Georg Kühlewind und die Bewegung des Geistes

Georg Kühlewind ist vor einer Generation -ab 1980- auch mein Lehrer gewesen- einer der mir auch persönlich bekannten Lehrer, die einem aktiv Suchenden Orientierung gaben, wenn auch nicht im Sinne eines traditionellen Gurus. Das wäre für einen kühlen, wissenschaftlichen Geist, der den Menschen „als Wort und Gespräch“ darstellte, ein viel zu persönlicher und vor allem passiver Ansatz gewesen. Aber didaktisch wirken wollte Kühlewind schon- sind doch seine Bücher fast immer - auf manchmal durchaus altbackende Art und Weise- von „Übungen“ und ganzen, manchmal durchnummerierten Übungseinheiten durchdrungen. Dieses Lehrerhafte bis Professorale hatte er auch im persönlichen Auftreten, manchmal humorvoll zwinkernd, aber häufig scharf und kritisch insbesondere gegenüber schwadronierenden Anthroposophen, in deren Zweigen und Seminaren er auftrat und lehrte. Sein Credo, nie über etwas zu sprechen, was nicht selbst zur inneren Erfahrung gehörte, stieß den oft okkult spekulierenden Second- Hand- Esoterikern sauer auf, auch wenn Kühlewind wegen seiner souveränen Kompetenz stets gut besucht und als Lehrender umschwärmt war. Sein umfangreiches dichtes Werk zur systematischen intellektuellen und spirituellen Schulung hat dank des Verlages Freies Geistesleben - neben wissenschaftlichen, z.b. sprachwissenschaftlichen Publikationen- ein langjähriges Publikum gefunden. In „Licht und Freiheit. Ein Leitfaden für die Meditation“ (2004)* hat Kühlewind im Anhang auch einige persönliche Anmerkungen zu seinem Meditationsstil hinterlassen, die diesen seinen Hauch von Zen - von reduzierter Technik- recht gut wiedergeben.

Er beschreibt darin, dass er 40 Jahre lang - seit 1964 - sein „übendes Leben“ trotz zahlreicher Experimente auf einen einfachen Grundkanon zurück führte. Die täglichen Übungen hätten ihm die konzentrierten Grundlagen und die Energie für die „Aufgaben des Alltags, wie Forschen, Vorlesungen und Seminare Halten und auch für das Schreiben“ vermittelt. Die Konzentrationsübungen, die - je nach Bedürfnis und Anforderungen- zu mehreren Meditationsübungen am Tag führten, bauten sich häufig zu vielen „Meditationen in einem Bogen“ auf, insbesondere dann, wenn er sie schreibend niederlegte. Termindruck und überhaupt „eine zeitliche Grenze“ wirkten sich für ihn störend aus. Seine Grundlage aber sei stets der Prolog des Johannesevangeliums gewesen. Ansonsten habe er als Einstiegsthema seit 1964 nichts als ein Objekt der Konzentrationsübung, nämlich „meine elfenbeinernen Essstäbchen“ genutzt. Es habe sich gezeigt, dass der Wunsch, dieses Grundthema des meditativen Einstiegs zu variieren, lediglich dann aufkam, wenn „die Aufmerksamkeit nicht ganz und gar“ fokussiert gewesen sei, wenn also Ablenkungen im Spiel gewesen wären. Er sei durch diese Praxis in jeder Situation - „wenn es darauf ankommt“ - recht konzentriert gewesen und habe im engeren Sinne auch keine Konzentrationsübungen machen müssen. Die „kritische Intensität“ der Aufmerksamkeit, um in eine meditative innere Haltung in der Zeitlosigkeit überzugehen, die früher durch zumindest einige Minuten gedauert hätte, erreiche er heute - 2004 - „meist in wenigen Sekunden“, und wachse dann stetig, „ohne Anstrengung und mit Freude“. Für die Moralisten und Puristen hängt er noch daran, dass diese Freude „nicht zur Zerstreuung führen“ solle.

Man sollte bei Kühlewind nicht annehmen, dass es trotz dieser reduzierten, strengen Meditationselemente um eine trockene, intellektuelle Kunst gegangen wäre. Was er unter „das Auferstehen des Wortes“** verstand, entsprach einem modernen Samadhi- Erlebnis in höchster „Tätigkeit des Geistes“, in der Erfahrung der „Logos- Tätigkeit im Leben des Bewusstseins“ (S. 85).

Das, was man populär bei einem Eckhart Tolle*** als Präsenz - Erfahrung „Power of Now“ nachlesen kann, wird bei Kühlewind in eine systematische Schulung, eine komplexe Ausführung und Ausgestaltung und - zumindest gelegentlich- in christliche Konnotation gebracht. Vielleicht liegt gerade in der Komplexität Kühlewinds, aber auch in seinem dauernden Appell an die eigene Aktivität des Interessierten das Problem; Kühlewind sperrt sich implizit und explizit gegen leichte Konsumierbarkeit. Denn um innere Beweglichkeit geht es ihm: „Der Mensch kann auf sein Bewusstsein blicken, kann das Gedachte im Bewusstsein finden, und er kann durch diese Erfahrung zu der Erfahrung des in ihm Erfahrenden gelangen, des Erfahrenden, der nicht wie das Gedachte zur Vergangenheit gehört. Nicht in dem toten Vergangenheitsbewusstsein, sondern in dem Lebendigen, aus dem es genährt wird, aus dem es hervorquillt, kann der Mensch den Logos finden: dort lebt er. Der Mensch kann heute die Bewegung des Denkens erfahren, wenn er wirklich nach innen schaut, auf die Bewegung des Logos in sich selbst.

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* Georg Kühlewind, Licht und Freiheit. Ein Leitfaden für die Meditation, 2005/2
** in: Kühlewind, Die Diener des Wortes. Der Mensch als Wort und Gespräch, 1981
***eckharttolle.com

Kommentare

  1. Danke, schöner Artikel. Da Du Tolle erwähnt hast: Es hätte mich schon interessiert, was Kühlewind zu ihm oder zu anderen moderneren (Satsang/Advaita-) Lehrern gesagt hätte.

    Es gibt ja viele Übereinstimmungen, bei den moderneren Lehrern aber meistens keinen so strengen (und vor allem das Denken betonenden) Schulungsweg.

    Interessanterweise hat Kühlewind vor allem in den letzten Jahren den spirituellen Lehrer Anthony de Mello positiv erwähnt, der ist fast eine Mischung aus Tolle und GK, also viele Übungen, aber auch viel Entspannung... (mit christlichem Hintergrund, mir allerdings im Gesamteindruck etwas zu blumig).

