Freischwimmen ohne Führerschein oder: Das Meer in mir

Nun habe ich Anna- Katharina Dehmelts letzten Newsletter bzgl anthroposophischer Meditationswege (1) gelesen und bin darin wieder einmal über fortschrittliche Anthroposophen, die sich mit Anna- Katharina ausgetauscht haben, gestolpert, die sich mit der Tatsache der Übung auseinander setzen und vielleicht etwas leichtfertig die Mühen des Übens für sich ablehnen, oder auch in den Alltag verschieben- manchmal mit dem Unterton „Ich suche nicht, ich finde“. Es hat etwas von jemandem, der am Strand steht und postuliert: Ich suche das Meer nicht, denn es ist hier irgendwo.

Das stimmt ja auch, es ist wirklich nicht fern, und wir alle sind uns einig, dass Trockenübungen über die Technik der richtigen Schwimmbewegungen auf heißen Steinen nicht unbedingt dem Schwimmen näher bringen.

Es gibt auch zahllose Prediger, die am Strand auf und ab gehen und uns die Welt von der Perspektive des Schwimmers aus erklären. Aber, wie soll man sagen, auch wenn sie viele Leser und Zuhörer haben, wirken sie doch kein bißchen nass. Und ihre Erläuterungen, denen sie Schweiß und Tränen beifügen, ermuntern nicht und erfrischen noch weniger.

Dann gibt es große Gruppen, die eine Kette um einen Anführer bilden und sich tatsächlich in Richtung der Wellen bewegen, mutig geworden, da es im gegenseitigen Halt einen gewissen Schutz vor dem Ertrinken geben soll. Der Guru besprüht die Gruppe mit etwas Wasser aus seinen Händen, und die Gruppe wirkt enthusiasmiert, und weitgehend zufrieden gestellt. Sie stimmen eine hinduistische Hymne über das Schwimmen im Wasser an.

Es gibt auch Verkäufer, die Meerwasser in Flaschen abgefüllt haben, die reißenden Absatz finden. Und viele lesen, haben eine Bibliothek am Strand aufgestellt, über die Kunst des Schwimmens und über die sagenhaften Wasserwesen der Tiefsee. Viele haben Rituale entwickelt, die oft aus der Vorzeit stammen, kullern, oder robben am Strand, bauen Kirchen aus Sand, haben fantastische Kleidung angelegt, und gehen zwei Schritte voran, drei seitwärts, und rollen wieder zurück.

Und andere wiederum überlegen: Warum Schwimmen, wenn man auch denken kann, man sei nass? Warum die Mühen, warum die Selbstüberwindung, warum den Gefahren trotzen?

Die, die im Wasser ihre lockeren Bahnen ziehen, dagegen schweigen, geniessen und wundern sich über das Getöse am Strand. Warum schwimmen? Na, weil es erfrischt. Weil es das natürlichste Element ist. Weil man es im Schlaf kann, im Mutterleib, vor der Geburt, nach dem Tod. Weil es den weiten Horizont bietet, in dem Himmel und Meer ineinander verschmelzen. Weil man die Wellenbewegungen spürt, in denen sich das Meer ausspricht, dessen Sprache man nur sehr dunkel versteht. Weil oben wie unten ist, außen wie innen, Ich wie Nicht- Ich. Weil das Nicht- Ich des Körpers das Ich des Meeres spürt. Weil der Wind in den Haaren spielt. Weil der Glanz der Sonne auf dem spiegelnden Wasser sich mit dem Licht des Bewusstseins mischt. Warum schwimmen? Weil die eigene Kraft der Schwimmzüge sich einbindet in die Strömungen des Meeres, reines Glück des Übereinklangs.

Wie kann man darauf verzichten wollen? Wie kann man es mit Trockenübungen verwechseln? Na ja, natürlich, „Ich suche nicht, ich finde“ ist ein großes Wort. Das Natürlichste, das Meer in mir, war zu Zeiten und über lange Zeiten auch zugleich das Fernste. Und als ich es gefunden hatte, war der erste Gedanke, meine Güte, wird das in jedem Leben so schwierig sein, oder gibt es da einen verdammten Lerneffekt? Die Verwirrungen der Suche - die Verwirrung der Tatsache des Suchens an sich- standen mir vollkommen vor Augen. Aber man vergisst das, wenn man dann schwimmt, so wie der Fernfahrer ans Mittelmeer die lange Fahrt, die Staus und die Toiletten auf der Autobahnraststätte. Spricht sich das Meer in mir aus, ist es, wie zu sich selbst zurück gekehrt zu sein, nach einem Dreiviertel Leben im Exil. Warum war so schwierig? Warum konnte ich mich nicht einfach erinnern? Das Meer war immer da, ich war nur seltsam gestrandet- ein Wal im fremden Element. Oder, besser gedacht, in einem gedachten fremden Element. Gestrandet in einer Autobahnraststätte mit seltsamen Ausbruchsversuchen und voller Weltverbesserungs- und Selbstoptimierungs- Broschüren. Fremd war ich allein.

Was nun den Schlüssel betrifft- das war letztlich eine einzelne Imagination, die keinerlei Besonderheit hatte. In der Wüste der konzentrierten Wachheit ein winziger Quell. Aber, als ich mich dem kleinen Sprudel, der unvermittelt im Boden aufkam, zuwandte, hatte dieses Wasser eine unsagbare, ausströmende Süße, eine Verheißung und einen Trost. Ja, es gibt es, das "Wasser des Lebens". Es war meine blaue Blume. Es ging nicht darum, irgend wohin zu kommen, irgendwie zu werden oder irgendwas zu finden. Es ging darum, sich zu beugen, und diesen Quell zu pflegen. Ganz auf dem Boden, im untersten Grund, an der trockensten Stelle, entsprang das Meer. In der Trockenheit habe ich schwimmen gelernt.

Bademeister, da kommt wieder einer!

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1 http://www.infameditation.de/2018/05/newsletter-fruehsommer-2018/

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