Rudolf Steiner, die Mahatmas und die geheime Loge

Quelle gechannelte Mahatma- Mitteilungen
Natürlich existiert der Prototyp des zeremoniellen Anthroposophen nicht in der realen Welt. Er gehört in die Welt der Karikaturen. Vielleicht ist er auch ein Spiegelbild von abgelegten Zerrbildern, die sich wie transparente Häute an der Leine spannen- der Honigsauger, der sich selbst Altar, Sinnsucher, Gott und Zeremonienmeister ist:

Natürlich hat man Verständnis für die Honigsauger, die seit jeher die anthroposophische Bewegung umschwärmen. Was wäre die schönste spirituelle Lehre ohne Sinnsucher, die sich mit ihr identifizieren, sich selbst aber damit auch in ein ewiges Licht stellen, das dem so vergänglichen und zerbrechlichen Ich ein seelisch- geistiges Fundament geben kann? Dazu gehört: Zu glauben, wiedergeboren zu werden als derjenige welcher. Zu glauben, einer geheimen NGO anzugehören, die seit Jahrtausenden die geheimen Mysterien der Hochkulturen durchwabert- mit geheimem Wissen gefüttert wie mit Gelee Royal und zur Königin mutiert, einem Wanderer zur endlichen Erlösung des Planeten, seiner Kreaturen und der Restmenschheit. Zu glauben, die geheime geistige Führung der Menschheit habe einen Plan mit mir, für den meine augenblickliche Existenz nur eine gewisse Vorbereitung darstellt. Zu glauben, ich hätte, da übersinnlich Botschaften aufzunehmen zu meiner geheimen Superkraft gehört, die zu meiner zweiten Natur geworden ist, via Inspiration zu jedem beliebigen Fachgebiet etwas zu sagen, auch wenn es niemand hören will und Andere es für plumpe Vorurteile halten. Zu glauben, dass es durchaus keinen Zufall darstellt, dass das Schicksal mich an die Spitze der menschlichen Kulturentwicklung im deutschsprachigen Raum gestellt hat, damit ich durchdrungen werden kann von den aktuellsten Transformations- Prozessen in der Weltentwicklung und mit dazu beitragen kann, die brüderliche Philadelphia- Zivilisation der Zukunft geistig vorzubereiten, indem ich auf noch vollkommenere Weise selbstlos werde. Zu glauben, dass es moralisch, geistig und selbst für die Natur existentiell notwendig ist, dass ich den Umgang mit Intellektuellen und anderen geistig wenig entwickelten Individuen möglichst einschränke, außer wenn es karmisch dienlich sein kann. Die meisten Individuen sind einfach in ihrer Entwicklung noch nicht zur Selbstlosigkeit durchgedrungen. Zu glauben, all diese mehrfachen Umstellungen des Sonnensystems und des planetarischen Körpers insgesamt, die auf- und untergegangenen Königreiche und Erdreiche, Tierleiber - Entwicklung und Engel- Einwirkungen haben schließlich in mir - mir- kulminiert, als esoterischer Vertreter des Meisters, seines Meisters- seiner Meisterkollegen, der geistigen inspirierenden Meister, und so weiter. In aller Bescheidenheit. Aber immerhin- zu glauben, das in mir praktizierte Selbsterwachen des Planeten, seiner Geister und Meister, die sich nach Erlösung sehnen, das adelt mich schon ein bißchen, denn die gesamte planetarische Entwicklung verwirklicht sich in mir. Es hat auch, wie in Werken von Seherinnen wie Judith von Halle ausgedrückt wird, direkte karmische Vorteile. So würden Anthroposophen z.B. nicht an Demenz erkranken, da das ein rein ahrimanisches Phänomen sei. Praktisch ist aber auch, dass der Meister der Meister mir auch nach meinem Tod - ebenso wie Christus und die Seinen, St. Michael und der Graf von Monte Christo- sofort Hallo sagen werden. Man ist eben als Anthroposoph auch in den widrigsten Situationen nie ganz allein.

