Vom Mäandern des Geistes und der Flüsse

Foto: Michael Eggert
Es gibt ja diese Bücher, die man beim ersten, vielleicht sogar beim zweiten Lesen unterschätzt- vielleicht weil man sie im Sinne von „Informations- Verarbeitung“ oder „Mal- schnell- Konsumieren“ aufgenommen hat. Dabei kann man ein eigenartiges Verhältnis zu ihnen gewinnen. Man merkt, als man, in einer Pause des Tages, einen Blick in sie wirft, mit diesem einen Blick einen Satz, ein Bild, einen Zusammenhang, der sich, knapp unter dem Bewusstsein, über den ganzen Tag hält und immer mal wieder aufsteigt. Vielleicht begleitet er einen durch die Abenteuer des Traums und des Tiefschlafs und klopft am nächsten Morgen schon wieder ans Fenster. Vielleicht- ich bin nicht sicher, ob es anderen auch so geht.

Man muss wohl mit den Büchern Karsten Masseis- hier das immer mal erwähnte „Zwiegespräche mit der Erde“, wenn einem das liegt, so umgehen und sich ihnen wie einem guten Wein annähern: Das ist nichts zum Herunterkippen. Die Tiefe des Geschmacks erschließt sich mit der Art des Aufnehmens, ohne unnötig verschlüsselt oder kompliziert zu wirken, weder ambitioniert noch naiv.

Es gibt sogar eine Reihe von Hindernissen, die sich vor mir auftürmen, wenn ich Bücher von Karsten Massei vor mir habe: Seine Erzählungen sind mir unzugänglich, die manchmal beiliegenden anthroposophischen Malereien abschreckend, das Thema Elementarwesen, das er so oft und prominent abdeckt, sozusagen verdächtig. Aber das macht alles nichts, weil Massei die intimen eigenen geistigen Erfahrungen meines langen Lebens- das, worin sie münden, die Art, das Feingefühl, das Hören zwischen den Tönen- das alles in einer Art zu Papier bringt, die unprätentiös, ungeschwätzig, sachlich und knapp ist.

Zweifellos, Massei stösst immer wieder zum Wesentlichen durch, auch wenn es vielleicht merkwürdig ist, dass er sich immer wieder auch zum Sprachrohr von Elementen der Natur, „Heilenden Pflanzenwesen“ und so weiter macht, die ihm sozusagen ihre Botschaften diktieren. Massei kann auch nichts dafür, dass nicht nur die Sprache der diversen geistigen Wesen, sondern auch die seine inzwischen manchmal eingeholt worden ist von den Konventionen der esoterischen Internationalen, dass man im okkulten Supermarkt den überbordenden Regalen dasselbe Stückgut findet, das er postuliert: „Der Eigenwille muss schon lernen, zu schweigen.“ (1) Oder: „Die Stille wächst durch das Bewusstsein, dass sie vergeht, sobald sie gewollt wird.“ (1) Auch das ist eben auch dann, wenn jemand wie Massei ein durch und durch wertvolles und authentisches Buch über seinen inneren Erfahrungsweg schreibt, ein nicht zu vermeidendes Hindernis, dass die Sprache selbst die konventionellen Formen hervor bringt, durch die man hindurch schreiten muss, um als Leser an die Essenz zu kommen, die wiederum nur wahrnehmbar wird, wenn man für sie bereits bereit gewesen ist oder sich an sie erinnert.

Nur dann kann man sich - vermutlich - mit Massei annähern an das Hinneigen gegenüber den inneren Kräften der Erde: „Die Geste zur Empfängnis dieser Krone ist eine innere: Man neigt sich durch die Schichten des verborgenen geistigen Lebens der Erde zu.“ (2) Der „Lebensstrom“, der einen dann erfasst und durchdringt befähigt die Seele, „vor allen Widrigkeiten ruhig stehenzubleiben, auch vor dem Tod.“ (2) Die innere „Geste der Empfängnis“ (2), die an diesem Wendepunkt des Erlebens steht, wendet sich dem „verborgenen geistigen“ Leben der Erde zu- wenn man „wirklich von selbst absieht“ (2). Es ist bei Massei mehr ein kristallines, bewusstes Einsickern in die Tiefen als ein hybrides Aufsteigen im Sinne einer kitschigen Selbst- Vollendung, die sowieso meist nur eine Ego- Projektion darstellt. Die übelsten „Materialisten“ sind ja meist die den „Materialismus“ verdammenden Spiritualisten, die an ihren Phrasen kleben. Der „Lebensstrom“, den Massei schildert, „der seine Quelle ganz in der eigenen Persönlichkeit hat“ (3) dagegen, ist jedem Einzelnen von uns ganz nah, nur durch den Lärm, den wir selbst verursachen, von unserer inneren Realität getrennt. An diesen Prozessen des lauschenden Vertiefens ist für Niemanden etwas unvertrautes.