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  2. Übrigends ein, wie ich finde, interessantes Phänomen: Kühlewind hat in fast jedem (!) seiner knapp 30 Bücher die Konzentrationsübung auf einen einfachen Gegenstand beschrieben - in den ersten Büchern ("Bewusstseinsstufen") wurde die Übung aber sehr viel schwerer dargestellt, als in den letzteren (wahrscheinlich noch inspiriert durch den "etwas strengen" Scaligero).

    Erst in den letzten Büchern der Hinweis, dass man den Gegenstand bildlich vorstellen soll (statt innerlich in Worten zu beschreiben, zu "denken"). Eigentlich ein nicht ganz unwichtiger Unterschied.

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  3. @Rainer. „Es gibt ja viele Übereinstimmungen, bei den moderneren Lehrern aber meistens keinen so strengen (und vor allem das Denken betonenden) Schulungsweg.

    Lieber Rainer,

    im Hinblick auf deinen obigen Hinweis kam mir das Nachstehende in den Sinn. Es gibt drei wegweisende Leitsätze seitens Rudolf Steiners.

    97. Eine gröbere Darstellung darf sagen: in der Seele des Menschen leben Denken, Fühlen und Wollen. Eine feinere muß sagen: Denken enthält immer einen Untergrund von Fühlen und Wollen, Fühlen einen solchen von Denken und Wollen, Wollen einen von Denken und Fühlen. Im Gedankenleben ist nur das Denken, im Gefühlsleben das Fühlen, im Willensleben das Wollen gegenüber den anderen Seeleninhalten vorherrschend.

    98. Das Fühlen und Wollen des Gedankenlebens enthalten das karmische Ergebnis voriger Erdenleben. Das Denken und Wollen des Gefühlslebens bestimmen auf karmische Art den Charakter. Das Denken und Fühlen des Willenslebens reißen das gegenwärtige Erdenleben aus dem karmischen Zusammenhange heraus.

    99. Im Fühlen und Wollen des Denkens lebt der Mensch sein Karma der Vergangenheit aus; im Denken und Fühlen des Wollens bereitet er das Karma der Zukunft vor.

    Dazu: „Das Denken und Wollen des Gefühlslebens bestimmen auf karmische Art den Charakter.“

    Rainer, der von dir andernorts erwähnte Christian Meier erzählt davon, dass das Erwachen zunächst keinen weiteren Einfluss auf den Charakter eines Erwachten hat. Aber, den strebt man doch eigentlich an, oder?

    Dazu der obige Steiner: „... im Denken und Fühlen des Wollens bereitet er das Karma der Zukunft vor“. Ich betone: Des Wollens. Warum?

    Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, Steiner ginge es um einen, „ vor allem das Denken betonenden“, Schulungsweg. Die Betonung des Denkens seitens Steiners, also dem Denken selbst Stimme schenkend, das ist ein Vorgang im guten Willen. Und um dessen Freilegung geht es dem guten Rudolf Steiner.

    Den oben erwähnten Aussagen Steiners ist gemeinsam, dass sie allein durch Beobachtung der Seele des Menschen erlangt werden können. Mithin: Der Kern dieser Aussagen ist bereits angelegt im Untertitel der Philosophie der Freiheit. „Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode“.

    Zu diesem Buch von Steiner. Es: „ müsse so gelesen werden, dass man dabei etwas erlebt. Und was muss erlebt werden? Das Erwachen des Willens aus dem Geistigen heraus! In dieser Beziehung sollte mein Buch ein Erziehungsmittel sein... Daher finden Sie in meiner „Philosophie der Freiheit“ eine Auseinandersetzung über Begriffskunst, das heißt eine Schilderung dessen, was im menschlichen Seelenleben vorgeht, wenn man sich mit seinen Begriffen nicht bloß an die äußeren Eindrücke hält, sondern im freien Gedankenstrome leben kann. Das aber, meine lieben Freunde, ist eine Tätigkeit, die
    zwar auf Erkenntnisse in einem viel tieferen Sinne abzielt als die äußere Naturerkenntnis, und die zu gleicher Zeit künstlerisch ist, ganz identisch ist mit der künstlerischen Tätigkeit. In dem Augenblick, wo das reine Denken als Wille erlebt wird, ist der Mensch in künstlerischer Verfassung.“

    ~ B.


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  4. Ergänzend sei gesagt: ...dafür dem Denken Stimme schenken, dass es, so in Selbstbestimmung, also aus Freiheit, sich selbst vertonen kann.

    Nun kann man fragen: Geht das ebenso mit dem Fühlen? Also selbigem Stimme schenkend, auf das es selbstbestimmt, eben aus Freiheit, sich intonieren kann?

    Das reine Denken ist von daher ein sich selbst bestimmendes, da es sich willentlich selbst erschafft und so in Ursprungskraft darlebt. Es gibt nichts in seinem Horizonte, das ihm lediglich als ein Gegebenes entgegen steht. Also als etwas, dessen Dasein von einem noch Unbestimmten herrührt.

    Das ist im Fühlen anders: Es bedarf stets eines bereits Gegebenen, auf das hin es ausgerichtet werden kann. Es ist also noch unbestimmt, woher das dem Fühlen innewohnende Selbstgefühl desjenigen herrührt, der sein Fühlen darauf hin befragt, ob es sich in Selbstbestimmung, also aus Freiheit, aussprechen kann.

    Wieso aus Freiheit? Gegenfrage: Wofür dient Meditation? Dafür, das man sich im Grund aller Gründe finden kann. Also in Selbstbe-gründung.

    Steiner weist darauf hin: Das Denken, das sich auf sich selbst richtet und so in Selbstbegründung aus Selbstbestimmung tätig ist, das gewahrt sich dabei im reinen Willen.

    Diesen Willen zugleich fühlend, erlebt sich der Mensch in seinem Seelenleben so, dass sein Fühlen nun dafür zu "freier Verfügung" stehen kann, das im Denken und Fühlen des Willens das Karma der Zukunft vorbereitet werden kann.

    ~ B.










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    1. Ich denke, im Untergrund des reinen Denkens - oder des lichten Willens - kann man auf einen Strom des Fühlens stossen, der der Mitte der Existenz entströmt - das existentielle, schaffende Fühlen schlechthin. Es ist nicht persönlich und doch zugleich das Persönlichste.

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  5. Lieber Burghard

    Danke für Deinen langen, wie gewohnt recht anspruchsvollen Beitrag. Ich sehe die oben von Dir dargestellte Trichotomie Steiners des Denkens, Fühlens und Wollens heute, nach langjähriger Beschäftigung mit dieser Thematik, inzwischen sehr kritisch.