Andererseits stellt für solche Karikaturen anthroposophischer Selbstvergottung jede kritische Auseinandersetzung mit Anthroposophie oder ihrem Meister einen Angriff auf ihr Selbstkonzept dar. Kritisches Denken wird daher einerseits dämonisiert, andererseits erstarrt das mögliche Potential der Bewegung in diesem unproduktiven Verteidigungsreflex. Das Selbstkonzept, sich auf geheimer Mission des Erzengels Michael zu befinden, verfängt allerdings nur bei Persönlichkeiten, die einer strukturellen, ideologisierten Persönlichkeit- Krücke bedürfen - sie sind die unproduktiven, aber fanatisierten Anhänger, die den Kult- Aspekt benötigen und ständig Futter und Bestätigung suchen. Unabhängige Geister gingen und gehen souverän mit den Ego- Fallen des anthroposophischen Systems um und praktizieren die unkonventionellen, produktiven und humanistischen Impulse, die sie aus derselben Grundlage heraus beziehen.

Ja, es war ein langer Weg Rudolf Steiners vom Goethe- Herausgeber, Philosophen, Mackay- Anhänger und Freiheits- Kämpfer bis hin zum Vorsitzenden einer zunehmend geschlossenen und bizarren sektierischen Esoterik- Vereinigung mit Logen- ähnlichem Zuschnitt. Auch Steiner ist allmählich zum Zeremonienmeister des eigenen Kults geworden. War das theosophische Ambiente ursprünglich vielleicht nur ein Publikum, das ihn überhaupt ernst nahm, wurde er allmählich darin eingesponnen- vor allem, nachdem er 1923 wieder die alleinige Leitung übernahm und sich mit seiner Frau Marie und dem getreuen Sprachrohr Albert Steffen, schon krank und zutiefst erschöpft, auf dem Dornacher Hügel einigelte. Die heutige Hybris mancher seiner Erben geht allerdings voll und ganz auf Rudolf Steiner selbst zurück- vor allem im Rahmen seiner esoterischen Unterweisungen für den engeren Kreis. So beantwortete er die berechtigterweise von ihm selbst gestellte Frage „Bin ich nicht vielleicht ein spiritueller Genussmensch?“ im Rahmen einer Instruktionsstunde (1) so: „Hier, in unserer Loge, weil die Menschen mit ihren Gedanken dabei sind, geschieht mehr für das Heil der Welt als durch alle philanthropische Arbeit. (..) So ist es also kein unbefugtes Genießen, wenn die Mitglieder sich befleißigen, dasjenige in sich aufzunehmen, was hier geboten wird. Ohne dieses Entgegennehmen durch die Mitglieder könnte nichts für die weitere spirituelle Entwicklung der Menschen getan werden. Dann müssten die Menschen ganz dem Materialismus verfallen; die zukünftigen Generationen würden krank an Leib und Seele sein..“

Die Entgegennahme der Mitteilungen des Meisters wirkte danach wie eine Impfung in einem sklerotisierten Weltkorpus- auf die spirituellen Kompetenzen der Mitglieder kam es nicht an. Dennoch sorgte sich Steiner auch um die geistige Entwicklung seiner Anhänger- rührig, unermüdlich, umfassend, aber offenbar vergeblich. Die „erkenntniskultischen“, Logen- ähnlichen Intensivmaßnahmen, die er seit 1906 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges durch einen Vertrag mit Theodor Reuß betrieben hatte und die Steiner zum einzigen legalen Leiter des Misraim Ritus in Deutschland machten, wurden am Ende seines Lebens wieder aktuell. Die Beziehung zu Reuß, dem Steiner mit guten Gründen misstraute und mit dem er den Kontakt so schnell wieder abbrach, hat Rudolf Steiner schwer geschadet. Reuß hat- auch durch gefälschte Dokumente- den Eindruck zu vermitteln versucht, Steiner sei Mitglied der durch Reuß und Aleister Crowley repräsentierten, seit 1912 aktiven Loge O.T.O gewesen- eine Unterstellung, die bis heute immer wieder kolportiert wird. Steiner hätte eigentlich gewarnt sein müssen, war doch die ganze Geschichte der Theosophischen Gesellschaft durchzogen von Scharlatanen, Betrügern, gefälschten „Meister- Briefen“ und einem Fake- Messias wie dem jungen Krishnamurti.

