Das ausgelöschte Licht

"Woher stammt dieses Begriffsnetz eigentlich? Wir können es uns am besten dadurch klarmachen, wenn wir uns das Bild eines Schattens, der an die Wand geworfen wird, vorstellen. Wenn Sie sehen, dass die Hand ein Schattenbild an die Wand wirft, so werden Sie sagen: Wenn die Hand nicht da wäre, so würde auch das Schattenbild nicht entstehen. Das Schattenbild ist seinem Urbilde ähnlich, aber es hat eine besondere Eigentümlichkeit, es ist eigentlich – nichts. Denn gerade weil die Hand das Licht abhält, dadurch, dass an die Stelle des Lichtes das Nicht-Licht tritt, dadurch entsteht das Schattenbild. Also durch Auslöschung des Lichtes durch die Hand entsteht das Schattenbild.


Genau ebenso entstehen unsere Begriffe in Wirklichkeit. Wir meinen nur, dass wir sie aus uns heraus spinnen. Sie entstehen dadurch, dass hinter unserer denkenden Seele die übersinnliche Wirklichkeit steht und auf diese Seele ihre Schattenbilder wirft. Und der Begriff ist eigentlich nichts anderes als das Auslöschen der übersinnlichen Wirklichkeit auf der Wand unserer Seele."

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Rudolf Steiner, GA 108, Seite 240f

Kommentare

  1. Platons höhlengleichnis neu erzählt - oder passend: beleuchtet.
    So wie der schatten von uns bewegt wird, können wir jetzt die begriffe bewegen - erst mit anderen begriffen, um sich dann in das gesagte einzuleben, und dann zu erleben.
    Gute nacht (00:24)
    JC

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  2. Höhlengleichnis: http://www.thur.de/philo/philo5.htm

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  3. Seeeeehr schönes Zitat, danke, Michael!

    "So wie der schatten von uns bewegt wird, können wir jetzt die begriffe bewegen" ---
    Oder wir können uns umwenden und versuchen, zu erkennen, was diesen Schatten wirft... eine gefährliche Sache, wie Sokrates sehr gut weiß.
    Der vollständige Text findet sich hier.

    Herzlichen Gruß,
    Ingrid

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  4. „Es gibt eine Verpflichtung: Wenn man noch so
    hoch eingeweiht wäre, wenn man noch so hoch schauen könnte, aber das Geschaute nicht mit Begriffen durchdringen könnte, so würde man doch nichts davon haben. Der Mensch soll nicht bloß beim Schauen stehenbleiben, sondern er soll alles umgießen in Begriffe, die dem physischen Leben entnommen sind.“

    GA 108 – Rudolf Steiner

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  5. … die veräußerlichten Begriffe erzeugen wiederum eine Resonanz in unseren Seelenräumen und führen dadurch wieder zurück in ihre übersinnliche Wirklichkeit. Begriff und übersinnliche Wirklichkeit sind prozesshaft in Wechselwirkung.

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  6. Das Ganze soll ja nur darauf verweisen, daß wir, nachdem wir Begriffe geschaffen und geformt haben, als Hilfe etc. nicht ihnen selbst uns verschreiben und lediglich mit ihnen und durch sie arbeiten, weil wir sonst wirklich die kreative Instanz, also wir selbst uns aus den "Augen" verlieren. Schon allein deshalb nicht den Begriffen sich verschreiben, weil wir dann mit Sicherheit niemals das "Land der Freiheit" betreten können. In des Begriffes Landen da lebt nichts, wenngleich sie uns, die Begriffe, leiten können und sollen.

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