Mit Björn Höcke in der Badewanne oder: Die innere Sackartigkeit

Setzt Segel, ihr Anthroposophen, wir stechen in See, der Nordwind ist in vollem Schwung, und der Jupiter steht im Wassermann, Neumond kündigt die Flut an, und bei Facebook blasen die Ungläubigen ins Horn! Setzt Segel, ihr tapferen Diener des Logos!

Freilich, an Tagen wie diesen geht man noch einmal ins Stübchen und überlegt. Wohin genau geht die Fahrt? Irgendwie ist die Richtung abhanden gekommen. Du weißt ja, die Kulmination blieb aus, Ahriman ist nicht inkorporiert, sondern befeuert einen noch hemmungsloseren Raubtier- Kapitalismus, die traurigen Dussel wählen Nationalisten und Populisten, die ihre Länder wieder ins 17. Jahrhundert katapultieren wollen, zwischen Empires, neuem Geldadel und dem Gegenteil von Emanzipation. Die Fahrt geht ins Nirgendwo, sie kommt über die Badewanne gar nicht hinaus. Wenn man nicht aufpasst, steht Björn Höcke mit seinen Leibwächtern nackt in derselben Wanne und hält mit flackernden Augen und Bubi- Stimme einen Vortrag, dass man die Hacken zusammen schlagen möchte.

Woher kommt die Fahrt? Auch das ist sehr fraglich. Irgendwie kommt alles natürlich von Rudolf Steiner: der Esprit, das Geniale, aber auch das Eingesponnen- Sein, das Neben- der- Bahn- Fahren, das Hochtrabende, das Bigott - Devotionale, das Trottelhafte. Nehmen wir nur einmal Rudolf Steiners kosmischen Vortrag darüber, dass alles Tierische -und letztlich auch Menschliche- einfach nur eine Frage innerer Sackartigkeit darstelle, was man so wortwörtlich wie möglich auffassen sollte:

Nämlich das Tierische zeigt die Eigentümlichkeit, daß es die Kugelform überall durchbricht durch das Taschige. Es bilden sich überall in der Kugel taschenförmige Einbuchtungen. Das ist das Wesen der tierischen Bildung, daß sich von außen nach innen Taschen einsacken. Betrachten Sie ihre Augenhöhlen - zwei Taschen, die von außen nach innen gehen. Betrachten Sie ihre Nasenhöhlen: zwei Taschen. Betrachten Sie schließlich den ganzen Verdauungsapparat, vom Mund angefangen bis in den Magen hinein: Sie können ihn bekommen, wenn Sie vom Munde ausgehen lassen eine Tasche…
Überall ist es die Taschenform, die zu der Kugelform dazu tritt, wenn es sich darum handelt, den Übergang zu bilden vom Pflanzlichen zum Tierischen. Es ist die Taschenform.
Diese Taschenform, die wird uns verständlich, wenn wir von der Erde aufblicken zu dem Planetensystem. Sie können sich ja leicht vorstellen: Die Erde hat das Bestreben, allem auf ihr Lebendigen ihre eigene Form zu geben. 

Wenn aber der Planet von außen einwirkt, so wirkt er den Erdenkräften entgegen und sackt ein, was von der Erde als die Kugelform gegeben wird, und die verschiedenen tierischen Wesen sind in der verschiedensten Weise mit solchen Säcken, Taschen, gestaltet. Schauen wir die Planeten an in ihren verschiedenen Wirkungen. Der Saturn sackt in anderer Weise ein als der Jupiter oder Mars. Der Löwe ist einfach mit einer anderen Art von innerer Sackartigkeit ausgestattet, weil auf ihn nicht dieselben planetarischen Wirkungen geübt werden, wie zum Beispiel auf das Kamel und so weiter.“ (1)

Nun, diese innere Sackartigkeit kann man bei vielen Anthroposophen beobachten, nicht nur in der physiologischen Bildung. Das ist ein Grund, warum ich die Zweige in meiner Umgebung meide. Es ist einfach vielviel schlimmer geworden, seitdem diese Leute ihre Superioritäts- Gefühle auf das politische Feld erweitert haben und geheime Welten und Mächte hinter den Kulissen der Medien und politischen Entscheidungen wittern, dass es dir die Säfte aus dem Hirnwasser quetscht. Die Typen sind natürlich seit Jahren auch in einschlägigen Facebook- Foren unterwegs. Die von ihnen ständig angestossenen Streitigkeiten befeuern sowohl ihr Geltungsbedürfnis wie ihre Eitelkeit, geben ihnen aber auch ein Forum, um sich mit den über Jahre immer gleichen dümmlichen Positionierungen in anti- materialistische Pose zu werfen. Das alles wäre nicht so schlimm, wenn es nicht so viele Miniatur- Höckes mit innerer Sackartigkeit wären, die den größten und hohlsten aller Säcke gern zum Präsidenten wählen, einen Anti- Elitisten, Troll und Proll wie sie selbst, in nie endenden Tiraden gegen Alle und Jedes um sich selbst kreisend.

