Niemand hat das Rosenkreuz für sich gepachtet

Quelle Anthrowiki
Irene Diet ist ja nie ein Kind der Traurigkeit gewesen, zum Beispiel in ihren Auseinandersetzungen mit Mieke Mosmuller, der sie in ihrem vorgeblichen Kampf um die Rettung der Anthroposophie im Grunde Inkompetenz und Selbstverliebtheit vorwarf, inklusive einer Sammlung von Mosmuller anhimmelnden Anhängern- wozu vor allem Holger Niederhausen gehört. Nun hat Irene Diet allerdings mit derselben Inbrunst um die wahre Anthroposophie gekämpft wie ihre Kontrahentin, hat ebenso wie Mieke Mosmuller ihren eigenen Verlag begründet, und hat sogar für einen Wikipedia - Eintrag von sich selbst gesorgt. Das könnte man auch für ein wenig selbstverliebt halten.
Sie hat, wie die oben erwähnte Kritik an Mosmuller zeigt, auch keinerlei Berührungsängste, und sie publiziert ihre Kampfschriften auch im Rahmen des nicht gerade angesehenen Lochmann- Verlags. (1)

Nun ist in einer aktuellen, von Irene Diet vom Zaun gebrochenen Auseinandersetzung, Anna- Katharina Dehmelt ins Visier geraten, deren „Institut für anthroposophische Meditation“ (2) nicht nur zu den renommierten anthroposophischen Seiten gehört, sondern auch Einfluss auf die anthroposophische Presselandschaft, ja den Kurs der anthroposophischen Bewegung insgesamt gehabt hat- nicht zuletzt gipfelnd in einer globalen Initiative des Goetheanum zur Meditation (3), Arbeiten, Seminaren und Tagungen.

Selbst Irene Diet gibt zu, dass (4) Dehmelt und auch das Goetheanum damit einen Nerv des Zeitgeistes treffen: „Unter denjenigen, die sich der Anthroposophie Rudolf Steiners verbunden fühlen, kann ein Überdruss an der bisherigen Art, wie diese vertreten wurde, beobachtet werden. Viel zu sehr hat man bisher versucht, sich auf den Boden einer Wissens-Anhäufung zu stellen, was zunehmend als äußerlich erfahren wird, da es mit dem eigenen Sein und Erleben nicht zu verbinden ist. Denn nach Wirklichkeits-Erkenntnis strebt der heutige Mensch; von einem solchen Wissen, das so an ihn herantritt, dass er es nicht im eigenen Erleben wiederfinden kann, hat er nichts.“ Dass das Thema „Anthroposophische Meditation“ von außen stehenden Institutionen wie z.B. Dehmelts Website und Aktivitäten ins Dornacher Zentrum geführt worden ist und dort eine Lücke zu schließen scheint, die den allgemeinen Bedeutungsverlust des Goetheanum aufhalten könnte, konstatiert Diet ebenfalls. Allerdings stellt sich die Anthroposophische Gesellschaft damit auch in einen Mainstream, in einen Markt und in eine Konkurrenz, die von Yoga, Kult, Selbstoptimierung bis hin zum hinduistischen Guru- Verschnitt a la Andrew Cohen oder Sebastian Gronbach reicht. Im esoterischen Supermarkt wird bedürfnisgerecht erleuchtet. In diese Gesellschaft soll das Goetheanum nun auch rücken? Und sich gar zu behaupten haben?

Die Kritik, die Irene Diet auf etwa 15 Seiten ausrollt, besteht im Kern in der Behauptung, Anna-Katharina Dehmelt - gesehen als Repräsentantin von Vertretern der „Anthroposophischen Meditation“ - böte eine falsche bzw. verflachte Interpretation von Rudolf Steiner meditativer Begrifflichkeit an. Diet stellt sich damit in eine Linie mit den Intentionen des „Nachrichtenblatts“ (siehe 5), die seit langem - auch in dem begleitenden Heft- eine Welle von Anschuldigungen gegen die durch die Mitgliedschaft nicht bestätigten - und damit entlassenen - Vorstandsmitglieder Mackay und von Plato voran treiben. Der liberale, weltoffene Kurs des (nun z.T. abgelösten) Vorstands soll somit ebenso attackiert werden wie der der „Anthroposophischen Meditation“. Der letztgenannte Impuls steht für Irene Diet im Rahmen einer Art populärer Wellness- Techniken: „Mit ihrem Anliegen treffen die Vertreter der „Anthroposophischen Meditation“ auf ein weit verbreitetes Phänomen: Meditation und Meditieren gehören heute zu den allgemein üblichen Erholungs- und Entspannungspraktiken.“ (4)

