Das Mysterium der Inspiration

Im Alltag. Und in der Kunst

Ingrid Haselberger


Jeder Sänger, und natürlich auch jeder Gesangsstudent, kennt das Problem: wir wollen eine längere Phrase singen, und mittendrin stellen wir fest, daß uns „die Luft ausgeht“. Wir müssen eine unfreiwillige und vielleicht sinnentstellende „Atempause“ machen, manchmal mitten im Wort – und natürlich versuchen wir, damit uns das nicht passiert, alles Mögliche, um einen „längeren Atem“ zu bekommen.
Zu diesem Zweck wurden verschiedene Atemübungen ersonnen – manche Gesangslehrer schlagen sogar vor, nach kräftigem Einatmen (Sich-Mit-Luft-Anfüllen) mit der Stoppuhr zu üben, das Ausatmen so lange wie nur möglich auszudehnen...
Bei vielen dieser Übungen denke ich an diese Worte Rudolf Steiners:

»Leider werden heute vielfach leichtfertige Anweisungen auf diesem Gebiete gegeben, und wer diese Dinge versteht, blickt mit Grauen darauf, daß zahlreiche Menschen sich heute mit Atemübungen abgeben, ohne genügende Vorbereitung vorgenommen zu haben. Dem Geistesforscher erscheinen sie wie Kinder, die mit dem Feuer spielen.« 
(Makrokosmos und Mikrokosmos – GA 119)

Nicht nur spielen wir mit dem Feuer und können uns ernstliche Schwierigkeiten einhandeln mit ganz und gar materialistisch aufgefaßten Atemübungen, bei denen es ausschließlich um Luft geht.
Sondern wenn wir schließlich von den Atemübungen zur Arbeit an einem Lied oder einer Arie übergehen, müssen wir obendrein oft feststellen, daß wir trotz all dieser Übungen bei schwierigen oder auch nur ungewöhnlichen Phrasen noch immer das Gefühl haben, „mit unserer Luft nicht auszukommen“...

Das liegt daran, daß das Atmen nicht ein rein physischer, materieller Vorgang ist, sondern ein seelisch-geistiger.
In den alten Sprachen ist uns das noch deutlich: griechisch πνεῦμα, lateinisch spiritus und hebräisch ruach – diese Worte bezeichnen sowohl den menschlichen Atem als auch den Geist. Und auch altgriechisch ψυχή, lateinisch anima – was wir heute mit „Seele” übersetzen – schließen ursprünglich die Bedeutung „Atem” in sich ein.

Und so gelingt es uns erst dann, unsere lange Phrase „auf einem Atem“ zu singen, wenn wir sie vollständig seelisch-geistig vorausempfinden. Unser „inneres Ohr“ läßt sich so schulen, daß wir voraushören, was wir singen werden, sodaß sich unser Einatmen danach gestalten kann.
Denn nur das, was wir eingeatmet haben, können wir singend wieder ausatmen.

Aber es ist nicht leicht, einen ganzen langen Satz, der nach Text und Melodie festgelegt in den Noten steht, als „Vorausgehörtes“ in unsere Seele zu bekommen und dort (mitsamt den zugehörigen Gefühlen!) lebendig zu erhalten, bis wir zu Ende gesungen haben. Das erfordert ein Maß an Konzentration, das aufzubringen wir zunächst nicht gewohnt sind.

Und doch gehen die meisten von uns, selbst dann, wenn sie nicht Sänger sind, im Alltag mit diesem Problem ganz selbstverständlich um.
Wenn wir einmal erlebt haben, wie schwierig es ist, uns dazu zu bringen, eine längere Phrase ganz bewußt so „vorzufühlen“, daß wir „mit der Luft auskommen“, dann können wir uns nur wundern, wie leicht es uns normalerweise gelingt, jederzeit genügend Atem zu haben für die Sätze, die wir sprechen...

Beobachten wir uns selbst beim Sprechen, so staunen wir noch mehr, denn uns wird bewußt, daß wir beim Einatmen meist noch gar nicht wissen, wie unser Satz vollständig lauten wird. Wir haben, wenn wir zu sprechen beginnen, nur die ersten Worte im Bewußtsein. Den Rest des Satzes lernen wir meist selbst erst kennen, indem wir ihn aussprechen!

Umso größer ist das Wunder, daß wir dennoch normalerweise mit unserem Atem auskommen, ohne mitten im Satz nach Luft ringen zu müssen: Wie können wir wissen, wieviel Luft wir brauchen werden, wenn wir doch unseren Satz noch gar nicht vollständig kennen?

