„In Frankreich wäre er erschossen worden“- Saul Bellow über Ezra Pound

Ezra Pound 1945
Ich habe Saul Bellow mein erwachsenes Leben über gern und viel gelesen. Seine großen Romane und Erzählungen (in den späten Jahren schrieb er oft eine Art Mischung, funkelnde Kurz- Romane) sind ja viel übersetzt und daher vermutlich auch nicht schlecht verkauft worden. In den letzten Jahren sind eine Reihe seiner Romane in neuen Übersetzungen - in neuem Sprachkleid- wiederum aufgelegt worden. Zudem gilt Bellow zwei Generationen später immer noch als Vorbild für große Autoren.

Auch als Person hatte Bellow Charakter. 1956, kurz nach dem Erscheinen seines Erfolgsromans Die Abenteuer des Augie March, der schon ein Jahr später vom Time Magazin zu einem der hundert bedeutendsten Romane der Gegenwartsliteratur gekürt werden würde, legte sich Bellow, statt sich für die eigene Karriere einzusetzen, mit William Faulkner an, der bereits 1950 den Nobelpreis erhalten - und seither in den USA so großen literarischen Einfluss hatte, dass er damit exklusiven Zugang zum amerikanischen Präsidenten Roosevelt erhielt, der ihn nach allen Richtungen protegierte. Faulkner und Steinbeck hatten sich an die Spitze derer gesetzt, die sich für den amerikanischen Lyriker Ezra Pound aussprachen. Pound hatte als Faschist in Italien Propaganda (vor allem berüchtigte, antisemitische Rundfunkansprachen) für Mussolini betrieben, die einen leicht irren Touch hatten:

Pounds Rundfunkansprachen im Kriege klammerten die menschlichen Opfer - die kämpfende Truppe, die zerbombte und massakrierte Zivilbevölkerung, die verfolgten oder vergasten Minderheiten in den besetzten Ländern - total aus. Sie richteten sich großenteils an seine Freunde von ehedem, die geistige Elite Amerikas und Englands, sowie an einzelne Politiker - all das in einem Stil, der durchaus anti-kommunikativ war. Er bediente sich des nasalen Tonfalls des amerikanischen Mittelwestens, wechselte sprunghaft Themen und Rollen, zitierte aus Werken, die den Hörern unbekannt waren. Aus den Unterlagen, die das FBI in Italien gegen ihn sammelte, geht hervor, dass die militärische Abwehr in Italien vermutete, die Ansprachen Pounds enthielten Informationen in einem Geheimcode, und er sei in Wirklichkeit ein Doppelagent. Angesichts der Ratlosigkeit und Verunsicherung der italienischen Behörden durch Pounds Rundfunkstil wirkt die in der Hochverratsanklage vorgebrachte Anschuldigung, Pound habe dem Feind „Beistand und Zuspruch“ (aid and comfort) geleistet, einigermaßen erheiternd.“* "Erheiternd" in diesem Zusammenhang scheint mir, wie vieles andere am Artikel Eva Hesses, eine unangemessene Formulierung zu sein.

Dass die Deportation der norditalienischen Juden unter Mussolini wegen des Widerstands der Bevölkerung zeitweise zögerlich voranging, war eine der Sorgen des enthusiasmierten Faschisten Pound; den Aufruf zum Mord hat er sogar in seinen berühmten Cantos verewigt, wie Saul Bellow in seinem Brief an Faulkner bekräftigte. Kann man Pisaner Cantos, in denen zum Mord an Juden aufgerufen wird („about the „kikes“ leading the „goy“ to slaughter“**), beschönigen?  Pound selbst, Luxus- Faschist mit Hang zu Konfuzius, eilte kurz vor dem Ende zu Mussolini - trotz Aufforderung der US- Regierung, aus Italien in die USA zurück zu kehren- um diesem seine Gedichte zu überreichen: „Als die Nachricht von Mussolinis Befreiung und der Errichtung der „Republik von Salò“ kam, ging er über den Gardasee nach Mailand und von dort nach Rapallo zurück. Hier hatten die Deutschen die Seefront befestigt, so musste Pound mit seiner Frau zu Olga Rudge nach Sant' Ambrogio ziehen. Beflügelt von neuen Hoffnungen auf Mussolini, entfaltete er wieder eine rege Tätigkeit.
Er schrieb nun italienisch. Sieben Bücher und Pamphlete erschienen unter der Ägide des neuen faschistischen Kultusministeriums, einige Titel darunter kamen erst Jahre später in englischer Übersetzung heraus. Pound überschlug sich geradezu vor Eifer - er schrieb die beiden Cantos LXXII und LXXIII, die viele Jahrzehnte lang in den Original-Ausgaben der Cantos fehlten, auf italienisch und schickte sie an Mussolini.“*

