Die Macht der Meme - Von den Identitären über Dugin bis zu Ganser

Als Meme gelten Ideen, die sich viral verbreiten und haften bleiben - ein vom und durch das Internet geprägter Begriff. Das Haften hat wohl damit zu tun, dass mit der Idee Empfindungen mitschwingen, die ein gewisses Erregungspotential enthalten. Anthroposophisch ausgedrückt, haben diese Ideen eine luziferische Konnotation, wirken ansteckend im Sinne einer geistigen Infektion. Man denkt an Elias Canettis „Masse und Macht“ und natürlich an die verheerenden Auswirkungen von Propaganda und Gerüchten.

Aber heute wird immer augenfälliger wieder offen mit Meme, aber auch mit offensichtlichen Lügen operiert- sei es im Wahlkampf Donald Trumps oder sei es bei der Neuen Rechten im europäischen Raum. Offenbar verfängt heute seit der Flüchtlingskrise, momentan durch die österreichischen „Identitären“, Björn Höcke und die ostdeutsche „Denkfabrik“ Kubitscheks die Angst vor dem Verlust der Identität durch Multikulti und „Völkeraustausch“: „Kubitschek, Sellner und Höcke eint die Angst vor dem „großen Austausch“ oder wie Höckes es nennt, vor der „Multikulturalisierung“. Kubitschek verbreitet seine Thesen im Kampf gegen den „Verlust der eigenen Identität durch Überfremdung“ über seinen Verlag, den Antaios-Verlag. Die Titel heißen etwa: „Zurüstung zum Bürgerkrieg. Notizen zur Überfremdung Deutschlands“, „Die große Gleichschaltung“ oder „Revolte gegen den Großen Austausch”.

Die luziferische Konnotation dabei beruht - ebenso wie beim Brexit- Hass gegenüber der Europäischen Union - offenbar auf einer postmodernen Angst vor Identitätsverlust, der man nationale oder auch rassistische Instinkte entgegen setzen möchte. Da diese Ängste unerkannt bleiben, haben sie eine erhebliche Persistenz. Eine Untersuchung der Universität von Michigan aus den Jahren 2005 - 2006 ging der Frage nach, wie schlecht informierte Menschen - vor allem aus den Milieus politischen Partisanentums, auf die Konfrontation mit belegten Fakten reagieren, die ihre kruden Ideen widerlegen würden: Tatsachen ändern nicht nur nicht die Einstellungen, sondern verstärken sogar den Glauben an die Meme: „Like an underpowered antibiotic, facts could actually make misinformation even stronger“. Was aber könnte denn da noch überzeugen? Gerät die demokratische Diskussion hier nicht an die Grenzen ihrer Kraft, wenn Überzeugung und Argumentation nicht mehr greifen?

Es kommt noch schlimmer. In einem gerade erschienenen Buch des Russland - Insiders Charles Clover,  „Black Wind, White Snow: The Rise of Russia's New Nationalism“ geht dieser auf Putins Denkfabrik ein- vor allem in Person von Russland trans- nationalistischem Ideologen Alexander Dugin, den Clover als langjähriger Mitarbeiter bei der Financial Times Moskau gut persönlich kennt. Dessen faschistisches Gedankengut kleidet sich in den Begriff des Eurasianismus, der nichts anderes beinhaltet als ein neues russisches Großreich - etwas, was Putin seit geraumer Zeit aktiv- politisch, ideologisch und kriegerisch umsetzt. Die Blüte des demokratischen Liberalismus soll gebrochen, zentralistische, autokratische Machtstrukturen etabliert werden, um ein multinationales Imperium unter russischer Führung zu etablieren („turning back the tide of democratic liberalism, re-establishing repressive central control, and bringing to power a regime of patriots, beholden to an imperial concept of Russia, a multinational, multi-ethnic, multi-confessional, but distinctly Russian and distinctly non-Western geopolitical space – ‘Eurasia’“).

