Metapolitik der Vernichtung: Alexander Dugins Feldzug gegen die Moderne



Mit Beziehungnahme auf Paul Klingenbergs “Russkij Mir und Anderer Anfang. Aleksandr Dugins Heidegger- Rezeption”

In der stickigen Enge eines Moskauer Kellers projizierte Alexander Dugin in den 1980er-Jahren Martin Heideggers Sein und Zeit per Handkurbel an die Wand, bis seine Augen tränten. Es war keine bloße intellektuelle Neugier, die ihn antrieb, sondern die Suche nach einer metaphysischen Waffe gegen den Westen. Paul Klingenberg identifiziert in seiner Analyse „Russki Mir und Anderer Anfang“ diesen Moment als den Keim einer „ontologischen Rechtfertigung des russischen Imperialismus“. Heute, im Frühjahr 2026, ist aus diesem okkulten Randphänomen die Staatsraison eines ganzen Staates und seiner Verbündeten wie Iran und Nordkorea geworden, der den Krieg nicht mehr als politisches Scheitern, sondern als Erfüllung des Seins begreift. 

Das amputierte Dasein: Klingenbergs Diagnose der völkischen Verengung

Klingenberg arbeitet in seinem Buch, das im renommierten Springer- Verlag erschien, heraus, dass Dugin kein simpler Eklektiker ist, sondern ein radikaler Exeget, der Heideggers Denken der 1930er-Jahre – die Phase seiner tiefsten Verstrickung in den Nationalsozialismus – beim Wort nimmt. Dies führt, wie Klingenberg schreibt, neben der offensichtlichen Menschenverachtung Dugins, zu Verhöhnung der “Opfer von von Gewalt und Terror” (S. 142)- ganz im Sinne seines Meisters Heidegger, der schon 1949 die “Fabrikation von Leichen” mit "motorisierter Ernährungsindustrie"(dito), also industrialisierter Landwirtschaft, verglichen hatte. Das Herzstück dieser Operation ist die „völkische Zwangsformatierung“ des Heideggerschen Begriffs Dasein. Während Heidegger das Dasein als die Struktur der menschlichen Existenz schlechthin entwarf, verzwergt Dugin dessen universelle Möglichkeit. Für ihn existiert Dasein nur kollektiv: als Teil eines Volks, gebunden an eine spezifische Landschaft.

Damit vollzieht Dugin eine „Faschisierung des Subjekts“. Das Individuum, jener Grundpfeiler des liberalen Westens, wird in diesem Weltbild zum „Menschenmüll“ oder zum „seelenlosen Roboter“ degradiert. Klingenberg belegt, dass diese Verachtung für das Einzelne direkt aus der Abwertung des „Uneigentlichen“ entspringt. Wer sich nicht in den völkischen Organismus eingliedert, verliert seinen ontologischen Status. In der Folge wird der westliche Universalismus – der Glaube an Menschenrechte und Demokratie für jeden Menschen – von Dugin als systematischer „Ethnozid“ denunziert, weil er die einzigartige Substanz der Völker durch eine technokratische Einheitskultur ersetze.


Das Geviert als Fadenkreuz: Wenn das Sein zum Krieg wird

Ein verstörender Aspekt, den Klingenberg in Dugins Heidegger-Rezeption ausführt, ist die Umdeutung des „Gevierts“ – jener poetischen Einheit von Erde, Himmel, Göttlichen und Sterblichen. Während westliche Akademiker darin oft eine ökologische Sanftmut suchten, macht Dugin daraus ein Instrument der Gewalt. Er deutet das Geviert als ein „Fadenkreuz“, in dessen Zentrum der herakliteische Polemos (Kampf) steht.

