Der ganze, der rühmliche Teppich...

Ingrid Haselberger

 
Vincent van Gogh: Roter Weinberg                       Bearbeitung: Christian H.

In einigen vor gut hundert Jahren gehaltenen Vorträgen über die Verbindung zwischen Lebenden und Toten schildert Rudolf Steiner, was im Augenblick des Todes und danach geschieht, und zwar nicht vom „irdische Plan“ aus gesehen, sondern von der „anderen“ Seite her, aus der „geistigen Welt“ betrachtet.
Das erste Erlebnis eines Menschen, der durch die Pforte des Todes geht, so Steiner, sei das Zurücklassen seines physischen Leibes auf der Erde.
Mit diesem Erleben: »Dein Leib geht von Dir weg« sei eine ganz besondere Erfahrung verbunden – eine Erfahrung, die (im Gegensatz zur Geburt im irdischen Leben, an die wir uns ja normalerweise während des Lebens nicht mehr erinnern) der Seele im Nachtodlichen immer wahrnehmbar bleibe:

Es ist etwas schwierig, über diese Dinge zu sprechen, weil, wie gesagt, keine entsprechenden Erfahrungen hier in der physischen Welt vorhanden sind, aber man muß versuchen, diese Dinge auch zu charakterisieren, so wie sie eben sind. Wenn wir also im weiteren Fortleben nach dem Tode hinblicken auf unser Gestorbensein, dann haben wir vor allen Dingen den empfindungs-, vorstellungsmäßigen Eindruck, daß da, wo wir gestorben sind, nunmehr, nachdem wir gestorben sind, nichts ist, nicht einmal Raum. Es ist, wie gesagt, schwer zu beschreiben, aber es ist so: Nichts ist da. Und im äußeren Sinne gesprochen: Herrlich, erhaben erscheint die Sache aus dem Grunde, weil überall sonst uns eine neue Welt aufgeht. Es drängt sich die flutende Geistwelt von allen Seiten heran, aber nichts ist da, aus dem wir herausgestorben sind.
So theoretisch beschrieben hat vielleicht die Sache etwas Grauenvolles, aber in der Empfindung nach dem Tode ist es nichts Grauenvolles. In der Empfindung nach dem Tode läßt es eine tiefe Befriedigung in die Seele quellen. Man lernt gleichsam sich ausdehnen in die ganze Welt und hinschauen auf etwas, was wie leer ist in der Welt. Und daraus entsteht die Empfindung: Das ist dein Platz in der Welt, der Platz, der aus allen den Weiten heraus ist, und der dein ist. - Und man bekommt die Empfindung, gerade aus dieser Leere, daß man einen Sinn hat für die ganze Welt, daß jedes einzelne Menschendasein – man bekommt es zunächst natürlich als Erklärung für sich selber – da sein muß. Dieser Platz würde immer leer sein, wenn ich nicht da wäre – so sagt sich jede Seele. Daß jeder, jeder als Mensch einen Platz zugeteilt hat im Weltenall, diese Empfindung, die unglaublich innerlich erwärmende Empfindung, die geht aus dieser Betrachtung hervor: daß die ganze Welt da ist, und daß diese ganze Welt herausgetrieben hat wie aus einer Symphonie die einzelne Note, die man ist, und die da sein muß, sonst wäre die Welt nicht da.
(Rudolf Steiner: GA 168 S 43; Kassel, 18. Februar 1916)

Daß jeder – jeder einzelne! – Mensch seinen Platz hat in der Welt, diesen einen Platz, den nur er allein ausfüllen kann; und daß damit jeder einzelne Mensch ein notwendiger Teil der ganzen Welt ist, die ohne all diese einzelnen Menschen gar nicht da sein könnte --- das hat Rainer Maria Rilke schon als ganz junger Mann empfunden. Mit dreiundzwanzig Jahren (1898) schreibt er vierzig (zunächst unveröffentlichte) Notizen zur Melodie der Dinge nieder. Da heißt es:

III. Das fällt mir ein: bei dieser Beobachtung: daß wir die Menschen noch immer auf Goldgrund malen, wie die ganz Primitiven. Vor etwas Unbestimmtem stehen sie. Manchmals vor Gold, manchmals auch vor Grau. Im Licht manchmals, und oft mit unergründlichem Dunkel hinter sich.

