Regne, mache fruchtbar: Von der antiken Kore zur Sophia

Quelle S. Fischer Verlag
Auf denkbar zarte Art und Weise, die Raum läßt zur eigenen Beschäftigung und Meditation, geht Giorgio Agamben in „Das unsagbare Mädchen“ (1) dem Mysterium der Kore nach. Der eigentlichen Betrachtung folgen eine Reihe griechischer Textstellen, die sich um dieses Zentrum der eleusischen Mysterien bewegen. Die Kore stellt eine Art Nahtstelle dessen dar, das bis heute und für jeden von uns Zeitgenossen ein Rätsel bleibt: Denn wie soll man die Forderung einlösen, die Aristoteles (2) so benannte: „Das Leben, da es eine Weihe und ein vollkommener Mysterienritus ist, soll erfüllt sein von Heiterkeit und Gemütsfrieden“.

Stecken wir den Rahmen der Vorstellungen über die Kore ab, so nähert sie sich als das „unsagbare Mädchen“ nach Hermes Trismegistos (3), der sie „Kore vom Kosmos“ nannte, dem Bild der Isis an: „Mit dem Namen „Kore des Kosmos“ scheint sich die Figur der Kore mit derjenigen der Isis und dem Bild der Pupille zu verbinden, die im Griechischen kore heißt“ (4) - etwas, das das Schauen und den Blick ermöglicht.

Zugleich ist die Kore mit Demeter verwandt: „Demeter und Kore wurden „Herrinnen“ (Potniai) genannt; das verweist auf den kretischen Ursprung ihres Kultes, der dann nach Arkadien kam..“ (4) Diese Bildebene verweist auf die symbolisch- kultische Vereinigung von Göttern und Tieren. Daneben steht die Kore auch als kosmische Weberin in den Sternen: „Und für die Seele ist der Körper, den sie um sich hat, eine Bekleidung.. so wird auch von Orpheus die Kore.. als Weberin überliefert, und die Alten sagen, dass auch der Himmel ein Umhang ist, als Bekleidung der himmlischen Götter“ (5). Wenn wir die Textstellen betrachten (die übrigens jeweils im Buch auch im griechischen Original präsentiert werden) die die Kore thematisch umkreisen, stossen wir auf das Bild der Weberin des himmlischen und irdischen Logos: „..da Kore und ihre ganze tanzende Schar in der Höhe bleibt, sagt man, dass sie die kosmische Ordnung des Lebens weben“ (6).

Nach Plutarch soll das unsagbare Mädchen am Ätna in Sizilien vom Gott der Unterwelt entführt worden sein (7): „Deswegen geht in Sizilien, so sagen sie, niemand in der Nähe des Etna jagen, denn das ganze Jahr über wächst und blüht eine große Zahl von Bergveilchen auf den Wiesen, und der Duft, den der Ort stets hat, überlagert die Gerüche, die die Tiere ausstoßen. Aber es gibt auch die überlieferte Erzählung, wonach der Etna der Ort war, an dem Kore entführt wurde, während die Blumen sammelte (..), und aus diesem Grund ehren und respektieren die Menschen diesen Ort wie eine heilige Stätte und greifen die Tiere, die hier leben, nicht an.“ Aber auch die Altstadt von Syrakus mit ihrer Süßwasser - Quelle unmittelbar am Meer gilt als ein solcher heiliger Ort. An anderen Stellen wird die Lieblingsblume der Kore, die Demeter entrissen wurde, als Narzisse bezeichnet - die „antike Krone der großen Göttinnen“. (8) In jedem Fall bleiben die Sinn- Bilder der „Tochter mit hohen Knöcheln“ (Homer) einerseits, die die Blumen pflückt, und die der Mutter Demeter die „mit Früchten Geschmückte“ ist, andererseits.

Schauen wir den Mythos dieses Raubes, in dem Demeter auch „als die Erde“ schlechthin angesehen wurde, während Kore „als die Samen“ verehrt wurden, jetzt einmal mit den Augen Rudolf Steiners an. Dieser sah die Kore auch als webende Gestalt der Natur an, die im Mittelalter als Natura oder Sophia verehrt wurde: „Alte Eingeweihte beschrieben diese Frau, die lebendige, schaffende Natur als die Beraterin des Nus, des die Welt durchschaffenden Verstandes, der die Welt als Nus durchsetzenden, weisheitsvollen Vernunft, und sie nennen diese Frau eine Verwandte der Urania. Während Nus draußen im Kosmos beraten wird von Urania, wird er in unseren irdischen Gegenden beraten von der Natura. Wir finden in älteren Zeiten diese Frau wieder in Proserpina, in der Persephone, die der Mutter Demeter das Gewand webt. So verändern sich die Imaginationen im Verlaufe der Jahrhunderte, aber aus all diesen Imaginationen müssen wir entnehmen, daß das, was im fortlaufenden Strom der Menschheit gewirkt hat, eben die Geheimnisse der Initiation sind.“ (9)

