Die Erfahrung der Ungeborenheit

Vor Jahren habe ich gern und immer wieder in den Schriften des Zen- Anarchisten Bankai (1622- 1693) gelesen (und auch etwas darüber geschrieben), dessen zentraler Begriff der der Ungeborenheit war: "Wenn du das verstanden und abgestellt hast, werden Selbstbespiegelungen und Illusionen nicht einmal mehr möglich sein, wenn du es wolltest, da du dauerhaft in der Ungeborenheit, dem Buddha- Bewusstsein, lebst. Sonst ist darüber nichts zu sagen."* Die Erfahrung der Ungeborenheit ist also nach Bankai mit der Erlangung des Buddha- Bewusstseins gleich zu setzen- zumindest dann, wenn diese Erfahrung nicht nur in Form einer einmaligen Erleuchtung, sondern als dauerhaftes Vermögen - bis in den Alltag hinein- zur Verfügung steht.

Nun finde ich bemerkenswert, dass dieser Begriff auch von einem bedeutenden anthroposophischen Lehrer, Athys Floride, an dessen jährlichen Osterkursen ich auch öfter teilnahm, verwendet wurde- nämlich als Beschreibung der Umstände des Eintretens des echten inspirierten Stadiums der inneren Entwicklung:
"Die inspirierte Erkenntnis ermöglicht dem Meditierenden die Erfahrung der Ungeborenheit zu haben aufgrund der Tatsache, dass die Seele "außerhalb des Leibes" sich in geistiger Umgebung, welcher sie sich verbunden fühlt, zu erleben. Die Seele empfindet, dass sie vor der Geburt gelebt hat, dass sie ungeboren ist, d.h. dass sie nicht durch die Geburt entstanden ist. Der Mensch ist vielmehr geneigt, von der Unsterblichkeit der Seele zu sprechen, einem Wunsch entsprechend, nach dem Tod noch zu leben, was egoistisch gefärbt sein kann. Das Bewusstsein der Ungeborenheit der Seele, also von ihrer Existenz vor der Geburt, welche durch die irdische "Bekleidung" eine Hülle erhält, dieses Bewusstsein ist eine Errungenschaft von allergrößter Wichtigkeit."**

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*Bankei (1622-1693) in Norman Waddell (Übersetzer): The Unborn. The Life and Teaching of Zen Master Bankei (1622-1693), San Francisco 1984. Textstelle frei übersetzt von M.E.
**Athys Floride, Stufen der Meditation, Verlag am Goetheanum, 1987, S. 52


Kommentare

  1. Danke für den Hinweis, den link.
    Finde diesen Satz:
    "Man sucht eine Lösung, indem man auf Gesetze zurückgreift, die mit Strafen verbunden sind. Aber eine richtige, unserer Zeit entsprechende Moralität muss so zu dem Bewusstsein sprechen, dass man sie anerkennt, ohne es aus Angst vor Strafe zu tun. So dass wir uns fragen müssen: Wo befindet sich die Quelle dieser neuen und zukünftigen Moralität?"

    Deswegen kann nicht mehr mit "Hölle" und "Dämonen" gearbeitet werden, weder in der Katholischen Kirche, noch in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Der Mensch wird frei, das ist der Christusimpuls in uns.
    E.S.

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  2. Ich bin nicht Manfred, man hat mich nur so genannt.
    Ich bin nicht dieser Leib, ich habe ihn.
    Ich bin nicht beleidigt, erlebe aber, dass man mich beleidigt.
    Ich denke nicht, sondern schaue dem zu, was ich sehen kann und bringe es in eine Gestalt.
    Ich bin nicht bei Verstand, sondern nutze ihn als mein Werkzeug.
    Ich tauche ein in ein Verständnis, als Zeuge und verlasse dann wiederum diese Form, um am Leben teilzuhaben, dass jenseits aller Formen auf ein Gespräch mit mir "wartet".
    Wir begegnen uns, wir sehen uns, wir verstehen uns, wenn wir uns zulassen... denn wir durchstreifen alle denselben Garten.

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  3. Ich bitte darum, doch einfach weiterzumachen. Ich kann weder mit Hinduismus bzw Buddhismus nichts anfangen.

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  4. Auch Rudolf Steiner verwendet den Begriff der „Ungeborenheit“ (bzw er meint, es müßte dieses Wort geben, und bedauert, daß es nicht so ist), er nennt sie (zB in GA 82) die „andere Seite der Ewigkeit“.

    Vor hundert Jahren schrieb er in ein Buch:

    Unsterblichkeit –
    Ungeborenheit;
    erst wer beides versteht,
    versteht die Ewigkeit.


    In GA 153 (Wien, 11. April 1914) macht Steiner darauf aufmerksam, daß wir sowohl in unserem Gefühl als auch – in noch stärkerem Maße – in unserem Willen etwas erleben können, »was in unserem Innern lebt, was in den Tiefen der Seele ist, und was nur halb geboren heraufkommt.«
    Das Ungeborene im Gefühl mache das Gefühl »zu einem Lebewesen, dessen Leben gespeist wird aus dem ganzen Planetensystem«. Hinter dem Ungeborenen im Willen stehe »die geistige Wesenheit, die Grundwesenheit, die eigentlich in der Sonne lebt.«
    Und in den weiteren Vorträgen dieses Zyklus („Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt“) geht es dann auch um das Erleben der Seele „außerhalb des Leibes“, um imaginative, inspirative und intuitive Erkenntnis...

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    1. Danke, Ingrid, das sind ganz essentielle Querverweise und Ergänzungen - GA 153 war mir nicht präsent. Ich vermute, dass der von RSt eingeführte Begriff des "Geisterinnerns" als eigene Qualität auf das gleiche Phänomen verweist.

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    2. Lieber Michael,

      GA 153 bedeutet mir sehr viel. Dieser Zyklus (mitsamt den drei ihm vorangehenden öffentlichen Vorträgen) ist gewissermaßen meine „anthroposophische Heimat“. Vielleicht auch deshalb, weil Rudolf Steiner diese Vorträge in Wien gehalten hat. Da er, wie er einmal sagte, gewissermaßen aus den Seelen seiner Zuhörer heraus sprach, schwingt für mich hier ein sehr „heimatlicher“ Ton mit: vieles darin erschließt sich mir unmittelbar und fühlt sich beinahe an wie aus meiner eigenen Seele heraus gesprochen.

      Ich schätze diesen Zyklus auch deshalb so sehr, weil er zuallererst zur Aufmerksamkeit für das eigene innere Erleben (und Empfinden) ermutigt, zu dem ja jeder Mensch seinen eigenen Zugang hat. Hier kann man gut „einsteigen“ – an dieses innere Erleben läßt es sich voraussetzungslos anknüpfen.

      (Eine Stelle des ersten Mitgliedervortrages vom 9. April wurde vor einiger Zeit – ;-) vor gefühlten Jahrzehnten – zum Ausgangspunkt für meinen Aufsatz „Fokus“.)

      Herzlich,
      Ingrid

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