Inzwischen wurde Pound steckbrieflich als Kriegsverbrecher gesucht, das FBI ermittelte gegen ihn. Der CIC, der im Fall Klaus Barbie im Nachkriegsdeutschland eine so merkwürdige Rolle gespielt hatte, setzte Pound fest: „Er wurde ins Hauptquartier des CIC nach Genua gebracht, wo er drei Wochen lang von zwei FBI-Agenten verhört wurde. Zu dieser Zeit war Pound noch erfüllt von seiner eigenen Wichtigkeit und verlangte, Truman und Stalin zu sprechen, da er ihnen wichtige Ratschläge zu geben hätte. Später im Untersuchungsgefängnis in Washington bat er um ein georgisches Lexikon, um sich mit Stalin verständigen zu können. Er unterschrieb die Verhör-Protokolle und wurde am 24. Mai in das Militärstraflager von Metato bei Pisa gebracht“*, wo er bis zur Abschiebung in die USA im November 1945 verblieb. Auch bei Ezra Pound waren im Lager, in dem er weiter an den Cantos schrieb, Änderungen in seiner Haltung bemerkbar: „Seine frühere Verhärtung gegen die Mitmenschen, seine programmatische Absage an das Mitleid (Canto XXX), macht ihm jetzt, da er selber so sehr auf die Menschlichkeit angewiesen ist, schwer zu schaffen.“* Seine wahnhafte Selbstsicht führte dazu, dass er in eine Anstalt für geistesgestörte Kriminelle eingewiesen wurde: „Vor Gericht erschien er als psychisches Wrack, und sein Anwalt vertrat die Meinung, dass eine weitere Inhaftierung das Ende seiner „Normalität“ bedeuten könne und dass er sofort in ärztliche und psychiatrische Behandlung gehöre. Auch die daraufhin vom Gericht bestellten psychiatrischen Gutachten lauteten übereinstimmend auf Geistesgestörtheit. Da Pound offensichtlich zu diesem Zeitpunkt nicht imstande war, der Gerichtsverhandlung zu folgen, wurde er am 14. Dezember 1945 in die staatliche Anstalt für geistesgestörte Kriminelle, St. Elizabeths Hospital for the Criminally Insane, eingewiesen. Da er nicht verurteilt worden war, gab es für seine Haft auch keine Befristung. Im Endeffekt wurden fast dreizehn Jahre daraus.

In den 50er Jahren drehte sich der Wind; die öffentliche Meinung empfand die Isolierung Pounds als ungerecht: „Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld, schlug Ezra Pound mehrmals für den Nobelpreis vor. Ernest Hemingway sagte 1954 anlässlich der Verleihung des Nobelpreises an ihn: „Ich glaube, dies wäre ein gutes Jahr für die Freilassung von Dichtern.“ Ein weiterer Nobelpreisträger, Eugenio Montale, setzte mit einer Anzahl italienischer Geistesgrößen, darunter Ungaretti, Quasimodo, Papini seine Unterschrift unter eine Petition an die amerikanische Botschaft in Rom. Auch das vatikanische Radio und die Kommunistische Partei Italiens setzten sich für Pound ein.“