    Nach meiner Erfahrung/Beobachtung ist es eben gerade nicht so, dass mit der Ausbildung des sog. "reinen Denkens - oder des lichten Willens" (Michael E.), das Fühlen des Menschen sich quasi automatisch mitentfaltet, bzw. zur "freien Verfügung steht".

    Um das Fühlen vollständig erkennen und ggf. leben zu können, ist es vor allem notwendig, dass man es in seinem Auftreten, in seinem So-sein, in Ruhe lässt. Dass ein Gefühl wie Groll, Freude, Neid, Heiterkeit, usw. in mir auftaucht und ich es da sein lasse, nichts mit ihm mache.

    Wenn mir das gelingt (als Anthroposoph fällt es garantiert schwerer, weil man es sich angewöhnt hat, bestimmte "negative" Gefühle "wegmachen" oder überwinden zu wollen) verändert es sich, man kann z.B. unter der Wut über einen anderen Menschen einen Schmerz über eine mögliche Zurückweisung erkennen; die Geschichte, die zu dieser Wut, diesem Schmerz gehört ("Warum hat er mir das angetan...") wird als mentales Produkt gesehen und löst sich mehr und mehr auf. Meistens wird dann, wenn man durch die Gefühle radikal hindurchgeht, eine wirkliche Stille erfahrbar (die tiefer ist, als wenn man die Stille sucht, indem man die Gefühle "beruhigen, wegmachen" will).

    Wichtig: Die Wut, den Schmerz, die Angst (eigentlich auch jede Stimmung) vollständig fühlen, nicht bloß, wie so oft, "wahrnehmen" oder "beobachten".

    Dieses nur in aller Kürze angedeutet, mein "neuer Umgang" mit diesen Dingen, inspiriert von dem von Dir genannten C. Meyer sowie 2,3 ähnlichen Lehrern. Ja, schon anders als Steiner und Kühlewind.

    Ebenso halte ich es für sinnvoll, den Aspekt des Willens gründlich "psychologisch" zu durchleuchten (statt zu spiritualisieren, indem ich nach den Karmagedanke mit einbeziehe). Ich kann die Frage "Was will ich" meditieren: Was sind meine Motive, was treibt mich an? Wenn ich z.B. viel auf FB oder Blogs schreibe - suche ich Anerkennung, Bestätigung? Verbirgt sich dahinter vielleicht der tiefere Wunsch nach Nähe und Freundschaft?

    Oder bin ich ein Mensch, der meint, "spirituell über den Dingen stehend" nicht mehr viel zu wollen oder zu wünschen, der aber nicht erkennt, dass dahinter eventuell eine Angst vor Verlust steht?

    Wenn ich zudem meinen Umgang mit Abwehrmechanismen (die ich auf jeden Fall habe) nicht gründlich durchschaue, "nützen" mir spirituelle Erkenntnisse bezüglich Wille/Gefühl eh nicht viel.

    In diese Richtung gehen meine Fragen in diesen Dingen.

    (Das Zitat von C. Meyer "dass das Erwachen zunächst keinen weiteren Einfluss auf den Charakter eines Erwachten hat" ist sehr aus dem Zusammenhang gerissen, kenne ich so nicht von ihm).

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    1. Ich denke was die Gefühle betrifft ist es zuerst mal wichtig eine gesunde Beziehung zu ihnen herzustellen. Ich glaube genau das haben ganz viele Menschen gar nicht. Oft läßt man sich entweder von seinen Gefühlen mitreissen, wird rasend vor Wut, zerfliesst in Trauer oder läßt sich von Angst auffressen, oder eben das Gegenteil, man fühlt gar nichts mehr, ist abgeschnitten von seinen Gefühlen. Dann fühlt man mit dem Gehirn und empfindet z.B. nach einer schweren Enttäuschung "Ich weiß daß ich ihn/sie liebe, aber ich fühle es nicht."
      Nähe und Distanz zu den Gefühlen muß im Gleichgewicht sein bevor man in der Richtung tiefer forscht und arbeitet. Menschen haben Gefühle, so sollte es eigentlich sein. Oft scheint es aber so zu sein daß Gefühle Menschen "haben", daß Angst, Wut, Neid usw. sich Menschen bedienen um Schaden anzurichten. Das muß mensch erstmal wieder umkehren bevor er fähig werden kann z.B. den Schmerz unter der Wut wahrzunehmen.

      Tanja

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    2. Tanja, wenn eine Illusion bzgl Reife, Abgeklärtheit usw vorliegt, wird das emotionale Chaos mit Sicherheit verstärkt. Manchmal ist durch solche Illusionen nicht nur der Eine betroffen- es entsteht ein blendendes Bild, das Andere anzieht, fasziniert. Die Verwirrung kann sich ins Uferlose verbreiten.

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    3. @ Tanja

      Ich erlebe es so, dass viele Menschen mit einem anthroposophischen Hintergrund nicht gerade eine "gesunde Beziehung" zu ihren Gefühlen haben: Man beobachtet Gefühle, nimmt diese wahr, beurteilt diese meistens viel zu schnell (Ist vielleicht sogar in einem unbewussten Konflikt, wenn man als "spiritueller Mensch" Groll oder Lust empfindet).

      Manche Lehrer sprechen davon, dass es durch diesen andauernden Modus des bewussten Beobachtens zu so etwas wie einer "Dissoziation" kommen kann: Ein zunehmendes Unlebendigwerden, eine künstliche Gelassenheit, die am Leben nicht mehr richtig teilnimmt.

      "Nähe und Distanz zu den Gefühlen muß im Gleichgewicht sein bevor man in der Richtung tiefer forscht und arbeitet" - Ich bin da grundsätzlich optimistisch: Auch wenn das Gefühlsleben nicht 100%ig im Gleichgewicht ist, kann man m.E. entsprechende einfache "Übungen" machen. Offener, neugierig gegenüber der eigenen Aufregung und Unruhe sein, dadurch kommt sie zur Ruhe.



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    4. Ja. Ein Blick in die Welt reicht um zu sehen daß es genau so ist. Und Chaos und Verwirrung steigern sich zu Klein- und Großkriegen weil Illusionen nicht nur blenden, anziehen und faszinieren, bei den einen, sondern auch abstoßen und Haß erregen bei den anderen. Genau deshalb müßte zu allererst das Verhältnis von Nähe und Distanz zu den Gefühlen ins Gleichgewicht gebracht werden.
      Tanja

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    5. Ähm, das war @ Michael Eggert. Rainer war mir dazwischengekommen.
      Tanja

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    6. Bitter, wenn sich diese Enttäuschungen in Hass zementieren oder - von der anderen Seite aus- so eine Art Selbstverachtung übrig bleibt. Das sind eine Art emotionaler Kriegswunden, die ihrerseits wieder der Heilung bedürfen, weil sie fesselnd wirken.

