Francis Lucille und Das Bewusstsein als Sonne

Es gibt natürlich solche und solche Advaita- Lehrer, und Francis Lucille ist ein Systematiker, ein Denker, glücklicherweise. Man kann ihn, wenn man danach sucht, auf sämtlichen Kanälen finden- viele Stunden lang auch bei YouTube.

Meist handelt es sich um Fragebeantwortungen, auch gebündelt als Satsangs in einer Folge von über 20. So richtig telegen wirkt Lucille dabei nicht, seine englische Ausdrucksweise ist undeutlich, die Frage außerhalb seines Fokus geraten.. und es ist so entsetzlich lang. Viel lieber ist mir da Lucille in Buchform, da er da offenbar solche Satsangs komprimiert, kondensiert, auf den Punkt bringt. Er eiert dann auch nicht herum wie bei Nachfragen in seinen TV- Mitschnitten, sondern kann seine Themen zuschneiden und entfalten.

Er bezaubert durch derartig komprimierte Sätze wie „Consciousness doesn’t need any agent to know itself“- d.h. dass das Bewusstsein aus sich heraus - ohne jedes Medium- von sich weiß. Damit ist auch das Medium „body- mind“ gemeint, d.h. das Alltagsbewusstsein. Zur Erläuterung bringt Lucille das Bild von Sonne und Mond: Während das Bewusstsein die Sonne ist - „It shines by itself, just like the sun.“- ist das Alltagsbewusstsein die Mondseite: „In this analogy the moon is like the ego. The ego looks like consciousness, just as the moon has a round shape like the sun and seems to shine like the sun. However, the moon is not autonomous; it does not shine with its own light. It is an object that shines with the reflected light of the sun. In other words the I-thought or I-feeling is not the sun; it is only the moon. It requires consciousness to be seen, to shine.“

Das ist der Bereich, den Lucille thematisch umspannt- in der Essenz geht es stets um seine „Philosophie der Freiheit“- um die Autonomie des Bewusstseins, ohne dass dieses statisch wäre- und ohne dass ein Ende der Tiefe zu sehen wäre; für Lucille sind Geboren- und Nichtgeboren- Sein lediglich Stadien des Bewusstseins: „Even before we were born we knew ourselves as a conscious being.“ Über das Leben - als „conscious being“- vor dem Leben und danach findet sich eine Menge in den Satsangs bei YouTube- für die, die darauf gern Antworten darauf von einem ausgesprochen rationalen Lehrer hätten. Einem Lehrer, der sich zwischen Twitter, Buch, Facebook, YouTube, obskuren Internet- TV- Sendern medial verzettelt bzw selbst ständig recycelt: So wird aus Facebook- Kommentar- Strängen vielleicht ein Buch gebaut, das nicht einmal schlecht ist.

Aber dann ist da eben dieses, unser existenzielles Problem, das Lucille umtreibt: Wir haben uns vergessen, und übersehen unsere unabhängig von unserer persönlichen Verfassung im Hintergrund aktive Präsenz des eigenen Bewusstseins, das Ich: „This consciousness is always present, under all conditions and in all circumstances. You cannot turn it on and off. It is always present in the background of all perceptions and activities. It is what we refer to as “I.” The problem occurs when we identify this consciousness with a personal entity, a body-mind, which is in fact a perceived object.“ Die Loslösung der Identifikationen ist allerdings offenbar doch vermittelbar, wie der umfassende YouTube- Einsatz von Lucille ja zeigt.

Was man bei Lucille wohl wenig finden wird, ist so etwas wie moralische Verbindlichkeit- er stimmt vielmehr ein in den Chor der Mittelschicht- Minnesänger, jeder sei für sein Unglück selbst verantwortlich: „We are free to identify with the body-mind organism if we want to. We are free to carry the baggage of the past with us or to drop it. It is very easy, but we choose not to. That’s our freedom. We are freedom itself.

Das mag sein. Aber Lucille hat auf diese Weise auch seinen respektablen Frieden mit den Mitmenschen gemacht, die er in gar keiner Weise mehr irgendwie überzeugen oder belehren will: „You see them as this freedom, so you don’t want to convert them, because nothing is a problem. You see their attachment to their beliefs, but you also see their love for their beliefs. Of course, to be attached to beliefs, to viewpoints, is misguided love, but unless they ask you a question, in which case you have to answer honestly, you don’t try to do anything about them, because you see that it comes from their love of freedom.
Diese Einstellung- selbst die bodenlose Verwicklung eines Anderen schon deshalb zu respektieren, weil es ein Ausdruck von dessen Freiheitsliebe ist- qualifiziert Lucille zum zeitgenössischen Lehrer - in aller Paradoxie selbstverständlich, weil Lucille eigentlich jede „Lehre“ negiert: „Consciousness knows itself by itself.“ Aber das sind eben genau die Paradoxien der Gegenwart. Es ist aber doch erfreulich, wie viele Autoren inzwischen genau zu diesem Punkt hinführen, und ihn umkreisen.

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Zitate aus: The Perfume of Silence von Francis Lucille

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