Zwischen Lichtgestalt und Schattenreich: Die Ambivalenz der Anthroposophie gegenüber dem Rechtspopulismus


Die Kritik an kritischen Positionen des anthroposophischen Mutterschiffs kulminiert gern in bräsigen Kommentaren wie 2021 in "Themen der Zeit": "Jetzt aber hat der "Egoist" unter anderem – wieder einmal – die anthroposophische Monatszeitschrift "die Drei", die seit Februar 2021 zweimonatlich erscheint, und diesmal auch die "Themen-der-Zeit" aufgespießt. Soweit so gut. In unserem Fall hört sich das dann so an: "Man wundert sich. Anthroposophistan marschiert Hand in Hand, Schritt für Schritt ins rechte Lager. (…) Als Beispiel möge das anthroposophische Online- Blatt Themen der Zeit dienen, in dem Ende Januar ein Artikel zum Thema Daniele Ganser, dem „Friedensforscher“ mit Waldorf- Herkunft, dem die Anthroposophen bei Vorträgen die Bude einrennen, erschien."

Nun, wie wir wissen, rennen Anthroposophen nicht, sondern sie "schreiten". Geht's vielleicht doch ein wenig differenzierter, lieber Michael Eggert?" Haha. Nun endlich wieder ein Versuch, anthroposophisch korrekt und "differenzierter“ das wacklige Verhältnis von gelebter Real- Anthroposophie und Rechtspopulismus auszuleuchten- eine Bemühung, die ohnehin immer wieder vorgenommen werden muss, da sich das Verhältnis immer wieder verschiebt. 

Die Beziehung zwischen der anthroposophischen Bewegung und rechtspopulistischen Strömungen wie der AfD ist kein einfaches Bündnis, sondern ein komplexes Spannungsfeld. Es ist geprägt von ideologischen Überlappungen einerseits und einer institutionellen Brandmauer andererseits. Während die offizielle Führung der Waldorfschulen für Weltoffenheit kämpft, finden rechte Akteure in den Nischen der esoterischen Lebensreform eine neue Heimat. Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, war eben eine Figur der Widersprüche. Einerseits forderte er die Überwindung nationaler Grenzen und sah den Menschen als kosmisches Wesen. Andererseits hinterließ er ein Werk, das für die heutige „Neue Rechte“ anschlussfähig ist.

Die Mimikry völkischer Esoterik

In seiner „Wurzelrassenlehre“ entwarf Steiner ein evolutionäres Stufenmodell der Menschheit. Hierin beschrieb er eine hierarchische Entwicklung, in der die mitteleuropäische Kultur als die derzeit am weitesten fortgeschrittene Stufe gilt. Für moderne Rechtsextreme und die Identitäre Bewegung fungieren solche Gedanken als spirituelles Fundament für ein völkisch-nationales Weltbild. Rassismus wird hier nicht biologisch, sondern esoterisch-schicksalhaft begründet.

Ein zentraler Berührungspunkt ist die tief verwurzelte Skepsis gegenüber dem „Materialismus“. Viele Anthroposophen lehnen staatliche Institutionen, die Schulmedizin und die „Mainstream-Wissenschaft“ ab. Während der Corona-Pandemie verschmolz diese Haltung mit der Rhetorik rechtspopulistischer Elitenkritik. Man traf sich im Misstrauen gegen den Staat, was eine Brücke zwischen alternativen Elternhäusern und politischen Radikalen schlug. Einer der besorgniserregendsten Aspekte ist die gezielte Strategie rechtsextremer Familienclans, die als „Völkische Siedler“ bekannt sind. Diese Gruppen ziehen bewusst in ländliche Regionen – etwa in die Lüneburger Heide oder nach Mecklenburg-Vorpommern – und praktizieren dort eine Form der Mimikry. Diese Familien wirken nach außen wie die idealen Waldorf-Eltern: Sie betreiben ökologische Landwirtschaft (oft nach Demeter-Prinzipien, teils ohne Zertifikat), lehnen digitale Medien ab und pflegen traditionelles Handwerk. Doch hinter der Fassade des „Heimatschutzes“ verbirgt sich eine Blut-und-Boden-Ideologie. Sie nutzen Begriffe wie „artgerechte Haltung“ und übertragen diese auf Menschen: Migration wird als „Entwurzelung“ geframt, die dem ökologischen Gleichgewicht der Völker schade.