Den Mythos des Raubes - dem Herausfallen aus dem reinen, unzerteilten Reich, in dem es noch keine Unterscheidung zwischen Welt und Denken gibt - erläutert Steiner auf denkbar eindrückliche Weise, die in ihrer Bildsprache ("gleich dem Gesang der Lerche" den mythischen Schilderungen ähnelt: "und der Duft, den der Ort stets hat"): „Demeter ist die Regentin der größten Naturwunder, eine Urgestalt des menschlichen Fühlens, Denkens und Wollens, deren wahrhaftiges Kind Persephone ist. Jene Urgestalt, die auf Zeiten hinweist, in denen das menschliche Gehirnleben noch nicht getrennt war von dem allgemeinen Leibesleben, in denen sozusagen Ernährung durch die äußeren Stoffe und Denken durch das Instrument des Gehirns nicht getrennte menschliche Verrichtungen waren. Da fühlte man noch, wie der Gedanke da draußen lebt, wenn die Saat auf den Feldern gedeiht, wie die Hoffnung wirklich da draußen sich ausbreitet über die Felder und durchdringt das Naturwunder- Wirken gleich dem Gesang der Lerche. Man fühlte noch, daß herein zieht mit dem materiellen das geistige Leben, untertaucht in den menschlichen Leib, sich läutert, zum Geist wird als die Urmutter, aus welcher elementar heraus geboren wird Persephone in der menschlichen Wesenheit selber.“ (10)

Die „Entführung“ fand demnach im Menschen selbst statt, der der inspirierenden, moralischen Umwelt entrissen wurde und nur noch im Rahmen von Ausnahme- Situationen - den höheren Mysterien- in der Lage war, diese Inspiration zu vernehmen: „Und so war es auch mit anderen Göttern. Indem sie den Menschen ernährten, ihn atmen ließen, die Impulse zum Gehen und Stehen anregten, gaben sie ihm zugleich die Impulse für Moral und alles äußere Verhalten. Demeter sah den Verlust ihres Kindes Persephone in der menschlichen Natur, den Raub durch die dichtere Körperlichkeit, so daß jetzt diese hellseherischen Kräfte nur mehr verwendet werden zur groben Ernährung der Körperlichkeit – indem Demeter sich sozusagen zurückzog von jener unmittelbaren moralischen Gesetzgebung der alten Zeit, was tat sie da? Sie stiftete ein Mysterium und gab von da aus in der neuen Gesetzgebung den Ersatz für die alte Gesetzgebung, die durch die Naturkräfte wirkte. So zogen sich die Götter von den Naturkräften zurück und in die Mysterien hinein und gaben den Menschen, die nicht mehr durch eine in ihnen wirkende Natur die Moral hatten, die moralischen Anweisungen". (11)

Der Raub der Kore, das Herausfallen aus der Ganzheit: Daraus ergibt sich die moderne, reflektierende Bewusstseinshaltung, die sich ihrer eigenen Quellen nicht bewusst wird, sondern gebannt ist von den Inhalten, den Objekten der Betrachtung, der umgebenden gegenständlichen "Welt". Von der Süße der Blumenfelder am Ätna aus betrachtet, ist das Reich der Erklärungen, der objektivierbaren Gewissheiten, der Individuation, von bedrückender Enge: Eine Verbannung, eine Einkerkerung in ein Schattenreich des Bewusstseins. Der antike Weg der Kore, der zum „ganzen“ Menschen führen soll, wird von Rudolf Steiner im modernen Sophien- Kult als Erfahrung der Erkenntnis wieder aufgegriffen: „Nicht «Weisheit vom Menschen» ist die richtige Interpretation des Wortes Anthroposophie, sondern «Bewusstsein seines Menschentums»; das heißt, hinzielen sollen Willens- Umwendung, Erkenntnis- Erfahrung, Miterleben des Zeiten- Schicksals dahin, der Seele eine Bewusstseins- Richtung, eine Sophia zu geben.“ (12) Freilich, damit kann keine Neuauflage der Eleusis gemeint sei, keine örtlich und zeitlich zu bestimmende Mysterien- Stätte, sondern nur ein innerer Ort der Zeitlosigkeit, den der individuelle Mensch in sich selbst zu erwecken in der Lage sein könnte. Anthroposophie mag und kann dazu ein Wegweiser sein.

