Daniele Ganser und die anthroposophische Presselandschaft

Dass Daniele Ganser als Historiker eine ehrenwerte Vergangenheit hat, bestätigt Peter Hammerschmidt in seinem legendären Buch über Klaus Barbie*, dem „Schlächter von Lyon“, dem nationalsozialistischen Folterspezialisten und Sadisten, der sich nach dem Krieg, gedeckt von CIC und BND, in Südamerika diversen Militärdiktaturen andienen konnte, bis er von den Klarsfelds enttarnt wurde. Barbie wurde in Frankreich der Prozess gemacht.

Ganser läuft Hammerschmidt um 2005 immer wieder über den Weg, da auch dieser sich im Laufe der Recherche zu seinem Buch über Geheimoperationen hinter den Kulissen** - insbesondere der Organisation Gehlen und der CIA- in denselben Archiven umsah: „Dass Klaus Barbie, neben seinen (zumindest indirekten) Beziehungen zur Organisation Gehlen und seinen Beziehungen zu osteuropäischen Widerstandsgruppen, auch als Funktionär der deutschen Stay- behinds die direkte Protektion der CIA/OPC genoss, vermutete erstmals Daniele Ganser im Jahr 2005, ohne seine Vermutungen jedoch belegen zu können“ (Hammerschmidt, S. 114). Die ganze Geschichte ist, wie die umfängliche Recherche von Hammerschmidt zeigt, der erstmalig Archive des BND einsehen durfte, wesentlich komplexer als Gansers „Vermutungen“ es erscheinen lassen- teilweise bedingt durch konkurrierende Geheimdienste im schon geteilten Nachkriegsdeutschland, aber vor allem auch durch äußerst geschickte Schachzüge des Insiders Barbie selbst. Richtig ist das, was bei diesen Winkelzügen heraus kam: Die Kontakte Barbies zu ehemaligen SS- Funktionären, die dieser als Informant nutzen konnte, galten erst als wertvolle Quelle und waren danach so peinlich, dass man Klaus Barbie lieber deckte und nicht an Frankreich auslieferte- eine Mischung aus mangelnder Professionalität, Ehrgeiz und erschrecktem Erkennen eines „Meister seines Faches bei der Arbeit“ (nach Hammerschmidt, S. 121) - aber weit weniger die strategische CIA- Operation, die Ganser suggeriert.

Auch das Engagement des ehemaligen Waldorfschülers Ganser in der Anti- Fracking Liga wird von manchen Seiten kritisch gesehen. Gansers Mentor William Blum, den er in einem Interview 2005 benannte: , gehörte zu den pro- sowjetischen, US- kritischen Autoren: „So , by 1998, I was very interested in covert actions. William Blum, who has written on secret warfare in the United States, advised me to look at Operation Gladio. (...) I said: "I'll do it." And, nobody discouraged me."
Die politischen Theorien Gansers hatten also von Anfang an einen pro- russischen Einschlag und verstanden sich als „alternative Geschichtsschreibung“. Das Umfeld, das ihn und ähnliche Autoren wie Jürgen Elsässer protegierte, zitierte und wiederum mit immer neuen angeblichen Enthüllungen eindeckte, ist eindeutig identifizierbar und hat einen stark ideologischen Einschlag im Sinne von Putins Chefideologen Alexander Dugin .

Es ist aber, was die Interessenlage Gansers betrifft, auch deshalb eine komplexe Angelegenheit, weil er sich offenbar auch militärischen Kreisen der Schweiz andiente: „Anhand dessen stellt sich die Frage, inwieweit hier nationale Schweizer Interessen bzw. die hochgestellter Kreise aus Wirtschaft und Politik einerseits und die Form von Gegenöffentlichkeit, wie sie von Daniele Ganser vertretenen wird (Anknüpfen an "linke" internationale Diskurse, aber auch Verschwörungstheorien und Rechtsesoterik) dann doch, d.h. obwohl sie auf den ersten Blick so überhaupt nicht zueinander passen wollen, ineinander verschränkt sind und mit dem Bemühen der Schweiz, gegen eine zunehmende internationale Isolierung als eine unerwünschte Folge der EU-Politik anzukämpfen.“