Natürlich nähern sich Viele diesem Leben, dieser Mündung, diesen Quellen, und Viele schreiben auch darüber. Das sich Zuwenden gegenüber der Stille, der „Leere“ des Eigenwillens und dem Lebensstrom identifiziert z.B. A.H. Almaas mit einer Loslösung von der totalen Identifikation mit sich selbst, den psychischen Strukturen und der Geschichte: „Dieses Loslösen der Identifikation lockert die feste Struktur der Persönlichkeit. Es entsteht mehr Raum in uns.“ (4) Das Freiwerden einer inneren Perspektive als Desidentifikation wird als „vollkommen leerer Raum“ erlebt- einerseits ein Zeichen für den Verlust der totalen biografischen Identifikation („Man hat ein Selbstbild, aber man identifiziert sich nicht mit ihm“ (4)), andererseits der Gewinn einer neuen inneren Perspektive: „Es gibt nur die Erfahrung des leeren, offenen Raumes, ohne Grenzen und sehr klar. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht nicht der Inhalt des Geistes, sondern die weite Leere, die sein Wesen ist.“ (4) Das bedeutet: Die offene weite Aufmerksamkeit ohne assoziative, sensorische und intellektuelle Inhalte wird als Raum erlebt, vor allem aber auch als Befreiung von der Annahme, unsere Persönlichkeit hinge ab vom permanenten Kleben und Haften an sensorischen und intellektuellem Füllmaterial. Die „Leere“ ist eine beglückende, befreiende Erfahrung, denn sie „schafft Raum für Ausdehnung und Entwicklung der Essenz“.

Auch Almaas macht Schluss mit den kitschigen esoterischen Selbst- Vollendungs- Phantasien, die die Spiritualisten verkaufen, denn die Leere oder der „Ich- Tod“ ist kein Drama, keine krachende Erleuchtung, sondern eine wiederholte und, "mit der Zeit, eine ununterbrochene Erfahrung (..), eine sich vertiefende Wahrnehmung“ (5): „Entwicklung und Entfaltung der Essenz haben kein Ende. Diese Entwicklung  schreitet voran, indem immer mehr, mit der Zeit sehr subtile Aspekte der Persönlichkeit freigelegt werden. Nachdem die Identifikation mit der Persönlichkeit grundsätzlich durchbrochen ist, wird die Auflösung dieser subtilen Aspekte des Selbstbildes normalerweise leichter. Dieser Prozess ist eine fortschreitende Auflösung der Begrenzungen, die mit dem Selbstbild gegeben sind und führt zu immer mehr Ausdehnung. Es ist aber nicht so, dass erst die Persönlichkeit nicht mehr da ist und sich dann die Essenz entwickelt. Vielmehr wird in dem Maß, in dem sich Essenz entwickelt, Persönlichkeit freigelegt und ihre Grenzen aufgelöst. Erfüllung und Ausdehnung der Essenz sind ohne Ende und grenzenlos.“ (6) Die Essenz selbst wird erlebbar als „eine intensive Präsenz“ (7) - eine Präsenz, in der sowohl die eigene geistige Natur als auch der Geist der Natur ins Erfahrungsfeld rücken. Man darf wohl sagen, dass hier auch das Lauschen am Herzschlag der Erde beginnt, das Erleben des „Lebensstroms“, von dem Carsten Massei schreibt.

Der Geist erwacht in den Tiefen der Leere zu sich selbst - nicht mehr nur als gespiegelte Oberfläche sensorischer und intellektueller Bruch- und Füllstücke, sondern als kraftvoller Strom in einem inneren Raum, in dem sich Natur und Mensch gegenseitig aussprechen. Im Buddhismus wird dies die Erfahrung der Buddha- Natur oder „Dharmakaya“ genannt. Dabei sind Natur und Wesen des Geistes ein einziger, zusammenhängender Begriff.

Worauf die beiden genannten Autoren nicht eingehen, ist die Tatsache, dass der erlebte leere Raum keine Metapher und keine Projektion darstellt, sondern ein aktiv gestaltetes, dynamisches Feld. Man kann diese Dynamik zurück verfolgen auf sich selbst und dabei charakteristische, seit Jahrtausenden bekannte wirbelnde Knotenpunkte entdecken, die in einem inneren Zusammenhang stehen, der sich erst allmählich und mit sehr viel Übung erschließt. Die Dynamik entspringt immer einer Inanspruchnahme gekoppelter Knoten, die in der Literatur Lotosblumen, Chakren oder Energiewirbel genannt werden. Das voll entwickelte „Herzdenken“ entspricht einer vollkommenen Gebärde im Zusammenwirken aller Knotenpunkte, das wie eine nicht- körperliche Leiblichkeit erlebt wird. In der sich immer weiter vertiefenden Hingabe an die Dynamik des Zusammenklangs der Energiepunkte erfährt sich der Mensch als rein geistige Entität, die sich in Denken, Fühlen und Wollen zersplittert, auslebt und individualisiert, aber nicht erschöpft. Eine sehr diesseitige, konkrete, lebendige und persönliche Darstellung dieser energetischen Felder stellt der Anthroposoph und Astronom Dr. Fritz Helmut Hemmerich aktuell in einem langen YouTube- Vortrag vor. (8)