Auch Saul Bellow wurde -von Faulkner und Steinbeck im Namen der amerikanischen Literatur- gebeten, sich für die Freilassung Pounds einzusetzen. Für Bellow allerdings war der Antisemit Pound mit dem Irrenhaus gut bedient: „In France, Pound would have been shot.“ Pound am Leben zu lassen, sei gnädig gewesen. Ihn, den mörderischen Poeten, zu entlassen, sei schon deshalb dumm, weil die Initiative „People to People“, von Präsident Eisenhower ins Leben gerufen und von Faulkner vertreten, um „in den Augen der Welt“ durch Literatur „pro- amerikanische Werte“ zu vermitteln, stattdessen „Himmler and Mussolini and genocide“ relativieren würde. Wir lesen zwischen den Zeilen, dass sich Saul Bellow auch gegen diese propagandistische, angeblich humanistische Initiative zur Freilassung Pounds wandte, weil Pound, Mussolinis amerikanischer Propagandist, im Aufziehen des Kalten Krieges, nun wieder ein guter amerikanischer Literat wurde, da er doch Antikommunist war. Gegen das Vergessen kämpfte Bellow also schon - ohne Rücksicht auf die eigene literarische Karriere - 1956 an: „The whole world conspires to ignore what has happened, the giant wars, the colossal hatreds, the unimaginable murders, the destruction of the very image of man.“ 

Pound wurde trotzdem 1958 entlassen. Aber bereits vorher war er für eine heute vergessene Gruppe von Künstlern und Beatniks, die ihm seinen Antisemitismus „verziehen“ (eine denkwürdige Formulierung Eva Hesses), Anlaufadresse in seinem Irrenhaus geworden. Rassenfanatiker schlugen Pound als Präsidentschaftskandidat vor, als Vorläufer von Donald Trump: „Das Bemerkenswerteste an dem Besucherstrom aber war der Anteil der Jugendlichen, die bei Pound Antworten auf ihre Fragen suchten. Auf seine völlig unprätentiöse Weise war er für sie ansprechbar in einem Maße, das bei anderen literarischen Berühmtheiten ähnlichen Ranges - etwa Eliot - völlig unvorstellbar gewesen wäre. Pound konnte in seiner unkonventionellen Art tatsächlich ein großer Lehrer sein - für diejenigen, die ihr persönliches Verhältnis zu ihm kritisch zu relativieren wussten. Eine ganze Anzahl der jungen Leute, die damals durch seine Schule gingen, leben - nach einem Prozess der Abnabelung - noch heute von dem Grundstock der Anregungen, die sie damals erhielten, weiterentwickelten und für sich fruchtbar gemacht haben. Andererseits lockte sein vielgeschmähter Name auch manche Freaks an, mit denen die Vereinigten Staaten immer so reichlich gesegnet sind. Bei ihnen gefiel sich Pound in der neuen Rolle von Sokrates, dem Verderber der Jugend. Es war die Zeit der Beatniks, der Vorfrühling des Jugendprotestes, auch der Beginn der Drogenszene und der labilen jugendlichen Randgruppen. Ein paar dieser Typen, darunter vor allem Rassenfanatiker, solidarisierten sich mit Pounds öffentlichem Image und sorgten mit Parolen wie „Ez for Pres“ („Ezra zum Präsidenten“) für neuen Zunder in der Presse.“*

_____________
*Quelle: http://www.bernhard-frank.de/evahesse/ezra_pound_werk_und_leben.htm#6 Die neue Ordnung. Rapallo 1925-1945
**Saul Bellow, Letters, Reno, 7.1.1956, „To William Faulkner“

Kommentare

  1. Jenseits aller Auseinandersetzungen über sein Faschist- oder Doppelagentsein, ist eines klar, Ezra Pound ist schon lange nicht mehr im Zusammenhang zu sehen mit seinem Werk, seinen darin enthaltenen Aussagen und antisemitischen Denkstereotypen.
    Pound ist allerdings auch nicht mittels heutiger Denkstereotypen klassifizierbar, dazu ist er zu geradlinig.
    Beispielsweise gab er nach seiner Verhaftung in Italien am 02.05.1945 am 08.05.1945 in Genua vor dem FBI Agenten Frank L. Amprim zu Protokoll, Hitler sei seiner Ansicht nach ein „betrogener Heiliger“ gewesen, der mit dem Antisemitismus hereingelegt wurde. Im selben Verhörprotokoll bemerkt er auch, dass er kein Antisemit sei, sondern nur zwischen einem Wucherer-Juden und einem Juden unterscheide, der sich seinen Lebensunterhalt ehrlich verdiene.