Dieselbe Quelle weist auch nach, wie Ganser nach seinen politischen und militärischen Kontakten etwa ab 2010 in die Anti- Fracking- Liga und in esoterische Kreise herein rutschte: „Bei der Veranstaltung handelte es sich um eine Art Seminar der sogenannten "Aku-Wirkstatt. Forum für Zeitfragen" im Dezember 2012, bei dem Ganser nach seinen beiden Vorrednern, einem Astrologen und Maya-Experten sowie einem "Sonnenwanderer" zum Thema "Der globale Kampf ums Erdöl. Warum wir die Energiewende brauchen" vortrug.“ Er taucht jetzt auf Portalen mit anthroposophischer und mit Truther- Background auf: „Publiziert wird Pflugers "Zeitpunkt" vom Synergia-Verlag, der anthroposophisch geprägt scheint und in dessen Autorenliste sich auch der Anthroposoph Thomas Meyer findet, der seinerseits die Zeitschrift "Der Europäer" herausgibt und den ebenfalls anthroposophischen Perseus-Verlag gegründet hat. Meyer hat Daniele Ganser für seine Zeitschrift "Der Europäer" mehrfach interviewt.“ (dito)

Von dieser obskuren Ecke aus rollt Daniele Ganser inzwischen fast die gesamte anthroposophische Szene auf. Gemeinsame Basis scheinen Anti- Amerikanismus und 9/11- Verschwörungstheorien zu sein. Claudius Weise schrieb für die anthroposophische Kulturzeitschrift Die Drei zum Beispiel eine Eloge auf Daniele Ganser, in der dessen Thesen zu Geheimarmeen in Europa für diese Szene weiter schmackhaft gemacht werden. Weise beginnt mit „Menschenversuchen“ der CIA in den 50er Jahren (gemeint ist der Einfluss von LSD auf die Psyche), gibt Gansers Aussagen zu Geheimarmeen der Nato im Europa der 90er weiter („Ein weiteres Beispiel ist die unter dem Namen »Gladio« bekannt gewordene Geheimarmee, die von der NATO während des Kalten Krieges in fast allen europäischen Ländern westlich des Eisernen Vorhangs aufgebaut und kontrolliert wurde“) und ist sich auch, Ganser referierend, nicht zu schade, die Freiheitsbewegung in der Ukraine als von den USA gesteuerten Staatsstreich darzustellen: „Ganser vertrat in seinem gut anderthalbstündigen Vortrag die These, dass der Sturz der ukrainischen Regierung Janukowytsch ein vom Westen, namentlich den USA, betriebener »Regime change« war.“ Die Positionen, die hier vertreten werden, sind wie aus dem FSB- Handbuch abgeschrieben. Ganser war jedenfalls so angetan, dass er den kompletten Artikel Weises auf seiner eigenen Website wiedergibt. In Anmerkung 9 wird auch ein Ganser-kritischer Artikel des Egoistenblogs aufgegriffen, und zwar in folgendem Bezug: „Trotzdem kann man den Eindruck haben, dass sowohl Anhänger wie Gegner dazu neigen, Gansers Thesen nicht als Denkanstöße im Rahmen einer freien Diskussion zu behandeln, sondern im einen Fall als blanke Wahrheit, im anderen als verfassungswidrige Propaganda. Der jüngst auch in anthroposophischen Kreisen erhobene Vorwurf, Ganser betreibe Stimmungsmache, setzt bereits das voraus, was zu beweisen wäre, nämlich die Haltlosigkeit seiner Vermutungen und die Illegitimität seiner Fragen. Ohne diesen Beweis fällt der Vorwurf auf die zurück, die ihn erheben.

