Die Christus- Michael- Regenbogen-Menschheit geht ihren Weg oder: Willkommen im 21. Jahrhundert

Im Nachklang der Generalversammlung 2018, die den Abflug der zentralen Führungsmitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft erleben durfte, wird es zunehmend bizarrer- auch weil so vieles an Interessenlagen und Verrücktheiten aus dem Umfeld deutlich zutage getreten ist und nun teilweise  wieder zugeschüttet werden soll. Nirgends kann man diese Prozesse besser beobachten als in „Ein Nachrichtenblatt PLUS Nr. VII – 28. Mai 2018“, das sich wieder und in diesem Flugblatt ausschließlich dieser Generalversammlung widmet.

Zunächst schüttet der Herausgeber Roland Tüscher einen Korb von Häme in Richtung „Tagespresse“ und „Info 3: Jens Heisterkamp und Ramon Brüll“ aus. Er bezeichnet diese als „unkritisch“, da sie - vor allem durch ihren Bericht darüber, dass „Hardliner“ die Macht am Goetheanum übernommen hätten - völlig „auf diese falsche politische Fährte herein gefallen“ wären. Irgendwie passt es Tücher aber auch nicht in den Kram, dass Heisterkamp den ganzen Prozess als „ganz normale(n) demokratische(n) Abstimmungsvorgang“ betrachtet. Auch Ramon Brüll bemühe unliebsame Begriffe wie „Wahlpropaganda“ und „konservative Fraktion“, begrüße aber auch den demokratischen Prozeß an sich. Tüscher, der vor der faktischen Ablösung der Vorstandsmitglieder genau diese gemeinte Wahlpropaganda der konservativen Kreise betrieben hatte, stört sich nun trotz seiner erfolgreichen Intrige daran, dass in der Generalversammlung überhaupt demokratische Prozesse hatten stattfinden können: „Desgleichen Ramon Brüll, Redaktion Info 3. Er bemüht Schlagworte wie „konservative Fraktion“, die „demokratischen Rechte und Grundsätze“ und „Wahlpropaganda“ ohne die Problematik des politischen Wahlverfahrens im Geistesleben als solches zu berühren. Er setzt den politischen „Modus der Mitbestimmung“ als selbstverständlich voraus und scheint die Fragestellung nach einer ganz anders geformten „Mitbestimmung“, einer Mitgestaltung im freien Geistesleben nicht zu kennen.

Wenn man dem folgt, darf man annehmen, dass nach der demokratisch bewirkten Abwahl des wegen seiner Liberalität (und der Finanzkrise) in Misskredit geratenen Vorstands nach der Installation einer geeigneten konservativen Führung jegliche demokratische Legitimation schleunigst abgeschafft werden soll- selbstverständlich aus geisteswissenschaftlichen Gründen. So wird auch die Generalsekretärin für Großbritannien von Tüscher angegriffen, dass sie mit ihrer Forderung, alle Mitglieder hätten das Recht zu wählen, „die Politisierung des Geisteslebens in der Anthroposophischen Gesellschaft“ und „Internationalismus“ betreibe. Tüscher behauptet - ganz im Sinne der offenbar hinter ihm stehenden nationalistischen Schweizer Interessenkreise - auch, die Anthroposophische Gesellschaft sei keinesfalls eine „globale Gemeinschaft“, sondern konzentriere sich ganz dicht um Dornach herum: „Marjatta van Boeschoten behauptet, wir seien eine globale Gemeinschaft geworden und hebt dieser gegenüber hervor, die Mehrheit der an der GV Anwesenden seien lokal oder aus Europa gekommen. Schauen wir die Realitäten an: Mehr als drei Viertel aller Mitglieder der AAG leben in europäischen Industrienationen oder sind direkt am Goetheanum angeschlossen. Eine globale Gemeinschaft?“ Er fragt ja nur. Da können die englischen und amerikanischen Vertreter denken und schreiben, was sie wollen- das Goetheanum bleibt in Dornach und nur dort!

Nachdem Tüscher sich den Schaum vom Mund gewischt hat, gibt er das Zepter an einen gewissen John Ermel weiter, der die Liste der Vorwürfe gegen den bisherigen Vorstand weiter ausbaut. Ihm geht es gegen die Ästhetisierung des Beton- Goetheanum- Baus, die dazu geführt habe, dass die mehr oder weniger typischen Anthroposophen- Kunstwerke früherer Generationen, ja sogar „Mysteriendramensiegel“ einfach abgehängt worden seien. Das Innere des Baus muss derartig voll gehängt gewesen sein von diesem spezifischen Anthro- Kitsch, dass ein eigenes Ausstellungshaus geplant gewesen sei. Herr Ermel, so weit ist das klar, tut empört: „Aber diesen Kunstimpuls generell aus einem Bau zu verbannen, der als Herzgefäss der anthroposophischen Bewegung auch ein lebendiges Zeugnis für die Fruchtbarkeit im künstlerischen Ausdruck sein sollte, ist unverantwortlich.“- obwohl er abschließend dann doch bestätigt, dass diese Kunstwerke durch eine Stiftung, die dafür ein „Vermögen“ hingelegt habe, nahe des Goetheanums im April 2018 ein eigenes Ausstellungsgebäude erhalten habe. Heilige Maria von Sivers, warum dann das Geschrei, die Klagen, die wütende Enttäuschung? Es geht hier nicht um Kunst, das ist klar, sondern um die Ästhetik, den klaren, nüchternen Blick auf die Formensprache des Goetheanum. Die konservative Fraktion will den spezifischen Deko- Plüsch der 50er Jahre und davor zurück („Sogar einige Skulpturen von Oswald Dubach sind verschollen, ganz zu schweigen von der Vernichtung der Theater-Kulissen von Walther Roggenkamp, Arne Klingborg, Jan Stuten, William Scott-Pyle etc., welche teilweise noch unter der Regie von Marie Steiner und Albert Steffen entstanden sind“), so wie sie die Globalisierung und Demokratisierung der Gesellschaft zurück drehen möchte. Daher wird zeitgleich in einem weiteren versendeten Pamphlet aus dieser Schmiede (Ein Nachrichtenblatt PLUS Nr. VIII – 28. Mai 2018) der populistische Anthroposophen- Führer Daniele Ganser gegen die „sog. Qualitätspresse“ verteidigt: „Man hat es geahnt: Wenn wir in diesem Land ein Problem mit der Pressefreiheit, mit dem Missbrauch der Pressefreiheit durch die freie Presse haben, so kann das Problem nicht Roger Schawinski sein, sondern diejenigen Vertreter der sog. Qualitätspresse, die mit hohem intellektuellen Niveau ihre niedere Gesinnung, die Dritte instrumentalisiert, zu kaschieren versuchen. Auf demjenigen Niveau, welches die NZZ an sich selbst zu stellen pflegt, ist auch dieser Versuch einer Diskreditierung von Daniele Ganser gescheitert.“