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    7. @Rainer: Mit Anthros hab ich wenig Erfahrung, mit Esos aber ein bißchen ;-). Und da kann ich das was du schreibst bestätigen. Da gibt es manchmal extremes Beurteilen von Gefühlen nach gut und böse. Ich meine das Beobachten von Gefühlen sollte von einem Nachspüren begleitet sein. Reines Beobachten macht "kopfig". Gefühle fühlen und gleichzeitig verstandesmäßig wahrnehmen was man da eigentlich genau fühlt, darum sollte es glaub ich gehen. Und dazu braucht es die nötige Menge an Distanz und Nähe. Hat man zuviel Distanz durch rein kopfiges beobachten dissoziiert man, hat man zu wenig Distanz läßt man sich vom Gefühl wegreissen.
      " Ich bin da grundsätzlich optimistisch: Auch wenn das Gefühlsleben nicht 100%ig im Gleichgewicht ist, kann man m.E. entsprechende einfache "Übungen" machen. Offener, neugierig gegenüber der eigenen Aufregung und Unruhe sein, dadurch kommt sie zur Ruhe." Sehe ich auch so, wenn ich auch weniger optimistisch bin. Aber vielleicht sehe ich das auch nicht objektiv genug.
      Tanja

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    8. @ Tanja,

      ich stimme Dir grundsätzlich zu, würde das mit "Nähe und Distanz" vielleicht etwas anders sehen. Ob ich in der Beurteilung dieser Dinge "objektiv genug" bin, weiß ich allerdings auch nicht, ich weiß nur, dass es bei mir nötig war, radikal umzulernen, umzudenken, eigentlich wieder (wie es im Zen heisst) ein bisschen Anfänger werden.

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    9. Lieber Rainer,

      danke für deinen Bezug und dir weiterhin gutes Gelingen im Umgang mit deinen Fragen.

      ~ B.

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  6. Lieber Rainer,

    »(als Anthroposoph fällt es garantiert schwerer, weil man es sich angewöhnt hat, bestimmte "negative" Gefühle "wegmachen" oder überwinden zu wollen)«
    Nicht, wenn man die 3. Nebenübung beherzigt. Denn dabei geht es gerade darum, das jeweils aufsteigende Gefühl vollständig zu fühlen und in seinem So-Sein in Ruhe zu lassen, wie Du es nennst:

    In bezug auf die Gefühlswelt soll es die Seele für die Geistesschulung zu einer gewissen Gelassenheit bringen. Dazu ist nötig, daß diese Seele Beherrscherin werde über den Ausdruck von Lust und Leid, Freude und Schmerz. Gerade gegenüber der Erwerbung dieser Eigenschaft kann sich manches Vorurteil ergeben. Man könnte meinen, man werde stumpf und teilnahmslos gegenüber seiner Mitwelt, wenn man über das «Erfreuliche sich nicht erfreuen, über das Schmerzhafte nicht Schmerz empfinden soll». Doch darum handelt es sich nicht. Ein Erfreuliches soll die Seele erfreuen, ein Trauriges soll sie schmerzen. Sie soll nur dazu gelangen, den Ausdruck von Freude und Schmerz, von Lust und Unlust zu beherrschen. Strebt man dieses an, so wird man alsbald bemerken, daß man nicht stumpfer, sondern im Gegenteil empfänglicher wird für alles Erfreuliche und Schmerzhafte der Umgebung, als man früher war. Es erfordert allerdings ein genaues Achtgeben auf sich selbst durch längere Zeit, wenn man sich die Eigenschaft aneignen will, um die es sich hier handelt. Man muß darauf sehen, daß man Lust und Leid voll miterleben kann, ohne sich dabei so zu verlieren, daß man dem, was man empfindet, einen unwillkürlichen Ausdruck gibt. Nicht den berechtigten Schmerz soll man unterdrücken, sondern das unwillkürliche Weinen; nicht den Abscheu vor einer schlechten Handlung, sondern das blinde Wüten des Zorns; nicht das Achten auf eine Gefahr, sondern das fruchtlose «Sichfürchten» und so weiter.
    (Geheimwissenschaft im Umriß)

    Du sagst:
    »Meistens wird dann, wenn man durch die Gefühle radikal hindurchgeht, eine wirkliche Stille erfahrbar (die tiefer ist, als wenn man die Stille sucht, indem man die Gefühle "beruhigen, wegmachen" will).«
    Ja.
    Und diese wirkliche Stille kann man wohl, wie Steiner es hier tut, als „Gelassenheit“ bezeichnen. Nicht wahr?

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    1. Liebe Ingrid,

      ich bin kein großer Fan der 3. Nebenübung.

      Die "Übung" (wenn man es so nennen will) "das jeweils aufsteigende Gefühl vollständig zu fühlen und in seinem So-Sein in Ruhe zu lassen" gibt es bei Steiner nicht ansatzweise. Der gesamte anthrop. Schulungsweg ist ein Weg des "Tun und Machens, des ichhaften Denkwillens, usw.".

      Die 3. Nebenübung beinhaltet eigentlich nur den Umgang mit dem Ausdruck der Gefühle, mit der für Steiner typischen Formulierung "daß diese Seele Beherrscherin werde über den Ausdruck von Lust und Leid" - dass der heutige Mensch einen gestörten Zugang zu seinen Gefühlen hat, u.a. weil er zuviel "verkopft" ist, zuviel denkt, meditiert, liest, sein Denken beobachtet usw. zuwenig im Körper ist, ist etwas ganz anderes.

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    2. Auch angeborene Gleichmut kann also negativ auswirken (13.334): ‘... hat einem aber das Leben Gleichmut beigebracht, so sollte man sich durch Selbsterziehung … aufrütteln …‘.

      Die 1. Nebenübung wurde bei Steiner verschieden genannt: Gedankenkontrolle 10.127 f., Kontrolle der Gedankenwelt 12.30 f., einfache Denkübung 13.330 f. (vgl. 266a.238 f.).

      Die zugehörige (Körper)gefühle wurden von Steiner 1907 beschrieben: z.B. bei 1. hauptsächlich im vorderen Teil des Kopfes, bei 2. eigentlich im ganzen oberen Teil des Körpers, bei 3. Dies Gefühl läßt man durch den ganzen Körper fließen, indem man es vom Herzen aus zuerst in Arme und Hände gießt, damit es durch die Hände in die Taten ausstrahle (266a.232f.)


