man sich wundert, wie oft ihr »Das wird man doch noch sagen dürfen!« grummelt, wenn ihr aufgefordert werdet, eure Rede zu rechtfertigen. Das wirkt nicht selten unfreiwillig komisch. Insbesondere wenn es sich um Redebeiträge handelt, die anderer Leute Gefühle verletzen. 
[…]
Selbst also, wenn ihr Feinde des Grundgesetzes seid – das Grundgesetz ist nicht euer Feind. Es lässt euch einfach stehen mit eurer Feinderklärung. Es erwidert sie nicht. Stattdessen gibt es euch Rechte. Unter anderem das Recht, sich ausdrücklich gegen die Verfassung und die deutsche Politik auszusprechen. Und wer euch diese Rechte wegnehmen will, den zählen auch wir zu unseren Gegnern.  
Mancher Nicht-Rechte würde euch nämlich aus moralischen Gründen diese Rechte gerne beschneiden – eure Meinungen unter Strafe stellen, eure Demos auflösen, eure Webseiten löschen. Das halten wir für falsch. Nehmt eure Redefreiheit in Anspruch! Macht Gebrauch von ihr! Denn solange ihr das tut, werdet ihr uns das auch tun lassen müssen. Dann reden wir. Mit Rechten. 
(MRR S 112ff)

Und im »Tugendkatalog« von Lichtmesz/Sommerfeld heißt es sogar:

10. Versuche, Dich in jeder Diskussion in die Position des anderen zu versetzen.
[…]
Man gewinnt an Überzeugungskraft, wenn man versucht, zu verstehen, warum der andere bestimmte Dinge sagt, aus welcher Perspektive er spricht, von welchem moralischen Feld […] aus er die Dinge beurteilt und was er einem dabei über sich selbst mitteilen will. Darum empfahl der Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal (1623-1662), dem anderen immer zuerst einzugestehen, wo er recht hat: »Will man mit Nutzen tadeln, und einem anderen zeigen, daß er sich irrt, so muß man beobachten, von welcher Seite er die Sache ansieht, denn von der Seite ist sie gewöhnlich wahr und muß ihm diese Wahrheit zugestehen. Er ist damit zufrieden, weil er sieht, daß er sich nicht geirrt und nur unterlassen hat, alle Seiten zu sehn.« Damit wächst seine Bereitschaft, sich einem anderen Blickwinkel und der Kritik zu öffnen, und er hat im Falle einer argumentativen Unterlegenheit die Möglichkeit, sein Gesicht zu wahren. 
(MLL S 324f)

Das erinnert beinahe an Rudolf Steiner:
Jede Ansicht kann eine wahre sein, wenn sie treu das Beobachtete wiedergibt.
Und sie ist erst dann widerlegt, wenn nachgewiesen ist, daß ihr eine andere
berechtigterweise widersprechen darf, welche von demselben Gesichtspunkte
aus gegeben ist. Ein Unterschied hingegen von einer Ansicht, die von einem
anderen Gesichtspunkt aus gegeben ist, besagt in der Regel nichts. 

(GA 45)  

--- allerdings sprechen Lichtmesz/Sommerfeld aus anderer Motivlage: Rudolf Steiner geht es nämlich durchaus nicht um ein »Gewinnen an Überzeugungskraft« für die eigene Ansicht, sondern um ein ergebnisoffenes Suchen nach der Wahrheit, um ein Erkennen, dem Ansichten von möglichst vielen unterschiedlichen Standpunkten aus zugrundeliegen...

Leo/Steinbeis/Zorn schließen ihr Buch mit dem Kaptel Parley:

