Wandelbarkeit

Wolf- Ulrich Klünker („Anthroposophie als Ich- Berührung“) ist immer noch eine Art Meditationsinhalt für unser Blog, ein Anstoss- Geber, ein Fallstrick, ein Stolperstein. Ich muss gestehen, dass mir die übliche Floskel von der „Krankheit als Weg“, die in gewissen anthroposophischen, aber auch sonst sich alternativ verstehenden Bewegungen grassiert, eine Art Übelkeit eingebracht hat. Das krampfhafte Sinngeben von verzweifelten Lebenssituationen hat etwas von einer Krücke. In diesem Fall haben die hämischen Kritiker recht, die in solchen Sinnstiftungen einen verlogenen Beigeschmack sehen, geschaffen für Leute, die sich den Realitäten von Sein und Nichtsein nicht stellen wollen oder können. Schlimmer und derber wird es noch, wenn man auch in anthroposophischen Ärztekreisen auf die Idee kommt, das Leiden zu heroisieren und paliative Maßnahmen zu verdammen. Leiden - insbesondere extreme Schmerzen- als geistvoll zu betrachten, ist ja meist auch etwas, was man bereitwillig Anderen zumutet und dies von ihnen abverlangt. Aber die, die die Lust an Dornenkronen gefunden haben, haben sich vielleicht auch nicht von ihrem ureigenen archaischen Katholizismus lösen können- sie sehen im Leiden eine Vorbedingung für geistiges Wachstum. Das ist natürlich Unsinn, auch wenn so etwas von anthroposophischen Spitzenärzten behauptet wird- man sollte dergleichen dem Opus Dei überlassen.

Klünker spricht auch von Brüchen - aber eben von einem gewissen Prekärwerden der soliden vegetativen leiblich- seelischen Konstitution, das in biografischen Wendepunkten der Ich- Entwicklung entgegen kommen kann. Die Illusion des „Das-bin-ich-so-bin-ich-geworden“, die naive Selbstgewissheit kann durch eintretende äußere Umstände plötzlich ins Wanken geraten. Die Krise kann ein Ansatz zur Neubesinnung, zur Vertiefung und Sicherung des inneren Friedens sein. Es geht eben nicht immer geradeaus, es geht nicht nach unseren Erwartungen, unseren Selbstbildern und unserer Bequemlichkeit. Manchmal ist es im Nachhinein ganz gut, zeitweilig völlig aus der Spur geraten zu sein:

„Die Korrumpierung ist notwendig, damit das menschliche Bewusstsein zu menschlichem Selbstbewusstsein werden kann; Ich- Entwicklung basiert also (..) darauf, dass die bislang entwickelte menschliche Konstitution problematisch wird. Man kann den Eindruck gewinnen, dass sich hier bis in die Tiefen der leiblich- seelischen Organisation hinein der Satz aus den „Mysteriendramen“ einlöst: „Es muss der Mensch durch Irrtum Wahrheit finden.“ „Irrtum“ auf der leiblich- seelischen Ebene kann auch die Problematisierung der mitgebrachten Konstitution bedeuten- diese wird notwendig, damit das Ich im leiblich- seelischen „Irrtum“, in Krankheit, Leid und Verlust sich selbst finden kann.“ Der Umkehrschluss, dass man durch selbstgewählte Isolation, Schmerzen oder anderes Unwohlsein irgendeine Art von geistiger Fortentwicklung erreichen könnte, wäre der Versuch, etwas durch Selbstkasteiung erzwingen zu wollen -ein schädliches und dummes Unternehmen.

Andererseits ist es wohl ebenso ein Trugschluss, dass sich das In-mir-Gegebene, das Mitgebrachte ewig und drei Tage einfach immer weiter entfalten könnte; ich denke, wir kommen da an einen Endpunkt. Auch unsere Begabungen tragen uns nur bis zu einem gewissen Punkt. Der Bruch erfolgt nicht zwangsläufig- das krampfhafte Weiter- Entfalten führt aber in so vielen Fällen - gerade bei vielen Künstlern zu beobachten- in einen Manierismus, in eine Fülle von Selbstzitaten, in einen Starrsinn, der das Zerrbild von Entwicklung darstellt.

Es ist eine der zentralen Übungen, die Krisen zwar durchzufechten, aber nicht in der Verteidigungshaltung zu verharren, nicht nur auf den Bestand unserer Fähigkeit zu bauen, sondern sich immer neu den Zumutungen zu stellen, sie anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Der Mensch besteht vor allem in seiner Wandelbarkeit. Das vor allem ist unsere Beständigkeit als Mensch. Sie muss sich allerdings immer wieder bewähren, denn die Brüche erfolgen meist dort, wo wir es am wenigsten erwarten und wünschen.

Kommentare

  1. Und, was machen wir jetzt? Wir nehmen es wie es kommt und begleiten uns dabei(?) Mal gucken, wie Schicksal sich gebärdet? Kann man mehr machen als sich selbst begleiten und seine Reiseberichte zu verfassen, mit Anmerkungen, vielleicht auch ganz poetisch? Oder wie befreien wir uns aus den Wortgondeln die uns vermeintliche Sicherheit schenken? Vielleicht ziehen wir die Wortgewaltigen an unseren Stricken über den Abgrund, oder wäre das vermessen und noch zu früh?

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  2. "Oder wie befreien wir uns aus den Wortgondeln die uns vermeintliche Sicherheit schenken?" Einfach darauf verzichten? Innere Freiräume schaffen? Die absolute Stille suchen und in sie eintauchen? Alle Erwartungen in der Stille auflösen und nur präsent sein?

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  3. Ein klein wenig Mut, aber woher soll er kommen? Einfach mal ins Erfahrungsnäpfchen treten, mal sehen ob es wirklich weh tut.(?) Mal fragen, ob Du (mein Gegenüber) es auch schon mal versucht hast.(?) Aber selbst auf solche Fragen muss man kommen. Wo wir wieder beim Mut wären (?)

    Einfach nur darauf verzichten auf eine vermeintliche Sicherheit geht wohl nicht, aber ein anderer Umgang damit. Wenn man z.B. wirklich erleben kann, dass Worte lediglich transportieren, ich vermittels Worten transportiere(n)(lasse). Durch eine solche Ansicht, Anschauung ergäben sich bereits grössere innere Freiräume, sie erschaffen sich wie von selbst durch eine solche andere Haltung zu all den "Objekten", die man transportieren möchte, will, muss, kann.

    Die absolute Stille suchen, oder besser aufsuchen oder schaffen. Erwartungen kämen einem dann wie selbsterschaffene Gespenster vor. Bis hin zum Gruselkabinett. Präsent sein und sich dort bemerken. Dann sieht man sich nämlich dabei zu, wie ich Gondeln baue und komme ins nachdenkende Betrachten, in einem Urbeginne...

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  4. Lieber Manroe, "Einfach mal ins Erfahrungsnäpfchen treten"- ja, so wird es wohl sein. Und dann vor allem das Blödeste machen, damit scheitern und seine Erfahrungen dabei machen. Jedesmal denken, man sei schlauer geworden, ist es aber nie. An den Grundproblemen, mit denen man umzugehen hat, ändert auch eine event. "geistige Entwicklung" nichts. Die geistige Entwicklung hängt aber schon davon ab, wie weit man wirklich etwas über sich gelernt hat- einfach weil man sonst nicht frei wird von sich und dem eigenen Ballast. Der Mut besteht vor allem darin, wenigstens etwas von sich frei zu werden und den Dingen so begegnen zu können, wie sie sind.

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  5. "Und dann vor allem das Blödeste machen, damit scheitern und seine Erfahrungen dabei machen." Dem Kind in sich erstmals als "Erwachsener" in die Augen blicken und bemerken, dass man, macht man so weiter zum Verwachsenen mutiert. Allerdings kommt man sich dann reichlich unwissenschaftlich vor, wenn man so nach links und nach rechts schaut und dabei zusehen muss, wie die "Erwachsenen" die Welt zurechtzimmern. Selbst die im Körper eines Kindes, also unsere Kinder, kommen mir erheblich "wissenschaftlicher" vor in dem was und wie sie es tun, als unsere anerkannten "Erwachsenen".
    UM nämlich: "...den Dingen so begegnen zu können, wie sie sind."

    Ich danke Dir für diesen Austausch :) -- und irgendwie muss der Klünker ja auch sein Geld verdienen oder das, wofür er sein Geld bekommt. Wenn bloss das Geld nicht wäre, oder besser das, was man dadurch mit/aus sich machen lässt. "Kinderträume" von einer besseren Welt...
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    Ich würde gern mal hier auf Deinem blog mit der Frage darüber ins Gespräch kommen, was "Wissen" so für einen ist und wie man damit umgeht, insbesondere der Verdauungsvorgang, denn so als "Kind" kann man sich damit ziemlich allein vorkommen. Und dann vielleicht noch mit Blick auf den Unterschied von Information und/zu(m) Wissen.
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    Bin ich hier überhaupt schon richtig, weil doch dieser Beitrag hier zweigleisig läuft?

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  6. wahrscheinlich empfindet man sich selbst als "kindlich", weil man sich als nicht "fertig" empfindet. Die Anderen, glaubt man, sind irgendwie in ihrem Gleis, aber man selbst weiss nicht, wo man mit sich hin soll. Die Anderen, glaubt man, haben Antworten, wo man selbst nicht einmal klare Fragen hat. Die Anderen referieren sicher und selbstgewiss Ansichten. Es dauert seine Zeit, bis man weiss, dass das Feste und Sichere auch eine Art Verzweiflung ist, ein Festhalten, ein Klammern. Man kann durchaus fragend durchs Leben gehen, und dennoch sein Leben gestaltend leben. Die offene, fragende Haltung kann eine Form von Stärke sein. Man biemerkt erstaunt, dass auch die Anderen das an einem bestimmten Punkt so sehen. Man muss es nur durch tragen. Man darf dem Leben vertrauen, dass es einem die richtigen Fragen zur richtigen Zeit zukommen lässt und dass man daran wächst.

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  7. Sonntag Abend ging ich allein (bedingt durch morgendlichen Auftritt) zu einem von einer kath.Gemeinde organisierten Weihnachtskonzert um die Geburt Jesus zu feiern: Tanz der Derwische.
    Das zum Thema Wandlung, da geschieht schon was.
    PS: wenn manroe gerne einen schwarzen Vogel hätte, für mich wär das ok.

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