Irene Diet stösst sich vor allem daran, „was die Vertreter der „Anthroposophischen Meditation“ unter „Imagination“, „Inspiration“ und „Intuition“ verstehen, wie man diese übt und erarbeitet, wurde von Anna-Katharina Dehmelt 2009 in der Zeitschrift „die Drei“ entwickelt und dargestellt“(4).  Da - so Diet- „Dehmelt (..) einige Jahre vorher zusammen mit Sebastian Gronbach, Jelle van der Meulen, Alexander Schaumann und Michael Schmock eine „Firma für Anthroposophie“ begründet (hatte), die sich „als Experimentierfeld für neue Arbeitsweisen in und mit der Anthroposophie“ verstand“, verbreitete sich auch die dort gepflegte Betrachtungsweise bzgl Imagination, Inspiration und Intuition - insbesondere aber in den „Seminaren, Kolloquien und Tagungen zur „Anthroposophischen Meditation““ (4).

Es handelt sich, um es kurz zu machen, um eine säkulare, pragmatische Betrachtung dieser esoterischen Differenzierungen des Bewusstseins. Irene Diet verdeutlicht die Art und den Grad der Säkularisierung in den Darstellungen Dehmelts an deren Darstellungen zur Meditation des Rosenkreuzes:

Eine derartige Grundlegung (wie bei R. Steiner, M.E.) fehlt in der Darstellung Anna-Katharina Dehmelts, die doch damit eine „grundlegende Einführung“ in die anthroposophische Meditation zu geben meint. Dehmelt beginnt ihre Darstellung unmittelbar mit den sogenannten „drei Stufen der höheren Erkenntnis“, ohne dass vorher der prinzipielle Unterschied, der zwischen dem gewöhnlichen Bewusstsein und einem höheren besteht, auch nur erfragt worden wäre. Setzt man aber die von Rudolf Steiner gegebene Grundlage an den Anfang der Überlegungen, ergibt sich sofort ein klares Bild: Es wird deutlich, dass die von Anna- Katharina Dehmelt und den anderen Vertretern einer „Anthroposophischen Meditation“ beschriebenen Erfahrungen und Übungen an demjenigen vorbei gehen, wovon Rudolf Steiner spricht. Die Übungen, die von diesen Vertretern vorgegeben oder angeboten werden, gehen nämlich davon aus, dass sich aus den an sinnlichen Objekten gemachten Beobachtungen und aus an diesen gebildeten Vorstellungen unmittelbar und direkt die erste Stufe einer „höheren Erkenntnis“ entwickeln lasse: die der Imagination nämlich.“ (4) Und in der Tat, die pragmatischen und säkularen meditativen Lehrer, die mit Imagination, Inspiration und Intuition arbeiten (und über diese Begriffe nachdenken), setzen ganz explizit am Bewusstsein des Menschen an, wie er es vorfindet, wenn er sich selbst betrachtet. Der pragmatische Ansatz ist gegenwarts- und bedürfnis- orientiert. Das im Sinne von Diet erst zu erlangende „höhere Bewusstsein“, das zu differenzierter „höherer Erkenntnis“ führen könnte, ist und bleibt ein dualistisches Versprechen, ein manichäisches Abstraktum.

Gerade die Rosenkreuz- Meditation lädt geradezu zu allen denkbaren vertieften Betrachtungen und Meditationen ein- wie auch ein Blick in eine Suchmaschine beweist, die 93000 Treffer dazu aufzählt. Darunter gehören auch solche, die das Rosenkreuz mit Mantram als Zeichen in höchster persönlicher Not anempfehlen, wie hier bei den Egoisten beschrieben:

Es weiset dieses Zeichen mir
Lebenssieg über Todesmacht.

In mir fühlen will ich
Dieses Zeichens Sinn.

