Der anthroposophische Narzisst oder: Die gefühlte Selbst- Bedeutsamkeit

Natürlich gibt es große, Generationen  übergreifende Trends, aus denen man seine biografische Agenda bezieht- oder man stellt sich gerade in den Gegensatz zu ihnen, und definiert sich im Widerspruch zu diesen Trends. Bei mir war es, was die anthroposophische Agenda betrifft, sicherlich ein Mix von beidem: Einerseits entsprang das Zündende daran dem Zeittrend, der (in den 70ern des letzten Jahrhunderts) eine Mischung von Hippie- Kultur, Spiritualität, steppenwölfischer Wahrheitssuche darstellte - eine romantische Wendung hin zum „Ewigen in mir“ und in der Natur; andererseits markierte das trotzige Statement „Ja, ich bin Anthroposoph“ in der kleinstädtisch- katholisch geprägten Umgebung und ihren Arbeitsplätzen einen Standpunkt, der zumindest nicht gerade der Karriere-, aber doch der trotzig abgerungenen Identität förderlich war.

Zu dieser Zeit lief eine solche Haltung unter dem Label Progressiv, und verstand sich als Part der alternativen Szene. Die tatsächlichen anthroposophischen Milieus und Arbeitsstätten mit ihren bleiernen Strukturen, den lokalen Guru- artigen Gestalten, den arroganten Globuli- Ärzten waren sehr schnell ebenso zu eng gestrickt wie häufig Anthro- Familien mit ihrem restriktivem Regelwerk, das vor allem auf Vermeidung von Konsum, Genuss und Medien setzte, um des ewigen Seelenheils willen. Die real existierende Anthroposophie des letzten Jahrhunderts hatte etwas von einem bleiernen Katechismus - die eigentliche Suchbewegung war längst zu einem formelhaften Abbeten von Zitaten, Geboten und Phrasen geronnen, aus dem immer wieder einzelne Persönlichkeiten - freie Geister- heraus ragten, manchmal - wie Beuys oder Kühlewind - kometenartig aufstiegen und bekannt wurden, aber zumindest intern in der Szene weder verstanden noch nachhaltig integriert wurden.

So konnte man beobachten, wie viele Paradiesvögel, Intellektuelle, Suchende in diese Szene strömten und dort sehr bald, nachdem der freundlich- alternative Rahmen durchdrungen war, auf die hierarchischen Strukturen, die interne Machtbalance (meist mit einer narzisstischen Führerpersönlichkeit), die Bigotterie, Ignoranz und den besserwisserischen Katechismus aufprallten. Selten erlebte man andernorts eine derartige Häufung von - gefühlt- „wichtigen Leuten“ an allen Schaltstellen, die mit einem intellektuellen Minimal- Einsatz stereotype Vorträge hielten und - zumindest damals- ein Buch nach dem anderen heraus gaben. In diesem Biotop konnten schlichte Naturen mit einer Begabung zur bigotten Machtentfaltung erstaunlichen Einfluss ergattern, solange sie frömmelnde oder esoterische Weisheiten von sich gaben, die den eigenen nackten Ehrgeiz verdeckten. Man konnte die Posten, die manchmal sehr lukrativ waren (in Form von Immobilien, Folgeaufträge auch für die Verwandtschaft, gesondert ausgehandelten Verträgen mit besonderen Gehältern, usw), nicht selten Generationen- übergreifend weiter geben und somit eine anthroposophische, manchmal auch Branchen- übergreifende Dynastie begründen.  Im Umkreis und nah am Zentrum großer Institutionen, Unternehmen und Bildungsunternehmen der Szene haben sich einzelne Persönlichkeiten immer ein überaus lukratives Einkommen und ein überaus angenehmes Heim schaffen können. Die Futtertröge sind heute rar gesät, freilich, und werden immer knapper.