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    3. Die Dynamik dieser Übungen verweist ins rein esoterische Feld; Steiners wesentliche Anleitung, Kraftfeld vor der Stirn ins Hirn, dann ins untere Kundalini Zentrum am Boden des Rückgrats fließen zu lassen, um es dann, aufgeladen, im Rückenmark hoch bis in Höhe des Herzchakras zu ziehen, das dann 'strahlend' wird- für Praktizierende ist diese okkulte Dynamik bei Steiner essentiell.

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    4. Vielleicht sollte hier noch die allgemeine, umgekehrte Perspektive vorangehen, dass die Sinnenwelt gerade unsere eigentliche Innenwelt sei, und das Gehirn unsere Aussenwelt.

      Die Verbindung der 1. bis 4. Nebenübungen mit physischer Leib bis zum Ich machte Steiner 1914 (266c.241 f.); mit Zirbeldrüse bis zum Herz schon 1907 (266a).

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    5. 'Es zirkulieren immer Ätherströmungen aus dem Kosmos durch den menschlichen Körper.' Zu Nebenübungen und Chakren in GA 245

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    6. Lieber Rainer,

      meiner Ansicht nach geht die von mir zitierte Schilderung der 3. Nebenübung genau in die Richtung, „das jeweils aufsteigende Gefühl vollständig zu fühlen und in seinem So-Sein in Ruhe zu lassen“, indem man den unwillkürlichen Umgang mit dem Ausdruck des Gefühls zurückhält.
      Denn wenn wir einem Gefühl unwillkürlich Ausdruck verleihen, steigern wir uns gewissermaßen „automatisch“ in dieses hinein, und es wird dadurch zu etwas anderem, als es ohne diesen Ausdruck wäre.
      Wenn wir umgekehrt gewohnt sind, den Ausdruck eines jeden Gefühls automatisch zu unterdrücken, dann würgen wir es ab, und wieder kann es nicht so sein, wie es ursprünglich war.

      Um wirklich, wie Du es nennst, „radikal durch die Gefühle hindurchzugehen“, ist es notwendig, mit unserem Bewußtsein „dabeizubleiben“.
      Und eben das kann nicht geschehen, wenn ein Gefühl uns veranlaßt, unsere automatische Reaktion ein- und damit das Bewußtsein auszuschalten. Dann würde das Gefühl sich gewissermaßen zum Herren aufspielen, wir würden unter seine Knechtschaft geraten und uns selbst darin verlieren. Deshalb sagt Steiner:
      »Hat einem das Leben Erregtheit beigebracht, so sollte man sich die Erregtheit aberziehen; hat einem aber das Leben Gleichmut beigebracht, so sollte man sich durch Selbsterziehung so aufrütteln, daß der Ausdruck der Seele dem empfangenen Eindruck entspricht.«

      So erlebe ich es wenigstens — übrigens nicht etwa aufgrund dieser Anleitung Rudolf Steiners. Ich habe das schon als junges Mädchen in meinem Leben so praktiziert: zunächst, um mit einem Schicksalsschlag besser zurandezukommen, und dann natürlich als Sängerin, wo es ja genau darum geht, den Ausdruck eines Gefühls bewußt und eben nicht automatisch-unwillkürlich zu gestalten; obendrein eines Gefühls, das nicht aus dem privaten Leben des Sängers aufsteigt, sondern aus der Inspiration des Komponisten...

      Als ich viele Jahre später von der 3. Nebenübung las, habe ich darin meinen längst praktizierten künstlerischen Umgang mit Gefühlen wiedererkannt.

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    7. Interessant finde ich, dass Steiner die 1. Nebenübung nicht nur als Gedankenübung (und die 2. und 3. als Willens- und Gefühlsübung) darstellt, sondern auch als Wahrnehmungsübung, mit der Zirbeldrüse in der Mitte des Gehirns als Wahrnehmungsorgan, und mit dem physischen Leib selbst als Wahrnehmungsgegenstand:

      Es verhilft uns dazu, wenn wir unsere Gedanken möglichst auf einen Punkt zusammenziehen, konzentrieren und in diesen Punkt dann untertauchen, für eine Zeitlang darin leben. Durch solche Konzentration tritt eine Verstärkung der Denkkraft ein und durch sie kann man allmählich dahin gelangen, seinen physischen Körper zu beobachten. (266c.241)

      Noch zur Komplettierung: 245.105 f. = 266a.232 f. (http://bdn-steiner.ru/cat/ga/245.pdf)
      Vgl. http://www.egoisten.de/meditation/drittauge/drittauge.html

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    8. Liebe Ingrid,

      die Frage, ob oder wie ich ein Gefühl ausdrücke (und primär darum geht es Steiner in der 3. Nebenübung) ist ein wichtiger Aspekt im Umgang mit Gefühlen und in der inneren Arbeit, das ist aber eigentlich nur der erste Schritt:

      Wenn es mir gelingt, dass Gefühl, was jetzt auftaucht vollständig in Ruhe zu lassen, klar, dann halte ich den unwillkürlichen Ausdruck des Gefühls zurück. Ich nehme z.B. einen Groll, Traurigkeit oder eine Unruhe wahr, gebe dem in mir mit einer offenen Haltung Raum, trete ganz zurück, sodass dann (ziemlich sicher) ein anderes Gefühl auftaucht, welches dem Groll, der Traurigkeit oder der Unruhe zugrunde liegt, dem ich jetzt genauso begegne.

      Diese hier nur knapp zitierte "Übung" wird aber von Steiner nur angedeutet, das "Hineinfallen" in das Gefühl, sowie der Modus des "Geschehenlassens" wird bei ihm nicht beschrieben.

      "Um wirklich, wie Du es nennst, „radikal durch die Gefühle hindurchzugehen“, ist es notwendig, mit unserem Bewußtsein „dabeizubleiben“

      Was heisst das, ganz exakt? Ich, mit meinem Bewusstsein, als Bewusstsein, "schaue" auf die auftretende Unruhe, den Groll? Mache ich dann etwas damit? (vielleicht hoffe ich, ohne es zu wissen, dass der Groll einer Ruhe weicht - das ist nicht nur eine Falle, in die man häufig tappt, das ist auch schon ein "machen").

      Das ist dann wiederum eine Dualität und Spaltung: "Ich" schaue, beobachte, denke "das Gefühl".
      Die Übungsanleitung, die ich meine, lautet hingegen: "Werde ganz zu diesem Gefühl, gib Dich ihm einmal hin, dass Du die Traurigkeit bist" (Nicht ein Jemand, der etwas mit ihr macht und sei es, sie zu beobachten).

      Erst dann kommt es zu dem Fallen und zu dem Erfahren der tieferen Stille.

      Dass ich, als "Jemand" in dem Prozeß verlorengehe oder untergehe, ist nicht zu befürchten, da die gewohnte Subjekt-Objekt Haltung natürlich danach wieder da ist.