In den hier angesprochenen Steiner- Vorträgen aus dem Jahr 1921 (2) zur „Kosmosophie“ geht dieser nach dem bei ihm typischen Drittel- Konzept vor: Ein Drittel geniale, inspirierte Darlegungen „live“: Über den Menschen, sein Denken, Fühlen und Wollen, seine Nachtseite, seine Bösartigkeit, seine kosmischen Reisen im Tiefschlaf, sein geschaffenes Vergangenheitswesen und seine ewig schaffende aktive Natur; klarsichtige Expeditionen auf der Ebene Bewusstsein - über- das- Bewusstsein. (4) Dann aber kommt Steiner unvermittelt, als ob er einen inneren Schwenk vollzöge, auf seine üblichen Legenden und Erweckungs- Geschichten. Das Palladium (5), das aus alten Sonnenkräften gebaut worden (eigentlich Palladion 6) und in Rom gebunkert gewesen sein soll, um dann von bösen Mächten ins osmanische Konstantinopel gebracht, und nun erlöst zu werden, und zwar von den braven Traum- Rittern, die da gerade atemlos und mit Kinderaugen im Saal zu Dornach saßen- ach, Herr Steiner. Das ist der Candy, den Sie den Süchtigen in den Schlund tröpfeln: Das esoterische Geschwurbel, der süße Brei, der seelische Balsam.

Das letzte Drittel ist dann dem stereotypen Motzen Steiners über die zeitgenössischen Wissenschaftler, Dozenten, Autoren (manchmal auch Politiker) gewidmet, die stets und insgesamt dem materialistischen Virus verfallen gewesen sein sollen und somit der anthroposophischen Inkompetenz überführt werden - vom Geistesforscher höchstpersönlich getadelt und in den Sack gesteckt. Diese Motz- Tiraden (3) erfüllen bei Steiner oft die Rolle eines stereotypen Füllmittels für zu kurz geratene Vorträge, haben aber auch diese gewisse Kultur- kritische Komponente, die eine Aura von anthroposophischer Superiorität vermittelt. Letztlich ist die Drittel- Struktur vieler Vorträge Steiners ein Strickmuster, das durchaus ökonomisch (niemand kann durchgehend genial- spontan reden) erscheint, aber mit Nebenwirkungen verhaftet ist: Die endlosen Legenden fürs Volk haben sich längst selbständig gemacht und überwuchern in immer neuen Auswüchsen das, was einmal als „Geisteswissenschaft“ angetreten ist. Was Rudolf Steiner da an mythologischen Narrativen auftischt, ist der gängige Erlösungs- Gedanke durch eine dem Materialismus und dem „verfinsternden“ Islam gegenüber neue Sonnen- Kultur, als deren Prophet Steiner selbst fungierte. Die, die ihm an den Lippen hingen, durften sich auch dazu zählen, zur neuen Hochkultur der spirituellen Versprechen. So ein Narrativ kitzelt natürlich die Eitelkeiten, aber bedient auch die Sehnsucht nach Erlösung und neo- religiösem Glauben.