Der okkultistischen Schmuddelszene, die von unsichtbaren Meistern wimmelte, hat sich Rudolf Steiner zwar durch die eigenständige Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft entzogen - „Es ist eben die Grenzscheide zwischen Wahrheit und Scharlatanerie im Okkultismus eine haarscharfe“. (2)- aber strukturelle Probleme wie die Teleologie, die kultisch- zeremoniellen Klassen und Logen, die Führung durch „Meister“ wurde auch innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft nie ganz überwunden.

In Bezug auf seine esoterische Kernarbeit, die im Rahmen des Misraim- Kultus bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit bis zu 600 Mitgliedern durchgeführt wurde, hat Steiner nicht nur (3) den Bezug zur Artus- Tafelrunde, der Grals- und Rosenkreuzer- Bruderschaft (alles in einem Aufwasch) hergestellt, einen hierarchischen Aufbau in neun Grade angekündigt (4), sondern auch eine „Versprechensformel“ (5) im Sinne eines Treueschwurs formuliert:

 „Ich ________  geboren zu _______ wohnhaft in ______   gelobe und verspreche hiemit die Regeln des echten und wahren Misraim Dienstes getreulich zu halten und zu befolgen; das heilige Geheimnis streng zu wahren, nach Kräften für die Erhaltung des Sanktuariums zu sorgen und einzutreten und den Generalgroßmeister als oberste Entscheidungs-Instanz in allen Misraim- Angelegenheiten rückhaltlos anzuerkennen. Ich gelobe und verspreche ferner, daß ich mich nicht durch Hypnose, Suggestion usw. in einen unfreien Zustand versetzen lassen werde, so daß alles, was im Leben je auf mich wirken wird, mich in dem Zustande des Wachens antreffen werde, auf daß durch mich niemals die Geheimnisse des großen Dienstes an Außenstehende verraten werden können.
Sollte ich dieses mein feierliches Gelöbnis jemals brechen, so möge meine Seele ruhelos wandern ohne Ziel und Bestimmung im Raume, möge sie richtungslos sein in der unermeßlichen Zeit.
Dieses gelobe ich bei den weisen Meistern des Ostens, die ihr Auge heften mögen auf meine Taten.“ (6)

Dass er eine derartig abgeschirmte Geheimgesellschaft innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft in Kriegszeiten nicht aufrecht erhalten konnte, da dies als Subversion und Konspiration hätte verstanden werden können, war Rudolf Steiner auch klar. Am Ende seines Lebens und Wirkens allerdings hat er sich nach der „Liebeswärme“ einer solchen geheimen Loge (7) gesehnt.

Hatte Steiner 1905 noch gemeint, das „maurerische Leben aus den veräußerlichten Formen aufzufangen und neu zu gebären“ (8) - mithin also das Freimaurertum zu reformieren- stellte er spätestens 1923 fest, dass der postulierte „umgekehrte Kultus“ (die Selbst- Einweihung der Anthroposophenschaft)  durch das typische öffentliche anthroposophische Arbeiten offensichtlich nicht funktionierte und plante nach der organisatorisch- okkulten Neugestaltung der Anthroposophischen Gesellschaft durch die „Weihnachtstagung“ auch einen neuen Kultus: „Gleichwohl hätte Rudolf Steiner, wenn er noch längere Zeit hätte wirken können, auch einen äußerlich zu vollziehenden Kultus (begründet), gewissermaßen als eine wirksame Hilfe auf dem schweren Weg zu dem im rein Geistigen zu suchenden kosmischen Kultus.“ (9) Allerdings sind seine Äußerungen in Bezug auf die Gestalt kryptisch geblieben: „Man könnte nun sagen: die Anthroposophische Gesellschaft könnte ja auch einen Kultus pflegen. Gewiss, das könnte sie auch; das gehört aber jetzt auf ein anderes Feld.“ (10) Auch in einem Gespräch mit Rene Maikowski ist Steiner auf dieses Thema eingegangen: „Zu meiner Überraschung ging er auf den Gedanken einer kultischen Arbeit für die Gesellschaft als durchaus positiv ein. Er erklärte, dass es ja vor dem Krieg auch ein Kultisches gegeben habe. In der Zukunft werde das aber eine andere Gestalt erhalten müssen..“ (11)