Aber mit all dem haben wir noch gar nicht den Text Giorgio Agambens (1) berührt. Noch bewegen wir uns sozusagen im Nachklang der Originaltexte und im Feld der Deutungen und Neubegründungen Rudolf Steiners. Was ist das, was die Kore unsagbar macht? Gemeint ist doch: Das Mysterium besteht darin, dass es sich in der Verbalisierung auflöst oder vergiftet. Wie aber ist eine Berührung - und ein Berührtwerden - möglich ohne Sprache? Nicht einmal die Unterscheidung zwischen Mutter (Demeter) und Tochter (Kore) ist eindeutig: „Kerenyi zitiert im Folgenden eine Inschrift aus Delos, in der die eleusinischen Gottheiten, Demeter (die Frau) und Kore (die Tochter) paradoxerweise miteinander identifiziert werden: kai kores / kai gynaikos, Mädchen und Frau zugleich.“ (13) Das unsagbare Mädchen ist, geht man über banale Interpretationen hinaus, „eine dritte Figur“, ein Bewusstsein- im- Lebendigen. „Kore“ leitet sich sprachlich „von einer Wurzel ab, die die Lebenskraft bezeichnet, den Antrieb, der wächst und der die Tiere und die Pflanzen wachsen lässt (koros bedeutet auch „Sprößling“)“ (14). Dennoch bleibt koros zu unterscheiden von den Demeter- Mysterien, die auch einen dionysischen Aspekt hatten, und deutlich älter waren als die griechische Kultur selbst.

Wie zahllose Figurinen beweisen, wurden die Natur- und Mutterkräfte bereits in einer Zeit verehrt und kultisch betrieben, die einer „Donauzivilisation“ (Danube civilization) vorangingen und ihre Wurzeln um 7500 bC in Anatolien (Çatalhöyük) hatte: „Die Donauzivilisation, deren Anfänge im Neolithikum liegen und die ihre Blüte in der Kupferzeit erlebte, hat mit ihren Errungenschaften die Voraussetzungen für den rasanten Aufstieg der griechischen Kultur im ersten Jahrtausend v. Chr. geschaffen. (..) Die Anfänge des kulturellen Aufschwungs in Alteuropa liegen in einer Periode ökologischer Umwälzungen. Die Hypothese von einer Großen Flut, in der die Wassermassen des Mittelmeers die bis dahin bestehende Landbrücke am Bosporus durchbrachen, ist heute gut gefestigt. Es ist davon auszugehen, dass über diese Landverbindung Menschen aus Anatolien nach Westen migrierten, die bereits Ackerbau und Viehhaltung kannten. Als Folge der Flut entstand um 6700 v. Chr. das Schwarze Meer, die Küstenlandschaften verwandelten sich nachhaltig.“ (15) In diesen frühen Zivilisationen, aus denen die griechische „Hochkultur“ hervorging, war die Demeter- Figur bis in jeden Haushalt hinein prägend: „Marija Gimbutas hat als Erste darauf aufmerksam gemacht, dass an vielen Stellen der Haushalte Figurinen nicht nur wahllos herumlagen, sondern sorgfältig platziert waren, so auch neben den Öfen, in denen Brot gebacken wurde. Das Brotbacken war offensichtlich Teil eines System von häuslichen Ritualen: «Viele alltägliche Tätigkeiten des Haushalts wie Schlafen, Vorratswirtschaft, Mehl-Mahlen und das Zubereiten von Speisen waren eingebunden in häusliche Rituale, wie dies von den Figurinen ausgewiesen wird, die oft nahe von jeder Tätigkeit deponiert waren» (..). Die Figurinen dienten vermutlich als rituelle Utensilien (bzw. Attraktoren spiritueller Energie) zur Anrufung der Schutzpatronin des Ackerbaus, der Kornmutter.“ (15) In den Figurinen war das Credo der gesamten Kultur des Sesshaftwerdens, des Ackerbaus, der Viehzucht und des Brotbackens, ebenso zum Bild geworden wie die Hoffnung auf gute Ernte und die Abgrenzung gegenüber den Nomaden.

