Zweikommafünf Methoden, um sich bereit zu machen, an Hellseher zu glauben

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Ich hatte wirklich an nichts Böses gedacht, als ich mir mal für ordentliches Geld eines der zehn oder mehr „Atlantis“- Bücher von Andreas Delor kaufte. Delor gibt in seinem ersten Band "Atlantis"* an, mal von Jens Heisterkamp lektoriert worden zu sein. Das muss lange her sein.

Man sieht es dem Buch auch nicht an, weder formal noch inhaltlich. Ich hatte mir eine den Eiszeit- Zeitraum betrachtende Material- Sammlung vorgestellt, aber der Untertitel, den ich zu spät las, verrät dann schon, wohin der Hase läuft: ..„nach neuesten hellsichtigen und wissenschaftlichen Quellen“. Ich kann Ihnen versichern, die wissenschaftlichen Quellen sind rar, die befragten medial Veranlagten und ihre ihnen heimleuchtenden Beratungs- Geister- Callcenter, aber auch beliebige dubiose Internetquellen und Hellseher überragen bei weitem- vor allem die bunte Truppe, die auch bei Wolfgang Weirauchs Flensburger Heften** das Bodenpersonal stellt.

Delor jedenfalls möchte sich schon in der Einleitung „neben“ den „offiziellen Wissenschafts- Betrieb“ stellen- was auch immer er sich unter einem solchem Betrieb vorstellen mag- nämlich in eine „gottseidank immer noch ergebnisoffene Wissenschafts- Szene“ (S.19f). Er verspricht, „Vieles exakt beweisen“ zu können, was „die Schulwissenschaft“ verneine- gerade mit dem Beistand diverser Hellseher- Medien. Die Gefahr, dass ihm der Vorwurf gemacht werde, dass seine Hellseher ihm nach seinem Mund reden könnten, erkennt er zwar selbst (S. 22), sieht aber selbst in den offenkundigen Widersprüchen in deren Aussagen nur „Unschärfen“. Notfalls stehen - zwischen Erich von Däniken, einseitig interpretierten Volksmythen und UFO- Spekulationen immer beliebige Quellen zu Verfügung, um das schwammige Resultat dieser Art von Atlantis- Forschung noch weiter zu verwässern. Dort, wo es Delor passend erscheint, wird auch Rudolf Steiner benutzt und eingebaut.

Die bauernschlaue Methodik der diversen Hellseher besteht anfangs wirklich darin, das Halbwissen und die spekulative Ader Herrn Delors auszunutzen. Zunächst einmal gilt es, die vorgefasste Meinung des Fragenden zu bestätigen:

„AD: Waren das aber auch manchmal wirklich Extra- Terrestrische?
Verena: Ja. Es waren auch manchmal wirklich Extra- Terrestrische.“ (S.98)

Im Fall von Andreas Delor bedeutet das für professionelle Wahrsager eine Gratwanderung, ihn nicht vor den Kopf zu stossen, wenn seine Fragen sich einerseits UFOs oder angeblichen atlantischen Rassen zuwenden, die er z.B. „Frank-Zappas“ nennt, andererseits aber darauf beharrt, dass er stets „ergebnisoffen“ argumentiere. Rationaler als Delor zu sein wird keinem Hellseher dieser Welt schwer fallen, bei dessen ganz und gar nicht offener Fragestellung:

AD: Konnten die alten megalithischen und zyklopischen Baumeister die gewaltigen Steinblöcke in die Leichte heben?
Hilo: JA, sie konnten ihnen ihre eigenen Leichte- Kräfte (..) verleihen und sie so mühelos z.B. die Pyramiden hochheben.“ (S. 53)

Selbstverständlich haben sowohl der zu weiten Teilen des Buches so Fragende als auch die ihn meist bestätigenden Quellen eine gewisse Grundlage. Beide Seiten besitzen den Informationsstand ihrer Zeit; sie lesen zumindest populärwissenschaftliche Literatur zum Thema Eiszeit, Genetik, Geologie. Deshalb stimmt ein Grundgerüst von zeitlichen Abläufen und genetischen und geologischen Fakten, Stand etwa 2012. Wenn es dann aber passt, werden auch ein paar Supervulkan- Ausbrüche erfunden, um zu erklären, warum die angebliche letzte Insel der Atlantis verschlungen worden sein soll.