Aber natürlich läuft nicht alles über die liebe Verwandtschaft. Wenn man im Um- und Dunstkreis solcher Milieus zu schaffen hat, bemerkt man auch die wundersame Kraft der Cliquen und des Buddy- Ismus. Eine fest gestrickte Gruppe, die sich gegenseitig schützt, Dynamik schafft, den Rücken frei hält und Geld und Bürgschaften beschafft, hat die Potenz, zusätzliche Menschen zu binden, die schließlich ganze institutionelle Gründungen fertig kriegen, die wiederum Aufträge, Geld und Kontakte generieren. Die Synergien sind enorm und führen nicht selten dazu, dass sich lebenslange Freundschaften entwickeln, eine Berufswahl getroffen wird und sich Karrieren anbahnen- oder zumindest ein Sprungbrett dorthin. Sind die Bindungen lang und tief genug, macht es nichts, wenn der Eine in Mumbai sitzt, ein Anderer sonstwo; die Scheidungen, die Freundschaften auch der Kinder, gemeinsame Wohnprojekte, Tausch der Partner- das alles wird in das Strickmuster des Milieus integriert, ohne irgend einen ideologischen Hintergrund. Aber dass diese weit gefasste Gruppe Waldorfschulen, -kindergärten und weitere Institutionen gegründet, gebaut und beherrscht hat, bleibt ein innerer Pol für diesen Kreis.

Und niemand ist hier abgedreht. Das sind (weitgehend) Leute aus der Wirtschaft- zumindest die des inneren Kreises. Die haben durch die Gründungen Kontakte in Verwaltung und Wirtschaft entwickelt. Aber auch wenn auf dieser Ebene der Gründer und Bauherren eine bestimmte Schicht innerhalb der Stadt involviert ist, die dann auch mit ihren Kindern in die Institutionen drängt, ist doch in den weiteren Kreisen jeder Aspekt des Bildungs- Bürgertums vertreten- bis hin zu „alternativen Lebensmodellen“, Künstlern und Medienschaffenden. In Deutschland bleibt das Schulgeld auch die staatliche Refinanzierung überschaubar. Dennoch ist die spezifische Verankerung und gesellschaftliche Durchmischung in jeder Waldorfschule sehr unterschiedlich.^

Jedem in diesem rationalen System ist aber doch klar, dass man ein wenig Tribut an das Surreale tragen muss. Während alle Beteiligten an den Gründungen, den Unternehmen, den Wohnverhältnissen, den Liebschaften und den Finanzierungen vernünftig agieren, braucht man ein paar Irre, um den anthroposophischen Schein zu wahren. Selbst die jährlichen Tagungen in Stuttgart und Dornach sind perfekt organisiert, gestylt, Lebensmittel- technisch korrekt und vom Material der Kleidung und Kladden nachhaltig. Alle führen den Kanon von Übungen durch, die die Generation der Achtsamen selbst am Arbeitsplatz, in der Freizeit und im Yogaseminar praktiziert, und legen für eine Stunde ihr Smartphone weg.

Aber den irren Anthroposophen, der seine verbalen Ergüsse aus christologischer Ich- Erkenntnis, dubiosen Anthro- Letters und einem Mix von Steiner- Zitaten und rechtsnationalem Gedankengut zusammen bastelt, muss man einfach haben, allerdings nur mit einem halben Vertrag und kurz vor der Pensionierung stehend. Jeder weiß, dass er mit der dürren, aber energischen Schritts daher schreitenden Eurythmistin etwas  am Laufen hat. Zu Festen, beim Weihnachtsspiel und bei öffentlichen Veranstaltungen spricht er ein paar einführende Worte, die meist bemüht tiefsinnig und vage kulturkritisch wirken. Er ist bislang harmlos, auch wenn man das Schlimmste befürchten muss. Wenn er mit seiner teigigen Haut über den Schulhof trottet, sehen die Rationalisten einen dicklichen, abwesend wirkenden älteren Herren- er selbst aber sonnt sich in seiner geistigen Aura. Es gibt gerade in anthroposophischen Kreisen diese narzisstische Störung, die bei Rudolf Steiner sogar notwendiger Teil des „Schulungsweges“ ist: Das Auseinanderfallen von Denken, Fühlen und Wollen bzw von Fremd- und Selbst- Wahrnehmung. Die eigene Bedeutsamkeit wird auf geradezu groteske Art überschätzt.