      Das, wie gesagt, nur angedeutet, da gibt es diverse weitergehende ausführlichere und vertiefende Beschreibungen zu (u.a. über die Notwendigkeit des gelösten Körpers und gelösten Atems).

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    9. Lieber Rainer,

      »Wenn es mir gelingt, dass Gefühl, was jetzt auftaucht vollständig in Ruhe zu lassen, klar, dann halte ich den unwillkürlichen Ausdruck des Gefühls zurück.«
      Ich freue mich, daß Du es auch so siehst — denn ohne diesen allerersten Schritt geht es meiner Ansicht nach nicht.

      »"Um wirklich, wie Du es nennst, „radikal durch die Gefühle hindurchzugehen“, ist es notwendig, mit unserem Bewußtsein „dabeizubleiben“
      Was heisst das, ganz exakt? Ich, mit meinem Bewusstsein, als Bewusstsein, "schaue" auf die auftretende Unruhe, den Groll? Mache ich dann etwas damit?(vielleicht hoffe ich, ohne es zu wissen, … «


      Mit dem Bewußtsein voll und ganz dabeibleiben, das bedeutet eben nicht, daß ich etwas »hoffe, ohne es zu wissen«. Sondern mein Bewußtsein wäre auch bei diesem Hoffen dabei.
      Und es bedeutet auch nicht, etwas mit dem Gefühl zu „machen“ – schon gar nicht ohne einen willentlichen Entschluß dazu, der mir dann natürlich ebenfalls bewußt wäre.

      Freilich ist es keine einfache Übung, die jedem von vornherein gelingt.
      Sich selbst dazu zu erziehen, daß man ein Gefühl bewußt erleben und „so sein lassen“ kann, ohne es zu verändern, zu verdrängen oder eben sich (und damit das Bewußtsein) darin zu verlieren — ich vergleiche das gern mit der Einstellung des Gewichts am Tonarm eines Plattenspielers.
      Als ich als junges Mädel die Tanzschule besuchte, gab es dort einen Assistenten, der die Platten auflegte. Obendrein bestimmte er das Tempo der Musik, zu der wir tanzten: um es für die Anfänger langsam genug zu kriegen, drückte er von oben auf die Nadel und bremste damit die Geschwindigkeit, mit der sich die Platte auf dem Teller drehte; freilich veränderten sich dadurch auch Klangfarbe und Tonhöhe. Und die Platten wurden mit der Zeit kaputt – weshalb wir ihn den „Plattenmörder“ nannten. - Umgekehrt würde eine Nadel, die die Rillen mit zu wenig Gewicht abtastete, aus der Spur springen...

      Ich erlebe es so, daß wir in unserem Bewußtsein das „Hirngewicht“ einstellen können: ist es „zu leicht“, so schwindet unser Bewußtsein, und es kann geschehen, daß wir etwas »hoffen, ohne es zu wissen«, und unbewußt mit unserem Gefühl »etwas machen«, ohne es zu bemerken. Ist es aber „zu schwer“, so sind wir versucht, das Gefühl so zu verändern („abzubremsen“), daß es sich mit diesem größeren „Hirngewicht“ denken läßt... dann ist es aber kein Gefühl mehr, sondern eben ein Gedanke.

      Daß Rudolf Steiner letzteres nicht meinen kann, geht für mich daraus hervor, daß er sagt, man werde durch dieses Üben »nicht stumpfer, sondern im Gegenteil empfänglicher ... für alles Erfreuliche und Schmerzhafte der Umgebung, als man früher war.«
      Es kann also keine Rede davon sein, wie Du es ausgedrückt hast, »bestimmte "negative" Gefühle "wegmachen" oder überwinden zu wollen«.

      Ich denke auch an viele Vorträge, in denen Steiner darauf hinweist, wie wichtig es ist, das Mitgeteilte nicht etwa nur intellektuell aufzunehmen, sondern mit Gefühl zu durchdringen…

      Und in einem „Wahrspruchwort“ heißt es:
      Wendet an den alten Grundsatz:
      «Geist ist niemals ohne Materie, Materie niemals ohne Geist»
      in der Art, daß ihr sagt:
      Wir wollen alles Materielle im Lichte des Geistes tun,
      Und wir wollen das Licht des Geistes so suchen,
      Daß es uns Wärme entwickele für unser praktisches Tun.


      Woher sollte solche Wärme kommen, wenn nicht aus dem Gefühl?

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    10. «Geist ist niemals ohne Materie, Materie niemals ohne Geist»

      Steiner weist darauf hin, dass Geist und Materie eine Einheit sind, d.h. wandelbar sind, das Eine aus dem Anderen hervorgehen kann, gleichwohl aber keines von beiden unabhängig voneinander existieren kann. Dies ist rationell nicht erfassbar, eben nur aus dem Gefühl.
      Bezeichnenderweise erkennt man hier auch genau, wie Steiner uns anwies, den Geist zu erschaffen, ihn zu gebrauchen für unser paraktisches sprich materielles Leben.
      Fast die gesamte Anthroposophenschaft legt dies aber aus elitärem geistigen Standesdünkel und Herrschaftsanspruch diametral anders aus. Die Materie sei nur verdichteter Geist, der Geist also dass einzig wirklich Existente und daher weit über den Niederungen des Materiellen angesiedelt.

      Ein gutes Beispiel, das uns zu denken geben sollte, auf welchen Irrwegen die heutige Anthroposophie wandelt und wie weit sie sich von Steiners Intentionen entfernt hat.

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    11. Liebe Ingrid,

      im kaum überschaubaren Vortragswerk Steiners gibt es natürlich viele Stellen, wo er dazu aufruft, "das Mitgeteilte nicht etwa nur intellektuell aufzunehmen, sondern mit Gefühl zu durchdringen…".

      Meine Kritik bezieht sich vor allem auf verschiedene anthrop. Autoren (u.a. Kühlewind/Scaligero) die den "Weg des Denkens" einseitig in den Mittelpunkt stellen, aber natürlich auch auf Steiner, der nicht nur im Schulungsweg, sondern auch in der PhdF (eigentlich dem wichtigsten anthrop. Buch) ausschließlich auf das Denken fokussiert ist, ausführlich im 3. Kapitel, aber auch hier: "Indem wir empfinden und fühlen, sind wir Einzelne, indem wir denken, sind wir das all-eine Wesen, das alles durchdringt" (Kap. 5, Absatz 20). Er hätte auch schreiben können, indem wir denken, sind wir Gott, denn das "all-eine Wesen, dass alles durchdringt" ist eine mystische Umschreibung für Gott.