    Pound ist heute ein öffentliches Instrument geworden. Zur freien Verfügung von politischen Gruppierungen nicht nur rechtsextremer Coleur, sondern sogar von heutigen staatlichen Organen und Regierungen.
    Als Beispiel hierfür kann angeführt werden, dass erst kürzlich am 10.06.2016 vor dem Gericht in Rom ein langer Prozess zu Ende ging, den Ezra Pounds Tochter Mary de Rachewilcz gegen die als rechtsextrem eingestufte politische Partei „CasaPound“ führte, welche sich erklärtermassen von Pound inspiriert fühlt und sich auf Pounds „Anti-Wucherer-Cantos“ bezieht, wenn sie sich z.B. als Hauptforderung zinslose öffentlich finanzierte Hauskauf-Kredite auf ihre Fahnen schreibt.
    Das Gericht gab „CasaPound“ recht und bestätigte, dass es für diese Partei, und ausdrücklich nur für diese, legitim sei, diesen Namen zu führen und dass dadurch der Name Pound weder beschmutzt noch sonst wie in negative Zusammenhänge gebracht sei, und das trotz offensichtlicher Skandale und negativer Schlagzeilen bzgl. dieser Gruppierung.

    AntwortenLöschen
  2. ‘Kapitaljude’ ist eben ein anerkanntes antisemitisches Denkstereotyp. Wie Slavoj Zizek, Dantes Cantos zitierend, erklärt: To Resolve the Migrant Crisis We Must Recognize the Stranger Within Ourselves.

    http://inthesetimes.com/article/18991/stranger-danger-to-resolve-the-migrant-crisis-we-must-recognize-the-strange

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Was für ein furioser, galoppierender Artikel mit den typischen genialen Blitzen, die europäische Zerrissenheit beleuchtend, die in der Flüchtlingskrise überaus deutlich wird- das humanitäre Ideal und die reale humanitäre Katastrophe wie auf dem Mittelmeer. Jetzt- mit dem Brexit, möchte man hinzufügen, wird die moralische Zerrissenheit zur politischen; Großbritannien zerfällt, und Europa droht durch eine populistische Hitzewelle ebenfalls eine Agonie.

      Löschen
    2. Ja Michael,

      das ist wieder so ein Kapitel welches in all seiner Tragik europäische Geistes- und gesellschaftspolitische Entwicklung exemplarisch beleuchtet.
      Eine Zerrissenheit ja, von deren wahren Ursachen aber immer und mit und mit Erfolg abgelenkt wurde und welche immer wieder ganz bewusst geschürt wurden.
      Der Populismus tritt - trotz der Namenswurzel "Volk" - nicht in Erscheinung als unmittelbare Äußerung oder Willen des Volkes. Das entsprechende sagen wir mal "überspitzte" Empfinden mag zwar durch eigennützige "populistische Hitzköpfe" massiv geschürt werden, die tiefere Ursache ist aber nicht in den uneinigen europäischen Völkern selbst zu suchen.
      Maßgeblich dafür verantwortlich ist sicherlich eine verfehlte europäische Politik, welche die Völker als undemokratisch und aufgesetzt empfinden. Etwas zu dem keine innere Beziehung entwickelt werden konnte, auch und vor allem weil jahrzehntelang die "europäische Idee" als eine Wirtschaftsgemeinschaft verkauft wurde, in Wahrheit aber eine politische Union angestrebt und auch umgesetzt wurde.
      Etwas das empfunden wird als undemokratisches Zwangskorsett, weil es nicht nur wie versprochen die wirtschaftliche Zusammenarbeit erleichtert, sondern supranationale über alles erhabene Normen und Gesetze erlässt, welche auf intransparente Weise das Leben der Bürger auch in allen anderen Bereichen bis ins kleinste Detail reglementieren und gleichschalten.