IV. Man begreift das. Um die Menschen zu erkennen, mußte man sie isolieren. Aber nach einer langen Erfahrung ist es billig, die Einzelbetrachtungen wieder in ein Verhältnis zu setzen, und mit gereiftem Blick ihre breiteren Gebärden zu begleiten.

V. Vergleiche einmal ein Goldgrundbild aus dem Trecento mit einer von den zahlreichen späteren Kompositionen italienischer Frühmeister, wo die Gestalten zu einer Santa Conversazione vor der leuchtenden Landschaft in der lichten Luft Umbriens sich zusammenfinden. Der Goldgrund isoliert eine jede, die Landschaft glänzt hinter ihnen wie eine gemeinsame Seele, aus der heraus sie ihr Lächeln und ihre Liebe holen.

[…]

XVI. Sei es das Singen einer Lampe oder die Stimme des Sturms, sei es das Atmen des Abends oder das Stöhnen des Meeres, das dich umgiebt – immer wacht hinter dir eine breite Melodie, aus tausend Stimmen gewoben, in der nur da und dort dein Solo Raum hat. Zu wissen, wann Du einzufallen hast, das ist das Geheimnis deiner Einsamkeit: wie es die Kunst des wahren Verkehres ist: aus den hohen Worten sich fallen lassen in die eine gemeinsame Melodie.

Im Folgenden stellt Rilke Überlegungen dazu an, wie diese »gemeinsame Melodie« künstlerisch auf der Bühne darzustellen wäre, und sagt dann:

XXXV. Diese Bemühungen erscheinen mir notwendig, weil sonst die Erkenntnis der feineren Gefühle die eine lange und ernste Arbeit sich errang, im Lärm der Bühne ewig verloren gehen »würde«. Und das ist schade. Von der Bühne her kann, wenn es tendenzlos und unbetont geschieht, das neue Leben verkündet, das heißt auch denen vermittelt werden, die nicht aus eigenem Drang und eigener Kraft seine Gebärden lernen. Sie sollen nicht bekehrt werden von der Szene her. Aber sie sollen wenigstens erfahren: das giebt es in unserer Zeit, eng neben uns. Das ist schon Glückes genug.

XXXVI. Denn es ist fast von der Bedeutung einer Religion, dieses Einsehen: daß man, sobald man einmal die Melodie des Hintergrundes gefunden hat, nicht mehr ratlos ist in seinen Worten und dunkel in seinen Entschlüssen. Es ist eine sorglose Sicherheit in der einfachen Überzeugung, Teil einer Melodie zu sein, also einen bestimmten Raum zu Recht zu besitzen und eine bestimmte Pflicht an einem breiten Werke zu haben, in dem der Geringste ebensoviel wertet wie der Größte. Nicht überzählig zu sein, ist die erste Bedingung der bewußten und ruhigen Entfaltung.

XXXVII. Aller Zwiespalt und Irrtum kommt davon her, daß die Menschen das Gemeinsame in sich, statt in den Dingen hinter sich, im Licht, in der Landschaft im Beginn und im Tode, suchen. Sie verlieren dadurch sich selbst und gewinnen nichts dafür. Sie vermischen sich, weil sie sich doch nicht vereinen können. Sie halten sich aneinander und können doch nicht sicheren Fuß fassen, weil sie beide schwankend und schwach sind; und in diesem gegenseitigen Sich-stützen-wollen geben sie ihre ganze Stärke aus, so daß nach außen hin auch nicht die Ahnung eines Wellenschlages fühlbar wird.

XXXVIII. Jedes Gemeinsame setzt aber eine Reihe unterschiedener einsamer Wesen voraus. Vor ihnen war es einfach ein Ganzes ohne jegliche Beziehung, so vor sich hin. Es war weder arm noch reich. Mit dem Augenblick, wo verschiedene seiner Teile der mütterlichen Einheit entfremden, tritt es in Gegensatz zu ihnen; denn sie entwickeln sich von ihm fort. Aber es läßt sie doch nicht aus der Hand. Wenn die Wurzel auch nicht von den Früchten weiß, sie nährt sie doch.

XXXIX. Und wie Früchte sind wir. Hoch hangen wir in seltsam verschlungenen Asten und viele Winde geschehen uns. Was wir besitzen, das ist unsere Reife und Süße und Schönheit. Aber die Kraft dazu strömt in einem Stamm aus einer über Welten hin weit gewordenen Wurzel in uns Alle. Und wenn wir für ihre Macht zeugen wollen, so müssen wir sie jeder brauchen in unserem einsamsten Sinn. Je mehr Einsame, desto feierlicher, ergreifender und mächtiger ist ihre Gemeinsamkeit.

XXXX. Und gerade die Einsamsten haben den größten Anteil an der Gemeinsamkeit. Ich sagte früher, daß der eine mehr, der andere weniger von der breiten Lebensmelodie vernimmt; dem entsprechend fällt ihm auch eine kleinere oder geringere Pflicht in dem großen Orchester zu. Derjenige, welcher die ganze Melodie vernähme, wäre der Einsamste und Gemeinsamste zugleich. Denn er würde hören, was Keiner hört, und doch nur weil er in seiner Vollendung begreift, was die anderen dunkel und lückenhaft erlauschen.
(Rainer Maria Rilke, Notizen zur Melodie der Dinge)

Gegen Ende seines Lebens, im Jahre 1922, scheint Rilke in diese Gedanken nicht nur die irdische, die „seiende“, sondern auch die geistige, nicht irdisch „seiende“ Welt mit einzubeziehen – und er formt daraus dieses Sonett:

Singe die Gärten, mein Herz, die du nicht kennst; wie in Glas
eingegossene Gärten, klar, unerreichbar.
Wasser und Rosen von Ispahan oder Schiras,
singe sie selig, preise sie, keinem vergleichbar.

Zeige, mein Herz, daß du sie niemals entbehrst.
Daß sie dich meinen, ihre reifenden Feigen.
Daß du mit ihren, zwischen den blühenden Zweigen
wie zum Gesicht gesteigerten Lüften verkehrst.

Meide den Irrtum, daß es Entbehrungen gebe
für den geschehnen Entschluß, diesen: zu sein!
Seidener Faden, kamst du hinein ins Gewebe.

Welchem der Bilder du auch im Innern geeint bist
(sei es selbst ein Moment aus dem Leben der Pein),
fühl, daß der ganze, der rühmliche Teppich gemeint ist.

(Rainer Maria Rilke, Sonette an Orpheus, Zweiter Teil, XXII)

 



Kommentare

  1. Vielen Dank für diese tröstliche Übergangsschilderung aus mehreren Gesichtspunkten. Die „einzelne Note“, die ihren Platz im großen Chor hat, ist ja auch von Rudolf Steiner sehr poetisch, aber realistisch dargestellt. Das ist die viel beschworene „Schwelle“, die meditativ mit erheblichen Mühen zu erreichen und leicht zu verfehlen ist. Darin liegt wohl die Größe der Rosenkreuzer– Worte, im Erleben „in Christo morimur..“. Aber, wie Rilkes Beispiel zeigt, kreisen Viele um diesen Punkt und schöpfen daraus.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke, Michael.
      Ja - diese Sichtweise ist einerseits tröstlich, andererseits bringt sie auch ein Bewußtsein der Verantwortung mit sich, die jeder einzelne trägt. Schließlich ist es keine Kleinigkeit, ein wichtiges Solo in einer Symphonie zu spielen... da möchte man nicht „gicksen“...

      Ich denke dabei auch an Steiners Philosophie der Freiheit: moralische Phantasie, moralische Intuition, und vor allem: Leben in der Liebe zum Handeln -- das ja nur aus der jeweiligen Situation (bei Rilke: aus dem gemeinsamen Hintergrund) erwachsen kann.

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Danke für Ihre Mitarbeit im Blog. Beachten Sie bitte unsere Datenschutz- Erklärung.

Beliebte Posts