Zero Point oder Der verborgenste Teil der Welt

In den letzten Tagen haben Caryn und Andere in diesem Blog einiges zum Zero Point des Bewusstseins geschrieben- der Nahtstelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen Wachen und Schlafen, zwischen Punkt und Kreis oder zwischen Tagesbewusstsein und initiiertem Bewusstsein. Gerade regte Caryn zum Thema an:

I feel the Still Point is a more adequate name then zero point as zero indicates nothing whereas the still point indicates everything. This is where our celestial ego waits, patiently waits, for our earthly ego to go through experience.
Nightly we die breathing out our ego and astral body and travel right back to the beginning through the planets to the still point before we even entered earth. When we wake up in the morning we breathe our ego and astral body in again.

Ich finde aber, dass „Zero Point“ als Begriff auch seine Berechtigung hat. Denn der Punkt, an dem sich das menschliche Bewusstsein ohne sinnlich- körperliche Stimulanzien, ohne assoziatives Wandern und Kreisen, Angestossenwerden und ständiges Sich- Vergewissern halten kann, kann schon als Nullpunkt erlebt werden. Der Punkt, an dem die Konzentration sich ihrer selbst bewusst wird, ist wie ein Wechsel auf ein anderes energetisches Level. Es ist auch ein Nullpunkt, weil es vollständig gleichgültig ist, wer oder was man ist, woher man kommt und wofür man sich hält. Die Vergangenheit spielt keine Rolle in der reinen Gegenwärtigkeit.

Das ist ein Wendepunkt in der inneren Wahrnehmung- ein sich selbst erschaffendes Selbstbewusstsein, das an nichts anstösst und sich selbst erhält. In dieser Hinsicht ist es eine neue Geburt - fern von Determination, jenseits der Selbstbilder, jenseits des Haftens und der permanenten und totalen Verstrickung. Georg Kühlewind* nannte diesen Zero Point die „paradoxe Selbstschöpfung des Ich aus der gegebenen Ich- Substanz der Aufmerksamkeit“. Das „Gegebene“ ist das, was man an sich vorfindet, die Geworfenheit ins Dasein, die biografische Identität. Dass es überhaupt eine Möglichkeit zur inneren Verselbständigung und geistigen Präsenz geben kann, kann als Aktivität des inneren Logos begriffen werden - als der göttliche Funke im Menschen, der willentlich und bewusst ergriffen werden kann.

Kühlewind beschreibt den Prozess als Aufhebung des existentiellen Leidens jedes Menschen- ein Leid, eine naturgegebene Passivität, bei der „ein Teil der freien Aufmerksamkeit“ sich notwendig opfert ins das „Selbstempfinden“ hinein, das die „nicht- erkennende Empfindung des Leibganzen“ ist. Anders ausgedrückt verschluckt das leibliche So- Sein, das biologische Selbst einen erheblichen Teil der potentiellen Aufmerksamkeit, und macht so sensorische Wahrnehmung und Selbst- Empfinden erst möglich. Der freie Teil kann sich aus der sensorischen und intellektuellen Determination befreien, sich seiner selbst in steigendem Maß bewusst werden und die gebundenen Energien transparent machen. Bis dahin bleibt das eigene Innere, das biologische Selbst für das Bewusstsein des Menschen „der verborgenste Teil der Welt“- etwas, was tief im Schlaf und im Unbewussten liegt. Auf der Verborgenheit baut sich das „ganze nicht- erkennende Seelische auf“, mitsamt der Konstruktion des Ego. Es besteht ein unendlicher seelischer Hunger, gefüllt, befriedigt und gesättigt zu werden, der nie befriedigt werden kann, aber das Rad der nicht endenwollenden seelischen, geistigen und körperlichen Begierden antreibt.

Die Selbstergreifung des Bewusstseins im Zero Point ist daher ein paradoxer Akt der Freiheit. Rudolf Steiner hat diese Paradoxie als Enthüllung beschrieben: „In der Bewusstseinsseele enthüllt sich erst die wirkliche Natur des Ich. Denn während sich die Seele in Empfindung und Verstand an anderes verliert, ergreift sie als Bewusstseinsseele ihre eigene Wesenheit. Daher kann dieses Ich durch die Bewusstseinsseele auch nicht anders als durch eine gewisse innere Tätigkeit wahrgenommen werden (..)“**
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* Georg Kühlewind, Der Gral oder was die Liebe vermag, S. 52f
** Rudolf Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss, Kap Wesen der Menschheit

Kommentare

  1. Lieber Michael,

    danke.

    Als ich Caryns Gedanken zu Zero Point versus Still Point las, dachte ich mir: das kommt wohl ganz darauf an, von „wo“ aus man diesen „Ort“ betrachtet – besser gesagt: „wer“ in uns diesen „Ort“ betrachtet.

    In meinem Bewußtsein erlebe ich zunächst die „Geworfenheit ins Dasein“, finde ich mich als ein "situated self".
    Um zum Erleben des Still Point zu gelangen, der nicht nothing, sondern everything bedeutet, muß ich zuerst alles „Gegebene“ loslassen: Zero Point.
    Ich bezweifle, daß wir zum Still Point, der die Fülle ist, gelangen können, ohne zuerst bewußt empfindend (wie eine Art Schmerz) durch die Leere des Zero Point hindurchgegangen zu sein.
    Ohne Tod keine Auferstehung.

    Es ist, meinem Verständnis nach, das Erlebnis dessen, das Rudolf Steiner den „Hüter der Schwelle“ nennt.

    Ich denke auch an Simone Weil (Schwerkraft und Gnade):
    »Darum fliehen wir die innere Leere, weil Gott sich in sie einschleichen könnte.
    Nicht das Streben nach Lust und die Abneigung gegen die Mühe erzeugen die Sünde, sondern die Angst vor Gott. Man weiß, daß man ihn nicht von Angesicht zu Angesicht schauen kann, ohne zu sterben.«

    Herzlich,
    Ingrid

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    1. Liebe Ingrid, vielen Dank. Ich verstehe sehr gut, was und wie Du es meinst. Da der gemeinte Nullpunkt die Quelle aller Kreativität ist, aller Hingabe und alles aktiven Verstehens, gibt es eine Fülle von Ideen und Antworten an diesem Punkt. Zu viele, um sie in Worte fassen zu können. Es ist eben ein richtiger Schnittpunkt. Simone Weil hat ein mystisches Extrem dabei gelebt- bis hin zu ihrer physischen Selbstaufgabe in einer bestimmten Situation des intensiven Mitleidens. Man kann es aber auch anders auffassen- in der Hingabe im künstlerischen Tun, zum Beispiel. Oder - objektlos- im meditativen Arbeiten. Da gibt es zahllose Untertöne und Vertiefungen, ein sehr zartes Vordringen in die "Nachtseite der Existenz", ins Lebendige schlechthin, ins Lauschen in die Natur.. Der Zero Point ist zweifellos ein Weg ins Schaffen und in die Freude, in eine nicht endenwollende Erfahrungsreise, die nach allen Seiten offen ist- etwas, von dem zu erahnen ist, dass es mit dieser einen Gestalt des Ich nicht endet, dass dieser Gestaltungswille ein Aspekt unseres wirklichen Wesens ist, das immer Ausdruck und Gestalt sucht und findet.

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