Sehen wir uns zu diesem Thema doch einmal einen Rundbrief an, der gerade von dem Anthroposophen und Judith- von- Halle- Anhänger Andreas Delor verschickt wurde. Er kommt erst einmal aktuell, zeitgeistig und rational daher, mit Bezügen zu Rezo, Greta Thunberg, AfD und CDU, aber auch mit einem Link zu einem eigenen Artikel. Dankenswerter Weise präsentiert Delor darin aufs Schönste den hier gemeinten Narzissmus: „Schaut man sich das Rezo-Video an (alles, was Reso aufzeigt, war mir im Prinzip lange vorher bekannt, nicht aber, WIE weit vorangeschritten diese Prozesse mittlerweile sind), so wird deutlich, dass dessen Titel eigentlich heißen müsste einerseits: „die Selbstzerstörung der CDU“ und andererseits: „die Zerstörung unseres Planeten und der Menschheit durch die CDU, wenn sie auch nur einen Tag so weitermacht wie bisher“. Und es wird deutlich, dass nicht nur die CDU/CSU, nicht nur die SPD, FDP und AfD (sowie die führenden Politiker rund um den Globus) darin angeklagt sind, sondern genauso die großen Firmen der Welt, die Militärs, Geheimdienste und Diktaturen.
In meinem Aufsatz "Die Zerstörung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft" möchte ich zeigen, dass der Grund dafür, dass all diese Mächte die Welt überhaupt zerstören können, bei UNS, eben in der „Zerstörung der Allgemeinen Anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft“ liegt, in genau diesem Sinne als „Selbstzerstörung der AAG“ und „Zerstörung unseres Planeten und der Menschheit durch die AAG, wenn diese auch nur einen Tag lang so weitermacht“.“ *

Hier wird ja nun schon der bizarre Trugschluss verbreitet, das Wohl und Wehe der Welt „rund um den Globus“ einschließlich aller „großen Firmen der Welt“, der „Militärs, Geheimdienste und Diktaturen“ hinge ab von der Befindlichkeit der Anthroposophen. Und so holt Andreas Delor „ein wenig aus“ und beleuchtet die wahren Zusammenhänge hinter dem Weltgeschehen in einer Betrachtung - hier (1) herunter zu laden - die aber eigentlich auch nur ein Ausschnitt aus seinem Buch „Das Ereignis Rudolf Steiner im Lebenswerk von Sigurd Böhm und Judith von Halle“ ist. (2)

Das mit dem „ein wenig Ausholen“ ist wörtlich gemeint, denn Dekor springt direkt von Greta Thunberg zum heiligen Gral und zurück, ekstatisch, was die Potentialität der anthroposophischen Lehre angeht, denn rein theoretisch könnte dieser heilige Gral nach Rudolf Steiner auch Maschinen antreiben, womit die ganze Diskussion mum den Verbrennungsmotor natürlich überflüssig wäre. Leider sei als „Speerspitze der Anthroposophie“ nur die Waldorfpädagogik übrig geblieben- immerhin, in einer durch und durch verdorbenen Zivilisation: „Die Kinder sind dem Himmel am nächsten; sie kommen mit immer neuen Impulsen aus der geistigen Welt herunter – und, man soll sich nicht täuschen : in eine absolut kinderfeindliche, greisenhafte und menschenverachtende Zivilisation hinein, die dabei ist, den gesamten Planeten in die Luft zu sprengen.“