Uns verbindet ja nicht nur die Literatur, sondern auch Hollywood. Darum gehen wir davon aus, dass ihr, genau wie wir, mit euren Kindern Fluch der Karibik im Kino gesehen habt. Ihr wisst also, dass Elizabeth Swann, gespielt von Knightley, sich dort auf das im Piratenkodex zugestandene »Recht zu reden« beruft. Die vom französischen Wort für »sprechen« abgeleitete Chiffre für dieses Recht, das es womöglich außerhalb von Film und Literatur gar nicht gibt, lautet: Parley. Und sein Symbol ist die schwarze Fahne. Ohne Totenkopf. Wer um Parley bittet, dem wird mitten im Konflikt das Recht gewährt, angehört zu werden, um über das weitere Vorgehen zu verhandeln. Es ist also, wie jedes Recht, eine zivilisatorische Errungenschaft. Und von ihr wollen wir nun Gebrauch machen, indem wir euch Keira Knightley an Bord schicken, eine bildschöne Nicht-Rechte, Tochter der größten Seefahrernation und ein ganz anderer Vogel als euer Bussard. Und durch sie lassen wir euch folgende Botschaft übermitteln:
Wir möchten, sagt Keira und lächelt dabei so, wie nur sie es kann, euch einen Vorschlag machen. Weil wir, wie ihr auch, keine Soldaten mehr sind, sondern in die Jahre gekommene Piraten, die das Abenteuer lieben, wollen wir den Konflikt mit euch gar nicht beenden. Im Gegenteil, wir wollen ihn auf Dauer stellen. Wir wären bereit, bis ans Ende unserer Tage mit euch zu streiten. Aber anders als bisher. Dazu sind aber vorweg ein paar ernste Worte nötig. Uns scheint, sagt sie und lächelt schon wieder – mein Gott, dieses Lächeln! –, als würdet ihr euch über die Natur unseres Konflikts, gelinde gesagt, falsche Vorstellungen machen. Nennt ihr das, was hier abgeht, im Ernst einen geistigen Bürgerkrieg? I mean, come on, ihr ballert hier von morgens bis abends in der Gegend herum, manchmal auch die ganze Nacht, und womit? Mit Platzpatronen! Und womit schießen wir schon seit fast 200 Seiten zurück? Mit Papierkugeln! Aber habt ihr auch nur eine einzige davon entfaltet und nachgeschaut, ob da vielleicht etwas draufsteht? Nein, habt ihr offenbar nicht, denn sonst würde ich jetzt ja nicht vor euch stehen. 
[…] Und jetzt schlagen wir euch ein Spiel für Erwachsene vor. Ein Spiel, bei dem alles zur Sprache kommen könnte, was uns trennt, aber auf eine Weise, die ein bisschen an die guten alten Zeiten erinnert, als wir noch Basketball und Rollhockey miteinander spielten und es weder eurem noch unserem Charakter geschadet hat. Ein Spiel, dessen Regeln Verhandlungssache wären. Aber der Rahmen könnte zum Beispiel so aussehen:
Jede Seite sucht sich vier, sechs oder acht gute Frauen und Männer aus, die dann zu einem verabredeten Zeitpunkt jeweils paarweise zusammenkämen, um auf zivilisierte Weise miteinander zu reden. Und zivilisiert heißt in diesem Fall nicht: sich gut verstehen. Sondern, um es mit einer Lieblingsvokabel of your friend Charlie Schmitt zu sagen: eingehegt zu streiten. Eine gerade Teilnehmerzahl wäre sinnvoll, weil wir uns dann, quasi im Modus von Heim- und Auswärtsspiel, paritätisch mal an einem von euch, mal an einem von uns vorgeschlagenen Ort treffen könnten.
Es gäbe keine Vorbedingungen. Niemand müsste sich zu irgendetwas bekennen oder von irgendetwas distanzieren. Und es gäbe auch keine Verpflichtung auf fair play. Wir vertrauen darauf, dass sich unter vernünftigen Leuten vernünftige Gespräche von allein ergeben. Oder, wenn nicht, man es auch zum Äußersten kommen ließe – und über das Reden spräche.
Was die Themen betrifft, wäre alles Mögliche denkbar. Solche, bei denen vermutlich die Fetzen fliegen würden, wie Demokratie, deutsches Volk, Faschismus, Meinungsfreiheit, Einwanderung, Heimat oder Erinnerungskultur. Aber gerne auch solche, bei denen sich Gespräche entwickeln können wie auf einer Zugfahrt zwischen Unbekannten: über Literatur, Auslandserfahrungen oder Wege der politischen Sozialisation. Nett wäre auch ein Erfahrungsaustausch zwischen Soldaten, die ihren Arsch fürs Vaterland hingehalten, und Zivis, die Windeln an Wehrmachtsärschen gewechselt haben.
Überlegt’s euch mal. Da ihr ja ohnehin nicht von uns lassen könnt, werdet ihr schon wissen, wie wir zu erreichen sind.
Also, wenn ihr mich fragt, sagt Keira, that sounds like a fair idea. Und es wäre mir a bloody honour, für unsere Seite die Verhandlungen mit euch führen zu dürfen. One more chance hat jeder verdient. Always.  
tl;dr: Tristesse droite: Tertium datur.  
(MRR S 132ff) 


Ich nehme mir die augenzwinkernde Schlußbemerkung zum Vorbild und schließe selbst mit:

tl;dr: solange reflexiv-reaktiv – Smarties. Individualität potentiell.

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1) Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn: mit Rechten reden (MRR)
Martin Lichtmesz, Caroline Sommerfeld: Mit Linken leben (MLL)

2) Zumindest im Fall von Caroline Sommerfeld besteht dieses liebevolle Augenzwinkern ganz konkret auch im täglichen Leben: sie ist mit dem »Linken« oder doch jedenfalls »Nicht-Rechten« Helmut Lethen verheiratet.

3) Direkte Bezugnahme auf Caroline Sommerfeld, die ihre »Dialoge mit H.« im Netz veröffentlicht: 
https://sezession.de/57304/dialoge-mit-h.:-rahmenbedingungen


5) jack-donovan.com, 28. November 2015

6) vgl auch »Der Rechthaber in uns allen«, Egoistenblog 7. Oktober 2014, https://egoistenblog.blogspot.co.at/2014/10/der-rechthaber-in-uns-allen.html