Ideologisch wird - nicht zuletzt durch konspirative Medien wie „Russia Today“ in den verachteten demokratischen Staaten- aufgerüstet und subversiv die Öffentlichkeit bearbeitet und möglichst gleichgeschaltet. Putin hat dazu - sowohl im In- wie im Ausland- eine Reihe von Memes etabliert, ja seine ganze Sprachwahl seit 2012 verändert. Intern in Russland ist ein zentraler Begriff das unübersetzbare „passionarnost“, das Gorbatschows Glasnost abgelöst hat: „Putin’s mention of passionarnost in 2012 was part of a pattern of lacing his speeches and writings with a new vocabulary.“ Es bedeutet ein Durchhalten durch eine Leidenszeit - bis zum endgültigen Sieg. Für den Russen schwingen Geschichte, Steppenweiten und jahrelange Gulag- Haft in diesem Begriff mit- ein Leiden, das er gern auf sich nimmt und das an seine nationale Identität rührt. Aber das Leiden kann, wie nicht nur die Ukraine und Syrien zeigen, auch gern und weitflächig exportiert werden.  

In diesem Zusammenhang kommt Clover auch auf die Meme, und zwar im Zusammenhang mit biologischer Infektion, die in diesem Fall exemplarisch ist für die geistige Infektion durch die ideologisierten Begriffe: „British evolutionary biologist Richard Dawkins has put forward a similar theory of ‘memes’ – which he describes as simple units of cultural information whose primary characteristic is the ability to replicate and spread virally through their interaction with other memes through a version of natural selection. As Dawkins puts it: ‘When you plant a fertile meme in my mind you literally parasitize my brain.’“ Für Clover ist vor allem der Nationalismus das Zündende im geistigen Infekt, denn das darin Mitschwingende hat eine instinktive, verborgene Eigendynamik, der man kaum etwas entgegen setzen könne: „Nationalism wins out not because nationalists are better, or stronger, or more capable, but because nationalism itself appears to possess inherent characteristics that allow it to vanquish other memes in a fair fight.

Für die Anthroposophen kann man die bei ihnen grassierende Meme anhand der hier im Blog beschriebenen, immer wieder vorgetragenen Thesen eines Daniele Ganser studieren. Die irritierte Identität reagiert luziferisch- empfindlich auf angebliche Verschwörungen von Seiten „der da oben“, der Europäischen Union und den USA. Dass derlei überall in der Rechten - ob bei den „Identitären“, UKIP oder der AfD grassiert und denkbar banal daher kommt, ist dabei völlig nebensächlich, solange die entsprechenden Emotionen bedient werden. Wenn die Meme grassiert, kann sie durch Argumente nicht mehr widerlegt werden, sondern verbreitet sich als „öffentliche Meinung“ in den Köpfen, die nicht widerstehen. „Öffentliche Meinung“ ist in der spezifisch okkulten Sicht Rudolf Steiners ein quasi- dämonisches Massenphänomen:

Es sind von diesen Wesenheiten der höheren Hierarchien welche zurückgeblieben, haben luziferischen Charakter angenommen. Und zu dem, was einzelne von ihnen ausleben, gehört zum Beispiel das, was wir heute öffentliche Meinung nennen. Öffentliche Meinung wird nicht bloß von Menschen gemacht, sondern auch von einer gewissen Art auf der untersten Stufe stehender luziferischer Geister, zurückgebliebener Angeloi, Archangeloi. Diese beginnen erst ihre luziferische Laufbahn, sind noch nicht sehr hoch gestiegen in der Rangordnung der luziferischen Geister; aber luziferische Geister sind es. Man kann mit Seherblick verfolgen, wie gewisse Geister der höheren Hierarchien die Entwickelung nach dem Mysterium von Golgatha nicht mitmachen, wie sie sich verhärten in der alten Art der Führung und daher nicht unmittelbar an die Menschen herankommen können. Die, welche die Entwickelung mitgemacht haben, können in einer regulären Weise an den Menschen herankommen; die sie nicht mitgemacht haben, können nicht heran, und sie wirken in einer verschwommenen, durcheinanderflutenden Gedankenmacht der öffentlichen Meinung.“ (GA 141.128f)



Kommentare

  1. Ideen, die sich viral verbreiten und haften bleiben...
    //
    Like an underpowered antibiotic, facts could actually make misinformation even stronger.
    //
    Antibiotika sind gegen Viren vollständig wirkungslos!
    //
    Auch wenn viral hier nur im Übertragenen Sinne verwendet wird, bedient sich der Autor selbst der angeprangert Methode des Schürens von Befürchtungen (in diesem Falle einer amerikanischen Top-Angst - der Ansteckung mit Keimen, gegen die' s im Drugstore keine Pille gibt) ohne sich an die Wahrheit zu halten...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Okay, das Bild der Antibiotika stimmt nicht, ebenso wenig wie die richtige Wahl des Plurals ("Memen"), wenn man denn auf einer eingedeutschten Version besteht. Aber dann klingt es immer schräger.