Zu dieser Reform durch einen internen „maurerischen“ Kultus ist es durch den Tod Rudolf Steiners nicht mehr gekommen. Es ist nicht ganz frei von Ironie, dass Steiner 1905 die Freimaurer- Kulte durch Anthroposophie hatte reformieren wollen, und zwanzig Jahre später Anthroposophie durch einen noch zu gestaltenden eben solchen Kultus. Es ist auch nicht frei von Ironie, dass er während der Kriegsjahre das Freimaurertum der Weltverschwörung bezichtigte- was Wiesberger „die damalige scharfe Verurteilung politischer Sondertendenzen gewisser westlicher Geheimgesellschaften“ (12) nennt. Nach dem Ende des Krieges hat Rudolf Steiner einigen Mitgliedern der AG sogar den Rat gegeben, in Freimaurerlogen einzutreten. Es gab zwischen offiziellen Logen und Anthroposophen einen regulären Austausch und keinerlei Berührungsängste.

Letztlich hat sich Rudolf Steiner auch durch die Einsetzung seiner Ehefrau Marie Steiner- von Sivers als Erbin seines Werkes für die kultisch- symbolische Ausrichtung entschieden: «An der Spitze, als Haupt der Schule und als Vermittler der geistigen Wirklichkeiten stand Rudolf Steiner; ihm zur Seite als Genosse und Mitarbeiter Marie von Sivers. ... Bei einer Handlung in einem höheren Grade, bei der nur eine geringe Anzahl von Teilnehmern zugegen sein durften, wurde uns durch Rudolf Steiner selbst kundgegeben, daß die Mitarbeit Marie von Sivers' in einem vollberechtigten Sinne zu nehmen sei - nicht symbolisch wie bei uns andern allen. Und zwar so, daß auf eine Wirklichkeit hingewiesen wurde, die über Geburt und Tod hinausgeht.» (13) Die Entscheidung für die Ehefrau Steiner- von Sivers, die dem zeremoniell- Symbolistischen nahe stand - und nicht z.B. einer Pragmatikerin wie Ita Wegman- hatte wegweisenden Charakter und führte zu jahrzehntelangen Grabenkämpfen. Es ist auch eine Entscheidung Rudolf Steiners, die die Rhetorik der Aufbruchsstimmung um die „Weihnachtstagung“ Lügen straft- mit der organisatorischen Übernahme der Gesellschaft kehrte er zurück zur okkultistischen Theatralik, die er mit seiner Frau zwei Jahrzehnte zuvor gepflegt hatte. Die „Ritualtexte“ für die jeweilige Logeneröffnung und - Schließung liegen im Wortlaut für den 1.- 3. Grad komplett vor (14) und haben heute, im Zeitalter der Jedi- Ritter, auch schon mal etwas unfreiwillig komisches: „Lerne schweigen und dir wird die Macht“ (15) Es gibt auch magisch- lateinische und rosenkreuzerische Ritualtexte, die zum Teil auf Helena Blavatsky, die Kabbala und auf alchimistische Überlieferungen zurück gehen (16) - rätselhafte, schöne, symbolträchtige Texte.