So betreibt Delor seine in anthroposophischen Kreisen übliche Verdammung seiner Gegenwart, mit der Attitüde geistig- moralischer Überlegenheit, natürlich, die dann auch die heutigen Waldorfschulen umfasst, die allesamt keinen Sinn mehr für Spiritualität und Gemeinschaftsbildung hätten. Delor untermauert mittels Steiner- Zitaten, dass man, um sein schlechtes Karma zu überwinden, sich gegenseitig aneinander abschleifen müsste, was offenbar niemand mit Herrn Delor zu tun bereit gewesen ist. Sonst würde sein Klagelied keinen Sinn machen. Wie er von diesem Thema unmittelbar auf die Massenmorde des IS kommt, bleibt sein Geheimnis: „Schwere Krisen und deren Überwindungen gehören in Neuen Gemeinschaften einfach dazu; nicht im Erreichen eines Paradieszustandes – der ist nicht mehr zeitgemäß – liegt die Zukunft, sondern in einer „permanenten Revolution“, wo mitgebrachte Jugendkräfte gar nichts mehr helfen. Wirkliche Gemeinschaftsbildung gelingt tatsächlich nur in anstrengender gemeinsamer spiritueller Arbeit – ohne das fällt man in die vor-individuelle Gruppenseele zurück, wie es in schrecklicher Weise vom ja zweifellos zum gegenwärtigen spirituellen Aufbruch gehörenden Islamismus demonstriert wird, wo nicht nur Angehörige anderer Religionsgemeinschaften wie Jesiden, Hindus, Juden oder Christen bestialisch umgebracht werden, sondern genauso islamische „Abweichler“ wie Schiiten oder Sufis.

Aber nun breitet Delor die ganze Pracht des Eingeweihten auf dem anthroposophischen Pfad aus, der allerdings zuvor die so schwierigen Texte Rudolf Steiners, die wie Seife in der Badewanne nicht zu packen seien, studieren muss und dabei eine völlige Wesens- Umwandlung erfahre. Dabei sei es günstig, wenn es einem damit möglichst schlecht gehe, da das (etwa jahrelange Depressionen?) der Vorbote des Fortschritts und der Genesung sei: „Man kann es geradezu als „Rezept“ angeben: wenn es dir schlecht geht (körperlich, seelisch, beruflich, in der Beziehung usw.), arbeite – aber bitte intensiv; alles andere nützt nichts! – an kurzen Text-Passagen Rudolf Steiners, egal an welchen, dann ziehst du dich daran wie Münchhausen am eigenen Haarschopf wieder aus dem Sumpf; dies ist ein todsicher wirken- des Mittel, der Anfang aller Meditation.

Das klingt nicht lustig. Aber für lustige Personen ist Anthroposophie ja auch nicht gedacht, nicht wahr? Im Gegenteil machten Sprödigkeit anthroposophischer Texte und permanentes Zähneausbeißen daran erst den wahren Anthroposophen aus. Wer da durch ist, wird schon direkt seine Belohnung erhalten, und zwar in Form von Selbstdisziplinierung und Bedeutung: „Tatsächlich ist der „Anthroposophische Schulungsweg“ nichts anderes als die Selbst-Erziehung zur starken, Großen Persönlichkeit – nur starke und Große Persönlichkeiten können überhaupt heilend ins Weltgeschehen eingreifen. Im in sich selber ruhenden menschlichen ICH liegen die großen Heilkräfte für alles – nirgends anders. Nur ein Souverän kann wirklich heilen, eine starke Persönlichkeit, ein Freier Geist, der in jeglicher Beziehung gegen den (inneren und äußeren) Strom schwimmen kann – wer Sich Selber nicht stützen kann, kann auch keinen anderen stützen.“

Aber das Klagelied Delors beginnt erst an diesem Punkt. Er holt noch sehr viel weiter aus, um das ganze Ausmaß des Scheiterns der Anthroposophischen Gesellschaft darzustellen, was ein unfassbares Martyrium Rudolf Steiners darstelle und faktisch eine zweite Kreuzigung des Christus. Aus tiefster Not schreit Delor zu uns: Vom Verrat der Klassentexte Steiners, vom Scheitern der Mitglieder, von Schlampereien und Entweihung. Er verweist auf das Buch „Rudolf Steiners Leidensweg“, was aber nur ein kleiner Schritt sei bis zur von Delor geschilderten „Hölle Anthroposophie“, die nicht nur faktisch durch die permanenten Streitereien von Mitgliedern und deren sektiererischen Abspaltungen begründet werde, sondern auch noch durch die Außenstehenden, die das Spektakel der „blöden Anthroposophen“ erheitert und hämisch kommentierten.