Aber kehren wir zurück zum Sickern und Fließen. Aus dem Blickwinkel eines dieser eingeebneten und mit Deichen zum Nutzen des Handels begradigten Flüsse ist die Rückkehr zum natürlichen Mäandern wie eine Erfahrung der Essenz: Fort vom linearen Ausfüllen des Flussbetts hin zu einem mäandernden Geben und Nehmen- in „untrennbarer Wechselseitigkeit und einem Prozeß komplexer Interaktionen“ (9). Diese Linearität und ihre Auflösung ins interaktive Mäandern, die Voller Demuth in Bezug auf Flussverläufe charakterisiert, ist vielleicht eine passende Metapher für die hier gemeinte innere Vertiefung:

Wichtig ist, den Mäander als Bewegung zu begreifen, die sich auf das Umliegende passiv wie aktiv bezieht: nämlich sowohl davon geformt wird als auch dieses selbst formt. Die stetig sich verändernde Kurvenlinie mit ihrer Variation an Krümmungen bringt eine zweifache Wirkung oder Beeinflussung zum Ausdruck. Sie ist eine Art Grafik fremder und eigener Kräfte, von deren untrennbarer Wechselseitigkeit und einem Prozeß komplexer Interaktionen. Aus der gewundenen Form dynamischer Fließsysteme läßt sich die unablässige gegenseitige Infiltration ablesen. Strömung und Ufer, Fluß und Umgebung- das eine löst das andere aus und beide zusammen bilden eine selbstentwickelnde Korrelation. Während lineare Gebilde aus ihrer Einseitigkeit einen Machtanspruch über den Raum ableiten, liegen die organisierenden Kräfte des Fließen im Gefälle, dem Zuströmen und einem dynamischen Wechselspiel.“ (10)

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Zum neuen Buch von Karsten Massei „Erde und Mensch Was uns verbindet“ (März 2018) https://www.futurumverlag.com/de/futurum-verlag/in-vorbereitung/erde-und-mensch

Zur Homepage von Karsten Massei https://www.karstenmassei.ch/
Zur Website von Lettre International https://www.lettre.de/

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1 Karsten Massei, Zwiegespräche mit der Erde, Basel 2014, S. 30 f
2 dito, S. 58
3 dito, S. 59
4 A. H. Almaas, Essenz, Arbor Verlag 1997, S. 62
5 dito, S. 62 f
6 dito, S. 63
7 dito, S. 64
8 https://youtu.be/KPM8shttAjs
9 Volker Demuth, Dem Ufer nah. Die Linie, der Fluss, die Zeit und das Geheimnis des weitesten Weges in: Letter International 119, Europas Kulturzeitung, Winter 2017, S. 22
10 dito. S. 23

Kommentare

  1. "Massei kann auch nichts dafür, dass nicht nur die Sprache der diversen geistigen Wesen..."

    Er sieht es, glaube ich, als Geschenk, bzw. als Frucht seines inneren Weges, dass er geistige Wesenheiten konkret und differenziert wahrnehmen kann. Ist natürlich immer die Frage, ob man einem Autoren in diesbezüglichen Dingen "glaubt" oder seine Schilderungen von Wesen als authentisch empfindet.

    Auf dem Seminar mit ihm letztes Jahr berichtete er (wie ich fand, überzeugend) davon, dass er an Kreuzungen in Großstädten mehrmals höhere Engelwesen wahrgenommen hat, die den Bereich der Kreuzung schützen. Hat mich sehr berührt.

    Freut mich auch, von seinem neuen Buch zu hören, er hatte mir vor einigen Monaten geschrieben, dass er erst eine Fortsetzung von "Die Wolkenschrift" veröffentlichen wollte (dieses Buch hatte mir nicht besonders gefallen).

    F.H. Hemmerich habe ich auch gerade entdeckt, lese z.Zt. "Meditation Herzkraftfeld" von ihm.

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    1. Heinz, ich habe Masseis Authentizität nicht bestritten, ganz im Gegenteil. Es geht um das Problem der Versprachlichung bzw der Art der Kodifizierung. Mehr nicht.

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    2. Apropos: das neue Buch ist schon vorbestellt!

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    3. Alles klar, das hatte ich falsch verstanden. Auf das Buch von ihm freue ich mich auch sehr. Ich schätze auch seine, "poetischen Meditationen" in "Botschaften der Elementarwesen", hinten, die "24 Sprüche". Die geben mir ganz einfach Trost in schwierigen Zeiten.

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