Besonders brisant ist die Verbindung zur Anastasia-Bewegung. Diese aus Russland stammende, antisemitische Esoterik-Strömung propagiert autarke Familien-Landsitze. Ihre Anhänger versuchen oft, eigene Bildungsinitiativen zu gründen, die das Etikett „Waldorf“ als Gütesiegel für Staatsferne nutzen wollen, um ihre Kinder der staatlichen Demokratieerziehung zu entziehen. Seit 2020 ist eine soziologische Verschiebung erkennbar. Baden-Württemberg, das Herzland der Anthroposophie, wurde zum Epizentrum der Proteste gegen staatliche Maßnahmen. Hier geschah das kaum Vorstellbare: Waldorf-Lehrer und biodynamische Landwirte demonstrierten Schulter an Schulter mit AfD-Funktionären und Reichsbürgern.

Studien der Heinrich-Böll-Stiftung (Quellen unten) belegen eine Radikalisierung in Teilen des alternativ-bürgerlichen Milieus. Wählergruppen, die früher den Grünen nahestanden, wandern zunehmend zur AfD oder zur Partei „dieBasis“ ab. Letztere gilt fast als parlamentarischer Arm der anthroposophischen Impfskeptiker und bedient Narrative der globalen Elitenkritik (z. B. gegen die WHO), die auch im rechtspopulistischen Spektrum verfangen. Der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) und die Anthroposophische Gesellschaft haben den Ernst der Lage erkannt. Sie befinden sich in einer historischen Zerreißprobe. Als Reaktion auf die Vorwürfe wurde früh schon die „Stuttgarter Erklärung“ verfasst und mehrfach verschärft. Darin distanzieren sich die Verbände unmissverständlich von Rassismus und völkischem Gedankengut. Schulen, die diese Werte nicht aktiv vertreten, riskieren den Entzug des Namensrechts. Es gibt prominente Fälle, in denen die Schulen hart durchgriffen. Wenn das öffentliche Wirken von Eltern – wie etwa bei der neurechten Aktivistin Caroline Sommerfeld, die heute in „Sezession“ und im Antaios-Verlag publiziert – diametral den pädagogischen Zielen von Weltoffenheit und Toleranz widerspricht, werden Schulverträge gekündigt. Gerichte haben dieses Vorgehen im Rahmen der Privatschulfreiheit mehrfach bestätigt.

Die semantische Falle: Wenn Begriffe ihre Bedeutung verändern

Die ideologische Annäherung zwischen dem anthroposophischen Milieu und rechtspopulistischen Strömungen findet oft über eine gemeinsame Sprache statt, bei der identische Begriffe jedoch völlig unterschiedlich aufgeladen sind. Dies führt zu einer gefährlichen Schein-Harmonie, die eine politische Radikalisierung begünstigen kann.

Ein zentrales Beispiel ist das Verständnis von Natur. In der anthroposophischen Tradition wird die Natur als ein beseelter, spiritueller Raum der Heilung und Entwicklung verstanden, den es achtsam zu pflegen gilt. Rechtspopulistische Akteure hingegen nutzen diesen Naturbegriff für ihre „Blut-und-Boden“-Rhetorik: Für sie ist Natur der „heilige Boden“ der Vorfahren, eine exklusive nationale Ressource, die vor „fremden Einflüssen“ geschützt werden muss. Hier schlägt die ökologische Achtsamkeit in einen biologischen Nationalismus um.

Ähnlich verhält es sich mit dem Wert der Individualität. Während die Waldorfpädagogik die Freiheit des Individuums vor staatlichem Zwang betont, um die geistige Entfaltung zu ermöglichen, deutet die Rechte diesen Freiheitsbegriff als Widerstand gegen vermeintliche „System-Eliten“ um. Die individuelle Freiheit wird hier zur Waffe gegen demokratische Institutionen instrumentalisiert.

Besonders komplex ist die Schnittmenge in der Wissenschaftskritik. Die Anthroposophie pflegt eine methodische Skepsis gegenüber einem rein materiellen Weltbild und sucht nach einer geistigen Erweiterung der Erkenntnis. Rechtspopulisten docken hier an, indem sie diese Skepsis radikalisieren und eine pauschale Ablehnung der „Mainstream-Wissenschaft“ propagieren. Was als philosophische Debatte beginnt, endet oft in der Akzeptanz von Verschwörungsmythen.

Zuletzt zeigt sich beim Begriff des Volkes die tiefste Bruchlinie. In Steiners Werk findet sich die Vorstellung einer geistigen Schicksalsgemeinschaft, die jedoch (idealerweise) kosmopolitisch überwunden werden soll. Die Neue Rechte hingegen streicht das kosmopolitische Ziel und reduziert den Volksbegriff auf eine starre, biologisch-kulturelle Grenze. So wird aus einer esoterischen Entwicklungslehre ein Instrument der Ausgrenzung.