      Anders als beispielweise andere homogene Großmächte wie z.B. die USA, besteht Europa eben doch aus vielen unterschiedlichen Einheiten, deren Existenz nicht per Gesetz aufgehoben werden kann. Identitäten, in welchen das Bewusstsein lebt unterschiedliche Sprachen zu sprechen, auch sprechen zu wollen, auch das gelebte Bewusstsein unterschiedlichen Traditionen, Kulturen und historischen Entwicklungen anzugehören.

      Das haben die "europäischen Politiker", zumindest jene der letzten 20 Jahre, Apologeten einer Lehre welche die Völker nicht zu akzeptieren gewillt sind, aufs Gröbste missachtet, aus welchen Beweggründen auch immer.

      Angesichts der Erkenntnis, dass also nicht die für die europäische Idee "unreifen Völker" und noch weniger ihre populistischen Aufpeitscher für das gegenwärtige Schlamassel verantwortlich gemacht werden können, bleibt die ultimative Frage die, ob all diese verfehlte "europäische Politik" bewusst so inszeniert wurde, um eventuell bei den zyklisch immer wiederkehrenden Katastrophen wie "Weltkriegen" oder sonstigen unausweichlichen Finanz-Crashs oder auch moralisch-gesellschaftspolitischen Zusammenbrüchen bequeme und präsentable Sündenböcke vorweisen zu können.

      Und zum Schluss: Ich will ja nicht pingelig sein, aber Dante Alighieri war Italiener und nicht Spanier, also sollte die Mehrzahl von ital. canto auch als "canti" bezeichnet werden, und nicht "cantos" wie im Spanischen.

      Löschen
    3. "Cantos" ist der Name, den Ezra Pound seinen Texten selbst gegeben hat, und so werden sie auch literaturwissenschaftlich behandelt. Was die europäische Idee betrifft: Eine politische Union bedeutet ein ständiges Austarieren der Interessen eines bunten Völkergemischs. Gottseidank! Das macht uns doch aus, die Vielfalt. Leider sind die grenzenlosen, intern friedlichen Jahrzehnte mit relativer Prosperität jetzt an einen Scheidepunkt gekommen. Dass frühere Diktaturen, im Ostblock erstarrte Nationen, in ewigen Konflikten um sich kreisende Nationen sich zusammen rauften, um dieses Projekt zu wagen, war immer ein Wagnis, aber (in Merkel- Speech), ein alternativloses. Ich sehe keine Gefahren in dem von den Nationalisten und Rechten herauf beschworenen Horrorbild eines quasi totalitären Superstaat- Systems. Dagegen spricht jede Betrachtung der Eigensinnigkeit der Nationen. Populisten (und offenbar auch eine ganze Reihe von Anthroposophen) werden aber nicht müde, dieses Szenario, ob nun realistisch oder nicht, demagogisch zu benutzen. Und es verfängt. Man kann damit nationalistisch punkten und, Ängste und Unbehagen bündelnd, eine Menge bewirken. Die Schuldzuweisungen oder Verschwörungstheorien bzgl einer großen Verschwörung sind ein denkbar schlichter Reflex, sprechen aber die Instinkte an. Zweifellos, eine schwierige Lage, wenn so viele zündeln. Natürlich ist ein stabiles Europa nicht im Sinne der Nationalisten. Zu den Trippelschritten, den ein aus so vielen Elementen bestehendes europäisches Ganzes kommen dann eben noch ein paar Rückschritte. Letztlich, denke ich, wird die Vernunft sich durchsetzen - bis zur nächsten Krise.

      Löschen
    4. Cantos:
      ich bezog mich nicht auf Ezra Pounds "Cantos", sondern auf die in einem Beitrag Tons weiter oben fälschlicherweise ebenfalls so bezeichneten "Canti" des Dante Alighieri.