Dass der Meister des pro- russischen Framings, Daniele Ganser, mit offenen Armen im anthroposophischen Intrigantenstadel rechnen kann, war zu erwarten. Was für eine Führung aber wünschen sich die Reaktionäre für sich selbst? Jean Cousquer gibt schon mal den Ton vor: „Wir wollen einen Vorstand der mit Gewicht der Wahrhaftigkeit spricht.“ Das bedeutet, übersetzt in Alltagssprache vor allem: „Nicht eine falsche Freiheit durch die man Rudolf Steiner zum Verschwinden bringt und sich als freier Denker und Eigenschöpfer der Anthroposophie darstellt – das wäre eine Lüge“. Die gemeinte „Freiheit“ ist also die, jegliche kritische Beschäftigung mit dem Werk Rudolf Steiners zu unterlassen und zu der Naivität zurück zu kehren, die Worte des Meisters seien sakral und ohne Interpretation wortwörtlich aufzufassen- was die Gesellschaft allerdings auf den Status eines Kultes reduzieren würde. Jegliche eigene Interpretation als „freier Denker“ sei gegen diese „Freiheit“ gerichtet und bringe den Meister „zum Verschwinden“.

Dann wird es noch wirrer - in einer Form, dass eine Zusammenfassung nicht mehr möglich ist -, aber mit dem Grund- Tenor, der „Christus- Impuls“ und der „Michaels- Impuls“ seien durch die bisherige Führung unterdrückt worden, wodurch sich die wahrhaft spirituellen Menschen nicht mehr der Anthroposophischen Gesellschaft anschließen würden, was dann wohl die Überalterung und die Millionen- Defizite erklären soll. Vielleicht wird die bizarre Sicht deutlich: „..die Michael-Impulse all jener anderen großen Persönlichkeiten, die sich, um mit Rudolf Steiner zu arbeiten, um die Jahrhundertwende inkarniert haben, sind vom Vorstand und dem Goetheanum (und den nationalen Gesellschaften?) noch immer ausgeschlossen, sind nicht willkommen: so viele Mitglieder und Nichtmitglieder, aufrichtige Forscher auf dem Gebiet der Anthroposophie, können sich im Goetheanum und in der Anthroposophischen Gesellschaft nicht zu Hause fühlen. Selbst die Fotos Rudolf Steiners sind unsichtbar.“

Ja, alles unsichtbar! Wir wollen unsere Strömung wiederhaben! Ja! „Wo alle Michaelisch-Christlichen Strömungen im Goetheanum und in der AAG zu Hause sind“! Ja! Nochmals: Wie stellen sie sich nun eine neue Führungsstruktur im Hause vor? „Mit einer “Regenbogen”-Leitung - wie sie von Rudolf Steiner gewollt wurde -, in der alle Farben der Anthroposophie und der CHRISTUS-MICHAELS-MENSCHHEIT vertreten sind.“ Ach, so. Danke, Herr Benoît Dusollier. Wir werden darüber nachdenken und melden uns wieder. Bis dahin empfehlen wir ein paar Globuli oder vielleicht auch etwas Stärkeres.

So geht es Artikel für Artikel, Heftchen für Heftchen weiter. Ich habe, muss ich gestehen, etwas den Überblick verloren. Aber es ist offensichtlich ein Wust von Vorwürfen, der sich über die bisherige Leitung und deren Repräsentanten ergießt- auch in Richtung Landesgesellschaften, Funktionäre, unabhängige Geister, selbständige Denker, demokratisch Gesinnte, über den Tellerrand Hinausschauende. Der Ruf nach dem allmächtigen Führer, einem Vertreter für den sakrosankten Meister, ist laut, der identitäre Charakter, der sich gegen die „Internationalisierung“ der Anthroposophie richtet, deutlich. Säuberungen der Ränge, um Ästheten, Demokraten und andere Liberale auszumerzen, sind zu erwarten. Platz soll in dieser Gesellschaft sein für die CHRISTUS-MICHAELS-REGENBOGEN-MENSCHHEIT, und so soll auch ihre Führung gestrickt sein. Wir wollen schöne Festspiele! Wir wollen lila Vorhänge! Wir wollen Populisten und rechtsnationalistische Redner im Goetheanum! Wir wollen Querfront! Wir wollen Anthro- Kitsch und Schweizer Käse! Schluss mit „demokratischen Rechten und Grundsätzen“.

So gehen sie hin, die Obamas der Anthroposophischen Gesellschaft, und machen Platz für die Schreihälse, Intriganten und Populisten. Willkommen im 21. Jahrhundert.

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