Dabei liege doch letztlich die Schuld bei einem „schwarzen Engel“, wie eine Hellseherin (3) namens Verena Staël v. Holstein offenbart habe, der schon Hitler geistig zerrüttet hätte: „Genauso haben höhere schwarze Wesen den Entschluss gefasst, gegen das große weiße Wesen, welches Rudolf Steiner mit seiner Anthroposophie verankert hat, aktiv zu werden und ein großes schwarzes Wesen der Anthroposophie entgegenzustellen. (...)
Der gesamte deutsche Sprachraum ist von seinen geistigen Wurzeln radikal abgeschnitten worden. (...) Bei den Deutschen hat dieses Abschneiden von den alten mythologischen Wurzeln derart stark die Zukunft verändert, dass die Auswirkungen bis in die Ausprägung der hellseherischen Fähigkeiten der heute lebenden Menschen gegangen ist.
Hintergrund war die Wesenheit eines schwarzen Engels, der sich nach der Gasvergiftung Hitlers in ihm inkorporiert und nach und nach die anderen Menschen um sich gesammelt hat, die sein Wirken mitgelebt haben. Sie entwickelten eine Ideologie, rissen alle nordischen Götternamen in ihren Schmutz und in ihre Ideologie hinein und schnitten damit die Mitteleuropäer von ihren geistigen Wurzeln ab. Deswegen konnte sich das, was Rudolf Steiner für die Zukunft voraussagte, nicht richtig und nicht in Ruhe entwickeln.

So siehts nämlich aus! Hitlers schwarzer Engel hat die Anthroposophie ruiniert! Andreas Delor setzt, in seinem elaborierten Erregungszustand, das Scheitern der Anthroposophischen Gesellschaft auch noch - ziemlich geschmacklos- in Kontext mit dem Holocaust, aber, nach einer Reihe rein assoziativer Schlenker, sogar in Zusammenhang mit mir (4), und zwar was Zweifel an Steiners Aussagen über Frühmenschen betrifft. Was das mit Delors Thema zu tun haben könnte? Offenbar findet er nicht nur interne Streitigkeiten der Anthroposophenschaft zersetzend, sondern jeden Zweifel an den Aussagen des Meisters überhaupt. Delor verlangt wortwörtliche - eigentlich biblische- Auslegung ohne jede Interpretation: „Rudolf Steiners Ausführungen wortwörtlich zu nehmen, wie ich es tat und immer noch tue, meinte Stockmar, sei naiver Realismus im Sinne der „Philosophie der Freiheit“.“ Stattdessen empfiehlt Delor genau den naiven Realismus, den Stockmar ihm vorwirft: Die Vorspiegelung, es gäbe eine „gegebene“, ohne Interpretation vorliegende wortwörtliche Auffassung der Worte Rudolf Steiners, die im Fall von Andreas Delor und den Seinen doch in besonderem Maß zivilisationsmüde, miesepetrig, depressiv mit Hang zum Pompösen und zur narzisstischen Selbst- Überhöhung zelebriert werden. Der ganze inszenierte Zerfall der anthroposophischen Szene soll doch die Einzigartigkeit der „wahren Jünger“ des Meisters heraus stellen, die an seiner Brust liegen wie einst der Jünger, den der Herr lieb hatte. Hosianna!