Sprachliche Codes und rechtes „Framing“

Rechte Akteure nutzen oft eine spezifische Terminologie, die anthroposophische Begriffe umdeutet oder mit völkischen Narrativen auflädt: „Artgerechtigkeit“ beim Menschen: Während der Begriff in der Landwirtschaft (Demeter) positiv besetzt ist, nutzen völkische Siedler ihn, um Segregation zu rechtfertigen. Sie sprechen davon, dass jedes Volk seine „angestammte Umgebung“ brauche und Migration daher „widernatürlich“ sei. „Heimatschutz“ statt Naturschutz: Es wird nicht nur der Erhalt der Umwelt gefordert, sondern eine Verbindung von „Blut und Boden“. Die Natur wird als exklusiver Besitz der eigenen ethnischen Gemeinschaft (des „Volkskörpers“) geframt . Häufiges Fallenlassen von Begriffen wie „Umerziehung“, „Indoktrination durch den Staat“ oder „Gender-Ideologie“: So wird die berechtigte Waldorf-Kritik an staatlicher Standardisierung ins Extreme verzerrt.

Die optische Erscheinung völkischer Familien ist oft eine bewusste Inszenierung, die im Waldorf-Milieu kaum auffällt, aber in der Summe ein Muster ergibt: Überbetonung von Trachten, handgewebter Kleidung oder Frisuren (z. B. Flechtfrisuren bei Mädchen), die ein Idealbild der 1920er oder 1930er Jahre widerspiegeln.

Während Technikskepsis zum Waldorf-Alltag gehört, fordern diese Gruppen oft eine totale Abschottung von der „dekadenten Außenwelt“, um die Kinder vor „fremden kulturellen Einflüssen“ reinzuhalten. Ein starker Fokus auf germanisches Brauchtum (z. B. Julfest statt Weihnachten, extreme Überhöhung der Sommersonnenwende), das über die üblichen Jahresfeste der Waldorfschule hinausgeht und oft völkisch-religiös aufgeladen ist.

Strategisches Engagement („Marsch durch die Instanzen“)

Völkische Siedler verhalten sich oft wie „Mustereltern“, um Einfluss zu gewinnen: Drang in Entscheidungsgremien: Sie versuchen gezielt, Sitze im Vorstand des Schulvereins oder in der Elternvertretung zu besetzen. Ziel ist es, die Ausrichtung der Schule langfristig zu beeinflussen oder kritische Lehrer zu verdrängen. In finanzschwachen ländlichen Schulen treten sie manchmal als großzügige Spender oder geschickte Handwerker auf, um eine moralische Verpflichtung der Schule ihnen gegenüber zu erzeugen.

In Aufnahmegesprächen kann gezielt auf Literatur- und Weltanschauungsreferenzen geachtet werden: Referenz auf Megre/Anastasia: Wenn Eltern die Buchreihe des russischen Autors Wladimir Megre als Inspirationsquelle für ihre Lebensweise nennen, ist höchste Vorsicht geboten. Diese Werke enthalten explizit antisemitische und antidemokratische Passagen. Wenn im Gespräch die Ablehnung der Schulmedizin oder staatlicher Institutionen nicht individuell-spirituell begründet wird, sondern als Widerstand gegen eine „globale Verschwörung“ (z. B. Great Reset), deutet dies auf eine ideologische Radikalisierung hin. Die Zeit der anthroposophischen Elfenbein- Turm- Tabus endet langsam. Mit der kritischen Gesamtausgabe von Steiners Werk wird dessen rassistisches Erbe nicht mehr geleugnet, sondern kontextualisiert. In der Lehrerausbildung wird Steiner zunehmend als „Kind seiner Zeit“ und nicht mehr als unfehlbarer Prophet vermittelt.

Fazit: Ein offener Konflikt um die Deutungshoheit

Die Anthroposophie steht an einem Scheideweg. Während der liberale, städtische Flügel die Bewegung als modernen, weltoffenen Teil der Zivilgesellschaft positioniert, bleibt die „rechte Flanke“ eine offene Wunde. Die AfD versucht strategisch, jene Menschen abzuholen, die sich nach Autarkie, Naturverbundenheit und Freiheit vom Staat sehnen. Der Kampf um die „Seele“ der Waldorf-Bewegung ist somit auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Spaltung in Deutschland.

