Nichts suchend, aber bereit. Vom Nicht- handelnden Handeln der Aufmerksamkeit und vom kosmischen Gedanken

Mediale Amokläufe und mechanisierte Aufmerksamkeits- Ökonomie


Da schreibt jeder, der in Social Media jemals aktiv war, wohl auch von sich: Die Aufmerksamkeit- Ökonomie dieser Medien macht etwas mit einem. Die Klickzahlen, die Likes, und natürlich auch der Peak der Erregung, der durch Trolle und Andersdenkende angepeilt wird, gibt mehr als nur die Vergewisserung, dass man sachlich mit einem Thema punktet. Dass die Technik der Facebook- Gruppen so ausgerichtet ist, möglichst große Erregung in einer möglichst großen Gruppe von Menschen hervor zu rufen, weiß jeder, der einmal in die Analyse- Elemente für Admins herein geschaut hat, die Facebook bereit stellt. Hier werden die Klicks, die emotionalen Reaktionen via Emoticons, das eigene Engagement der User, die Uhrzeit der größten Anwesenheit, das Thema, das die größte Erregung hervor gerufen hat, gemessen, analysiert und zur weiteren Nutzung bereit gestellt. Der Pavlovsche Reflex , die simple Mechanik des Internet- Erfolges, wird jeden vernünftigen Moderator dazu bringen, das zugespitzte Thema mit dem höchsten Potential zur richtigen Zeit in möglichst provokativem Rahmen zu präsentieren, wenn man denn "Erfolg" im Sinne optimaler Klick- Mengen erreichen möchte.

Vielleicht ist so erklärbar, wieso das Gift der stetigen Zuspitzung bis hin zum surrealen Verschwörungsthema und dem plattesten Populismus selbst gestandenen Journalisten, alt gewordenen Politikern, Publizisten, Teilzeit- Politologen und Bloggern zustösst. Die Aufmerksamkeit- Ökonomie scheint einen Sog zur Einseitigkeit, Zugespitztheit und Radikalisierung schon deshalb auszulösen, weil die Quellen des Outputs sich derartig vervielfacht haben. Früher war man ja wer als kleine Zeitschrift, als Website, als Blog. Man hatte eine Geschichte, einen Leserstamm, ein Profil, und die Leute lasen nicht nur, was oben auf als neuestes Produkt steht, sie suchten, sie arbeiteten thematisch. Die endemische Aufmerksamkeit- Ökonomie, die mit den unterschiedlichsten Medien - WhatsApp, Twitter, Facebook, YouTube, Instagram - permanent News produziert - und mit Klick- Zahlen ihr Werbe- Geld verdient- hat das Verhalten der User nachhaltig verändert.

Tatsächlich zeigt die Startseite der Social Media- Unternehmen ja - je nachdem wie scharf der Algorithmus gerade ausgelegt ist- dass nur das erscheint, was wir in den letzten Tagen aktiv genutzt, geliked, kommentiert haben. Was aus der Startseite und damit der Aufmerksamkeit heraus fällt, ist das, was das System „vergisst“. Und das "Gedächtnis" dieser Systeme - etwa von YouTube- ist extrem kurz, sodass permanent Interessen in ein Nirgendwo fallen, die wir nur für ein paar Tage nicht bedient haben- vielleicht weil wir darüber nachdenken wollten. Natürlich ist die Startseite auch korrupt - die Zeitschrift, die gerade ehemalige Kunden bewirbt, um sie zurück zu gewinnen, erscheint überproportional häufig auf der Timeline von Facebook- diesmal auch mit qualitativ hochwertigeren Artikeln als denen, die sonst für Nicht- Abonnenten frei geschaltet werden. Es liegt in unserem eigenen Interesse, die Trägheit unserer eigenen Aufmerksamkeit, die Selektivität dessen, was wir auf sozialen Medienplattformen wahrnehmen, nicht nur zu bemerken, sondern tatsächlich durch aktive Informations- Gewinnung gegen zu steuern. Jedenfalls fristet die Such- Funktion privat betriebener Websites heute ein immer kümmerlicheres Dasein. Die „oben liegenden“, im Moment generierten Inputs all der Medien, die auf den Smartphones auflaufen, fressen Aufmerksamkeit schlichtweg auf- kein Wunder bei einem Zeitgeist, der mittels hypertropher Skandalproduktion sogar einen amerikanischen Präsidenten ins Amt katapultiert hat. Dieser nach purer Aufmerksamkeits- Generierung gierende Zeitgeist kann auch gut auf Faktizität verzichten, solange die Agenda nur sensationell und „authentisch“ - im Sinne eines elektronisch- medialen Optimums an Präsenz- produziert wird. Das neue Gesicht des Populismus neigt zu einer Dauerschleife an Eskalation. Dass dabei nicht nur Normen des kommunikativen Ethos eingerissen werden, sondern auch manche politische Fessel abgestreift wird, trägt zur Popularität bei, aber auch zu einer gesellschaftlichen und ethischen Erosion.