Verweise ---------
1 https://andreas-delor.com/files/AndreasDelor/dokumente/anthroposophie-aufsaetze/1ZerstörungderAAG.pdf
2  Ich habe leider keine Ahnung, wer Sigurd Böhm ist.
3 aus: Flensburger Hefte Nr. 107: „Neues Hellsehen”, Flensburg 2010)
4 Delor schreibt in seinem unter 1 verlinkten Artikel: „„Haben also die «Atlantier» – so Steiner – tatsächlich «gelebt auf dem Boden, der jetzt bedeckt ist mit den Fluten des Atlantischen Ozeans» (Rudolf Steiner, GA 93a, S.138f)? (...) Viele Funde sind in Bezug auf Varianten der menschlichen Spezies gemacht worden – Rudolf Steiner kannte zu seiner Zeit lediglich eine zweite hominide Art neben dem Homo Sapiens, nämlich den so genannten Neanderthaler...
– Da ist – ich muss für eventuell unkundige Leser die Dinge gleich an Ort und Stelle geraderücken – der Autor Michael Eggert schlecht informiert: Rudolf Steiner spricht ebenso über den damals „Pithecanthropus“ genannten Homo erectus; weitere Homininen waren zu dieser Zeit noch nicht entdeckt. –
...Diese beschrieb Steiner im Kontrast zu den «Atlantiern» als primitive, degenerierte Art, die sich nach den Atlantiern entwickelt haben soll: «Die alten Atlantier, die hatten in ihrem wässrigen Kopf gerade eine sehr hohe Stirne, und dann kam, als dies zurückging, zuerst die niedrige Stirn, und die wuchs sich nach und nach wiederum aus zu den höheren Stirnen. Das ist eben eine Zwischenzeit, wo die Menschen so waren wie der Neandertalmensch.» (Rudolf Steiner: GA 354, S. 69)
Das muss eine verdammt lange Zwischenzeit gewesen sein. Denn die Neanderthaler haben, in einer Population von etwa einer Million Menschen, angesiedelt in den dichten, artenreichen Wäldern zwischen «the Indonesian archipelago and the Iberian», schon vor 300000 Jahren das Feuer beherrscht: «By about 300,000 years ago, Homo erectus, Neanderthals and the forefathers of Homo sapiens were using fire on a daily basis.» (Zitate aus – ohne Seitenangaben im Kindle –: Yuval Noah Harari: «Sapiens: A Brief History of Humankind». Deutsche Ausgabe: Eine kurze Geschichte der Menschheit, DVA 2013) Diesen Lebensraum hatten die Neanderthaler aber bereits zuvor schon Hunderttausende von Jahren bewohnt...
– Auch hier ist Eggert schlecht informiert: vor 300.000 Jahren gab es nach heutigem wissenschaftlichen Stand noch lange keine Neandertaler (die allerfrühesten vor 180.000 Jahren) geschweige denn Hunderttausende von Jahren zuvor! –
...Im Gegensatz zur Darstellung Rudolf Steiners ist archäologisch und paläontologisch nach zu weisen, dass eine erste Welle von Gruppen der Spezies Sapiens, am östlichen Mittelmeer auf diese uralte statische Kultur der Neanderthaler gestossen ist. (...) Im Gegensatz zu Rudolf Steiners Darstellung gingen diese wie andere hominide Arten nicht auseinander hervor...
– was bedeuten würde, dass jede Homininen-Art neu aus dem Boden gewachsen wäre –
...Im heutigen menschlichen DNA-Code finden sich etwa 2% Neanderthaler-Gene, was für eine sehr geringe Durchmischung spricht. Die Neanderthaler sind keineswegs aus den «Atlantiern» hervor gegangen...
– Die anderen homininen Arten, aus denen die Neandertaler sowie sämtliche Früh- und Vormenschen, da der liebe Gott sie nicht alle neu geschaffen hat, definitiv hervorgegangen sind, nennt Steiner nun einmal „Atlantier“. Diese waren nach ihm wie gesagt so weichkörprig, dass sie keine Fossilien hinterließen – schaut man sich die mittlerweile in reicher Fülle vorliegenden Homininen-Funde etwas genauer an, so deuten diese selber ganz stark darauf hin, dass Steiner mit seiner Behauptung recht hat, was mit dem dilettantischen Halbwissen, das Eggert hier auffährt, schon gar nicht zu widerlegen ist. Eggert geht auf die Frage der Weichkörprigkeit mit keinem Sterbenswort ein; es geht ihm gar nicht um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, sondern allein darum, Rudolf Steiner zu verunglimpfen: –