Das Steinersche Drittel- System hat trotz seiner suggestiven, arroganten und anti- modernistischen Attitüden zweifellos sehr gewinnbringende Erkenntnisse zu bieten, wenn man es sozusagen frei schneidet aus dem ideologischen, anbiedernden Ballast und dem quasi- religiösen Pathos. Die fiebrigen Narrative überlagern das, was an realem Erkenntnisgewinn auch vorgetragen wird wie eine Verpackung. Es ist auch purer Kitsch: „Das Palladium, das alte Erbstück, das aus Troja nach Rom, von Rom nach Konstantinopel gebracht worden ist, das noch weiter in die Finsternis des Ostens gebracht werden soll, das Palladium, das Sonnenkleinod, es muß warten, bis man es geistig im Westen aus dem dunklen, finsteren Schatze der bloßen Naturerkenntnis heraus erlöst“ (5). In Konstantinopel war - was die Finsternis des Ostens betrifft- gerade der Völkermord an den Armeniern vollzogen worden, ein ethnischer, intellektueller und finanzieller Drain out, ein bis dahin unvorstellbarer Massenmord, der Stalin und Hitler ein Vorbild gewesen sein muss. Hier liegt das Herz der Finsternis. Die fantastischen Erzählungen Doktor Steiners führen - so sehr sie das Gegenteil behaupten- ins Reich der Fabeln und Legenden, auch wenn er von der Finsternis des Ostens schwadroniert. Erstaunlich bei jemandem wie Steiner, der im gleichen Atemzug über die Natur der Wirklichkeit spricht (4) und sich über die „inhaltslosen“ Philosophen seiner Zeit mokiert.

Aber noch immer steht Björn Höcke vor mir in der Badewanne, mit flackernden Augen, aber stramm stehend, ausnahmsweise völlig stumm. Hinter dem Duschvorhang sein Bodyguard. Was soll ich Björn nur sagen, um diese gewisse Spannung im Raum zu mildern? Ich fange einfach mal an, mit milder Stimme, leise, fast zärtlich: Es war einmal ein Sonnengeheimnis, „das wurde empfunden als das größte geistige Kleinod der Menschheit. Und es wurde symbolisiert durch dasjenige, was man das Palladium nannte. In Troja soll es einst gewesen sein, und die Mysterien- Priester in Troja drüben sollen in diesem Palladium dasjenige gesehen haben, an dem sie gewissermaßen sakramental kulturell, kultusartig den Leuten enthüllt haben, was das Sonnenwesen ist. Dann wurde es nach Rom gebracht, und es war ein Geheimnis der in Rom Eingeweihten, daß Rom das Palladium bewahrt. Rom bewahrte das Palladium…“

Ja, was soll ich sagen.. Björn hat in meiner Badewanne geweint.


Anmerkungen
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1 Rudolf Steiner, 208, 143f
2 „Anthroposophie als Kosmosophie – Zweiter Teil: Die Gestaltung des Menschen als Ergebnis kosmischer Wirkungen. Der Mensch in seinem Zusammenhang mit dem Kosmos, Band VIII“ Zum Inhalt und Download: https://anthrowiki.at/GA_208
3 z.B. in 208, 117 : „Weil die Philosophen allen Inhalt ihres Kopfes schon verloren haben, die Naturforscher wenigstens noch die äußere Sinnesbeobachtung haben, hat man die Naturforscher an die philosophischen Lehrkanzeln berufen. Über Philosophie reden sie ja natürlich noch inhaltloser als die Philosophen. Die Philosophen haben wenigstens noch die Worte gehabt. Aber eine merkwürdige Entwickelung hat sich schon zugetragen. Man hat es erlebt, daß zunächst die noch inhaltsvolle Philosophie von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollständig verduftet ist in den Worthelden, sagen wir von der Sorte eines Kuno Fischer. Aber in der Kuno-Fischer-Zeit haben noch Philosophen an den Lehrkanzeln gelehrt. Innerer Gehalt war in dieser Philosophie nicht mehr.“ Und so weiter und so fort
4 z.B. in 208, 125: „Dieser Wille ist eben der Gegenstoß; der macht uns robust, der gibt uns Erleben der Wirklichkeit. Aber dieses Erleben der Wirklichkeit stößt höchstens noch als Gefühl herauf. Da träumen wir von dieser Wirklichkeit; aber im wesentlichen haben wir diese Wirklichkeit nicht im wachen Bewusstsein. So daß wir als Menschen zwischen Geburt und Tod unser Sein im Geistigen dadurch erkaufen, daß wir den Geist im Bilde erleben, im Bilde der Sinneswahrnehmungen, im Bilde der Vorstellungen; daß wir die Wirklichkeit zwar erleben, daß sie aber unbewußt herein spielt in unser Bewusstsein, wie auch die äußere Wirklichkeit unbewußt herein spielt.“
5 208, 172 : „Dieses Sonnengeheimnis, es wurde empfunden als das größte geistige Kleinod der Menschheit. Und es wurde symbolisiert durch dasjenige, was man das Palladium nannte. In Troja soll es einst gewesen
sein, und die Mysterien- Priester in Troja drüben sollen in diesem Palladium dasjenige gesehen haben, an dem sie gewissermaßen sakramental kulturell, kultusartig den Leuten enthüllt haben, was das Sonnenwesen ist. Dann wurde es nach Rom gebracht, und es war ein Geheimnis der in Rom Eingeweihten, daß Rom das Palladium bewahrt. Rom bewahrte das Palladium. Und im Grunde genommen haben die eingeweihten Priester der Römer und noch die ersten Kaiser der Römer, namentlich noch Augustus, durchaus aus dem Bewusstsein heraus gearbeitet in der Welt, gewirkt in der Welt, daß in Rom das größte Kleinod der Welt repräsentiert ist, wenigstens äußerlich-symbolisch, indem in dem geschätztesten römischen Tempel unter der Grundmauer das
Palladium war, das nur diejenigen kannten, die von den größten Geheimnissen des römischen Daseins wußten. Aber auf geistige Art war es denen bekanntgeworden, die das Christentum der Welt zu bringen hatten. Und aus der Erkenntnis, daß Rom den Palladium Schatz bewahrt, ging der Zug der ersten Christen nach Rom. Es war durchaus etwas Spirituelles darinnen.
Aber als unter Konstantin das Christentum verweltlicht ist, wurde von Rom das Palladium weggenommen. Konstantin gründete Konstantinopel, und unter derjenigen Säule, die er dort sich selber errichten ließ, ließ er in den Boden hinein senken das Palladium. Und das römische Christentum hat sich ferner so entwickelt, daß ihm das Wissen vom Sonnengeheimnis gerade durch denjenigen Kaiser weggenommen worden war, welcher das Christentum äußerlich in seinen Formen, in seinem starren Mechanismus in Rom festgelegt hatte. In der äußerlichen, weltlichen Befestigung des Christentums durch Konstantin ist dem Christentum die Weisheit von der Welt verloren gegangen, was auch äußerlich zum Ausdrucke kommt in dem Überführen des Palladiums nach Konstantinopel.