      Die "demagogische Ausschlachtung" von Szenarien ist sicherlich eines der Grundprobleme. Allerdings muss man sich eingestehen, dass (mögliche) Szenarien in der Regel auch auf bereits eingetretenen Realitäten oder eben bereits geschaffenen Fakten beruhen oder von ihnen ableitbar sind.
      Die Verantwortung für das bereits "Bewirkte" einseitig den nationalistischen Populisten anzulasten, ist eine gefährliche Sache, das meinte ich damit. Denn dies verbirgt gewissermaßen die Verantwortung für die von der heutigen Politik geschaffenen Fakten, welche sich unbestreitbar als bereits vorhandene Instrumente für die Implementierung möglicher totalitärer Horrorstaatsszenarien eignen könnten.
      Die Horrorszenarien sind noch nicht eingetreten, das stimmt, aber die juristischen, technischen und meinungsmanipulatorischen Prämissen sind vielfach schon vorhanden, das empfinden nicht bloß irregeleitete und verschreckte Angstbürger so.

      Oder sollten wir Unverständnis über unbestreitbare Fakten zum Ausdruck bringen, dass nämlich die Mehrheit der Bevölkerung beispielweise Skepsis gegenüber einem System der offenen EU- Aussen- (nicht Binnen- !) grenzen oder auch nur der lückenlosen Überwachung sämtlicher Bankbewegungen, Telefon- und Internetverbindungen inkl. Aufzeichnung für mindestens 5 Jahre entgegenbringt?

      Oder gar diese Mehrheiten wegen "nationalistischer Überzeugung" anklagen und irgendwie verantwortlich machen für Dinge die sie weder wollen noch verursacht haben?

      "Grenzenlosigkeit" ist doch nur ein etwas romantisierender philosophischer Begriff, der in einem materiellen begrenzten und endlichen Kontext wie der unserer Gemeinwesen nicht umsetzbar ist, eine blauäugige Utopie eben.

      Die EU ist noch kein Weltstaat, der ohne Grenzen auskommen würde. Bei nicht einmal 10% an der Weltbevölkerung würde sie auf Dauer als einzelnes nationalstaatlich organisiertes Gebilde mit Sicherheit - so wie jede andere staatliche Einheit auch - nicht ohne reglementierte Außengrenzen auskommen.

      Das zu erkennen und auch aussprechen zu dürfen/wollen, auch dass jene Politiker unverantwortlich handeln, welche so etwas allen Ernstes propagieren bzw. dabei ihre wahren Ziele nicht preisgeben, die also u.U. statt der europäischen Idee genau das Gegenteil, also willentlich das Zerbrechen der EU in Form einer sinnvollen und praktikablen "europäischen Idee" bewirken könnten, hat weniger mit Irregeleitetheit, Verschwörungstheorien, Nationalismus oder auch nur irrationaler Angst zu tun, sondern viel mehr mit Realismus, Hausverstand und reiner Vernunft.

      Löschen
  3. Übrigens bestand Pound (siehe Moody) als spanische Übersetzung für The Cantos auf: Los Cantares, nicht Cantos!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja stimmt.
      Im Spanischen bedeutet "canto" nur Gesang, also die Tätigkeit des Singens, "cantar" hingegen bedeutet "Lied".
      Im Italienischen bedeutet "canto" hingegen, außer dem Gesang an sich, gleichzeitig auch "Lied" und poetisch "Gedicht".
      Cantares im Spanischen ist also richtig, "cantos" aber im Italienischen und somit auch seine Übertragung ins Deutsche oder Englische falsch!

      Also richtige Rückübersetzung Pounds eines Begriffes ins Spanische, den er vorher falsch aus dem Italienischen ins Englische übertragen hatte.

      Löschen
  4. Dennoch wurde der englische Plural ‘cantos’ im 19. Jahrhundert schon öfters von Dichtern verwendet (z.B. Byron).

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Menschen, auch Dichter, machen und machten eben immer schon Fehler.

      Aber ok, wir könnten ins Feld führen, dass es im "poetischen" Sprachgebrauch erlaubt ist, auch ganz bewusst von der reinen Schriftsprache und ihren Regeln abzuweichen....;-)

      Löschen
    2. Der (ökonomische) Antijudaismus ist jedenfalls älter.

      Löschen
    3. du meinst älter als Ezra Pound?

      Löschen
  5. Älter als Pounds antisemitische Stereotype.