      Löschen
  2. Gegen Virusinfektionen hilft nur eine gute Hygiene und ein gutes Immunsystem - durch Virostatika können die Viren etwas unterdrückt werden um dem Immunsystem die Arbeit zu erleichtern...

    AntwortenLöschen
  3. Letzten Endes stimmt das Bild insofern, als dass Kräfte an Widerständen wachsen - also ein konfrontatives ankämpfen die Gegenkraft stärkt.
    Das Bild mit dem zu schwach dosierten Antibiotikum suggeriert allerdings, dass man lieber gleich richtig drauf hauen soll, sodass der Gegner keinen Mucks mehr macht.
    Dieses Bild entspricht aber noch nicht mal dem Therapieschema bakterieller Infektionen sondern ist Säbelrasseln ohne Rücksicht auf Kollateralschäden...
    //
    Wie gesagt: Gute Hygiene und ein gepflegtes Immunsystem und wenn' s zu schwer wird etwas gut kalkulierte unterstützende Medizin...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Stephan,
      Vergleiche müssen meiner Ansicht nach nicht in allen Einzelheiten stimmen.
      Ich finde die beiden Vergleiche hier eigentlich treffend:
      Einerseits virale Verbreitung (Viren brauchen zur Vermehrung einen Wirt…).
      Andererseits Resistenzentwicklung gegen zu schwache oder zu zaghaft eingesetzte Antibiotika.
      Freilich müßte man im letzteren Fall von Bakterien statt von Viren sprechen — was auch noch besser zum abschließenden Steiner-Zitat paßt (Bakterien sind eigenständige Lebewesen…).

      Du sagst: »Das Bild mit dem zu schwach dosierten Antibiotikum suggeriert allerdings, dass man lieber gleich richtig drauf hauen soll, sodass der Gegner keinen Mucks mehr macht.«
      Finde ich nicht. Im Text heißt es: »Like an underpowered antibiotic, facts could actually make misinformation even stronger«.
      Tatsachen, die nicht so vorgebracht werden, daß das jeweilige Gegenüber sie selbst erkennen kann, wirken wie unterdosierte Antibiotika. Es geht also nicht etwa darum, den Verbreiter einer Fehlinformation durch "richtiges Draufhauen" zu zwingen, davon abzulassen, sondern es geht darum, daß er sie selbst als Fehlinformation erkennt. Das kann nur in Freiheit geschehen.

      Um mit Rudolf Steiner zu sprechen:
      »Nicht darauf kommt es an, daß ich etwas anderes meine als der andere, sondern darauf, daß der andere das Richtige aus Eigenem finden wird, wenn ich etwas dazu beitrage.« (GA 10, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten)

      Dank an Michael für diesen Artikel!

      Herzlich, Ingrid

      Löschen
    2. Liebe Ingrid,
      in allen Einzelheiten müssen Vergleiche natürlich nicht stimmen (sonst wär' s ja kein Vergleich), aber die Kernaussage (populistische Meinungen sind wie Viren, die mit kräftiger Antibiotikagabe behandelt werden müssen) sollte doch haltbar sein; ansonsten bewegt man sich eben so sehr in der Simplifizierung, dass die 'Wahrheit' auf der Strecke bleibt und man sich unweigerlich in jenem populistischen Millieu wieder findet, gegen welches man zu Felde gezogen ist...
      //
      Und zu den Statuten:
      Da stimme ich ganz mit Dir überein - es wäre das aber ein Indiz dafür, dass (beispielsweise) Gansers Umtriebe im Goetheanum gegen die Statuten verstoßen würden...

      Löschen
    3. Ich muss anmerken, dass das von Euch besprochene Zitat nicht aus dem Buch über Dugin stammt, ebenso wenig wie die Michigan- Untersuchungen. Die Quelle war ein Brexit- Artikel, von dem ich einen Screenshot gemacht habe. Leider unvollständig. Das nur, um Missverständnissen vorzubeugen.

      Löschen
    4. Hier die besagte Original- Quelle: http://archive.boston.com/bostonglobe/ideas/articles/2010/07/11/how_facts_backfire/

      Löschen
    5. Lieber Michael, danke für diesen link.