      Im Grunde ist es natürlich etwas albern, einem extrem kreativen Menschen wie Steiner irgendwie "vorwerfen" zu wollen, er hätte diese eine Sache übersehen oder einseitig dargestellt; ich habe allerdings für mich festgestellt, dass die oben von mir dargestellten Dinge bei ihm fehlen, da es um den, im weitesten Sinne "inneren Weg" geht, ist das eben für mich nicht unwichtig.

      Die Lehrer, die mich in diesem Sinne interessieren, arbeiten zudem noch mit psychologischen Richtungen/Übungen/Erkenntnissen, die lange nach Steiner entwickelt worden sind (Gestalttherapie, Körperarbeit, u.a.), wie ich auch zu Burghard geschrieben habe, ohne eine gründliche Kenntnis meiner Abwehrmechanismen (die zu Steiners Zeit gerade entdeckt wurden) kann ich die Auswirkung der negativ-ungesunden Vermischung von Denken, Fühlen und Wollen in mir, nicht erkennen.

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    12. Ist die direkte Schulung des Gefühls bei Steiner nicht der Gefühlsweg, der innerlich-gnostischen Weg (auf Johannes-Evangelium und Offenbarung beruhend) – das heißt dann: nicht unterdrücken, sondern untertauchen (siehe Über Psychoanalyse, 178.153 f.)?

      ‘Doch wendet sich der «Gefühlsweg» eben unmittelbar an das bloße Gefühl und sucht von diesem aus zu den Erkenntnissen aufzusteigen. Er beruht darauf, daß ein Gefühl, wenn sich die Seele ganz ihm hingibt eine gewisse Zeit hindurch, sich in eine Erkenntnis, in eine bildhafte Anschauung verwandelt.‘ 13.430 f. (vgl. 99.154 f.)

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    13. Ich denke, das Denken, insofern es noch gesund ist, hat inspirierte Anteile im Sinne eines orientierenden hellen Empfindens. Der inspirierte Anteil orientiert in Bezug auf die Logizität, auf den Zusammenhang mit der Welt, der Erfahrung und den Mitmenschen. Denken ist also immer auch Fühlen - eine Art Abschmecken. Das ist ja essentiell bei jeder realen geistigen Erfahrung, da man sonst orientierungslos - blind- wäre. Freilich, auch dieses Logos- Element kann korrumpiert werden, wenn es nicht gepflegt wird. Das erleben wir ja seit Jahrzehnten. Dann werden die Gedanken selbst korrumpiert und beherrschen, fanatisieren, lösen das Bündnis mit der Faktizität auf..

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    14. @ Ton Majoor

      Die Stelle kannte ich nicht von Steiner. Allerdings nun ausgerechnet die "Offenbarung des Johannes" als Buch für "die direkte Schulung des Gefühls" vorzuschlagen, ist vielleicht nicht die beste Idee (außer man interessiert sich für christliche Angstphantasien bezüglich kommender Katastrophen).

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    15. Ja, spezifischer sei der innerlich-mystische Weg ‘der Methode nach … im Johannes-Evangelium, vorgeschrieben, und dem Inhalte nach in der Apokalypse oder geheimen Offenbarung.‘ (99.153).

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  7. During the Moon stage of development something split off and something also split off during the Earth-development; it went out into the world's spaces from the Saturn, Sun and Moon stages of development. A very strange thing is connected with this splitting-off process, namely, we were turned inside out. Our inside became our outside and our outside became our inside. During the Saturn and Sun periods, our human countenance, which is now turned towards the outer world, was really turned towards our inner being. Of course, this was only the case during the early stages of development; but even during a part of the Moon period, during the Moon existence, the foundation of the inner organs which we now possess was still formed from outside. Since that time, we have really been turned inside out, like an overcoat that can be turned. (22021916, Leipzig)

    An object makes an impression upon our eye and we get to know the object. The eye of the soul is not conscious of seeing an angel or another human soul in the same way but is, instead, aware of being seen by the beings higher hierarchies. By means of becoming aware that we are known by the hierarchies, that they think us, we feel comprehended. (17061915, Dusseldorf)

    Caryn

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  8. Zum Kommentar von Burghard Schildt vom 03.11.2016, 12:51 MEZ:
    1.Teil
    „Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, Steiner ginge es um einen, „vor allem das Denken betonenden,“ Schulungsweg.“ und …Die Philosophie der Freiheit „müsse so gelesen werden, dass man dabei etwas erlebt. Und was muss erlebt werden? Das Erwachen des Willens aus dem Geistigen heraus!“
    Das Erwachen des Willens geschieht, will ich wirklich darauf hinschauen, aus dem Medium des Fühlens heraus. Aus dem tatsächlich erlebten Denken, nicht nur aus dem wie von aussen angeschauten Denken, dem vergegenständlichten Inhalt des Denkens, also einer letztlich dualistischen Haltung gegenüber dem Denken, sondern aus einem prozesshaften Gewahrsein dessen, was sich mir im Denken als Logos-Wesenskraft mitteilen will. Denken tue ich eigentlich erst dann, wenn ich, weil ich innerlich durch und durch einem/meinem in diesem Tun in Bewegung Sein gewahr werde, ich zeitgleich in eine gleichsam erste, zarte Berührung mit Logos Wesenskräften gelange.
    Die geistige Welt, von der Rudolf Steiner spricht, kann also einem jeden Menschen unmittelbar sich in zartem Berührt Werden eröffnen, der sich der Idee, dem Denken erlebend zu stellen den Mut aufbringt, in es vollumfänglich einzutauchen sich erlaubt. Mit anderen Worten öffnet sich diese Welt einem Menschen in einer diesem zuträglichen Weise, der auszieht das Fürchten, das Fürchten beherrschen zu lernen und Gelassenheit im Denken herstellt; damit über das Fühlen in eine erste Berührung mit den Logos Kräften gelangt, die wiederum ihm Zielrichtungen für das Entfalten des eigenen guten Willens in freilassender Weise vor Augen führen. Soweit kurz skizziert in diesem Zusammenhang ein erster Beobachtungsbefund.