Die mediale Hauruck- Gesellschaft neigt zu Autokraten


Denn sicherlich pflegen demokratische Prozesse, die Diskussion, Widerspruch, Wahrung divergierender Interessen, Kompromiss- Suche, Umsetzung in gesetzgebende Verfahren den schwer wiegenden Nachteil, dass sie nicht annähernd zeitlich mit den hohen Taktung der populistischen Aufmerksamkeit- Ökonomie mithalten können. Der mediale Dauerbeschuss fördert autokratische Lösungen, weil diese die mediale Welle unmittelbar bedienen. Dass der populistisch herbei gefügte Entschluss - sagen wir: der Brexit- dann gerade in unlösbare, Jahre oder Jahrzehnte währende tatsächliche Konflikte und Problem - Stellungen herein führt, die politische Landschaft real lähmt und bindet, statt zu gestalten, stellt sich eben als der Preis heraus, den dieser medial produzierte Populismus produziert.

Die mediale Hauruck- Gesellschaft hängt dennoch kleptokratischen Herrschertypen wie Erdogan, Putin, Orban, Trump an, weil sie Gegenbilder zur demokratischen Agonie und der liberalen Inkonsistenz darstellen. Sie erscheinen schlichtweg handlungsfähig, und legitimieren sich erfolgreich an den Rändern der Schwächen der demokratischen Prozesse. Aber was soll man sich beklagen? Der religiöse Wahn, der früher Privileg der Kirchen, aber dort auch gebunden und kontrolliert war, ergießt sich in politische Systeme, simple Welterklärungen, esoterische Weltbilder, die jeglicher Rationalität zum Hohn im scheinbar aufgeklärtesten aller Zeitalter grassieren wie ansteckende Krankheiten. Der Spalt dieses Wahns durchzieht die Gesellschaften wie ein Riss, aber auch Parteien, Interessengemeinschaften und Familien.

Die aufgeklärte, libertäre Zivilgesellschaft lebt mit diesen Verpanzerungen wie mit Wucherungen, die gelegentlich überhand nehmen und sich auch quer durch Parteien und Gesellschaften vernetzen. Der ansteckende Charakter der reaktionären, wütenden Simplifizierungen ist evident. Aber die Emanzipation und der globale Charakter des offenen Intellekts, der Verantwortung und des Interesses ist andererseits in jeden Winkel, in jede Nische dieser Welt gekrochen, selbst wenn der Panzer über einer Gesellschaft erdrückend, geradezu mumifizierend erschien.

Vermutlich wird die Schere zwischen multiplen Modalitäten, Denkgewohnheiten, Verantwortlichkeiten, Lebensstilen, Wünschen und Träumen, die Abgründe eines schrankenlosen Egos und der Verstrickung in eine technologische Scheinwelt in Zukunft größer- der Riss durchzieht eben nicht nur Gruppierungen und Gesellschaften, sondern jedes Individuum selbst. Große Trends wie der zwischen Smartphone- Egozentrik, Identitätskrisen, Geschlechterkampf, Isolation und Vermassung erschließen immer neue Märkte- die Bürogesellschaft erzeugt die Fitness- Welle, die technologische Zerstreutheit facht die Yoga- Welle an, der primitive Materialismus produziert politische Glaubenskämpfe wie Verschwörungstheorien. Während die Meere im Plastikmüll ersticken und tierische Massenfabriken ausgelastet sind, werden natürliche Lebensmittel und Kleidung verlangt, aber dann auch immer neue technologische Produkte. Die Trends drehen sich inzwischen so schnell, dass auch sehr große Unternehmen daran zerbrechen.