      Ich denke natürlich an Kathryn Schultz — und auch an diesen Artikel über die russische weaponization of information:
      »“The role of nonmilitary means of achieving political and strategic goals has grown, and, in many cases, they have exceeded the power of force of weapons in their effectiveness,” Gen. Valery V. Gerasimov, the chief of the general staff of the Russian Armed Forces, wrote in 2013.«
      Und Dmitry Kiselyev, Direktor des russischen Nachrichtenportals Sputnik, erklärt das Zeitalter des neutralen Journalismus ganz offen für vergangen: »“If we do propaganda, then you do propaganda, too,” he said, directing his message to Western journalists.«

      Der zentrale Gedanke der von Rußland verbreiteten Narrative: die liberale Demokratie sei korrupt, ineffizient, chaotisch und schlußendlich gar nicht demokratisch. Den europäischen Regierungen fehle die Kompetenz, mit den gegenwärtigen Krisen umzugehen, vor allem in Bezug auf Immigration und Terrorismus, zudem seien ihre Funktionäre alle amerikanische Marionetten.

      Ich würde sagen, diese Botschaften sind längst angekommen.

      Gute Nacht!

      Ingrid

      Löschen
    6. I
      Freut mich, Ingrid, ein eindeutiges Statement für unsere Demokratie, unsere Freiheitsgarantie-Gesetze hast Du hier klar und deutlich ausgesprochen. Also, nichts gegen Deine vermittelnde Eigenart (ich denke, so bist Du nunmal "gestrickt", und das ist gut), abärr oft dachte ich, Du zerfließest in den Spagat-Akrobatismen mancher Kommentare. Die ich dennoch immer bewußt zuendelese und mag.
      Bei uns heißt es "Grundgesetz", wie es in Österreich heißt, weiß ich gar nicht. Und ja, die teilweise Infragestellung des "Wohlfahrts-Saates", der Sozialen Absicherung, ohne echte Alternativen dafür anbieten zu können oder ausgearbeitet zu haben (und wie auch, braucht jede wirkliche Erneuerung, wenn sie realistisch greifen soll, vor allem Erfahrung, Erfahrung und nochmals ... ), gemischt mit der Katastrophe der Bankenkrise, wo Steuergelder verwendet wurden, darf man nie vergessen, und plötzlich "Geld wie Heu" .."da" ..war, dazu die wachsende gefühlte Bedrohung durch Islamismus hat in den Augen der mental höchst aggressiv plandenden Kreml-Dienste die .. ich nenn sie mal "Festung Europa" mental sturmreif geschossen. Denn es ist ein psychomentaler, fast neurolinguistisch geführter Krieg. Viele Internet-Gurus, welche Putin oder zumindest einer antidemokratisch, komplett unfreien autoritaristischen Denkhaltung heute die Seelen zuschaufeln, kommen aus dem NLP-Bereich, welcher vor der Bankenkrise noch florierte, als sich Firmen "Coaches" und "Mentaltrainer" leisteten. Ich habe die Entwicklung beobachtet, wie auf scheinbar fast anspruchsvoll begonnen habenden esoterischen Blümchen-Seiten mehr und mehr krankhaft verworrene Nachrichten verbreitet wurden, wo man gar nicht weiß, ob diese Portale zu Beginn selber erst Opfer des Kreml waren, bevor sie immer öfter gerne Volksverhetzung betrieben, und damit begannen, den Rest politischen Selbstverständnisses einfacher, Orientierung suchender schlichter Leute zu demontieren. Wohlgemerkt: Über Monate, über Jahre. Es wurden auch altgroßväterliche Vorurteile revitalisiert, von denen sich manche jungen Leute in den 70ern, 80ern, 90ern, später immer zaghafter, losgesagt hatten, Antisemitismus, und die Trauer mancher Eltern und Großeltern über "den verlorenen Krieg", die Bomben "der Engländer und Amerikaner" ("der Russe" bombte weniger ..) gehörten hier dazu. Das sind alles atmosphärische Komponenten, schwer zu differenzieren, also ein "Wolkenmodell", weniger ein Schaubild mit eindeutigen Vektoren. Aber es war eine Grundstimmung, welche der Kreml mit Think-Tanks wirklich meisterhaft durchanalysierte, um schließlich auf den Seelen der einfachen Menschen zu musizieren.
      mischa