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  9. Zum Kommentar von Burghard Schildt vom 03.11.2016, 12:51 MEZ:
    2.Teil
    An dem von mir hier auf diesem Blog vor einiger Zeit (21.07.2016) schon mit Anmerkungen versehenen Buch von Thomas Nagel: „Der Blick von Nirgendwo“ könnte über das dort bereits Gesagte hinaus in einer schönen Weise nachvollzogen werden, welche Folgen es nach sich zieht, wenn ich mich dem Denken nicht (allmählich in allen Daseinslagen) bis zur letzten Konsequenz, bis auf den Grund hin erlebend gegenüber stellen kann. Ich gerate unter seine Knechtschaft. Wobei Thomas Nagel in seinem wissenschaftlichen Ringen in meinen Augen gewissermassen eine Leuchtturm Plattform, mit einem Mut, der sich deutlich von seinen wissenschaftlichen Kollegen abhebt, betritt.
    Als herausragender Vertreter der Zeitgenossenschaft kann er seine eigene Aussage jedoch, nämlich die, dass die „Philosophie … keinesfalls zu ermässigten Ansprüchen ihre Zuflucht nehmen(1)“ dürfe, was das Fühlen betrifft, nicht einlösen. Er verfällt dem Absurden, sprich dem Ausschluss des Fühlens durch das abstrakte Denken, weil er die Weiterentwicklung „ihrer eigenen unterentwickelten Fähigkeiten(1)“ nicht an die Hand nimmt und das Fühlen von dem ihm aufgeprägten Stigma befreit, dass es unwiderlegbar subjektiv gebunden sei.
    Dass Fühlen nicht unumkehrbar mit Subjektivität verbunden sein muss, das kann derjenige sich immer umfassender vergegenwärtigen, der Gefühle jedweder Art gleichsam so lange innerlich anschauend inhaliert, bis er eine völlige Ausgeglichenheit seiner jeweiligen Gefühlslage hergestellt hat, die aufgeladene Gefühlslage verdampft ist. Das heisst Gefühle sind nicht zu verdrängen, zu überwinden oder auszuschliessen, sondern es kann sich durch diese spezielle Vorgehensweise die Möglichkeit erschliessen, dass sie sich in innere Dynamik umsetzen lassen. Bildhaft gesprochen, können dem Denken bei dieser Vorgehensweise Flügel wachsen.
    Gefühle verfügen nämlich über zwei Grundeigenschaften, sie sperren in Abwehrreaktionen Fremdes aus oder sie verleihen Flügel sich in ganz neue Erkenntnisdimensionen hinein ausdehnen zu können, bzw. sie geben den Kraftvorschub, dass ein solcher Weg mit ihrer Hilfe bewusst beschritten werden kann. Das Verhaftet Sein des Selbst in bestimmte Gefühlslagen löst sich auf zugunsten einer inneren Kraftbewegung, der die Bezeichnung Denken im tieferen Sinne überhaupt erst zukommt, denn in dieser Kraftbewegung geschieht Denken in Gegenwärtigkeit.

    Bernhard Albrecht

    (1) Thomas Nagel: „Der Blick von Nirgendwo,“ Seite 23, Absatz 28

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    1. Lieber Herr Albrecht,

      danke für Ihre erhellenden Kommentare, Thomas Nagel kannte ich bisher noch nicht.

      Eigentlich ist es ja eine äußerst naheliehende Wahrheit, dass das logoshafte Denken sich vor allem dann entfalten kann, wenn es aus dem, wie Sie schreiben, "Medium des Fühlens" heraus inspiriert wird. Ist das nicht oder nur ungenügend der Fall, besteht wahrscheinlich immer ein Verdacht, dass es sich primär um ein mentales "Erwachtsein" handelt (was der Betreffende vielleicht als solches gar nicht erfährt oder durchschaut).

      Die deutschen idealistischen Philosophen hatten dafür einen "gesunden Instinkt", so schrieb Fichte an Goethe "An Sie wendet mit Recht sich die Philosophie. Ihr Gefühl ist derselben Probierstein." (Ähnlich übrigends Hegel zu Goethe, Schiller sowieso).

      Es gibt, nach meiner Beobachtung, innerhalb der anthrop. Bewegung eine Tendenz, sich auf das (lebende, reine, sinnlichkeitsfreie, usw.) Denken zu fokussieren und das Fühlen einseitig als subjektiv oder sogar als "schwärmerisch" oder "mystische Gefühligkeit" darzustellen.

      Das mag m.E. damit zusammenhängen, dass man keinen klaren Begriff vom Fühlen hat (in der Alltagssprache wird das Fühlen z.B. nicht selten mit Körperempfindungen verwechselt).

      Ein Lehrer, den ich sehr schätze, äußerte, dass Fühlen bei allen Menschen immer stattfindet, durchgehend, außer im Tiefschlaf. Man kann nicht "nicht fühlen". Manchmal sind es nur diffuse, häufig wechselnde Stimmungen, meistens mehrere Stimmungen oder Gefühle gleichzeitig, fast immer kaum klar erkannt. Das Fühlen in seiner Reinheit erleben wir sehr selten, weil wir es fast nur in seiner Vermischung mit dem Alltagsdenken und diversen unterbewussten Willensimpulsen kennen, mein obiger Hinweis auf die Haltung/Übung "das jeweils aufsteigende Gefühl vollständig zu fühlen und in seinem So-Sein in Ruhe zu lassen" geht in die Richtung, das Fühlen als Reinheit zu erfahren.

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  10. «Geist ist niemals ohne Materie, Materie niemals ohne Geist»

    The Centre of Man’s Being II, The Seeds of Future Worlds, (GA0207)

    “We look out into nature and see the colours, all the colours of the spectrum, from the red at one end to the violet at the other, with all the shades between. But if we were now to mix these colours in a certain way — make them “colour” one another — they would receive life. They would together become the so-called flesh colour, Inkarnat, the colour that speaks out of man. When we look at nature, we are looking in a certain sense at the spread-out colours of the rainbow, the sign and symbol of the Father God. But if we look at man, it is the Inkarnat that speaks out of the inner being of man, for in man all the colours interpenetrate, and in such a way as to become alive. But when we turn to a corpse, this power to take on life is entirely absent. There, that which is man is thrown back again into the rainbow, into the creation of the Father God. But for the source of that which makes the rainbow into the Inkarnat, makes it into a living unity, we must look within ourselves.

    I have tried to lead you, by what may have been at times a rather difficult path, to an understanding of this inner centre of man in its true significance. I have shown you how external matter is thrown back into nothingness, into chaos, so that the spirit may be able to create anew. Let us look at the whole process. The Father God works in matter, bringing it to completion. Matter confronts us in the external world in a great variety of ways, manifesting itself visibly to our senses. But within ourselves this matter is thrown back into nothingness and then permeated with pure spiritual being, filled through and through with our moral or anti-moral ideals. There is the upspringing of new life.

    We have to see the world in this double aspect. We see first the Father God, creating what is outwardly visible; we see how this outwardly visible comes to an end inside man, and is thrown back into chaos. We need to feel quite intensely how this world, the world of the Father God comes to its end; only then we shall be able to reach an inner understanding of the Mystery of Golgotha. It will become clear to us how the very thing that comes to an end, in the sense of the creation of the Father God, is endowed with life once more by God the Son; a new beginning is made.”


    Caryn

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