Der reaktionäre, pseudo- maurerische Einschlag zeigte sich z.B. bald nach Steiners Tod in Marie Steiners Inszenierung der Gedenkfeiern zu seinem einjährigen Todestag:
Zur ersten Wiederkehr von Rudolf Steiners Todestag, am 30. März 1926, gestaltete Marie Steiner-von Sivers, die nicht nur als Mitbegründerin und Mitleiterin des erkenntniskultischen Arbeitskreises, sondern auch durch innere Kompetenz in demselben eine besondere Stellung eingenommen hatte, im Rahmen der ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft eine Gedenkfeier mit symbolisch-kultischem Charakter. Auf der mit schwarzen Vorhängen verkleideten Bühne des Saales in der Schreinerei des Goetheanums, in der damals alle Dornacher Veranstaltungen stattfanden, ließ sie drei Altäre aufstellen, an deren Ostaltar sie stets an der Seite Rudolf Steiners gedient hatte. In den folgenden Entwürfen für ihre Ansprache kommt zum Ausdruck, was ihr die Lebenstat Rudolf Steiners bedeutete, nämlich: die Tempellegende dargelebt zu haben.“

So begann Marie Steiner denn auch die Zeremonie mit den pathetischen Worten: „Wir haben uns hier versammelt zum Angedenken desjenigen, der vor einem Jahr von dieser Erde Abschied nahm, der hier an dieser Stätte für uns, unter uns gewirkt hat, der uns Richtlinien gegeben hat für unser Handeln, den Dienst an den Altären der Weisheit, Schönheit und Stärke, als Zeichen welcher wir diese Altäre hingestellt haben, die uns sein Wirken versinnbildlichen. Wir haben als Zeichen seines werktätigen Schaffens diese Werkzeuge auf die Altäre gelegt. Mit ihnen prägte er dem Holz die neuen Formen ein. Es sind sein Zirkel und sein Richtmaß, seine Kelle und sein Hammer. Sie sind noch durchseelt vom Feuer seiner Hände, sie sprechen zu uns und fordern Taten.

Das Pathos und die Intimität einer internen Geheimgesellschaft waren offenbar das Rezept, mit dem sowohl Rudolf Steiner wie seine Frau das in ihren Augen intime anthroposophische Element - in einer Bewegung, die sich in Schulen, Krankenhäusern, Heilpädagogik, Landwirtschaft erfolgreich realisierte- in die Zukunft retten wollten. Nach Steiners Tod inszenierte Marie von Sivers ihn als „Führer“ der „Menschheitswende“ und „Großen“, dem die Mitglieder an drei Altären nicht nur gedachten, sondern sich ritualisiert unterwarfen, auf dass „unser Handeln diene seinem Geist“ :

Seiner gedenkend und dessen, was wir zu tun haben, entzünden wir diese Kerzen: Das Licht, das er in unsern Herzen entzündet hat, es leuchte hell auf und werde Weisheit. Es steige in Reinheit zu ihm empor, so rein, wie er es in unsere Seelen gesenkt hat. Es erkrafte an ihm im werktätigen Schaffen, auf daß unser Handeln diene seinem Geist, unser Geist erstarke in der Ich-Durchchristung.
Wir stehen in diesem Raume der Trauer, gedenkend des Großen, der uns verlassen hat. Die drei Altäre stehen als Zeichen und Siegel seines Wirkens vor uns. Der Führer, der dieser Menschheitswende vorstand, hat dauernd an diesen Altären gedient. Er durfte sie herausholen aus den Tiefen des Tempels, in denen sie gestanden haben, seitdem es Mysterien gegeben hat und durfte sie der Menschheit übergeben. Er gab sie uns im Bilde, in der Kunst, indem er sie hineinstellte in seine Mysteriendramen, an den Etappen des Fortschritts der Geistesschüler. Er gab sie uns in seinem Wort, indem er in den Mittelpunkt seines Wirkens stellte die Ideale der Weisheit, der Schönheit, der Stärke, sie in ihrer Einzelauswirkung und in ihrem Ineinanderwirken uns ständig vor Augen führte. … Wir haben den Bau erlebt, wir haben erlebt, wie Rudolf Steiner den Hammer hob zum Werk und wie seine Schüler herangeströmt sind, um dem Werk zu dienen; der Tempel hatte sich hehr und strahlend erhoben aus seines Geistes Kraft und seiner Hände Geschicklichkeit, und wir durften lernen und werken. Aber auch wir haben neben unsern Schwächen und Unvollkommenheiten unter uns die drei bösen Gesellen gehabt, die bis zum Verrat gegangen sind und bis zum Vernichtungswillen. Die Saat des Hasses trug ihre Früchte. Der Bau stand in Flammen, wie einst das Eherne Meer in Flammen gestanden hat. Rudolf Steiner lebte die Legende dar; er hat sie in der physischen Tat realisiert; er ist die Legende geworden. Er hat sie durch sein Leben der Menschheit kundgetan.
Und Rudolf Steiner stürzte sich selbst ins sengende Feuer des Mittelpunktes. Wir sind dies sengende Feuer für ihn gewesen, wir, die Kainskinder. Er nahm unser Karma auf sich, auf daß wir freier würden zum Dienen. Aber unser Karma war zu hart und zu schwer und zerbrach seine physische Kraft, fast unmittelbar nachdem er den Bund vollzogen hatte. Sein letztes Lebensjahr war ein mächtiger Aushauch seines Geistes ...
Wenn wir so zusammenkommen wie heute, so ist es, weil wir uns bewußt sind, einen Moment in der Weltgeschichte erlebt zu haben, der ein Angelpunkt, nicht nur ein Wendepunkt gewesen. Der Geist senkte sich hinunter in nie geahnten Strömen durch einen Menschen, der sich fähig dazu gemacht hatte, in Geist, Seele, Leib den Geist zu empfangen. … In seinem Geiste versammeln wir uns heute, bittend, daß er unsere Schwächen und unsere Unzulänglichkeiten mit dem Glanze seines Wesens überdecke. In seinem Namen rufen wir an den Erzengel, dessen Dienst er uns geweiht hat, trachtend, den Hüter zu erkennen, der vor dem Tore steht des Tempels zum jenseitigen Reiche: (3 Hammerschläge: lang kurz kurz; lang kurz kurz; lang kurz kurz).“ (17)