      Löschen
    7. II
      Alexander Dugin sagte, sinngemäß, daß nur noch "die Eliten des Westens" zur, wie sie sie nennen würden, "Demokratie", stünden, weil sie die Herrschaft der Eliten über das Volk, und dessen finanzielle Ersparnisse sichern würden. Den einfachen Menschen ginge die sogenannte "Bildung" ab, das "widernatürliche" (sexuell, kulturell, philosophisch, gesellschaftskritisch und was weiß ich ..) überhaupt zu verstehn. Das Volk wolle "wirkliche Demokratie", und jeder Billardhalle und in jedem Biertunnel würde Rußland, Dugins und Putins Rußland, geliebt. Weniger die Wahlen, sondern die einfachen Leute des Westens seien "jahrelang durch Erziehung zum widernatürlichen" manipluliert wor.. usw. Wenn man sich in dieser Denke mal eingefunden hat, kann man sie rasch vor- und rückwärts deklinieren, konjugieren...
      Durch die Globalisierung hat der Sozialstaat Risse aus vielen bisher unbeantworteten Fragen bekommen, und die Behandlung sozial / finanziell schwacher Menschen wurde in Zeiten der Existenzängste ziemlich ruppig, - der Mensch wird grausam, wo es ans Eingemachte geht. Manche sagen, weniger Staat, weniger Auflagen für die Wirtschaft, das sei eine Lösung. Nur, das sagen auch Leute wie Trump, das war der Ausgangspunkt der AfD, bevor z.B. Olaf Henkel, dann ihr Gründer Lucke austrat. Das sagt "uns Rudolf". Die Larve libertärer Marktphilosophie wird genutzt, um ganz andere Zusatzphilosophien, eben "das Recht der Mächtigen, ihr Volk zu manipulieren", insgeheim, angereichert. Und "das Volk"? Mir scheint, daß es gerade schlichten, einfachen Menschen leicht zu vermitteln ist, ich habe eine Weile Haushalte beputzt, daß "die da oben eh nur lügen", weil dort, wo viel unausgesprochne Existenzangst pulst, eh viel und reichhaltig bunt gelogen, Seemannsgarn gestrickt wird, Notlügen am Arbeitsplatz, im Bewerbungsgespräch, dem Oberchef gegenüber zum Alltag gehören. "Wahrheit sagen" war für sozial und finanziell schwache Menschen stets ein Synonym für "Torheit". Zu hohes Risiko. Vertrauen? Wem? Auch hier kann der Kreml verläßlich punkten, mit seiner Relativierung: "Ach komm? Wer sagt denn die Wahrheit? Wer wird denn lebensmüde sein?" Jeder Sozialarbeiter weiß um diese Herausforderung. Soweit mal...
      (Eins noch: Selbstverständlich hätten viele von uns gerne ein "starkes" Rußland. Wirtschaftlich gerecht und erschlossen, kulturell frei und entwickelt. Ohne Paranoia vor Europa, zu dem es auch gehört. Ein Rußland, welches seine Ärmsten nicht ausbluten läßt, und betrügt. Und keine Übergriffe macht auf seine Nachbarn. Wir alle lieben oder achten doch zumindst so vieles aus der russischen Kultur! Falls wir es übehaupt kennenlernen durften, konnten ..)
      Herzlich, mischa butty

      Löschen
  4. Nun, wovon gleich die Rede ist, das liegt als Angebot vor seit 1794, also seit mehr als 200 Jahren. Es ist ein Auszug aus den "Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen" von Schiller.

    „Hebt also die Vernunft den Naturstaat auf, wie sie nothwendig muß, wenn sie den ihrigen an die Stelle setzen will, so wagt sie den physischen und wirklichen Menschen an den problematischen sittlichen, so wagt sie die Existenz der Gesellschaft an ein bloß mögliches (wenn gleich moralisch nothwendiges) Ideal von Gesellschaft. Sie nimmt dem Menschen etwas, das er wirklich besitzt, und ohne welches er nichts besitzt, und weist ihn dafür an etwas an, das er besitzen könnte und sollte; und hätte sie zuviel auf ihn gerechnet, so würde sie ihm für eine Menschheit, die ihm noch mangelt und unbeschadet seiner Existenz mangeln kann, auch selbst die Mittel zur Thierheit entrissen haben, die doch die Bedingung seiner Menschheit ist. Ehe er Zeit gehabt hätte, sich mit seinem Willen an dem Gesetz fest zu halten, hätte sie unter seinen Füßen die Leiter der Natur weggezogen.