Klick mich, also bin ich


Wie kann dem Riss im Individuum, dem Anhaften an den sich immer weiter beschleunigten elektronischen Zerstreuungen, Ego- Boostern und globalen Trends zum Feedback so begegnet werden, dass die Perspektive nicht verschüttet wird? Klick mich, also bin ich - die endlose Bestätigung des haltlosen Ego, das giert nach Existenz, aber seine Haltlosigkeit durch mediale Beschallung nur immer neu verlängert. Die Flucht in ideologische Echo- Kammern, in die ideologisierten einfachen Ex- und Hopp- Weltbilder oder die okkulten Selbsterklärungen a la Reichsbürgertum, Sektenanhänger oder gewalt- affine Glatzen sind ja nur einige Beispiele für Krücken eines Geistes, der sich selbst nicht trägt. Die dauernde Bestätigung durch ein medial zumindest in der Ferne vorhandenes Kollektiv prägt das Ich, das sich im Widerschein entfaltet, so wie der schöne Schmetterling seine Flügel entfaltet in der Wärme der frühen Sonne. Der Blick des Anderen, an dem sich das Licht des Mondes entzündet. Ich bin wirklich da. Ich bin wirklich. Ich bin. Ich.

Dem bespiegelten Ich, das seine Existenz beweisen muss, jeden Tag, jeden Augenblick aufs Neue, das sein Anderssein durch Zuneigung und Reibung am Anderen erlangt, und, je nach Bedürftigkeit, Beweise hortet oder Konflikte inszeniert- das unfreie, gebundene, existentiell geschwächte Konstrukt seiner fragwürdigen, gefilterten Erinnerung- wie kann es sich stärken?

Greifen wir eine Anregung Simone Weils heraus, die im Gewahrwerden der eigenen Aufmerksamkeit den Wendepunkt zur realen Verwurzelung des Individuums in sozialer Verantwortung sieht: in der „negativen Anstrengung“, die die Aufmerksamkeit darstellt: „Aufmerksamkeit ist eine Anstrengung, vielleicht die größte von allen, aber sie ist eine negative Anstrengung. Sie selbst ermüdet nicht. ... Die Aufmerksamkeit besteht darin, das Denken auszusetzen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand offen zu halten, die verschiedenen bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu benutzen genötigt ist, in sich dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne daß sie ihn berührten. ... Und vor allem soll der Geist leer sein, wartend, nichts suchend, aber bereit, den Gegenstand, der in ihn eingehen wird, in seiner nackten Wahrheit aufzunehmen.” (1)

Die Erfahrung der Präsenz


Das Paradox, sich zugleich zu fokussieren und zurück zu nehmen, zugleich aktiv und doch aktiv „nichts suchend, aber bereit“ zu sein ist die Grundlage jeglichen Dialogs, jeglicher realer Welterfahrung und - Begegnung, aber damit auch auch die Grundgebärde meditativen Tuns. Die Präsenz, die sich in dieser Aufmerksamkeit ausdrückt, hat - darauf fusst auch Rupert Spiras geistige Arbeit- „erfährt die momentane Situation“, hat aber keine „objektartigen Eigenschaften“ - ist weder „der Geist (2), der Körper und die Welt“, da diese eben „Teil der momentanen Situation (sind), die erfahren wird“. (3) Die unveränderliche, nicht Objekt- artige und daher übersehene Präsenz ist „das, als was wir uns kennen. Sie ist das, was wir „Ich“ nennen.“ (3) Allerdings überrascht der Begriff der zeitlosen Präsenz bei Spira insoweit, dass er diese auch - ohne Übergang- im Tiefschlaf in seiner Kontinuität gegeben sieht: „Aus dem Blickwinkel des Bewusstseins gibt es keinen Übergang, es gibt nur einen Strom sich verändernder Erscheinungen - und auch die Abwesenheit von Erscheinungen- in seiner eigenen allgegenwärtigen Präsenz.“ (4) Die geistige Erfahrungsebene, die Simone Weil mit „nichts suchend, aber bereit“ beschreibt - eine Ebene, die keine Objekte kennt, nicht einmal die seiner selbst, wird bei Rupert Spira zu einem Zustand, in dem Bewusstsein „aufhört, die Gestalt von Geist, von Körper oder Welt einzunehmen (..).“ Dann „weiß es wieder um sich selbst als PRÄSENZ oder SEIN“ (5), wodurch die ungefärbte Selbst- Erfahrung dann „leer von objektivem Inhalt und somit zeitlos“(6) wird. Trotz seiner Herkunft von Advaita und Ramana Maharshi zielt Spira auf eine Ebene der Selbsterfahrung und des Bewusstseins, das er als „selbstleuchtend“(7) bezeichnet, aber auch mit dem biblischen Mantra beschreibt „Ich bin das Ich bin“ (8).