    AntwortenLöschen
  6. "about the „kikes“ leading the „goy“ to slaughter"

    Zu beschönigen gibt es nichts. Logisch. Ezra Pound wollte eindeutig Menschen umbringen, eindeutig aber nicht allgemein "die Juden", sondern diejenigen Juden, welche seiner Ansicht nach die Nichtjuden in Kriegsangelegenheiten befehligten und seiner Meinung nach ins Verderben führten.

    Gerade zurückgekehrt von einem Besuch der meines Wissens nach weltweit einzigen Ezra Pound - Gedenkstätte in Meran möchte ich einige Gedanken zu dieser herausragenden Persönlichkeit anbringen. Nebenbei bemerkt, keine Pilgerstätte rechtsgerichteter Wirrköpfe oder primitiver "Casapound-Anhänger", sondern ein Ort der schon wegen seiner Kulisse zum Nachdenken anregt und wo man die Bedeutung und Anwesenheit dieses einzigartig aufrichtigen Menschen spüren kann, der für seine Treue der Welt und sich selbst gegenüber ungeheuer bezahlt und gelitten hat.

    Wen wollte z.B. der Jude KurtTucholsky umbringen? Als er in seinem Essay "Dänische Felder" veröffentlicht in "Die Weltbühne, 26.07.1927, Nr. 30, S. 152" folgendes schrieb:

    "........Möge das Gas in die Spielstuben eurer Kinder schleichen. Mögen sie langsam umsinken, die Püppchen. Ich wünsche der Frau des Kirchenrats und des Chefredakteurs und der Mutter des Bildhauers und der Schwester des Bankiers, dass sie einen bittern qualvollen Tod finden, alle zusammen........"

    Das wünschte er offensichtlich nicht nur seinen geistigen Gegnern, sondern sogar ihren Frauen und Kindern, unschuldigen Menschen, nur weil sie Angehörige der von ihm selbst ausgemachten "Feinde des Friedens" waren. Mehr noch, er veröffentlichte diese ebenfalls nicht zu beschönigenden Ansichten unter dem Pseudonym "Ignaz Wrobel", während Pound der Welt ein seltenes Beispiel an Geradlinigkeit und Aufrichtigkeit bot, indem er auch während der Verhöre durch die Alliierten seine während des Krieges geäusserten Ansichten nicht widerrief oder abzuschwächen versuchte.

    Und dennoch verneige ich mich vor beiden grossen Geistern Tucholsky wie Ezra Pound gleichermassen. Denn es macht keinen Sinn belastende Aussagen und Fehler hervorzukramen, und gegeneinander aufzuwiegen.

    Es wirft dies alles doch eher ein wenig Licht auf den in Zeiten in denen wir nicht gelebt haben etwas anderen und zuweilen rauheren Umgangston mit den jeweiligen Gegnern. Bedenken wir diese Tatsache, besonders in Kriegszeiten, wo die Befürwortung von Menschenabschlachtungen ja quasi Bürgerpflicht war. Aussagen von damals sind schwer nach heutigen Denkmustern zu fassen und zu beurteilen.
    Womöglich hilft es uns auch den längst überfälligen Abstand zu nehmen von der heutigen meist überheblichen, wahnhaften, jedenfalls aber sinnentleerten permanenten Aburteilung vergangener Situationen und lange verstorbener Menschen, die sich sich ihren Platz in der Geschichte längst erobert haben.
    Abstand nehmen, beispielsweise auch davon, heutigen antisemitischen Stereotypen immer wieder neue Etiketten mit Bildern immer neuer dieser anerkannten längst verstorbenen Persönlichkeiten anzuheften.
    Vielleicht ist es an der Zeit, diesem unwürdigem, weil unheilvollem, einseitigen und selektiven, von blindem übersteigertem pc-Wahn angetriebenen Herumwühlen in unserer Geistesgeschichte ein Ende zu setzen.
    Zum Schutz unseres eigenen geistig kulturellen Erbes und aus Respekt vor der Vergangenheit, unserem eigenen Werden und unseren geistigen Vorfahren.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Danke für Ihre Mitarbeit im Blog.

Egoistisch am meisten gelesen: