Dear Members Oder: Okkulte Gefangenschaft und andere Machtspiele

Dear Members. Euer Vorstand.
Es gibt wohl nichts Schöneres für ein Ego, sich an der Spitze einer Geheimgesellschaft zu sehen- womöglich im Kreise alternativer Intellektueller, die die Scharen einer Weltgesellschaft führen und determinieren, der sie die Brosamen ihrer Erkenntnisse gelegentlich zuwerfen, hauptsächlich aber auf die des Meisters selbst verweisen, dessen exorbitantes Einweihungs- Wissen sie ja verwalten.

Es gibt eine gewisse Arroganz dem Volk in den Zweigen gegenüber, draußen im Lande und jenseits der Weltmeere- man weiß nie so recht, wie die reagieren, was sich ja auch letztens wieder auf der Dornacher Hauptversammlung gezeigt hat: Das Volk hat mal wieder gebockt, und die Gründe sind durchaus vielschichtig.

Das anthroposophische Völkchen hat eben diese latent anarchosophische Seite, die durchaus ihren Charme haben kann. Aber der Anthroposoph an sich (ein utopisches Wesen, dem man nur selten tatsächlich und in Person begegnet) wittert hinter den Kulissen des Weltgeschehens eben - und ist damit ist dem Pegida- Anhänger an sich verwandt - Verschwörungen, aber eben auch in der eigenen Führungsschicht. Das war schon immer so, gehört dazu wie die Schattenseite der Geheimgesellschaft, und wird seit jeher als Keule geschwungen von VT- Heftchen wie Meyers „Europäer“.

So ging es z.B. vor und nach der Jahrtausendwende jahrelang einerseits um die Phrase „okkulte Gefangenschaft“, in der sich die Anthroposophische Gesellschaft angeblich befände - eine pure Verschwörungstheorie als Beschönigung der Tatsache, dass der ununterbrochene Bedeutungsverlust der organisierten Anthroposophie unaufhaltsam war und ist. Die Theorie besteht konkret darin, dass Freimaurer- Logen beschuldigt wurden, dies durch Kontakte in den Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft zu bewerkstelligen. So munkelten die Europäer über ihren Vorsitzenden Schmid Brabant 2012 - (1):

Der Vorsitzende wurde von Freimaurerlogen zu Referaten eingeladen (u.a. in Basel) und hielt anlässlich einer Jahresversammlung der Freimaurer-Vereinigung Quattor Coronati am 6. Juli 1990 im Grundsteinsaal des Goetheanum einen Vortrag über Anthropoposophie und Freimaurerei. Warum denn nicht? So wird vielleicht zurecht ein mancher fragen. Es geschah dies aber stets hinter dem Rücken der ahnungslosen Mitglieder (von denen viele allerdings in diesen Dingen auch keine Ahnung haben wollten), ohne Offenlegung solcher immerhin nicht ganz nebensächlichen Querverbindungen..“ (1) Zugleich wird auch in den Raum gestellt, dieser inzwischen (2001) verstorbene Vorsitzende Schmid- Brabant sei eben Vertreter der Bewegung gewesen, die die Anthroposophische Gesellschaft ins öffentliche Leben hinein stellen wollte: „Mit diesen letzten Äußerungen hat der am 11. Februar 2001 verstorbene Vorsitzende die im wesentlichen von ihm selbst impulsierten und geleiteten Bemühungen, die Mitglieder der AAG auf den Jahrtausendwechsel vorzubereiten, der ganzen Gesellschaft einen weltoffenen, weltweiten Charakter zu geben, mit einem Male als weitgehend gescheitert hingestellt.“ (1) Er habe selbst von „okkulter Gefangenschaft“ der Anthroposophischen Gesellschaft gesprochen, aber, wie Die Europäer beklagen, in einem nominalistischen Sinn: Dass der verquere Okkultismus die Gesellschaft hindere, handlungsfähig, offen und im Dialog zu bleiben. Die Europäer - und viele damals aktive Anthroposophen- dagegen insinuierten, Schmid Brabant stehe unter okkulter Beeinflussung der Logen, mit denen er Umgang pflege. Das Anliegen Schmid Brabants wurde also in sein gerades Gegenteil verkehrt und zur Attacke genutzt. Das funktionierte damals schon- auch ohne Internet.

Damals war ein neu aufgenommenes Vorstandsmitglied - Bodo von Plato- bereits dabei und griff die Intention Schmid Brabants, die Anthroposophische Gesellschaft sei in ihrem eigenen okkultistischen Gehabe gefangen, und solle hinaus geführt werden, auf und führte sie weiter: „Von Plato, damals bereits designiertes und seit Ostern 2001 durch die Generalversammlung bestätigtes neues Vorstandsmitglied, warf die Frage auf: «Werde es den notwendigen Ruck in der Entwicklung der Anthroposophischen Gesellschaft noch geben?» Und er beantwortete sie u.a. mit der Forderung: «Es müsse von der Hochschule aus an der Aufhebung der okkulten Gefangenschaft gearbeitet werden.»“ (1)

Von Plato hatte also nun rund 17 Jahre Zeit, die verschrobene, mit sich selbst verstrickte, introvertierte Gesellschaft des gepflegten Pseudo- Okkultismus zu reformieren und gleichzeitig finanziell - bei alternder und schrumpfender Mitgliedschaft und einem äußerst ungünstigen Wechselkurs durch den gegenüber Euro und Dollar überbewerteten Schweizer Franken-, auf neue Beine zu stellen. Davon ist tatsächlich wenig gelungen, weshalb die Abwahl überfällig war. Der Pseudo- Okkultismus ist in weiten Teilen der anthroposophischen Stammtische ins Nirvana der Verschwörungstheoretiker, EU- Skeptiker und Putin- Fans abgerutscht und wittert mit derselben geschwollenen, rechtslastigen Nase wie Viktor Orban. Die Intellektuellen der Bewegung, die die Führungskader, die Organisation, Verlage, Finanzen und Hochschulstellen besetzen, pflegen ihren exklusiven Lifestyle, der hierarchisch aufgebaut ist, nach dem Prinzip einer säkularen, aber klassischen Einweihungsstätte. Sie geben Kurse in den Städten, halten Kontakte zu diversen esoterischen Vereinigungen, organisieren Tagungen, kennen die Geldgeber aus einigen tragenden Konzernen. Der Bodo- von- Plato- Stil hat sicherlich einige Noblesse, eindeutig Stil und ist nun - gescheitert. Die mit diesem Stil und dieser rein strukturellen, absolut säkularen Hierarchie verbundene Selbstgefälligkeit und Arroganz hat die alten, lange verdrängten Seilschaften über ein Vierteljahrhundert verärgert und zum Umsturz angestachelt- nachdem man schon Schmid Brabant hatte erledigen wollen. Nun soll der „weltweite, weltoffene Charakter“ (s. 1) endlich, 2018, zurück geschraubt werden.

Dass man in diesem Zusammenhang wie in diesem Blog Bobby (2) die Bühne, die von Marcus Schneider allerlei Verschwörungstheoretikern, Rechtspopulisten und Putin- Protagonisten gegeben wird, zu diesem Zeitpunkt nicht für Zufall hält, kann man zumindest als Ausdruck einer Besorgnis ansehen : „Marcus Schneider, Präsident des veranstaltenden Paracelsus-Zweiges der Anthroposophischen Gesellschaft, sieht keine Probleme: "Das ist doch interessant" sagt er und plädiert für ein "offenes Geistesleben". "Die Einseitigkeit sei gerechtfertigt zur Einseitigkeit, die einem sonst durch die Medien um die Ohren geschlagen" werde. Die Vorträge seien ganz im Sinn von Rudolf Steiner, da man versuche, "hinter die Kulissen" zu schauen und hätten eine "hygienische Funktion".

Gerold Häfner, Leiter der Sektion Sozialwissenschaften der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft  zur "Scala"-Veranstaltung: "Wir nehmen nicht urteilend Stellung zu Ankündigungen anderer Veranstalter." Und: "Anthroposophie setzt sich für die Freiheit jedes einzelnen Menschen sowie für ein freies Geistes- und Kulturleben ein." Dazu gehörten die Denk- und Redefreiheit sowie auch das Recht, Veranstaltungen durchzuführen“.

Die Umkehrung des „weltweiten, weltoffenen Charakters“ in die „hygienische“ Präsentation der rechten Erfüllungsgenossen eines neuen populistisch- anthroposophischen Okkultismus, der sich anti- amerikanisch, anti- europäisch und anti- demokratisch gibt, im Schulterschluss mit Assad- und Putin-Verstehern, und stets im Bannkreis dessen, was RT (Russia Today) als Parole des Tages ausgibt, ist sie schon längst vollzogen? Werden die Netzwerke der säkularen Bodo- von- Plato- Truppe gekappt? Und was dann? Die finanzielle Lage mit den vor sich hingeschobenen Millionen Defiziten der Anthroposophischen Gesellschaft wird sich durch populistisches Poltern nicht verbessern- im Gegenteil. Schon seit Jahren verlassen liberale Mitglieder, Freunde und Spender die Gesellschaft, weil sie sich in ihr nicht mehr wieder finden.