Die polare Struktur der Aufmerksamkeit


Simone Weils Überlegungen zur Aufmerksamkeit finden sich eher verstreut in ihrem Werk, das zu großen Teilen aus Tagebüchern und Aufzeichnungen besteht, die noch nicht strukturiert worden waren. Sie starb zu früh, um mehr als einen Umriss dessen zu formulieren, was als Werk hätte entstehen können. Regine Kather hat im Rahmen der Katholischen Akademie Köln 2001 einen Überblick über den Begriff der Aufmerksamkeit bei Simone Weil gegeben: „Aufmerksamkeit. Ein Bindeglied zwischen der Welt und Gott bei Simone Weil“ (9)

Auch Kather sieht bei Weil „einen Stufenweg zur Schau der Wahrheit“ (9) vorliegen, d.h. ein unsentimentales, rationales Einweihung- Prinzip oder ein „Verstehen der Welt, das immer tiefere Seinsbereiche erschließt, um schließlich den Seinsgrund selbst zu berühren“ (9). Auf dem Weg dahin steht nach einer Phase der Sammlung nach Kather die Entdeckung der polaren Natur der Aufmerksamkeit: „Die Aufmerksamkeit ist durch eine polare Struktur gekennzeichnet, die auf allen Ebenen, bei der Lösung einer Mathematikaufgabe, in der Begegnung mit Menschen
und in der religiösen Erfahrung auftaucht: In der Aufmerksamkeit koinzidieren Aktion und Passion, intentionale Gerichtetheit und Phänomenbezogenheit, konzentrierte, entschlossene Zielgerichtetheit und geduldig wartende Empfänglichkeit. Es handelt sich, so schreibt Simone Weil prononciert, um ein ‘nicht-handelndes Handeln’, ein Handeln also, das ohne die Fixierung auf ein bestimmtes Ziel oder einen Plan und doch mit voller Sammlung und Präsenz erfolgt.“ (9)

Diese Haltung bezieht Kather auf die „Kunst des Bogenschießens“ im Sinne der Zen- Tradition: „Die Treffsicherheit des Schützen entwickelt sich weder durch das bewußte Üben noch ohne es; sie entsteht erst aus der Koinzidenz von bewußten und unbewußten Prozessen. Das absichtlose Wirken aus dem Selbst ist die Frucht jahrelanger, harter Disziplin; es ist weder bewußt noch unbewußt im Sinne der Psychologie. Aus der gelassenen Sammlung des Übenden löst sich das Werk schließlich mit jener mühelosen Leichtigkeit, die wir auch als Schönheit empfinden. “Er verdankt der besinnlichen Ruhe, in der er die Vorbereitungen zum Werk ausführt, jene entscheidende Lockerung und Ausgewogenheit aller seiner Kräfte, jene Sammlung und Geistesgegenwart, ohne welche kein rechtes Werk gelingt.  Absichtslos in sein Tun versunken, wird er dem Augenblick entgegengeführt, in dem sich das Werk, das ihm in ideellen Linien vorschwebt, wie von selbst vollbringt. ... Die Kunst des inneren Werkes, das nicht wie das äußere vom Künstler abfällt, das er nicht machen, sondern immer nur sein kann, entspringt aus Tiefen, von denen der Tag nichts weiß.“ (9)

Die Pflege der Aufmerksamkeit - das Aufmerksamwerden auf die Aufmerksamkeit- hat ursprünglich keine moralische oder religiöse Konnotation - allerdings macht Kather darauf aufmerksam, dass bei Simone Weil die leidenschaftliche Verankerung in die Wahrheit mitschwingt: „Deshalb kann die Schulung der Aufmerksamkeit zunächst auch ohne irgendein religiöses Interesse erfolgen. Eine Bedingung muß allerdings erfüllt sein: Wahrheitsliebe, die unbeirrbar nach dem forscht, ‘was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält’, ist ihre Grundlage. Sie setzt ein existentielles Bedürfnis, eine Sehnsucht, ein ‘Begehren’ nach dem Verstehen der Wirklichkeit voraus; sie fordert eine Einstellung zu den Dingen, die von dem Bemühen um Redlichkeit und Wahrhaftigkeit getragen ist.“ Dieses „Begehren“ begegnet dem Leser Simone Weils immer wieder- als tragende Kraft, auch in der Geduld, in der inneren „sanften“, zurück gehaltenen meditativen Haltung, in der Leere des objektlosen Anschauens. Diese Leidenschaft führt sogar - im Sinne intellektueller Redlichkeit- zu einem Begrüßen des Atheismus bzw. der Abweisung religiöser Dogmen bei Simone Weil: „Die Forderung nach intellektueller Redlichkeit führte Simone Weil zu der Überzeugung, daß sogar der Atheismus eher ein Schritt zu Gott sein kann als das fraglose und konfliktfreie Hinnehmen religiöser Dogmen. Es handelt sich um einen Atheismus, der sich nicht zur Haltung bloßer Negation verfestigt, sondern gerade jenes aufmerksame, vorurteilsfreie Betrachten aller Phänomene, und das heißt auch religiöser, praktiziert.“ (9)

Die Sphäre der Transzendenz


Simone Weil bewegte sich an der Schnittstelle zwischen intellektueller Aufmerksamkeit und der Blitzstrahl- artigen Durchdringung des Betrachteten durch Intuition, was sie durch die Aufmerksamkeit hindurch in die „Sphäre der Transzendenz“ führte: ““Der Mensch entrinnt den Gesetzen dieser Welt nur für die Dauer eines Blitzstrahls. Augenblicke des Innehaltens, der Kontemplation, der reinen Intuition. ... Durch diese Augenblicke ist er des Übernatürlichen fähig.” (9)

Die intellektuelle Aufmerksamkeit "liegt gleichsam am Schnittpunkt zwischen Natürlichem und Übernatürlichem. Sie zeigt ihre Wirksamkeit im Alltag, vermag aber auch in einem Moment äußerster Sammlung die Sphäre der Transzendenz zu berühren.“ (9) So kam Simone Weil zum Praktizieren „eine(r) völlig reine(n) Aufmerksamkeit“, vornehmlich durch das Gebet, das sie mit einem „Begehren“ vollzog, das sie mit der ganzen Person, Kraft und Empfindung verband, und was sie, in voller intellektueller Redlichkeit, als Kommunistin, inmitten ihres Agnostizismus, zu einer Gottes- Erfahrung führte: „Das auf Gott gerichtete Begehren ist die einzige Kraft, die imstande ist, die Seele aufsteigen zu lassen.“ (9) Aber auch agnostisch kann Simone Weil das „Werk“ an der Aufmerksamkeit verstehen: „Man setzt Energie in sich frei. Aber sie gerät unaufhörlich in neue Verhaftung. Wie gelangt man dahin, sie gänzlich zu befreien? Man muß begehren, daß dies in uns geschehe. Dies wirklich begehren. Es bloß begehren, nicht versuchen, es zu vollbringen. Denn jeder Versuch in dieser Richtung ist eitel und wird teuer bezahlt. Bei einem solchen Werk muß alles, was ich „ich“ nenne, sich passiv verhalten. Von mir wird nichts gefordert als die Aufmerksamkeit, eine so völlige Aufmerksamkeit, dass das „ich“ verschwindet. Allem, was ich „ich“ nenne, das Licht der Aufmerksamkeit entgehen und es auf das Unvorstellbare richten.“ (10)

Der kosmische Resonanzboden


Was mich an diesem Prozess interessiert, ist die auch an dieser Stelle aufscheinende Janus- Köpfigkeit der - hier transzendierten- Aufmerksamkeit, die ergreifend wie empfangend erscheint, aber dies nie einseitig, sondern am ausgewogenen Maß: „Daß Aufmerksamkeit kein aktives Ergreifen meint, wird an der Unverfügbarkeit Gottes besonders deutlich. Und dennoch handelt es sich auch hier nicht um ein bloß passives Warten auf einen reinen ‘Gnadenakt’. Von der Seite des Menschen bedarf es der konzentrierten Aufmerksamkeit, der gesammelten Ausrichtung: der ‘attente’. An Gott wiederum liegt es, die Seele zu ergreifen. Wiederum koinzidieren im Akt der Aufmerksamkeit Aktivität und Rezeptivität, Spontaneität und Empfänglichkeit.“ (9)

An dieser Stelle sehen wir auch eine Verbindung zur geistigen Transzendenz bei Rudolf Steiner. Zunächst entwickelt Steiner in „Der menschliche und der kosmische Gedanke“ (11) eine Art perspektivischer Erweiterung vom einzelnen Standpunkt zu einem Kreis zwölf unterschiedlicher Weltanschauungen. Das ist ganz offensichtlich eine Parallele zu den Tierkreis- Zeichen. Dann spezifiziert er diese „Weltanschauungsstimmungen“ (12) zusätzlich mit geistigen „Konstellationen“ wie Gnosis, Empirismus, Mystik, die er jeweils parallel zu den Planeten aufstellt. Daraus entsteht eine geistige Konfiguration, die er für Menschen anstelle von Astrologie für relevant hält- im Sinne einer Charakterisierung. Beispielsweise bedeute „Mystik im Zeichen des Idealismus“ (13), wenn sie denn für eine „solche Seele im Verlaufe derselben Inkarnation“ (13) vorrücke, dass diese ein „vom Willen durchdrungenes, auf dem Willen basierendes mathematisches Weltgebäude“ (13) präferiere und entwickle.

Wahrscheinlich möchte Rudolf Steiner mit diesem komplexen, Astrologie- ähnlichen System biografische Veränderungen und Neigungen veranschaulichen. Diese „spirituelle Astrologie“, die bei ihm dann schnell noch deutlich komplexer und differenzierter wird, wirkt allerdings etwas beliebig, um es gelinde auszudrücken. Offenbar hatte er die Idee mal wieder in der Betrachtung der Brüche in der Biografie Nietzsches. Steiner entwickelt ein ganzes astrologisches System, um den Absturz des an fortschreitender Syphilis leidenden Nietzsches damit zu erklären, dass Nietzsche „mit dem Mars in das Zeichen des Skorpions ging. (..) Daher das tragische Geschick Nietzsches.“ (14) So sehr man auf derlei Deutungen verzichten mag, Steiner führt es im Berliner Vortrag vom 23. Januar 1914 doch wieder auf die Spur, auf der er eigentlich mit all dem nur illustrieren möchte, dass der Mensch mit dem Kosmos - der Punkt mit dem Kreis- in einem dialogischen Verhältnis steht, dass „Friede zwischen den Weltanschauungen bestehen soll“ (15), und dass der Einzelne über diese „Konstellationen“ in ihm, über die „Einseitigkeiten, die sich als Ganzes geltend machen wollen“ (15) individuell hinaus wachsen muss. Nur dann ist eine geistige Kommunion möglich, in der die Erkenntnis des „Gedanken in seiner Wesenheit in sich selber“ zu einer „Erkenntnis der wahren Natur des kosmischen Gedankens“ (16) führt. Nur im Ausgleich, in der peripher entwickelten inneren Autonomie entwickelt sich eine Offenheit für den Blick, der erkenne, „wie wir von den Mächten des Kosmos gedacht werden“, ja dass eine „Logik der Hierarchien“ (16) bestehe. Das geht so weit, dass sich für diese Logik des Kosmos ein Gefühl entwickelt, ja dass man sich „als Seelen in kosmischen Gedanken gebettet“ (16) empfinden kann. Darin liege die Entdeckung des eigenen Ewigen.