Der Unterschied zu den originellen, sakralen Texten Steiners in den Freimaurer- Kulthandlungen ist der, dass seine Frau ihn nach seinem Tod als den alleinigen Meister inszeniert, der sich geopfert hätte, um „unsere Schwächen und unsere Unzulänglichkeiten mit dem Glanze seines Wesens“ zu überdecken. Nicht nur der pure Guruismus, sondern die Betonung der schwachen, sündigen Mitglieder, die sich bestenfalls durch gehorsame Devotion ein wenig am Glanz des Meisters laben dürfen, ergeben eine spezifische Note, zwischen Kult und Selbstkasteiung schwankend, aber geadelt durch den Glanz des Verblichenen, durch den seinerseits die Meister wirkten. So entsteht eine seltsame, selbst-referentielle Pseudo- Esoterik aus zweiter Hand, der der christliche Stempel aufgedrückt wird: „Nicht ich, sondern der Christus durch mich..“

Das Prinzip klingt bei Rudolf Steiner selbst auch an, als er (1) das „Entgegennehmen durch die Mitglieder“ zum passiven spirituellen Prinzip erklärte, das meist eben leider erst in der nächsten Inkarnation wirke. Auch das Meister- Verhältnis hat er durchgehend beibehalten- wenn auch mit Hilfskonstruktionen. Helena Blavatsky, die bekiffte russische Ur- Theosophin, war nach Steiners Ansicht durch dieselben östlichen Meister KH und M in okkulte Gefangenschaft genommen worden wie später, 1907, der sterbende führende Theosoph Henry Steel Olcott, dem „an seinem Krankenlager vor Zeugen die beiden Meister KH und M erschienen wären um ihm zu sagen, er solle A. Besant zu seinem Nachfolger bestimmen“ (18)- was die Abspaltung Rudolf Steiners von der Theosophischen Gesellschaft einleitete. Dem waren eine Reihe von Skandalen vorangegangen wie die Coulomb- Affäre 1884/1885, in der Blavatsky selbst durch gefälschte Meisterbriefe korrumpiert wurde, was ihre endgültige Heimkehr von Indien nach Europa zur Folge hatte: „Das Ehepaar Coulomb, das in Adyar Mme Blavatskys Haushalt besorgte, war mit seiner bescheidenen Stellung in der T.S. unzufrieden. Es fühlte sich zurückgesetzt und inszenierte einen Betrug, teils als Erpressungsversuch, teils als Racheaktion. Die beiden setzten sich in den alleinigen Besitz von HPB´s Wohnung und bauten dort geheime Durchreiche- Türen ein..“ (19), um ein Komplott zu schmieden, in dem Blavatsky als Fälscherin der „Meisterbriefe“ erschien.