Nun ja. Er fragt ja nur. Und wie. In dem groß angelegten und präsentierten Interview mit Daniele Ganser in „Das Goetheanum“  - auch auf Gansers Website wiedergegeben- darf er das ganze Politprogramm abspulen. Er hat dabei einen ganz speziellen Kronzeugen für die „Geheimarmeen“, bevor er auf 9/11- Verschwörung usw eingeht, nämlich Giulio Andreotti: „Herr Ganser, denken Sie, das wir durch die Presse nicht ausreichend über Kriegsfragen informiert werden? Kann man alle politischen Strukturen wahrnehmen, wenn man die Tageszeitung liest, Radio hört und Fernsehen schaut? Sicherlich nicht. Ich kann zum Beispiel mit meiner Doktorarbeit beweisen, dass es Geheimarmeen in der Nato in Europa gab. Diese wurden 1990 erstmals durch den italienischen Premierminister Giulio Andreotti enttarnt. Sie wurden von der Nato koordiniert und vom cia und vom mi6 ausgerüstet und trainiert. Die Geheimarmeen hatten eine antikommunistische Funktion: Im Falle einer Invasion durch die Rote Armee sollten sie als Guerilla hinter den besetzten Linien kämpfen.“

Ausgerechnet Andreotti als Kronzeugen aufzurufen, dem zynischsten Machtpolitiker der Gegenwart, der die Mafia im italienischen Staatsapparat über Jahrzehnte hoffähig machte, ist nun ein besonderer Fall von Nestbeschmutzung: „In keinem anderen demokratischen Land hätte sich ein Politiker vom Typ Andreotti so lange an der Macht halten können. Er war in nahezu jeden großen Skandal der italienischen Nachkriegspolitik in irgendeiner Weise verwickelt, doch 27 parlamentarische Untersuchungskommissionen gegen ihn endeten immer mit einem Freispruch, da eine Verurteilung Andreottis schwere Konsequenzen für die ohnehin wackeligen Koalitionen gehabt hätte. Dabei ging es meistens um Korruption auf höchster Ebene, Mißwirtschaft, Begünstigungen, Subventionsbetrügereien, illegale Auftragszuweisungen. Auch in den Skandal der Loge P2 war Andreotti verwickelt, obwohl ihm eine Mitgliedschaft nicht nachgewiesen werden konnte.“ Jede beliebige Quelle***, die sich mit dem Einfluss der Verbrecherorganisationen in Italien beschäftigt, nennt als den Paten der Paten diesen Namen: „Ein wesentlicher Bestandteil von Andreottis’ Machtzirkel war stets die Mafia – seine Kontakte zu ihr sind legendär und auch gerichtlich untermauert: Andreottis letzter Mafiaprozeß, in dem ihm Mafiakooperation vorgeworfen wurde, endete im Mai 2003 zwar mit einem Freispruch, allerdings nicht wegen mangelnder Beweise, sondern wegen Verjährung seiner Taten .. Andreottis Karriereende Anfang der 90er Jahre: es war die Zeit der erstmaligen radikalen Bekämpfung der Mafia, in erster Linie durch Staatsanwalt Giovanni Falcone, der 1992 vor Palermo von der Mafia ermordet wurde.“ Ich werde gern in folgenden Beiträgen vertiefend auf dieses Thema weiter eingehen.

Dass ein Charakter wie Andreotti als Kronzeuge für dubiose Verschwörungstheorien eines schillernden Dugin- Protagonisten wie Ganser in der Breite der anthroposophischen Presselandschaft auftreten würde, hätte ich mir als junger Anthroposoph nicht träumen lassen. Dergleichen verbreiten aber inzwischen nicht nur Kopp- Verlag- Verbündete wie „Die Europäer“, sondern auch „Das Goetheanum“ und „Die Drei“. Wo genau sind wir da gelandet? Wie weit werden die Peinlichkeiten noch gehen?


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*Peter Hammerschmidt: Deckname Adler. Klaus Barbie und die westlichen Geheimdienste
**Daniele Ganser: Nato Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung, Zürich 2009
*** hier als Beispiel ein Aufsatz von Mathias Kautzky: Giulio Andreotti und die Politik in Italien (German Edition)
Weblinks: http://sochi2014-nachgefragt.blogspot.de/2014/08/daniele-ganser-und-sein-umfeld-ii-aspo.html
https://www.danieleganser.ch/assets/files/Inhalte/Rezensionen/Vortraege/die%20Drei%20(2015)%20-%20Wahrheit%20oder%20Wahn.pdf
https://www.danieleganser.ch/assets/files/Inhalte/Interviews/Zeitungsinterviews/Das%20Goetheanum%20(2015)%20-%20Nachrichten%20bewaeltigen.pdf
http://www.bornpower.de/mafia/andreotti.htm#.V7EFxRSxyrU


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