Ansonsten gilt Methode 2: Das Phantastische stets mit Plausibilität vorbringen, vor allem aber gewürzt mit übergenauen Details wie Jahreszahlen, Ort und Name des Stamms, benutzte Materialien und Gebräuche:
Hilo: Es waren die Kuschiten, welche als erstes Volk der Erde um 12900 v. Chr. die Schifffahrt auf der Bahama- Bank erfanden, und zwar auf Schilf- Schiffen..“ (S. 220)

Erstens ist das ein Bluff (allerdings immer der gleiche), zweitens wüsste das nicht einmal das Universitäts- Team, falls es gerade tatsächlich an dieser spezifischen Frage arbeiten würde - drittens: Who cares? Wer wird schon einzeln überprüfen können, was in solcher Breite und Detailliertheit behauptet wird? Und wenn es denn jemand auf sich nehmen würde: Wer würde das wissen wollen? Eben. Nichts in der Schwebe halten, immer klare Kante; das ist die Devise in diesem Gewerbe.

Falls doch einmal zwei Hellseher vollkommen widersprüchliche Aussagen machen sollten, reagiert Herr Delor zunächst pikiert, schaltet dann aber selbstständig um und behauptet, es seien lediglich zwei Blickrichtungen auf einen gemeinsamen Aspekt, den er dann frei dazu erfindet. Beim letzten Zitat Hilos z.B. war Delor nicht gerade amüsiert- er nennt es „ein bisschen missverständlich, denn andererseits betont Hilo auch, dass zur gleichen Zeit andere Völker andere Arten von Schiffen entwickelten!“ Das würde der Dramatik von Delors Untergang der letzten Atlantis- Insel die Würze nehmen. Also fragt er nach:
AD: Wer erfand um 12900 die Schilf- Schifffahrt, mehr die Hünen oder mehr die Kuschiten?“
Hilo: Mehr die Kuschiten.
So ist Delor zufrieden gestellt.

Im Laufe des Buchs mehren sich Begriffe und Ansichten, die keinerlei erkennbaren Zusammenhang haben - Namen von offensichtlich frei erfundenen Volksgruppen, Urvölkern und Inseln werden auf irgend etwas bezogen, Landkarten gemalt, schließlich auch „fliegende Schilf- Fahrzeuge“ (S. 221) eingeführt. Das ergibt einen Brei, der vielleicht noch stark bekifft nachvollziehbar und verdaulich erscheint.

Methode 2.5 für angehende Hellseher: Die Varoufakis- Methode. Einem naiven, aber penetrant nachfragenden Atlantis- Forscher gegenüber einfach mal unvermittelt aufstehen, den Interviewer anstarren und NEIN! schreien. Verwirrt ungemein, reinigt aber auch die Luft. Der Interviewer nimmt einen danach ernster.

„AD: Haben sie noch andere Kolonien in der Welt?
Hilo: NEIN.“ (S. 225)

Aber Delor wäre nicht Delor, wenn er solch ein NEIN einfach hinnehmen würde. Er findet es „etwas missverständlich dargestellt“ und macht einfach weiter mit seinem Text: „Denn vom Mittelmeergebiet (Marokko) begründen sie eine ganze Reihe weiterer Kolonien: Israel- Jordanien-Saudiarabien, Zweistromland, Äthiopien und - Indien!“ So geht der ganze Unsinn weiter- ob belegt oder nicht belegt, ob hellgesehen oder nicht, ist vollkommen egal. Auf Seite 253 habe ich jeden weiteren Versuch, irgend etwas Relevantes in diesem Wust zu finden, aufgegeben.

Dieses Buch ist nicht nur vergeudetes Geld und vertane Zeit. Es scheint auch so eine Aufweichung jeglicher Faktizität- eine Parallele zu den spießigen Pegida- Demonstranten, die seriöse Recherche für „Lügenpresse“ halten. In diesem Buch (vermutlich auch in den folgenden) wird eine komplette Parallel- Wirklichkeit konstruiert, die man nach Belieben und ohne Widerspruch auswalzen oder umdeuten kann. Ein wirres Buch für wirre Menschen, eine weitere Erosion des anthroposophischen Anstands.

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*Andreas Delor, Atlantis nach neuesten hellsichtigen und wissenschaftlichen Quellen Band 1, Schloss Hamborn 2012
**Flensburger Hefte http://www.flensburgerhefte.de/



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