    Man muß also für die Fortdauer der Gesellschaft eine Stütze aufsuchen, die sie von dem Naturstaate, den man auflösen will, unabhängig macht.
    Diese Stütze findet sich nicht in dem natürlichen Charakter des Menschen, der, selbstsüchtig und gewaltthätig, vielmehr auf Zerstörung als auf Erhaltung der Gesellschaft zielt; sie findet sich eben so wenig in seinem sittlichen Charakter, der, nach der Voraussetzung, erst gebildet werden soll ..... u.s.w.u.s.f.

    Zuvor steht geschrieben:

    „Erwartungsvoll sind die Blicke des Philosophen wie des Weltmanns auf den politischen Schauplatz geheftet, wo jetzt, wie man glaubt, das große Schicksal der Menschheit verhandelt wird.

    Wie anziehend müßte es für mich sein, einen solchen Gegenstand mit einem eben so geistreichen Denker als liberalen Weltbürger in Untersuchung zu nehmen ........

    Daß ich dieser reizenden Versuchung widerstehe und die Schönheit der Freiheit voran gehen lasse, glaube ich nicht bloß mit meiner Neigung entschuldigen, sondern durch Grundsätze rechtfertigen zu können. Ich hoffe, Sie zu überzeugen, daß diese Materie weit weniger dem Bedürfniß als dem Geschmack des Zeitalters fremd ist; ja, daß man, um jenes politische Problem in der Erfahrung zu lösen, durch das ästhetische den Weg nehmen muß.........“





    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wofür kann der obige Hinweis auf Schiller dienen? Meines Erachtens hierfür:

      Michael schreibt:

      „Die luziferische Konnotation dabei beruht - ebenso wie beim Brexit- Hass gegenüber de Europäischen Union - offenbar auf einer postmodernen Angst vor Identitätsverlust, der man nationale oder auch rassistische Instinkte entgegen setzen möchte. Da diese Ängste unerkannt bleiben, haben sie eine erhebliche Persistenz. Eine Untersuchung der Universität von Michigan aus den Jahren 2005 - 2006 ging der Frage nach, wie schlecht informierte Menschen - vor allem aus den Milieus politischen Partisanentums, auf die Konfrontation mit belegten Fakten reagieren, die ihre kruden Ideen widerlegen würden: Tatsachen ändern nicht nur nicht die Einstellungen, sondern verstärken sogar den Glauben an die Meme: „Like an underpowered antibiotic, facts could actually make misinformation even stronger“. Was aber könnte denn da noch überzeugen? Gerät die demokratische Diskussion hier nicht an die Grenzen ihrer Kraft, wenn Überzeugung und Argumentation nicht mehr greifen?“

      Ja, was aber könnte denn da noch überzeugen? Gerät die demokratische Diskussion hier nicht an die Grenzen ihrer Kraft, wenn Überzeugung und Argumentation nicht mehr greifen?

      Denke ich den obigen Gedankenansatz von Michael weiter, ergibt sich mir: Diejenigen Gepflogenheiten, in denen aktuell „Überzeugung und Argumentation“ vorgebracht werden, die sind längst Bestandteil jener Meme, von der Michael spricht.

      Löschen
    2. Schon richtig, Burghard, aber ich sehe auch, dass sich da ein weiterer Abgrund aufgetan hat- der der Post- Faktizität, der offenen Lügen a la Trump oder der Propaganda- Kraftwerke russischer Prägung. Die Unterschiede sind dabei marginal. Es geht um die Aushöhlung jeder Vernunft, aus rein strategischen Erwägungen. Und es wirkt.

      Löschen
    3. "Und es wirkt"

      Die Wirklichkeit wirkt sich dort aus, worauf Du mit deinem Hinweis auf Steiner in die entsprechende Richtung weist. In welche? Hinein in die Region des Weltgeschehens, in der die Hierarchien sich betätigen.

      Diese Region ist für den Menschen, im Leben zwischen Geburt und Tod, die des nachtodlichen Lebens.

      Dort wird in einem stetigen „Geisteskampf“ um die Gestalt des irdischen Geschehens miteinander gerungen.

      Dieses Ringen bedarf gewisser freier Kräfte, will es sich stets und weiterhin zum Guten wenden.

      Diese Kräfte können allein im irdischen Leben erzeugt werden. So ein Erzeugen ist zugleich ein Weiterleiten in das nachtod- liche des Lebens.

      Frei müssen solche Kräfte dafür sein, das sie, im Ringen der Kräfte, sich gemäß deren Wesensgestalt auswirken können.