Namentlich in gewissen Teilen der slawischen Welt - die Leute deuten sich das ja alles in ihrem Sinne - herrscht, herrschte bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts herein der Glaube, daß das Palladium von Konstantinopel in nicht zu ferner Zukunft nach einer anderen, und wie man glaubte in der slawischen Welt, nach einer slawischen Stadt verbracht werden wird. Jedenfalls wartet das Palladium darauf - nehmen Sie jetzt den Vorgang symbolisch äußerlich, aber das Wichtigere ist das Innere dabei -, daß aus dem schon auf dieses Palladium verfinsternd wirkenden Konstantinopel hervorgeht diejenige Lokalität, oder daß das Palladium wandert nach derjenigen Lokalität, die durch sich dieses Palladium völlig verfinstern würde. Ja, das Palladium wird nach dem Osten gebracht, wo die Dekadenz der alten Weisheit lebt, aber eben der Verfinsterung entgegen lebt. Und alles hängt in der weiteren Weltenentwickelung davon ab, daß ebenso, wie die Sonne ein Reflektor ist von dem Lichte, das ihr aus dem Universum gegeben wird, das Palladium- Kleinod beleuchtet werde von einer Weisheit, die aus dem Schatze der Erkenntnis des Westens gefunden wird. Das Palladium, das alte Erbstück, das aus Troja nach Rom, von Rom nach Konstantinopel gebracht worden ist, das noch weiter in die Finsternis des Ostens gebracht werden soll, das Palladium, das Sonnenkleinod, es muß warten, bis man es geistig im Westen aus dem dunklen, finsteren Schatze der bloßen Naturerkenntnis heraus erlöst. So hängt mit den heiligsten Traditionen eigentlich der europäischen Entwickelung zusammen, was als Aufgabe für die Zukunft dasteht.

6 Palladion Wikipedia: „Nach wieder anderer Sage gab es zwei Palladien in Troja, welche Chryse dem Dardanos als Mitgift zugebracht haben soll; das eine soll Odysseus geraubt haben, während das andre Aeneas als Unterpfand für einen neuen Staat nach Italien mitgenommen habe, wodurch Rom ebenfalls in Besitz eines Palladions gekommen sei. Es sei hier im Tempel der Vesta bewahrt und vor allen profanen Blicken aufs Strengste gehütet worden.
Im übertragenen Sinn heißt „Palladion“ oder „Palladium“ jede heilig gehaltene Sache, die etwas schützt, und auf deren Erhaltung viel ankommt.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Palladion

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