Das sind nur einige Beispiele für die jahrzehntelangen Manipulationen, Betrügereien und Fälschungen in Bezug auf die „Meister“ bzw „Mahatmas“, die auch häufig in voller Öffentlichkeit diskutiert wurden. Es hielt Rudolf Steiner nicht davon ab, die Wirkung der Mahatmas auf Helena Blavatsky zu bestätigen: „Und obwohl H.P. Blavatsky sehr gut wusste, was sie selber schauen konnte- sie war dadurch auch besonders bedeutsam, dass sie nicht bloß ein passives Medium war, sondern eine ungeheuer starke Erinnerung hatte für alles, was sich ihr aus den höheren Welten kundgab-, so mussten allerdings doch gewisse Persönlichkeiten auf sie einen Einfluss haben, wenn sie Kundgebungen aus der geistigen Welt hervorrufen wollte. Deshalb berief sie sich immer auf das, was eigentlich wegbleiben müsste, auf die Mahatmas. Die können ja dahinterstehen, darauf kommt es aber nicht an, wenn es gilt, die Menschheit zu fördern.“ (20)

Rudolf Steiner übernahm die Führung durch die „Meister“ trotz aller aufgedeckten Betrügereien und blieb ihr bis zum Ende treu: „Sie wissen, dass hinter der ganzen theosophischen Bewegung hochentwickelte Wesen stehen, die wir „Meister“ oder „Mahatma“ nennen (..) Auf dem physischen Plane wirken sie durch die von ihnen beauftragten „Boten“, deren erster H.P. Blavatsky war, das heißt für die theosophische Bewegung erster..“ (21) Nach seinem Tod wurde Rudolf Steiner dann folgerichtig selbst, wie die oben dargestellte Inszenierung von Marie Steiner- von Sivers andeutete, zum Meister gemacht- ein Eldorado für Scharlatane und Second- Hand- Okkultisten der Szene bis zum heutigen Tag. Momentan vertritt solche Spekulationen vor allem die angeblich stigmatisierte anthroposophische Hellseherin Judith von Halle (22).

Man kann den Einfluss der Mahatmas z.B. auf Helena Blavatskys auch in ganz anderem Licht sehen- etwa aktuell wie der renommierte Esoterik- Forscher Wouter J. Hanegraaff (23), der nicht nur dem Haschisch- Konsum Blavatskys nachgeht, sondern auch einer minutiösen Auflistung der von ihr verwendeten Quellen, die heute völlig vergessen sind. Eine von ihnen, auf die sich Blavatsky am häufigsten bezieht, ist der Autor (24) Samuel Fales Dunlap (1825–1905), der seinerseits nichts als okkulte Quellen aneinander gereiht hatte. Blavatsky hat ihre umfangreichen, wirren Kompilationen aus solchen Kompilationen als Hörensagen von Hörensagen, gemixt mit ihren umfangreichen Kenntnissen okkulter Literatur, unter dem intensiven Einfluss des Konsums von Tabak und Haschisch aufgeschrieben und dem sehr weit reichenden Einfluss von wechselnden Lektoren überlassen: „Blavatsky was an enthusiastic user of hashish. At the time, this was a perfectly legal substance that could be bought at pharmacies and was often advertised (..) as an “Eastern remedy, Used for Thousands of Years by the Ancient Hindoos, Persians, Jews, Greeks, Chinese, Japanese, Arabians, Egyptians, Chaldeans and the Assyrians.”“ (23) Nichts - nicht einmal Opium- könne, so hat Blavatsky geäußert, ihre Inspiration so nachhaltig beeinflussen wie der Konsum von Haschisch. (25)
Aber - ähnlich wie von Carlos Castaneda berichtet- wären Blavatskys Schriften, wie Hanegraaff aufzeigt, ohne den enormen Einfluss ihrer Lektoren wohl nie in lesbare Form gekommen. Die wechselnde Ausrichtung ihrer Schriften war nicht durch die Inspiration durch die von Rudolf Steiner angenommenen Mahatmas zustande gekommen, sondern durch ihre Co- Autoren, die eher als „Ghostwriter“ zu bezeichnen sind.