Seyn ist für Dugin Krieg. Nur durch den kriegerischen Konflikt, das „Ereignis“, könne die Welt aus der „Seinsvergessenheit“ der Moderne gerissen werden. Klingenberg zeigt auf, wie Dugin die Geschichte des Abendlandes als eine einzige Verfallsgeschichte rahmt, die er unter dem Slogan „From Plato to NATO“ zusammenfasst. Die moderne Technik, das von Heidegger so genannte Ge-Stell, ist für Dugin die finale Rache des vergessenen Seins an einer Menschheit, die sich im Materialismus verloren hat. Da das deutsche Volk laut Dugin an der Mission gescheitert ist, den „Anderen Anfang“ herbeizuführen, fällt diese schicksalhafte Aufgabe nun dem russischen Volk zu. Der Ukraine-Krieg und die Expansion der „Russischen Welt“ (Russki Mir) erscheinen in dieser Logik nicht als geopolitische Akte, sondern als metaphysische Notwendigkeit. So darf man Dugins Rolle wohl nicht als die eines Kreml- Rasputins missverstehen, aber auch nicht als gelegentlichen Stichwortgeber. Stattdessen, so führt Klingenberg nach Mathyl (S. 13) aus, wird “der Einfluss, den Dugins Ideologie heute in Russland hat, .. mit dem Satz eines nationalpatriotischen gesellschaftlichen Konsenses hinreichend beschrieben. Sekundär erscheint dabei, ob, wie oft und wo er sich mit Putin trifft. Sein und das Denken seiner engsten Mitstreiter hat sich im Prozess der Entgrenzung in unterschiedlichsten Bereichen auf neue Generationen nationalistischer Aktivisten, Journalisten, Politiker, Künstler, Oligarchen und Offiziere übertragen und wirkt in diesen unabhängig vom »Original« beständig auf die Innen- wie Außenpolitik Russlands inklusive jener polittechnologisch- seismographischen Apparaturen, über die Politik und Stimmungslage in Russland in Permanenz rückgekoppelt sind.”



Kampf gegen den globalistischen Antichristen: Die Ivan-Iljin-Schule und die ISL-Paladine

Was Klingenberg als philosophische Disposition beschrieb, hat im Jahr 2025 und 2026 politische und institutionelle Realität erreicht. Unter der Leitung Dugins an der „Ivan Ilyin Higher School of Politics“ wird die russische Bildungselite systematisch auf Kurs gebracht. Das dortige Curriculum bricht radikal mit akademischen Standards: Bürgersinn wird als die „Unterordnung des Privaten unter das Vaterland“ definiert. Der Staat wird als Katechon gelehrt – als jene biblische Instanz, die das Kommen des globalistischen „Antichristen“ aufhält.

Diese metapolitische Arbeit manifestiert sich auch in der Gründung der „International Sovereigntist League (ISL) Paladins“ im September 2025. Diese internationale neo-faschistische Vereinigung, die unter der Schirmherrschaft der Russisch-Orthodoxen Kirche steht, dient als Plattform für eine „eschatologische Allianz“ gegen „satanische, transhumanistische LGBTQ-Propaganda“. Dugin nutzt diese Strukturen, um seine Philosophie des Todes und des Leidens zu verbreiten: In einer Erklärung vom 12. März 2026 forderte er die totale staatliche Überwachung der russischen Bürger als „unvermeidliche Realität“ und sakralisierte das nationale Leiden als das „schicksalhafte Los“ eines großen Volkes.


Operation Epic Fury: Die Wende im Iran-Krieg

Für Dugin fungieren die geopolitischen Erschütterungen im Nahen Osten des Jahres 2026 als empirischer Beweis seiner Theorie. Die „Operation Epic Fury“ – der US-israelische Schlag gegen den Iran im Februar 2026, bei dem Ayatollah Ali Khamenei getötet wurde – markiert für ihn den Beginn des Dritten Weltkriegs. In seinem programmatischen Aufsatz „Iran: The Last Stand against Baal“ stilisiert Dugin den schiitischen Iran zum letzten Bollwerk der Spiritualität gegen den materialistischen Gott „Baal“ des Westens.

Er fordert eine Allianz zwischen orthodoxen Christen und Schiiten, um die Kräfte des „Dajjal“ (des Antichristen) zurückzuschlagen. In dieser Logik ist die Vernichtung der bestehenden Weltordnung kein Risiko, sondern das angestrebte Ziel der „totalen Befreiung“ des Geistes. Auch Dugins ambivalente Haltung zum Trumpismus 2.0 passt in dieses Bild: Während er Donald Trump als Zerstörer des „globalistischen Sumpfes“ und Urheber eines „Trumpianischen Ragnarök“ feiert, kritisiert er dessen pro-israelische Haltung als „geopolitische Fehlkalkulation“.


Die höhere Wahrheit & der Tod

Die vorliegenden Betrachtungen zeigen, so schreibt Klingenberg (S. 230), dass „Dugin überzeugt davon ist, einer höheren Wahrheit zu dienen, indem er sein Leben erklärtermaßen und absichtlich einem Weg der Zerstörung, … maximaler Zerstörung, widmet. Sokrates soll gesagt haben, dass Menschen nur aus Unkenntnis des Guten böse Taten begehen würden. Dieser Leitsatz hat eine gewisse Tendenz, als Apologie des Übeltäters zu firmieren, man kann ihn jedoch auch anders formulieren: Wie sehr jemand auch davon überzeugt sein mag, der Wahrheit verpflichtet zu sein, seine Intention gibt keinen Aufschluss über die Qualität des Erwirkten seiner Handlungen. Es ist wohl eher so, dass im Maß der zu Zement geronnenen Überzeugtheit von der Richtigkeit der eigenen Haltung sich auch das Zerstörungspotential der daraus sich ergebenden Handlungen steigert.

Der Begriff des okkulten Pfads der linken Hand (»Left hand path«) stammt aus dem hinduistischen Tantrismus, der zwischen dem Vama Marga (Pfad der linken Hand) und dem Dakshina Marga (Pfad der rechten Hand) unterscheidet. Auch verschiedene westliche okkulte Traditionen beziehen sich auf ihn. Etwa Aleister Crowleys (1875-1947) Thelema, verschiedene satanistische Gruppierungen..“ Aber selbst diese folgen keinesfalls nicht wie Dugin der These, nur Leid und Tod, eine Spiritualität aus zersplitterten und „zerstörerischen spirituellen Mustern, eine Ideologie der Erlösung durch Schmerz und Tod“ verspräche „höchste spirituelle Vervollkommnung der Einzelseele“ (Klingenberg, S 230f), ja sogar Ruhm und Unsterblichkeit. Aber die „höhere Wahrheit“ in der Auslegung Dugins hat sogar ihm selbst Leid gebracht, denn seine Tochter, die ihm ideologisch und publizistisch gefolgt war, wurde Opfer eines Anschlags: Darja Dugina, die 29-jährige Tochter des russischen Ultranationalisten Alexander Dugin, wurde am 20. August 2022 bei einem Autobombenanschlag nahe Moskau getötet. Die als Kriegsunterstützerin bekannte Journalistin starb durch einen Sprengsatz. Russland machte die Ukraine verantwortlich, was Kiew zurückwies.


Das Verhängnis der Eigentlichkeit

Klingenberg belegt in seiner Analyse, dass Dugins Ideologie kein Missverstehen Heideggers darlegt, sondern die „unverblümte Explikation seiner extremen politischen Implikationen“. Dugin bestätigt ex negativo die Warnungen von Theodor W. Adorno vor dem „Jargon der Eigentlichkeit“, der Sehnsüchte nach Ursprünglichkeit in politische Waffen verwandelt. Wo Adorno ein „ontologisches Bedürfnis“ sah, das die Freiheit des Einzelnen beendet, vollendet Dugin die Unterwerfung des Menschen unter ein mythisches Ganzes.

Für die offene Gesellschaft bleibt die Erkenntnis, dass Dugin weit mehr ist als ein Einflüsterer im Kreml. Er ist der Architekt einer Weltanschauung, in der die Freiheit des Individuums nur als Störfaktor in einem apokalyptischen Endspiel existiert. In einer Welt, in der die Zerstörung des Seienden zur Bedingung für die Rettung des Seins erklärt wird, wird das Schlachtfeld zum Tempel verklärt – eine Idee, die im Zeitalter nuklearer Waffen zur existenziellen Bedrohung für die Menschheit geworden ist.


Quellen und Verweise_____________________

Monographien und wissenschaftliche Analysen:

** Klingenberg, Paul:** „Russki Mir und Anderer Anfang: Alexander Dugins Heidegger-Rezeption als ontologische Rechtfertigung von Russlands kriegerischem Imperialismus“, Masterarbeit an der Karl-Franzens-Universität Graz, 2022 (veröffentlicht bei Springer VS, 2025).

** Laruelle, Marlène:** „Aleksandr Dugin: A Russian Version of the European Radical Right?“, Kennan Institute, 2006/2021; sowie Analysen des spanischen Verteidigungsministeriums zum Neo-Eurasianismus, 2025.

** Adorno, Theodor W. / Givsan, Hassan:** „Jargon der Eigentlichkeit“ (1964) und „Das Denken der Inhumanität“ (1998); zitiert als philosophische Kontrastfolie zur Dekonstruktion des ontologischen Bedürfnisses.

Guerra, Nicola / BRIQ Journal: „From neo-Eurasianism to Trumpism“, in: Studies in East European Thought, Januar 2026.

Aktuelle Statements und geopolitische Berichterstattung (2025–2026):

** United24 Media:** „Russian Ideologue Alexander Dugin Calls for Total State Control Over Citizens“, 12. März 2026; „Ultranationalist Ideologues Now Teach History in Russia’s Universities“, Februar 2026.

