"Der Gedanke lebt!" Zum Beginn des imaginativen Lebens

Natürlich gibt es die, die das Denken "trocken" finden und damit womöglich lediglich eine Bestandsaufnahme der eigenen Befindlichkeit unternehmen- damit aber - "das, was ich bin, ist das Maß der Dinge"- auch generell eine Spiritualisierung des Denkens für unmöglich erklären. Dann gibt es die, die sich für mehr oder weniger "hellsichtig" erklären und gern von den konventionellen Engel- oder Elementargeist- Imaginationen reden, die meist bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Kinderbücher- Vorstellungen haben, die sie offenbar in der Lage zu visualisieren sind. Alles, alles lieber, als real zu arbeiten und zu merken:
Kessel von Gundestrup
"In dem Moment, wo man merkt, richtig merkt: der Gedanke lebt! Da fängt man auch an sich zu fürchten. Und darin besteht eben die ganze Vorbereitung für die Imagination, dass man sich die Furcht vor dem lebendigen Gedanken abgewöhnt." (Rudolf Steiner, GA 164, S. 40) Dann lieber zu Fuß nach Indien pilgern, den Guru aus Indien einfliegen lassen, von Denkseminar zu Denkseminar pilgern, sich den Geist von arroganten, elitären Splittergruppen - Anthroposophen erklären lassen oder blutende Stigmatisierte anhimmeln. Das reale Geistige ist alltäglich, unscheinbar, und man erinnert die Erfahrung nicht einmal so genau, gerade weil man im Moment der Erfahrung nicht passiv etwas "schaute", sondern vollkommen aktiv involviert war. Und überhaupt: Wie soll man pure Dynamik in Worte fassen? Rudolf Steiner meint es wortwörtlich, wenn er die Erfahrung als "Welt des Lebens" beschreibt:

"Wir treten in ein ganz neues Weltenelement ein, wenn wir den beweglichen Gedanken entdecken, nämlich in die Welt des Lebens und das ist die Welt des Entstehens und Vergehens." (GA 164, S. 43f) Das Dynamische, Quellende, Brandende, in dem man aufgeht, ohne jemals ein elementares Identitätsempfinden abzulegen, weil man sich als Wollen darin erfährt, als Wille unter Wille: Diese schaffende Welt ist das Leben schlechthin. Die übliche Subjekt- Objekt- Beziehung besteht nicht, auch wenn Dynamik, die sich unabhängig vom eigenen Willen entfaltet, sehr wohl wahrnehmbar ist. Aber sinnliche Wahrnehmungen sind dies nicht, aus gutem Grund:

"Der Mensch war während der alten Mondenzeit – allerdings nur im Traumbewusstsein – in der Welt des Entstehens und Vergehens darinnen. Da war es nicht so, dass der Mensch erst das Entstandene mit den Sinnen gesehen hat, denn er hat ja die Sinne noch nicht zur Sinnesanschauung ausgebildet gehabt, sondern er steckte noch in den Dingen drinnen. Er stellte zwar traumhaft vor, aber die Bilder, welche er traumhaft vorstellte, die ließen ihn wirklich das Entstehen und Vergehen verfolgen. Und das ist es, wozu er sich erst wiederum aufschwingen muss, indem er zu beweglichen Gedanken kommt. So ist das Aufsteigen zur imaginativen Erkenntnis zugleich eine Rückkehr, nur eine Rückkehr auf der Stufe des Bewusstseins. Wir kehren zu etwas zurück, aus dem wir herausgewachsen sind." (GA 164, S. 43f)

Es sind Angst (weil wir in unserer Ego- Konstruktion gefangen sind) und Passivität (im Sinne des bloßen Abnickens von gewohnten sinnlichen und gedanklichen Erfahrungen), die die dünne Schicht ausmachen, mit der wir im Alltagsbewusstsein über der Welt des Lebens lavieren- stets in einer gewissen Verteidigungshaltung, da das sekundäre Spiegelbewusstsein, das für uns "das Normale" ist, eigentlich schwach und angreifbar ist. Wir möchten nur zulassen, was in den Kontext unseres Erfahrungsschatzes passt:

"Eigentlich sind die Imaginationen schon in uns, sie sind in uns, sie sind in uns seit der Mondenzeit, und die Erdentwickelung besteht darinnen, dass wir die gewöhnlichen Bewusstseinsschichten darüber gelegt haben." (GA 164, S. 46)

Aber in der beginnenden Dynamik der imaginativen Denkerfahrung liegt der Beginn einer realen Geistentwicklung, der Beginn einer "wunderbaren Freundschaft" mit der Welt, der wir entstammen, der die Natur entspringt, aber auch mit dem vielgestaltigen Willen, der sich nicht sinnlich in Formen gießt, sondern im Geistbereich bleibt und wirkt. Es ist der Beginn eines Weges, der sich von hier aus vertieft und fortschreitet. Hat man ihn einmal betreten, weiß man, dass man von nun an geführt werden wird, dass das Imaginative selbst an einem arbeiten wird:

"Tritt man in die Imagination ein, dann taucht aus der Rhythmus-Welt zunächst die Welt der subjektiven Erinnerungen auf; diese geht aber sogleich über in die im Ätherischen lebenden von der göttlich-geistigen Welt geschaffenen Urbilder für die physische Welt. Den in kosmischen Bildern aufleuchtenden, das Weltenschaffen in sich bergenden Äther erlebt man. Und die in diesem Äther webenden Sonnenkräfte: die sind da nicht bloß strahlend, die zaubern Welten-Urbilder aus dem Lichte heraus." (GA 26, S. 222)

Kommentare

  1. Ganz ehrlich: in o.g. Sinn denke ich schon, seit ich hier in der Anthrosphäre mitmache, aber es scheint nie genug zu sein. Bzw. es wird sofort nach mehr verlangt, das hat mich gerade am Anfang sehr verwirrt, und auch zuviel ins Netz gezogen.
    Ich verstehe das nicht, und auch nicht die Erwartungshaltung meiner Umwelt, denen fehlt was, aber ich weiss nicht was.

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  2. Ich versteh Dich auch nicht -- und -- uns fehlt allen was, vielleicht ist es ja das, warum wir uns einander zuwenden??

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  3. Meinst du? Haben alle Anthroposophen ein privates Anpassungsproblem :-) Gehen die dann alle raus in die Natur, oder zu den anderen Spleenigen? :-)

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