Dieses geistige „Umkreis- Bilden“, das Überschreiten der individuellen Standpunkte und „Konstellationen“ in einen inneren geistigen Raum, der empfangend wird, hat Rudolf Steiner auch an anderen Stellen geschildert. In „Okkultes Lesen und Hören“ (17) legt er auch die Analogie zwischen Götterschaffen im Rahmen des Tierkreises mit diesem individuellen „Umkreis- Bilden“ dar: „Es ist schon so: Will man auf dem physischen Plan etwas ganz kennenlernen, so muss man es von den verschiedensten Seiten, von den verschiedensten Standpunkten aus ansehen, man muss um es herum gehen. In der geistigen Welt muss uns das eine Realität werden, dass man nicht herum gehen muss mit dem ganzen Wesen, sondern man muss sein ganzes Wesen so zerteilen, dass man einen Umkreis schafft um das, was man wahrnehmen will. Jedesmal, wenn eine wirkliche geistige Wahrnehmung stattfindet, so hat man einen solchen geistigen Umkreis geschaffen.“ Diese innere Aktivität im geistigen Raum- Bilden, im Schaffen eines Resonanzbodens, verlaufe parallel zum Schaffen der „göttlichen Wesenheiten“, die das „im Großen gemacht haben“, worauf sich das gebildet habe, „dessen Resultat wir im Tierkreis vor uns haben“ (17).

Das Überwinden des Verhaftetseins


Was wir hier geschildert vorfinden, ist sowohl eine Innen- wie eine kosmische Sicht der „absichtslosen“ Aufmerksamkeit, die, empfangend und in offener Gerichtetheit, die eigene Seins- Natur entdeckt, die in ihr entspringt. Diese absichtslose Gerichtetheit, die sich das Individuum im Gebet und Meditation, in Bogenschießen oder auch - nach Rupert Spira - in gar keinen übenden Tätigkeiten- erwerben kann, führt zur Entdeckung des - nach Steiner- Gedachtwerdens durch die Götter, das Überwinden des Verhaftetseins - nach Weil- und die Offenheit einer absichtslosen, von Objekten befreiten reinen Aufmerksamkeit, die einen zeitlosen inneren Raum erschafft, wie einen Resonanzboden. Für Simone Weil beginnt an diesem Punkt erst das Gebet oder etwas, was sie „das Werk“ nennt. Auch für sie tritt der Mensch mit diesem „Werk“ in die Wahrnehmung Gottes, und damit aus der Anonymität und Zerstreutheit des verhafteten Individuums heraus.

Mit dieser Betrachtung wird keine Parallele zwischen Spira, Weil und Steiner gezogen, sondern nur gewissen Resonanzen nachgegangen werden, die auf die verschiedenen Ebenen der Wiedergewinnung und Rettung der Aufmerksamkeit hinweisen. Dass in der Not das Rettende auch wächst bedeutet in der Umkehr, dass die Aufmerksamkeit nie mehr bedroht gewesen ist als in der geklickten Aufmerksamkeit- Ökonomie der Gegenwart. Um so mehr scheint es nötig, ein Gegengewicht in der inneren Pflege unserer Quelle des Verstehens, der Weltgewinnung und sozialen Intelligenz zu schaffen.


Anmerkungen & Verweise:


1 Simone Weil: Zeugnis für das Gute. Traktate, Briefe, Aufzeichnungen
2 im Sinne von „mind“
3 Rupert Spira: Bewusstsein ist alles. Über die Natur unserer Erfahrung, Kirchzarten 2011, S. 179
4 Spira, S. 185
5 Spira, S. 189
6 dito. Es wird in dieser zeitlosen Seins- Erfahrung daher auch schwierig, wie Spira anmerkt, zu erinnern, d.h. die Erfahrung in das Alltags- Bewusstsein hinüber zu führen, da diese „Momente (..) im Gedächtnis keine Spuren“ hinterlassen“.
7 Spira, S. 222 Selbstleuchtend im Sinne von transparent, seiner selbst auch im Objekt- losen Zustand bewusst
8 Spira S. 223
9 https://www.forum-grenzfragen.de/wp-content/uploads/2016/03/Kather_Aufmerksamkeit.pdf
10 Simone Weil: Schwerkraft und Gnade. München 1981/3, S. 161f
11 Rudolf Steiner: Der menschliche und der kosmische Gedanke, Dornach 1980, GA 151
12 GA 151, S. 68
13 GA 151, S. 69
14 GA 151, S. 72
15 GA 151, S. 80
16 GA 151, S. 83
17 Rudolf Steiner: Okkultes Lesen und okkultes Hören, Dornach 1987, GA 156, S. 46

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