Es wird mich aufrichten

Und aufgerichtet tragen
In allen Lebenssphären.“ (Rudolf Steiner)

Selbst wenn einer explizit meditativ arbeitenden Schülerin Rudolf Steiners, die mit dem inneren Bewusstseinswandel und dem Wahrnehmen der Chakra- Tätigkeit, dem Strom der Lebenskräfte gut vertraut ist, die säkularen Betrachtungen der Pragmatiker und Praktiker der populären „Anthroposophischen Meditation“ als ungenügend erscheinen, können diese doch zumindest nicht nur viele Menschen erreichen, sondern ihnen auch zu Diensten sein: Fokussierung im Alltagsleben, Entspannung und innerer Ausgleich durch Vorstellungs- Meditationen sind doch nichts verachtenswertes, ganz im Gegenteil. Wer sich dann entschließen sollte, in den inneren Kern, in den explizit rein geistigen meditativen Bereich von Steiners Begrifflichkeit in „Die Geheimwissenschaft“ vorzudringen, dem können die Fokussierungs -Übungen nur nützlich sein. Den Widerspruch, den Irene Diet zwischen den Strömungen innerhalb der anthroposophischen Gegenwart konstruiert, muss man so nicht sehen, sondern, ganz im Gegenteil, viele andere Ansätze und Bedürfnisse daneben setzen: Die heilend-mantrische (s.o.), die mystische, die traditionell rosenkreutzerische, die die Formensprache betrachtende, die der Logen usw: Das Rosenkreuz gehört niemandem, und die Begriffe Rudolf Steiner sind vielschichtig und mehrdeutig. Er selbst hat - da hat Irene Diet sicherlich recht- eine anspruchsvolle existentielle Wandlung damit artikuliert - vielleicht so grundlegend und weitreichend wie die Erleuchtung Buddhas unter dem Bodhi- Baum: „Diese Losreißung kann nicht früher geschehen, als bis der Mensch fühlt: jetzt stelle ich etwas vor durch Kräfte, bei denen mir meine Sinne und das Gehirn nicht als Werkzeuge dienen. Das erste, was der Mensch auf diesem Wege erlebt, ist ein solches Freiwerden von den physischen Organen. (...) Das ist das erste rein
geistige Erlebnis: die Beobachtung einer seelisch-geistigen Ich- Wesenheit“ (R. Steiner nach Diet in Nachrichtenblatt PLUS)

Vielleicht kann man das existentielle Erlebnis, das vom Imaginativen bis zum Intuitiven in der Betrachtung des Rosenkreuzes führen kann, so umreißen, dass das Bewusstsein des Meditierenden, das in höchster Konzentration, aber in Gelassenheit, in den Bereich der Zeitlosigkeit und in strömende Lebenskraft eintritt - zweifellos etwas, was Samadhi entspricht-, in der Betrachtung des Rosenkreuzes in das Menschheits- Dilemma schlechthin eintritt und es selbst erfährt und durchleidet: Das schwarze Kreuz als Symbol für die Körperlichkeit mit all ihren Facetten - auch die des Haftens und des Todes- schlechthin. Der Adept tritt selbst in den Strom der sieben Rosen ein, in ein mithin kosmisches Selbsterleben, das aber mit dem Kreuz auch in perfekter, inniger Harmonie besteht, wobei er Himmelsrichtungen, Gestalten und Lebensformen mit den himmlischen Kräften im eigenen Bewusstsein vereint. Das Rosenkreuz wird so zum Symbol, ja zum Knotenpunkt der Einweihung, der inneren Neugeburt.

So verpufft Irene Diets Attacke gegen die Pragmatiker an den eigenen Ansprüchen. Unter der sehr hoch gelegten Latte Rudolf Steiners ist sehr wohl Platz für Vielfalt, Platz für Interpretations- Spielräume und für das Experiment mit Erfahrungsräumen. Niemand hat das Rosenkreuz für sich gepachtet, niemand hat Deutungshoheit über die Begriffe Rudolf Steiners, deren innere Weite und Offenheit zu Interpretationen geradezu heraus fordert. Und niemand muss ohne Not einen neuen Konflikt herbei reden und neue Wunden innerhalb der anthroposophischen Bewegung aufreißen.


1 http://www.lochmann-verlag.com/Diet_Moosmuller_no.78.pdf
2 http://www.infameditation.de/institut/anna-katharina-dehmelt/
3 http://www.meditation.goetheanum.org/die-initiative/die-initiative/
4 Ein Nachrichtenblatt PLUS Nr. VI – 29. April 2018)
https://egoistenblog.blogspot.de/2018/05/dear-members-oder-okkulte.html






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