...(...) Rudolf Steiner hat seinem eigenen Konzept – erst Atlantier mit hoher Stirn, dann Neandertaler mit niedriger, dann wieder Arier mit hoher Stirn – auch gelegentlich selbst widersprochen und eine gegenteilige Darstellung gegeben: «Die Atlantier hatten weniger Vorderhirn und eine noch weiter zu- rückliegende Stirne...» (Rudolf Steiner, GA93a, S. 138f)...
– Wenn man bei Steiner nicht richtig hinschaut und die Dinge regelrecht falsch wiedergibt, dann ist es natürlich sehr einfach, bei ihm Widersprüche zu konstruieren. Weil Eggert Steiners Position gar nicht wirklich kennt, schiebt er ihm Dinge unter, die das Gegenteil von dessen Aussage beinhalten. –
...Statt die Zehntausende von Jahren parallel existierender menschlicher Kulturen zu schildern, entwickelte er vor allem eine atlantische Rassenlehre, die keiner Peinlichkeit entbehrt, dafür aber auch darum erfunden scheint, um das Hohelied des arischen Menschen singen zu können. (...) Besonders peinlich, dass Steiner sich genötigt fühlte, darauf hinzuweisen, dass die von ihm semitisch genannte der «heutigen jüdischen Bevölkerung» sehr unähnlich gewesen sein soll. Damit will er die angebliche Superiorität der arisch-kaukasischen Rasse offenbar nochmals betonen...
– wobei Eggert offenbar nicht weiß, dass Rudolf Steiner mit „Rassen“ ausschließlich „Zeiten“ oder „Entwicklungsepochen“ meint; er war anfangs gezwungen, sich solcher theosophischen Termini zu be- dienen, um überhaupt verstanden zu werden – später distanziert er sich scharf davon. Die außer-anthroposophischen Rassismus-Kritiker sind in Bezug auf Rudolf Steiner seit längerem sehr still geworden, weil sich inzwischen herumgesprochen hat, dass bei einer wirklich differenzierten Betrachtung und wenn man die zeitgebundene damalige Ausdrucksweise abstreicht, von einem „rassistischen Rudolf Steiner“ nichts übrigbleibt – nur Eggert scheint diese Entwicklung verschlafen zu haben. –
...Steiner hat in seiner merkwürdigen Atlantis-Saga Märchenstoff, Mythen, aber auch arische Herrenrassen-Ideologie in die menschliche Entwicklungsgeschichte gepackt. Die Fakten – auch die Analyse der heutigen menschlichen DNA – widerlegen seine Darstellung.“ (Michael Eggert: „Atlantisches Phantasialand mit rassistischer Note“, 23.3.2016, https://egoistenblog.blogspot.de/ 2016/03/atlantisches-phantasialand-mit.html) – in Wirklichkeit bestätigen sie sie, natürlich nicht in der völlig verfälschten Darstellung, wie Eggert sie hier wiedergibt.
Ich führe diese keinerlei Peinlichkeit entbehrende, von nicht viel Sachkenntnis und intellektueller Redlichkeit getrübte „Rezension“ nicht deshalb hier an, weil ich meine, dass sie eine besondere Bedeutung hat, sondern weil Eggert sich erstens aus unerfindlichen Gründen immer noch als der anthroposophischen Bewegung angehörig versteht (die nun einmal auf Rudolf Steiner zurückgeht) und weil er zweitens nur ausspricht, was mittlerweile sehr Viele denken – diese Entwicklung ist aber von Menschen wie Wolfgang Schad eingeleitet worden, der damit begonnen hat, Steiner an den „feststehenden Tatsachen der anerkannten Wissenschaft“ zu messen, ohne diese selbst zu hinterfragen.
Wie gesagt: eine gründliche wissenschaftliche Überprüfung Rudolf Steiners ist nicht nur berechtigt, sondern wird von Steiner selbst in aller Strenge gefordert. Solche Prüfung wird jedoch gar nicht geleistet; ich konstatiere bei den „inner-anthroposophischen“ Steiner-Kritikern stattdessen eine Heiligsprechung anerkannter wissenschaftlicher Lehrmeinungen – oft ohne ausreichende Kenntnis derselben, s.o. – und der inquisitorischen Verdammung jeglicher abweichender Positionen“ (5)

5 https://egoistenblog.blogspot.com/2016/03/atlantisches-phantasialand-mit.html
* Rundbrief



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