      Wie bekommt man Kräfte, also den Willen frei?

      Zunächst im leibfreien Denken. Erfasst sich so das Denken selbst, kann es, in Aufrechterhaltung dieser Geistesart, irdisches Geschehen durch jeweilig gutwillige Menschen so bedenken, das selbiges im Einklang sich findet mit der Denkungsart, die im nachtodlichen Leben die alleinige, oder die das All einende ist.

      Löschen
    4. Gewiss. Es gibt Zeiten des Bedenkens und Zeiten des Bestehens. Wer in letzteren nur bedenkt, wird mitgerissen. Jetzt lädt sich die Situation so auf, dass es kein Herausreden mehr gibt: Butter bei die Fische. Wer hier versagt, hat alles vertan.

      Löschen
    5. Michael, der von Dir angesprochene Vorgang, der ereignet sich, meiner Erfahrung nach, in umgekehrter Abfolge.

      Wer, anstatt den "immerwährenden" Bedarf des Bedenkens zu befrieden, lediglich Bestehen will, der wird fallen, sobald es darum geht, dafür Stand „halten“ zu können, das Bestand, mehr und mehr, unbefangen erfasst und gewahrt werden kann.

      Dieser Bestand ist kein stehendes Gewässer, sondern stets, im Strom des „Denkens“ diejenige Strömungsform, in der jeweiliger Bestand sich als gewahrt sieht, da er sich zugleich in der Wandlung empfinden kann, die in „ihrer“ Beständigkeit der Garant für jegliches Bestehen ist.

      Löschen
  5. Sehr treffende Beschreibung!

    Eine blutgefährliche und hochexplosive Entwicklung vollzieht sich da. Ideen, die sich, wie ein Parasit, unwiderstehlich in den Köpfen der Massen festsetzen. Menschen die sich identifizieren mit einem Eurasischen Imperium unter russischer Federführung. Vorreiter: Alexander Dugin – Putins Rasputin. Es lebe das Völkische. Lüge, Hass und Krieg gehören die Zukunft.

    Eine Horrorgeschichte?
    Leider nein. Eurasia statt Germania!
    Da fühlt man sich wie Wiedergeboren in tiefbraunen Zeiten…

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Die Propaganda hat durch die neuen sozialen Netzwerke einfach eine ganz neue Dimension von Durchschlagskraft erhalten, die jetzt global genutzt wird: eine geradezu hypnotische Wirkung, wie wir sehen.

      Löschen
    2. "Eurasia" wäre doch nur eine nach Osten statt nach Westen zu erweiternde EU!

      Die jetzige EU also ein "Klein-Germania"?

      Vielleicht ist das ja ein Grund für die in vielen europäischen Staaten grassierende EU-Skepsis!

      Löschen
    3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

      Löschen
    4. Nein, Ihre Vermutung stimmt leider nicht.
      Eurasien ist Alexander Dugins "Geistesvision" (esoterischer Rechtsextremismus!):

      http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/176563/index.html

      http://www.welt.de/politik/ausland/article130011929/Putins-Vordenker-ein-rechtsradikaler-Guru.html

      http://www.nzz.ch/meinung/debatte/der-west-oestliche-furor-der-neuen-ideologischen-rechten-1.18316772

      Hintergründe:

      http://www.leverage-magazine.com/hohepriester-der-apokalypse-der-unwahrscheinliche-aufstieg-des-alexander-dugin/

      Löschen
    5. Siehe dazu auch den Hauptbeitrag von Michael Eggert...

      Löschen
  6. Ein wirklich interessanter Beitrag. Gedankenfutter.

    AntwortenLöschen
  7. Diese Memen als quasi ‘mediale‘ Einflüsse oder Imaginationen brauchen also eine zusätzliche Suszeptibilität (‘Zugänglichkeit‘ bei Steiner; vgl. die angebliche russische Anpassungsfähigkeit, Abneigung gegen Gesetze und Friedfertigkeit, 174b.140 f.):

    “Während es im Westen verfrühte Wesenheiten von drei Gattungen sind, die ich aufgezählt habe, die da wirken, sind es im Osten verspätete Wesenheiten, die ihre Vollkommenheit früher gehabt haben, die zurückgeblieben sind, und die jetzt den Menschen des Ostens in medialem Zustande, im Traume erscheinen, oder auch über sie kommen ohne Traum, ohne medialen Einfluß, einfach dadurch, daß sie in den Schlaf hineinkommen, und der Mensch dann im wachen Zustande die Inspiration solcher Wesenheiten in sich trägt, also gewissermaßen bei Tag von den Nachwirkungen solcher Wesenheiten, die über ihn in der Nacht kommen, inspiriert ist. 200.44