Freilich, wer wie der am Anfang persiflierte stereotype Steiner- Anhänger, sein Selbstbild mit der geheimen geistigen Führung der Menschheit verquickt hat, wird von solchen Untersuchungen nicht zu beeindrucken sein. Hanegraaff selbst beendet seine Untersuchung mit dem theosophisch- anthroposophischen Totschlag- Argument „Theosophists ended up with classic no-win logic: “if you had reached enlightenment, you would agree – therefore if you do not agree, clearly you have not yet reached enlightenment” (23) oder- der kritische Betrachter sei eben noch nicht reif, noch im Materialismus gefangen oder gar ganz und gar in Ahrimans Hand.

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1 Berlin, 28.10.1911
2 Helsingfors, 11.4.1912 GA 158
3 Köln 7.5.1912 in GA 265, S. 145
4 GA 265, S.148: „In den drei unteren Graden wird symbolisch all das erlebt, was an Erkenntnis der Welt der höheren Wesenheiten und Kräfte errungen werden kann. In den sechs höheren macht man dann intimere Bekanntschaft mit den okkulten Kräften selbst.“
5 handschriftliche Vorlagen aus Notizbuch Archivnummer 611
7 „In unserer okkulten Bruderschaft ist, wie in allen, eine Hierarchie statt der Demokratie, da nicht eine Volksabstimmung entscheiden kann, was Wahrheit ist, sondern hierüber nur solche befinden können, denen durch spirituelle Mächte die einzig richtige Erkenntnis geschenkt ist. Es wird eine Vergöttlichung der Arbeit und des Lebens, Weisheitslicht und Liebeswärme gewonnen und jeder erkennt im anderen als dem gleichstrebenden Bruder den göttlichen Wesenskern.“
8 Brief an Marie Steiner, 25.11.1905
9 Hella Wiesberger, Rudolf Steiners esoterische Lehrtätigkeit, Dornach 1997, S. 226
10 R. Steiner, Dornach 3.3.1923, GA 257
11 Wiesberger, S. 228
12 Wiesberger S. 181f
13 Adolf Arenson in einem Rundbrief an die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft vom Oktober 1926 in: GA 265, Anhang
14 GA 165, S. 151 ff „Ritualtexte“
15 dito S. 160
16 dito S. 161
17 Anhang GA 165
18 Hella Wiesberger, S. 145
19 Hella Wiesberger, S. 139
20 Hella Wiesberger, S. 136 R.St Dornach 11.10.1915
21 GA 264, S. 86
22 in: Judith von Halle, Rudolf Steiner – Meister der weißen Loge: Zur okkulten Biographie Gebundene Ausgabe – 10. Juni 2011
23 http://correspondencesjournal.com/wp-content/uploads/2017/12/16401_20537158_hanegraaff.pdf
24 „We learn from him that Dunlap was a wealthy Harvard-educated New York lawyer who had spent a period in Berlin where he studied ancient philology and delved into German Orientalist scholarship. His confused and unsystematic writings on ancient religion and mythology are largely grounded in German Orientalist scholarship, most of which was never translated into English. As already noted by Coleman, Dunlap’s books “consist almost wholly of quotations from and summaries of the writings of other authors, strung together by connecting remarks,” and Dunlap himself admitted that his works were “written by quotations.” Quelle Hanegraaff 23
25 „[Blavatsky] was addicted to the use of haschish. She several times endeavoured to persuade me to try the effect upon myself. She said she had smoked opium, seen its visions and dreamed its dreams, but that the beatitudes enjoyed by the use of haschisch were as heaven to its hell. She said she found nothing to compare with its effect in arousing and stimulating the imagination.“ in Hanegraaff 23