Dem gegenüber ist die Kore ein Bild der Mysterien des Denkens und des Selbstbewusstseins - etwas, was kein Bildnis verträgt, ja nicht einmal sprachlich zu fassen ist: „Kore ist das Leben, insofern es sich nicht „sagen“, also am Alter, an geschlechtlichen Identitäten und familiären oder sozialen Masken festmachen lässt“ (16) Deshalb blieb das eleusische Mysterium das Drama mystikon schlechthin, ein Mysterium des Schweigens: „Myein, einweihen, steht etymologisch für „schließen“ - die Augen, vor allem aber den Mund. Am Anfang der heiligen Riten „befahl“ der Herold „die Stille“ (..)“ (16). Allerdings sind dennoch Formeln überliefert, die im eleusischen Mysterium gesprochen wurden, verbunden mit dem Deuten auf eine aufgerichtete Ähre: „hye, kye“. Die Übersetzung - regne, mache fruchtbar - deutet nicht nur auf das banal offensichtliche (die Ebene der Demeter), sondern auf ein Erleben in der Vergegenwärtigung der Kore - im Sinne einer Inspiration und Intuition des Lebensspendenden auf der Bewusstseins- Ebene: Eine Initiation. Regne, mache fruchtbar.

Die damit einher gehende Erfahrung lässt ganz wortwörtlich die Blumenwiesen an den Hängen des Ätna wieder erblühen. Die Süße der Kore ist für den mit ihr verbundenen Geist, der die Lebenskräfte schmeckt, mit Händen zu greifen, aber nicht in Worte zu fassen. Hier, an dem Quellpunkt allen Lebens, ist der Geist zu Hause. Hier hat er, der geraubt war, wieder zu sich gefunden. In diesem Sinne sind, aus seinen verlorenen esoterischen Dialogen, Anmerkungen von Aristoteles überliefert wie „diejenigen, die direkt die reine Wahrheit berührt haben (..) behaupten, den letzten Begriff der Philosophie (..) erlangt zu haben, wie in einer Weihe (..)“ (17) Diejenigen aber, die diese Weihe empfangen, müssten nach Aristoteles „nicht etwas lernen (..), sondern etwas durchleben und in einen bestimmten Zustand versetzt werden (..), natürlich wenn sie dazu bereit geworden sind (..)“ (18). Das alles sei nur möglich, „wenn der Verstand selbst eine Erleuchtung erfährt (..)“ (18)

Das reine Feld dieser Kore- Sophien- Kräfte, das die alten Demeter- Kulte auf die Ebene des bewussten Erlebens hebt, hat sich, wie im ganzen Werk Rudolf Steiners beleuchtet wird, bis heute wieder und wieder belebt und erneuert - es ist durchdrungen und tröstend beschützt durch die Auferstehungskräfte. Diese Ebene bedarf aber der aktiven Annäherung durch den Menschen, im Sinne einer geistigen Adäquatio, einer Kommunion in der Stille. Die Süße der Kore ist freilich nicht willentlich zu greifen- sie ergibt sich nicht dem groben Zugriff, sondern entspringt in einem Bereich, in dem das Individuum in die Zeitlosigkeit eingeht, aus der es hervor gegangen ist und in der es ständig unter der Oberfläche des Bewusstseins erhalten und regeneriert wird. Hier, im Bereich der Kore, zieht das Ich das Kleid an, das mit den Blumen des Etna bestickt ist.


Anmerkungen & Verweise 



1 Giorgio Agamben/ Monica Fernando, Das unsagbare Mädchen. Mythos und Mysterium der Kore, S. Fischer Wissenschaft, Frankfurt/ Main 2012
2 Aristoteles De philosophia, fr. 14 in Agamben S. 40
3 nach Johannes Stobaios in Agamben, S. 66
4 Agamben, S. 67
5 Porphyrius nach Agamben, S. 71
6 Proklos nach Agamben, S. 73
7 Plutarch nach Agamben, S. 77
8 Agamben S. 92
9 Rudolf Steiner, GA 161.58
10 Rudolf Steiner, GA 129.21
11 129.38f
12 257.76
13 Agamben, S. 9
14 Agamben, S. 10
15 Harald Haarmann, Das Rätsel der Donauzivilisation: Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas
O.A.
16 Agamben, S. 11
17 Aristoteles, Eudemos, nach Agamben, S. 13
18 Aristoteles, De Philosophie, nach Agamben, S. 13

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