Atlas Institute: „Echoes of Empire: The Hidden Geopolitics, Strategic Drivers, and Endgame Scenarios of the 2026 US-Israel-Iran War“.

** Teixeira da Mota, Pedro / Desk Russie:** „Today Iran, Tomorrow Russia: Stop the civilization of Baal“, März 2026; „How Eschatology Wreaks Havoc in the US and Russia“, 24. März 2026.

** Skeptic.com / Brunel University:** „The Trump Revolution: A New Order of Great Powers“ (Dugin-Analyse zur zweiten Trump-Administration), 2025/2026.

BBC Monitoring / United24 Media: Berichte zur Gründung und Konferenz der „International Sovereigntist League (ISL) Paladins“ in St. Petersburg, September 2025.

** Meduza:** „Alexander Dugin’s plan to remake political science“, Feature zur Ivan-Iljin-Schule, Februar 2025.

Student Anti-Fascist Front (SAF): Dokumentation der studentischen Proteste gegen die Institutionalisierung Dugins an der RSUH, 2024–2025.

Quellenangaben---------------

1. Aleksandr Dugin - Wikipedia, https://en.wikipedia.org/wiki/Aleksandr_Dugin 2. Russian Ideologue Alexander Dugin Calls for Total State Control Over Citizens, https://united24media.com/latest-news/russian-ideologue-alexander-dugin-calls-for-total-state-control-over-citizens-16792 3. Alexander Dugin's plan to remake political science Russia's most notorious Eurasianist is spearheading an initiative to purge higher education of 'Americacentrism' - Meduza, https://meduza.io/en/feature/2025/02/25/alexander-dugin-s-plan-to-remake-political-science 4. Why a Neo-Nazi Gathering Was Held Under the Auspices of the Russian Orthodox Church, https://united24media.com/world/why-a-neo-nazi-gathering-was-held-under-the-auspices-of-the-russian-orthodox-church-14367 5. Echoes of Empire: The Hidden Geopolitics, Strategic Drivers, and Endgame Scenarios of the 2026 US-Israel-Iran War | Atlas Institute for International Affairs, https://atlasinstitute.org/echoes-of-empire-the-hidden-geopolitics-strategic-drivers-and-endgame-scenarios-of-the-2026-us-israel-iran-war/ 6. Alexander Dugin, "Today Iran, Tomorrow Russia". Stop the civilization of Baal. In Geopolitika.ru, https://pedroteixeiradamota.blogspot.com/2026/03/alexander-dugin-today-iran-tomorrow.html 7. How Eschatology Wreaks Havoc in the United States and Russia ..., https://desk-russie.info/2026/03/24/how-eschatology-wreaks-havoc-in-the-united-states-and-russia.html 8. 'Putin's brain' Aleksandr Dugin, the Russian ultra-nationalist who has endorsed Donald Trump | Brunel University of London, https://www.brunel.ac.uk/news-and-events/news/articles/Putin's-brain'-Aleksandr-Dugin-the-Russian-ultra-nationalist-who-has-endorsed-Donald-Trump 9. Aleksandr Dugin, Vladimir Putin, and Donald Trump - Skeptic Magazine, https://www.skeptic.com/article/aleksandr-dugin-vladimir-putin-and-donald-trump/ 10. Neo-Eurasianism in the Kremlin: the influence of Dugin's theory on the foreign policy of Russia (2014 – February 2022) - Ministerio de Defensa, https://www.defensa.gob.es/documents/2073105/2320887/neo_eurasianismo_en_el_kremlin_2025_dieeeo16_eng.pdf/aef00ab0-a3db-04be-7212-8b8858d68b33?t=1741003272412 11. From neo-Eurasianism to Trumpism: Aleksandr Dugin and the making of conservative internationalism - ResearchGate, https://www.researchgate.net/publication/399632121_From_neo-Eurasianism_to_Trumpism_Aleksandr_Dugin_and_the_making_of_conservative_internationalism 12. Russian Strategist Dr. Alexander DUGIN: “The Belt and Road Initiative: A Eurasian Road”, https://briqjournal.com/en/russian-strategist-dr-alexander-dugin-the-belt-and-road-initiative-eurasian-road 13. Briefing: St Petersburg hosts international meeting of 'far-right movements' - BBC Monitoring, https://monitoring.bbc.co.uk/product/b0004nxg 14. Student Anti-Fascist Front - Wikipedia, https://en.wikipedia.org/wiki/Student_Anti-Fascist_Front