Westliche und östliche Psychonauten

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Beim Studium von Patanjalis rund 2000 Jahre altem Yogasutra* - eine Sammlung von Sutren zur klassischen Initiation - fallen Gemeinsamkeiten wie gravierende Unterschiede im Studium und in den Auswirkungen auf- etwa in Bezug auf die Entfaltung der Chakren. Ralph Skuban gibt sich alle Mühe, die Sutren verständlich zu machen, ihnen aber auch treu zu bleiben und ihre Bildsprache ernst zu nehmen. Er moniert die platte Deutung vieler Herausgeber in Bezug auf genannte Planeten und Sterne - gemeint sind natürlich nicht nur die Himmelskörper, sondern damit verbundene energetische Zentren im leiblichen System: "Der Nordstern, dhruva, liegt astronomisch gesehen direkt über der Nordachse der Erde. Er ist deshalb der Stern der Seefahrer und diente seit jeher zur geografischen Orientierung. Stella polaris heißt er in lateinischer Sprache." Dieser Nordstern charakterisiert im Yogasutra aber auch Ajna chakra, den "Triggerpunkt (oder kshetram) zwischen den Augenbrauen" - das Stirnchakra. Gelegentlich verfällt Skuban in den heute gängigen esoterischen Multi- Kulti- Speech, der alle möglichen Bezüge zu Quellen aus allen Kulturen heran zieht und manchmal die Dinge damit nivelliert. Mittelalterliche Mystiker, aber auch das Neue Testament sind beliebte Quellen darunter.

Aber letztlich wird der östliche Weg, von unten an das mittige Herz- Chakra durch eine Art Sublimation der natürlich- ätherischen Kräfte heran zu gehen, sehr deutlich. Dies führt zu einer sehr anderen Art der Eröffnung der Chakren als dies durch den westlichen Weg geschieht, der vom Bewusstseinspol an der Stirn ausgeht. Westlich schreitet der Bewusstseinspol nach unten fort, um die körperlich gebundenen energetischen Felder zu durchdringen. Konkret ist für den im Yogasutra praktizierten östlichen Weg z.B. das denkerische Stirn- Chakra ohne besondere Bedeutung- es ist eben nur ein "Triggerpunkt"- eine Art Projektion- des Ajna chakra, das mit der Zirbeldrüse assoziiert wird: "Für ajna chakra gibt es noch weitere Namen: das Auge Shivas oder das Auge der Weisheit (jnana chakshu), drittes Auge (trikuti) oder auch: die Begegnung der drei Flüsse (ida, pingala, sushumna). Es gilt als Eingangspforte zur Psyche. Es ist dies der Ort des inneren Lehrers. Und deshalb trägt ajna chakra auch den Namen: guru chakra. Ajna ist die »Kommandozentrale« unter den Chakras. Es steuert die Verteilung der Lebensenergie. Sein Element ist manas oder mind."

Unterschieden wird dies einerseits vom Kronen- Chakra, dem Tausendblättrigen, das am Scheitelpunkt des Menschen ansetzt: "Wenn die Braut dann doch einst erwacht, strebt sie zur Krone des Kopfes, zu sahasrara chakra. Sahasrara heißt »tausend« und meint den tausendblätterigen Lotus, die Wohnstatt Shivas, den Ort, wo reines Bewusstsein lebt. Die Physiologie des Erwachens wird zum Bild."

Aber es gibt noch einen energetischen Punkt im Hinterkopf, der die besondere Süße der Einweihung "tropfend" begleitet: "Vishuddi ist verbunden mit einem weiteren, besonders wichtigen psychischen Zentrum: bindu, das »Punkt« oder »Tropfen« bedeutet. Er liegt am Hinterkopf. Sein Symbol ist der zunehmende Mond. Bindu, so heißt es, erzeugt amrita, einen süßen Nektar, der hinuntertropft in den Hals, ein Nektar, dessen Wahrnehmung ein überwältigendes Gefühl von Glückseligkeit hervorrufen soll."

Demgegenüber wandert der westliche Schüler zu den Sonnenkräften, die dem Achtblättrigen im Herzraum wie eine aufsprudelnde Quelle entwachsen, wenn die Berührung gelingt. Die Seligkeit entspringt der Berührung mit den Wärmeströmen des Herzens und ermöglicht die Selbsterfahrung als Geistselbst. Der rieselnde "Nektar" des Mondes ist ein Kräftebereich außerhalb des Erfahrungsraums.

Dennoch gibt es auch viele Berührungspunkte im kulturell- esoterischen Cross- Over. Wir alle sind Psychonauten: "Yogis erforschen seit alter Zeit durch Meditation ihr Inneres: Das ist die Methode der Psychonauten, und ihr Labor ist der Mikrokosmos." Ich werde auf dieses Buch sicherlich noch zurück kommen.

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*Patanjalis Yogasutra: Der Königsweg zu einem weisen Leben (German Edition) interpretiert von Ralph Skuban

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