Der Rest- Vorstand versucht, was zu retten ist, setzt auf Transparenz und hat einen zweiten Brief an die Mitglieder geschrieben, in dem ihnen nach den turbulenten Tagen nach der Generalversammlung Fortführung und Intensivierung der koordinierten Arbeit mit Hinzuziehung neuer kompetenter Mitarbeiter, eine befristete Übergangsphase mit Mackay und von Plato, aber auch eine Wiederauflage der Faust- Aufführung für 2020 versprochen wird. Man will zeigen: Wir haben verstanden. Wir sparen. Wir geben euch eure Festspiele. Wir koordinieren. Wir arbeiten. Aber haltet uns die reaktionären Dumpfbacken vom Hals.

Dornach, May 14, 2018
Second letter to Members
Dear Members,
The weeks after the General Assembly have been extremely intense at the Goetheanum. The non-affirmation of a further term of office of Paul Mackay and Bodo von Plato raises the question with many members near and far, above all also among the co-workers at the Goetheanum, as to how it will continue after the agreed transitional period. The previously well-established in-house operations, as well as the connections all over the world need to be reorganized. After our first report of 13th April (see "Anthroposophy Worldwide", no. 5/2018) there now follows a second letter, allowing you to participate in the further progress.
The Executive Council and the Goetheanum Leadership have defined a clearly structured process for all upcoming changes. The outcomes of these analyses, evaluations and decision-making processes are still open in many areas, but the process is progressing steadily. At present, we still assume that the new appointments of mandates and tasks for all management areas will be finalized on the 11th and 12th June at the retreat of the Goetheanum Leadership.
In the deliberations, it is clear that the determination of the future leadership of the General Anthroposophical Section within our School of Spiritual Science, is a particular challenge. Related to this are the questions of profile, the current themes and focus of the research of this section, which is important for the overall development of the School. All this will be hard to clarify in the four weeks leading up to the retreat. Nevertheless, here too we stand by our decision regarding all the tasks at the Goetheanum: the management mandates will be reassigned at the June retreat. In the interim, Paul Mackay and Bodo von Plato continue to carry out their previous responsibilities within the currently responsible Collegium of the Sections.
At present we are receiving many urgent messages regarding the possibility of how, in the future, members of our Society distributed around the world can be appropriately involved in decisions of the General Assembly, e.g. in the reaffirming of Council members, amendments to the statutes or the membership subscriptions. The Goetheanum Leadership has now mandated Gerald Häfner (Head of Social Sciences Section) and Justus Wittich (Member of the Executive Council) to launch a process by the end of June that will lead to proposals for new forms of participation. These can then be discussed in 2019 at the General Assembly and possibly decided upon. The General Anthroposophical Society, as it exists today and has developed on a worldwide scale, should be visible and reflected right down to the statutes. Involved in this from the outset, are the 19 General Secretaries, representing 18 Country Societies on five continents. At the same time, the interaction with the other 14 Country Societies (with less than 500 members) is being intensified this year.

An important decision has been made regarding the intended next performance of "Faust", scheduled for 2020. There will not be a modified repeat of Christian Peter’s production of 2016/17. In discussion with all the participants of the stage ensemble and Goetheanum Leadership – as expressed in a letter of the responsible mandate group - it became clear "that it is not productive to stand in the past and at the same time want something new." In this respect, there is now a complete restart! Due to a lack of resources for a large-scale project, there will be a shorter version in 2020 with "highlighted accents of important aspects of the content". The production team which has come together consists of Andrea Pfaehler (for drama production), Isabelle Fortagne (assistant producer), Eduardo Torres (director of Eurythmy), Agnes Zehnter (coaching artistic speech), Stefan Hasler (director) and Nils Frischknecht (production manager).
We also want to mention that the in-house organization of the Goetheanum has been through various stages of development and upheaval since the General Assembly. Therefore, the newly established management team: Stefan Hasler, Justus Wittich and, until June, Paul Mackay, is now dealing with the interdepartmental work processes within the organization. A weekly operational meeting with ten carrying co-workers ensures the interface of the eleven sections and the house management with the leadership.
Finally, there have been a number of changes within the co-worker body, as part of this development process. For example, Martin Zweifel, the long-standing head of the Building Administration and, in recent years, responsible for the successful renovation of the Goetheanum, was elected by the Municipal Council on May 1st 2018 as director of the Construction Administration of Dornach. We congratulate him warmly and thank him for the great achievements of recent years. In the coming months we will now reorganize our Building Administration department.
For the Goetheanum Leadership Ueli Hurter and Justus Wittich“


Verweise

1 http://www.perseus.ch/wp-content/uploads/2012/02/okkulten-Gefangenschaft-der-AAG.pdf
2 https://egoistenblog.blogspot.de/2018/02/bobby-kuschelig-basler-faschingsschwank.html

Kommentare

Beliebte Posts