Wir wissen es auch gar nicht. Es ist uns ganz unbewußt:
»Denn die göttlich-geistigen Wesenheiten selber waren es, welche aus ihrer Wesenheit heraus den Atmungsprozeß modifizierten, um den Menschen aus einer niederen Stufe zu einem sprachbegabten Wesen zu machen, und sie mußten, weil der Mensch dazu nicht reif ist, die Sprache nicht in die Willkür seiner Individualität stellen, sondern sie mußten sie außerhalb derselben stellen.« (a.a.O.)

Wir befinden uns hier, mitten in unserem Alltag, bereits im Reich der Inspiration (wörtlich: Einatmung).

Moderner Mensch mit Inspirator unserer Kultur
(links davon Orpheus mit der Leier)
aus der Deckenmalerei der kleinen Kuppel
des ersten Goetheanums,
Quelle: anthrowiki
Zugleich mit den Gedanken, die wir später aussprechen, wird uns auch der Atem „eingehaucht“:
»Durch unseren Kehlkopf strömt aus dem Makrokosmos das herein, was höchster Geistausdruck ist. [...] Und Gott hauchte dem Menschen ein den lebendigen Odem, und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. – Mit diesen Worten wird hingedeutet auf den Moment, wo das Göttlich-Geistige eingeatmet wird aus dem Makrokosmos. Mit dem Herzen ist das Menschliche im Zusammenhang, mit dem Kehlkopf das Göttliche.« (a.a.O.)

Und so können wir, indem wir uns bewußtmachen, was beim gewöhnlichen Sprechen in uns geschieht, erkennen, daß wir hier den Keim in uns tragen zu einer der höheren Erkenntniskräfte der Seele.

Normalerweise bemerken wir das kaum: wir dämpfen unser Bewußtsein während des Einatmens herab, um den Inspirationsvorgang nicht zu stören, und konzentrieren uns nicht auf den Vorgang des Atmens, sondern auf das Wahrnehmen des Gedankeninhaltes beim ausatmenden Aussprechen.
Als Sänger aber, oder allgemein als reproduzierende Künstler, ist es unsere Aufgabe, nicht unserer eigenen Inspiration Ausdruck zu verleihen, sondern der Inspiration des Komponisten, des Dichters, des Dramatikers auf die Spur zu kommen.
Dazu müssen wir zunächst unsere eigenen Gedanken und Gefühle „überwinden“ und uns ganz auf die Hinweise konzentrieren, die uns beispielsweise ein Komponist in Gestalt der Notenschrift hinterlassen hat.
Es ist natürlich nicht immer einfach, das Verlangen nach „eigener Inspiration“ zu überwinden. Und es genügt auch nicht, das einmal zu tun, in gedanklicher Durchdringung des schriftlich festgehaltenen Werkes.
Sondern wir müssen es bei jeder Aufführung von neuem tun – »Siehe: ich mache alles neu!« (Offenbarung 21.5)

Dazu sind in einem Musikstück die Pausen da.
Sie sind nicht etwa Zeiten des „Abschaltens“, sondern es sind Zeiten höchster geistig-seelischer Aktivität: in diesen schöpferischen Pausen atmen wir die jeweils nächste Phrase ein, nicht unbewußt wie beim alltäglichen Sprechen, sondern sehr bewußt, voraus-sehend und voraus-hörend, so leuchtend und farbig wie nur möglich...

Wenn uns das gelingt, sind wir bewußt im Reich der Inspiration – und bekommen auch eine Ahnung davon, wie der Künstler selbst zu seinem Werk gekommen ist:

»Wenn es dem Menschen gelingt, das, was er in seinem gewöhnlichen Leben aus seiner Verstandes- oder Gemütsseele gemacht hat, zu unterdrücken, dann geht an den Platz dessen, was als gewöhnliches Denken, als Verständigkeit und auch als gewöhnliches Gemütsleben für den physischen Plan in dem Menschen lebt, die Inspiration, da verwandelt sich die Verstandes- oder Gemütsseele in die Inspirations- oder inspirierte Seele. Die inspirierten Werke der Kultur sind in die verwandelte Verstandesseele herein inspiriert worden.« 
 (Rudolf Steiner: Vortrag in den Haag, 29. März 1913 - GA 145)


 Veröffentlicht in der Ausgabe 36, „Übergänge - Zwischenräume“
 der Zeitschrift

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