Der Konflikt ist keineswegs gelöst. Es gibt einen Riss durch die Bewegung: Auf der einen Seite stehen der liberale Dachverband und viele städtische Schulen, die sich aktiv als weltoffen positionieren und AfD/Querdenker bekämpfen. Auf der anderen Seite gibt es (oft ländliche) Nischen und einzelne Lehrer, die Steiners Esoterik dogmatisch auslegen, Impfgegnerschaft und Staatskritik kultivieren und damit – bewusst oder unbewusst – eine offene Flanke für Rechte bieten. Die AfD und Neue Rechte wissen um diesen Riss und versuchen gezielt, sich als die „wahren Bewahrer“ der anthroposophischen Werte (Heimat, Natur, Familie, Freiheit vor dem Staat) darzustellen.

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Hier sind die Quellen und weiterführenden Links, sortiert nach Studien, Offiziellen Dokumenten und Journalistischen Recherchen.

1. Studien & Analysen (Wissenschaft & Stiftungen)

Diese Quellen bieten die fundierteste Analyse der soziologischen und ideologischen Schnittmengen.

• Heinrich-Böll-Stiftung (Studien zu Querdenken & Milieus):

Die Stiftung hat intensiv zu den Verbindungen zwischen dem anthroposophischen Milieu und der Protestszene geforscht.

Studie: "Quellen des 'Querdenkertums': Eine politische Soziologie der Corona-Proteste" (Oliver Nachtwey / Nadine Frei). Diese Studie belegt empirisch den hohen Anteil von anthroposophisch geprägten Personen in der Bewegung.

• Artikel/Dossier: "Anthroposophie, Querdenker und Rechtsextreme: Eine notwendige Auseinandersetzung" (2022).

• Link zur Heinrich-Böll-Stiftung  https://www.spiegel.de/kultur/heinrich-boell-stiftung-gibt-gegenueber-anthroposophen-klein-bei-a-5bcc82b2-91f3-4f96-ac88-764e767c5397

Amadeu Antonio Stiftung (Fachstelle für Rechtsextremismus):

Spezialisiert auf die Analyse der "Völkischen Siedler" und deren Strategien im ländlichen Raum.

• Broschüre: "Völkische Siedler/innen im ländlichen Raum – Basiswissen und Handlungsstrategien". Hier wird detailliert beschrieben, wie rechte Gruppen ökologische Landwirtschaft und Brauchtumspflege als Tarnung nutzen.

• Link zur Amadeu Antonio Stiftung https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/voelkische-siedler-innen-im-laendlichen-raum/

• Jana Husmann (Kulturwissenschaftliche Analyse):

Für die tiefe ideologische Kritik an Steiners Rassenlehre.

• Buch: "Schwarz-Weiß-Symbolik: Dualistische Denktraditionen und die Imagination von 'Rasse'. Religion – Wissenschaft – Anthroposophie" (Transcript Verlag). Husmann analysiert hier akademisch präzise die rassistischen Elemente in Steiners Esoterik.

2. Offizielle Positionen der Waldorf-Institutionen

Diese Dokumente zeigen die Abgrenzungsbemühungen der Verbände:

• Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS): Dokument: "Stuttgarter Erklärung" (Ursprünglich 2007, erneuert 2020). Das zentrale Papier, in dem sich der Bund von Diskriminierung distanziert und bekennt, dass Teile von Steiners Werk rassistisch diskriminierend wirken. Direktlink zur Stuttgarter Erklärung (PDF) https://www.waldorfschule.de/service/diskriminierungsfreie-schule/waldorfschulen-gegen-politischen-extremismus-antisemitismus-rassismus-und-diskriminierung

• Webseite: Das NRW Schulministerium bietet auf  "Schulen gegen politischen Extremismus"  Materialien und Ansprechpartner bei Unterwanderungsversuchen.

3. Journalistische Recherchen & Kritische Literatur

• Die "Anastasia"-Bewegung & Völkische Siedler:

Der Bayerische Rundfunk (BR) und Deutschlandfunk haben umfangreiche Recherchen dazu veröffentlicht, wie die antisemitische Anastasia-Bewegung versucht, eigene Schulen zu gründen, die wie Waldorfschulen wirken sollen.

• Podcast/Doku: "Die Story im Ersten: Völkische Siedler – Schattenwelten auf dem Land".

• Artikel: "Rechtsextremismus in esoterischem Gewand" (Zentrum Liberale Moderne, 2021).

• Peter Bierl (Publizist):

Ein scharfer Kritiker der Anthroposophie, der sich seit Jahren mit den rechten Tendenzen befasst.

• Buch: "Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister: Die Anthroposophie und der Nationalsozialismus". Bierl legt den Fokus stark auf die historischen Verstrickungen und deren Nachwirken heute.

• Helmut Zander (Historiker):

Zander gilt als der renommierteste neutrale Historiker für Anthroposophie im deutschsprachigen Raum. Sein Standardwerk bietet den historisch sichersten Boden.

• Buch: "Anthroposophie in Deutschland: Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945".