    … auf der anderen Seite auch eine gewisse Zugänglichkeit bei diesen Menschen [der europäischen Mitte] vorhanden ist für jene Erscheinungen, die den Menschen des Orients sich als Imagination entgegenstellen. Nur bleiben diese Imaginationen bei den Menschen der Mitte während des Tagwachens so blaß, daß sie eben nur als Begriffe, als Vorstellungen erscheinen.“ 200.55 (1920)

    AntwortenLöschen
  8. „Als Meme gelten Ideen, die sich viral verbreiten und *haften* bleiben.“
    Nehme ich diese Aussage als Tatbestand, ist dann in der eigenen Begegnung mit derartigen Ideenkomplexen nicht ein „Mehr an Achtsamkeit,“ was meine persönliche innere Haltung ihnen gegenüber betrifft geboten, damit ich mich nicht unbemerkt und unwissentlich zum viralen Transmitter derartiger seuchenartiger Ideen Verbreitung mache, nicht meinerseits mitverantwortlich bei einer weiter um sich greifenden unterschwelligen Einnistung derselben in sich verbreiternden sozialen Netzwerken werde.
    Solche Erregungsempfindungen sind lange bevor sie sichtbar und öffentlich nachweisbar werden da und bestimmte Ideenverbindungen diese Empfindungen an die Oberfläche zu transportieren beginnen.
    Empfindungserregungen, die schlussendlich zum Aufwind memeartiger Ideenkomplexe mutieren, haben sie nicht vielfach ihren Ausgangspunkt in Zurückweisungen, in ungerechtfertigten Unterstellungen, die einzelne Menschen erfahren, in sie kränkendem Nichtverstehen ihrer Intentionen oder gar Nichtbeachtung derselben, mit der sie nicht zurechtkommen und vielem mehr. Also in Versäumnissen, die wir alle, mich eingeschlossen, uns glauben da und dort leisten zu können. Die Meme demnach ein Fanal von gesellschaftsweiten je individuellen Unterlassungen und Versäumnissen?
    Wenn ich diesem Umstand persönlich nahe treten will, beginne meine eigene Mitverantwortung zu sehen, muss ich dann nicht verstärkt Sorge dafür tragen, dass ich nicht unversehens eigene Erregungen in einem Diskurs unterhalb der sachlichen Ebene mit transportiere? Muss ich meine eigene Hygiene nicht vermehrt ins Auge nehmen, was die Empfindungsverpackungen betrifft, mit der ich „Sachargumente“ transportiere. Möglicherweise stelle ich bei derartigen Bemühungen fest, dass ich weit weniger sachlich vorgehe, als ich geneigt bin mir glauben zu machen.
    Kritik ohne beigepackte Erregungszustände in Diskursen auf diesem Blog zu betrachten, wie gleicherweise einzubringen, in diesem Sinne hat in meinen Augen Ingrid hier immer wieder stilbildend Zeichen gesetzt. Diese Stilbildung will ich mit diesen Ausführungen unterstützen.

    Bernhard Albrecht

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Bernhard Albrecht,

      vielen Dank.
      »Kritik ohne beigepackte Erregungszustände in Diskursen auf diesem Blog zu betrachten,...« - das genau ist mein Anliegen. Ich freue mich sehr, das so treffend beschrieben zu sehen.

      Auch wenn mir das von Diskussionsteilnehmern hier im Blog manchmal vorgeworfen wurde, weil sie meine Kommentare lieber spontaner und emotionaler gehabt hätten – ich versuche, mich an die Anweisung zu halten, die ich mir selbst vor mehreren Jahren gegeben habe: Antworte niemals auf postings, solange sie dich auch nur im leisesten empören.
      Auf diese Weise unterscheidet sich das, was ich schließlich poste, manchmal erheblich von dem, was ich spontan geschrieben hätte (oder ab und zu auch schreibe, ohne es abzuschicken).
      Diesen Unterschied zu erleben — das betrachte ich als eine selbsterkenntnisfördernde Übung. Ganz im Sinne Deiner Anregungen.

      Herzlichen Gruß,
      Ingrid

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Danke für Ihre Mitarbeit im Blog.

Egoistisch am meisten gelesen: