Der Zeuge, der schwamm


Liebe Frau-vom-Berge,

der Text, den Du gelesen hast, ist schon älter. Du hast recht, und es ist wichtig: Bei mir wird der Begriff des Zeugen tatsächlich zweiseitig oder widersprüchlich verwendet, je nach Alter des Textes. Das, was buddhistisch darunter zu verstehen ist, ist mir erst nach und nach aufgegangen. Als ich den Begriff in dieser Bedeutung noch nicht kannte, verwendete ich ihn als einen Aspekt der Bewusstseinsseele: Das intellektuelle Herausgehen- Können aus dem So-Sein, was ein Betrachten auch unserer seelischen Gestimmtheiten ermöglicht. Das ist erst der Vorhof einer spirituellen Dimension. Es ist die Fähigkeit zum Psychologisieren, ein Betrachter all dessen, was sinnlich und nichtsinnlich (Gefühle, Strukturen, Prozesse, soziale Entwicklungen) vor ihm erscheint. Intellektualismus ist in dieser Hinsicht bereits eine Form der Zeugenschaft: Der Zeuge, der betrachtet, ist bereits nicht mehr ganz involviert ins sinnliche und nichtsinnliche Sein.

Der andere Zeuge ist, wie Du ja auch schreibst, ohne Urteil. Er weiß von sich, auch von seiner Positioniertheit: Er fühlt sich im ruhenden Strom des Lebens. Man kann das nicht anders als widersprüchlich ausdrücken. Man könnte auch sagen: Er ruht im fühlenden Strom. Dieser Zeuge ist nicht mehr das punktuelle Licht, das sich kritisch erhebt, sondern er findet sich wieder im Erkennen, im Schaffenden, das immer "hell" und transparent ist. Er erlebt sich räumlich, mit aufgestellten Segeln und nicht fixiert auf eine Mitte. Das Denken -Bewusstsein- ist hier "Leben" geworden- reine Energie, reiner Wille. Aber nicht der Wille, der etwas will und nicht der Wille, der wie das Wünschen in einem Inneren entspringt; es ist mehr ein Wille, an dem man teil hat. Der Zeuge ist nicht mehr fixiert auf einen Bewusstseinspunkt, sondern fühlt sich auch, wenn Alles losgelassen ist.

Wenn ich die beiden Zeugen vergleichen soll, würde ich sagen: der erste steht am Ufer und schaut auf das Meer. Der zweite steigt ins Wasser und schwimmt nicht nur, sondern löst sich wie in silbernen Kügelchen darin auf, ohne sich dabei einen einzigen Augenblick an zu verlieren. Bewusstsein kann auch peripher sein, auch wenn sich das Alltagsdenken das nicht vorstellen kann. Es ist ja auch peripher, im Schlaf und in unseren unbewussten Momenten während des Wachbewusstseins. Das weiß aber erst der Zeuge, der schwimmt.

Kommentare

  1. Ich bin nicht die Frau vom Berge, sondern ich halte mich da auf, wo es Wasser gibt und wo es warm ist. See oder Meer, seltener am Fluss. Ich schwimme, mehr unter Wasser, als ober Wasser. Es gibt für mich nichts Schöneres als Wasser und mich darin zu bewegen. Ich schwimme, wie der Delphin, der im Juli hier war.... und bin deshalb selten auf dem Berg.

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