Die Macht und der Zweifel

Selbstbewusstseinsseele“ nannte Georg Kühlewind den dominanten Aspekt menschlicher Binnenkultur- eine janusköpfige innere Struktur. Der Zwiespalt entsteht dadurch, dass der bewusste Zeitgenosse ohne weiteres auf sich selbst- auf das „Gewordene“ in ihm- seine Gestimmtheiten, seine Determinationen, seine seelischen Strukturen schauen kann. Psychologie, Soziologie, Hirnforschung und Medizin tragen dazu bei, dass der Blick schärfer und unbestechlicher wird. Was aber nicht immer bemerkt wird, ist, dass sich dabei eine unabhängige Instanz, der „innere Zeuge“ heraus bildet - eben der, der der Schauende ist. Die objektive Instanz in uns besteht nur in der Gegenwärtigkeit, im Akt des Schauens. Es ist ein nicht greifbares Ich, das nur in Tätigkeit, in Aktivität, in innerer Souveränität präsent ist- man kann es nicht umreissen, nicht beschreiben, nicht definieren. Genau diese Gegenwärtigkeit, die Zeugenschaft, ist das Tor zum spirituellen Erleben. Der Zeuge ist das sich selbst vergegenwärtigende Geistige im Menschen.

Gleichzeitig bestehen archaische seelische Strukturen im Menschen fort. Die von Rudolf Steiner so genannte Empfindungsseele ist noch gänzlich ungebrochen. Hier erlebt sich der Mensch noch in einer Naivität des Nicht- Hinterfragbaren. Der Despot, der in seinen Augen das natürliche Recht darauf hat, sich auszuleben und keinen Widerspruch duldet, ist so ein Typus. Er sieht sich als Mittelpunkt der Welt- zumindest als der Mittelpunkt seiner eigenen kleinen Umwelt. Ob er nun lediglich Familien oder ganze Landstriche terrorisiert, bleibt sekundär. Sein Recht auf die Rolle wird nicht hinterfragt und schon gar nicht in Zweifel gezogen. Dieser Despot wird eher seine kleine Welt in den Abgrund reissen als zulassen, dass seine Rolle unterminiert wird.

Die Verstandesseele ist eine weitere archaische Positionierung. Diese Struktur macht sich aus Vernunftgründen das untertan, was ihr zur Verfügung steht. Sie wird getrieben vom Machbaren. Andererseits braucht diese Struktur den Erfolg, den Fortschritt, die Überwindung als Lebenselixier. Sie lebt nicht fraglos aus sich selbst heraus, sondern lehnt sich stets an etwas an. Dass dabei ganze Lebensräume zerstört werden, interessiert die Anhänger des Machbaren nicht. Natürlich entspringen dieser seelischen Struktur auch andere Aspekte; sie fühlt sich auch in kulturellen Erzeugnissen, sie geht im Sprachklang auf und kann sich an der eigenen Intelligenz delektieren. Sie braucht etwas, an das sie anstösst; sie erlebt sich daran. Die von ihr verfolgte Struktur hat daher eine existentielle Dimension; sie ist getrieben von der Selbstverwirklichung. Unter diesen Maximen lauert ein unbestimmtes Grauen, ein Nichts, das nicht hinnehmbar ist.

Die Selbstbewusstseinsseele dagegen hat, nach all den Zweifeln, der Selbsthinterfragung, der Fragmentierung, der existentialistischen Krise, der Hinterfragung der sozialen, gesellschaftlichen und geschlechtlichen Rollen, das Zeug dazu, ohne an etwas anzulehnen, ohne Zweckdienlichkeit und Despotie, aus sich heraus zu bestehen. Denn der „Zeuge“ ist der Beginn geistiger Autonomie- eine Chance und Möglichkeit. Er kann aus der Rolle des Betrachters heraus treten und lebendig, flexibel und ohne Ängste vor Neuem, frei von Rollen und Definitionen sozial und gesellschaftlich gestalten. Er tut dies in Gelassenheit und mit Umsicht. Er kann die Intentionen Anderer wahrnehmen und berücksichtigen, denn sein Lebenselixier ist die empathische Grundhaltung. Daher ist die Zeit der Selbstbewusstseinsseele eine Zeit des Umbruchs. Alte Werte verdämmern und verschwinden- aber zugleich beginnt die Möglichkeit der Gestaltung aus innerer Verantwortung heraus.

Alle genannten Strukturen existieren nebeneinander im zeitgenössischen Individuum, in der globalisierten und medienorientierten Weltkultur zunehmend unabhängig von Status, Geschlecht und nationaler Zugehörigkeit. Zugleich entstehen dabei Ängste und Gegenbewegungen, die völlig archaische Strukturen wieder an die Oberfläche spülen. Die Despoten greifen weltweit wieder nach den Rudern- aber auch in uns selbst. Autonomie ist nichts Gegebenes, weder im individuellen noch im gesellschaftlichen Rahmen.

Kommentare

  1. Der hochsensible unzerrührbare Zeuge, wenngleich ihn alles berührt, wie die Membran in einem hochwertigen Mikrofon. Der echte und wahre Mittelpunkt, der keinen Raum beansprucht, aber sehr präzise seine/die entsprechenden "Platzkarten" zuzuordnen weiß. Der Zeuge. Der Be-Herrscher beider Räume, der klare Berater, den es zu fragen gilt: "Was siehst Du?"

    Ja, der Zeuge ist die Exkarnation der Um-Sicht, der Leuchtturm und Wärter zugleich.

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  2. Ja, das tut gut, knapp und gut und nahrhaft. Prima. Danke.

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  3. Lieber Michael,
    Wie gut es sich hier atmet!

    Lieber Steffen,
    ich habe mich nach dieser Aufarbeitungszeit entschieden die 1. Geige zurückzupfeifen und mit der Perlensuche fortzufahren, womöglich bei moderneren Ansätzen, die sich auf den alten Schatz beziehen und diesen weiter entwickeln.
    Ich danke Dir für Deine herzlichen und reflektierenden Worte und den Literaturhinweis.

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  4. Liebe ZuL, über das Giftkorn bei Steiner kommt man nicht hinweg und man kommt daran nicht vorbei. Es ist, genau betrachtet, ja nicht nur ein Körnchen, denn die Weiterentwicklung von "Menschheitsstufen" im Sinne einer Teleologie - einer Gottwerdung des Menschen- ist zentral in Steiners Denken. Er hat den Tatbestand einer bestimmten Emanzipation des Menschen sicher richtig beschrieben, aber seine Zuschreibungen zu Menschen, Ländern, Kulturen sind fragwürdig. Steiners Blick war immer mitteleuropäisch verstellt. Dieser ganze Blick ist nach 1945 und im Angesicht einer tatsächlichen Globalisierung mindestens überholt- wahrscheinlich aber im Kern nicht akzeptabel. Man muss sehen, wie man damit umgeht. Ich finde es ja gar nicht verkehrt, einen kritischen Blick auf Steiner zu wahren, auch wenn man ihm viel verdankt. Heute ist man, wenn man vernünftig ist, ja nicht mehr in einem "Schülerverhältnis".

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  5. Ja, sehr interessant der Text und ich habe mir das Buch nun endlich bestellt ;-)

    Liebe Lady ZuL, ich habe DIR zu danken!!
    Und wenn Du willst - auch ich bin offen für einen gelegentlichen, persönlichen E-mail-Austausch (adresse könntest Du sicherlich über Michael bekommen), habe da keine Berührungsängste (sonst auch über Facebook :-)

    LG

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  6. Lieber Steffen,
    ich habe in der Zwischenzeit mein Verhältnis zu Steiner so ziemlich klar für mich. Die Flensburger-Hefte zum Thema Rassismus werde ich an „wahre Geistesschüler“ weitergeben, weil mir die Gespräche darüber auf die Dauer einfach zu mühselig sind. Ich möchte mich lieber angenehmeren Dingen zuwenden.
    Danke für e-mail Angebot.

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  7. Lieber Burghard,
    schau Dich mal um hier, lauter feine Sachen auf dem runden Tisch (Artikel v.Michael)! Zumindest schmecken sie mir, ob sie Dir behagen, weiß ich nicht, in manchen Dingen haben wir ja bereits unterschiedliche Geschmäcker festgestellt.
    Du schreibst: „Wille ist dasjenige, das die große Wandlung „macht“ und eben als das, nicht durchmacht. Das Ich, in Selbstbewegung aus seiner freien Willenskraft, ist es, das, indem es in Empfindungs-Verstandes u.Selbstbewusstseinsseele, „eindringt“ und durchwandelnd sie durchdringt,umwandelt.“
    Wie kann der Wille einer (noch archaisch-bedingten) Empfindungs- und Verstandesseele von gleicher Qualität sein, wie der Wille einer Selbstbewusstseinsseele?
    Ist der Wille, der in Besitz nimmt und sich aneignet, derselbe Wille, der nicht in Besitz nimmt, sich nicht aneignet oder anlehnt ?
    Ganz konkret, wo ist Wille, wenn ich ihn nicht spüre? Wo ist die Selbstbewegung des Ichs aus seiner freien Willenskraft in Krisenzeiten?
    Wie dringt Dein Ich in die Selbstbewusstseinsseele ein und gelangt dadurch zu empfindendem Erkennen? Bitte gib mir praktische Antworten, konkrete Beispiele aus der Alltagssituation, um nicht theoretisch zu kreisen, sondern um Gesagtes dem Tatsachenstrom des Lebens eingliedern zu können.

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  8. Hallo ZuL,

    Aber sicher behagt mir Michaels Artikel. In dem Sinne, dass der Text in mir Anklang findet. Dadurch findet, dass er, indem ich ihn lese, von sich aus in mir Bereitschaft weckt.

    So eine Bereitschaft, die einen, dem Text zugehörigen, Klangraum eröffnet, in dem er auf einen, ebenso wiederum ihm zugehörigen, Resonanzboden trifft.

    Ob ich Deine hier anklingenden Fragen, derzeit in einen, solchen Fragen zugehörigen, Klangraum hinein schwingen will, indem sie ebenso Anklang finden, wie der Text von Michael, das ist mir, hier, nicht die Frage.

    Denn, eigentlich sehr gerne! Jedoch, noch wogende See bezeugt Windstärke 8-1o. Das ist meiner Erfahrung nach das Lieblingswetter so mancher Klabautermänner und deren Treibholz.

    Und das sage ich ohne Stolz, ich bin ich nicht gewillt, für das, was quer einsteigt und so Klangraum vergeigt, Wille zu wenden.

    ZuL., Du schreibst: „Ganz konkret, wo ist Wille, wenn ich ihn nicht spüre?“ Nun, dass „Du“ Willen nicht spürst, das wäre lediglich DER Fall, indem Du aber auch wirklich rein gar nichts spürst.

    Das ist aber nicht DEIN Fall. Da es ein Fall in Ohnmacht wäre. Also spürst Du! Deiner Aussage nach jedoch nicht Willen.

    Aber doch, ZuL, "das" Spüren selbst, das ist, in DEINEM Fall, Willenstätigkeit. Es ist das Wesen des Willens, sich in dem, „was“ er tut, zu verhüllen, aber indem, „das“ er es tut und „wie“ er es tut, zu offenbaren. „Wie“ und damit auch zugleich noch welcher Wille, das, so Du das auch willst, wäre weiterhin in Dir zu bewegen.

    Mit schönem Gruß, Burghard

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  9. Lieber Burghard,
    wie Du vielleicht schon weißt, haben wir gerade einen Alien-Angriff hier im blog. Einer der Späher (Steffen) hat ihn gleich gerochen, Michael hat ihn hinausbefördert oder besser gesagt, er hat ihm einen Spielraum zugewiesen. Den nützt er nun auf seine Art.
    Diese Klangräume, die sagen mir nichts.

    Das Spüren selbst, sagst Du, ist Willenstätigkeit. Das trifft auf Resonanzboden, denn es klärt sich für mich sofort, dass die Tatsache zu leben – ja Ausdruck des Willens ist. Das so zu hören schafft etwas Beruhigendes.
    Nun gibt es Zeiten, in denen das Denken und der Wille stark und gut synchronisiert sind und daher vieles be-wegen, oder wie Du sagst offenbaren. Dann gibt es Momente, in denen Denken und Wille sich so fremd zu sein scheinen, ohne dass ich wüsste woher die Entfremdung zustande kam. Diese zwei Phasen kenne ich in Abwechslung. Übergang? Wo ist der Übergang und was geschieht da?
    Es ist wie die Überschrift: Macht und Zweifel
    Ich habe vor kurzem einen Vortrag über den Doppelgänger gehört und war sehr beeindruckt davon. Ich glaube man muss die Existenz des Doppelgängers bei allen Überlegungen mit einbeziehen. Ich glaube, er ist auch derjenige, der bei den Übergängen entscheidend mit -beteiligt ist.
    Überhaupt - immer mit dabei ist.

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