Die alltägliche Verlorenheit

"Am einen Ende des Kontinuums, fast als eine "Vorstufe" zum Gewahrsein, ist der Aspekt, der oft als waches Schlafen beschrieben wird. Das ist der Zustand, in dem wir die meiste Zeit über leben, obwohl wir uns dessen nicht bewusst sein, wie tief wir eigentlich schlafen. Das stärkste Kennzeichen dieses Zustands des wachen Schlafens ist unsere Identifikation, unser Verlorensein, in buchstäblich allem - unseren Gedanken, Wünschen, Emotionen, Aktivitäten, usw. Im Besonderen sind wir fast immer von unseren Gedanken abhängig und halten unsere Gedanken und Meinungen für "Die Wahrheit". Zudem können wir kaum unsere Gefühle kontrollieren; in der Tat lieben wir es, uns darin zu verlieren. Am schwersten wiegt aber wohl, dass wir noch nicht einmal für einige Sekunden im gegenwärtigen Augenblick verweilen können. In Wirklichkeit ist das der Ort, vor dem wir am ehesten flüchten. Deshalb wissen wir kaum, wer wir sind und was wir tun - und wenn, dann nur in einer sehr engen und befangenen Wahrnehmung unserer selbst. Darin gibt es keine Präsenz oder Klarheit: In gewisser Weise leben wir vor allem als Schlafwandelnde."

Ezra Bayda, Zen Herz, Freiburg 2011, S 116

Kommentare

  1. Eine ausgesprochen treffende Beschreibung!

    anonym1

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  2. "Im Besonderen sind wir fast immer von unseren Gedanken abhängig und halten unsere Gedanken und Meinungen für "Die Wahrheit".

    Auch wenn das banal klingen mag: Ich glaube, dass man mit dem mental-intellektuellen Verteidigen der "Wahrheit", unbewusst einer radikalen und notwendigen Auseinandersetzung mit der Unwahrheit im eigenen Inneren ausweicht.

    (Nebenbei: E.Baydas Lehrerin, Charlotte Joko Beck, ist vor einigen Monaten verstorben, ihre Bücher (2-3) kann ich auch sehr empfehlen (ähnlich wie E.B.))

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  3. Vielleicht ist es etwas fairer uns selbst gegenüber, nicht von "Unwahrheit" zu sprechen, sondern von "Wunde".

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  4. Lieber Michael, ich glaube unsere Wunde oder unser Schmerz (über das Getrenntsein) liegt tiefer als unsere innere Unwahrheit. Der Begriff "Wunde" impliziert allerdings etwas, was einem (sozusagen von außen und früher) "zugefügt" wurde, während ich für meine Unwahrheit allein vollständig verantwortlich bin, jetzt und jeden Tag neu. Insofern ist meine eigene Unwahrheit oder Unwahrhaftigkeit greifbarer, erlebbarer.

    Ein Autor, den ich sehr schätze, A.H. Almaas, sagte einmal, dass fast jeder erwachsene Mensch eine gewisse Meisterschaft im sich-selbst-belügen ausgebildet hätte.

    In diesem Zusammenhang hat mich auch immer Scaligeros Aussage beeindruckt: "Weise ist es, die Entdeckung zu machen, dass man den Geist nicht wahrhaft liebt" (Das Licht, S. 92)

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  5. Lieber Rainer,

    ich würde Dir zustimmen - wenn wir nicht im allgemeinen mit dem Begriff "Unwahrheit" etwas Schuldhaftes assoziieren würden.

    Lieber Michael,

    ich würde Dir zustimmen, wenn wir nicht, wie Rainer ja auch sagt, unter dem Begriff "Wunde" im allgemeinen etwas "von außen Zugefügtes" verstehen würden - wodurch auch wieder die Schuldfrage auftaucht, nur ist halt hier nicht man selber, sondern jemand anders "schuld".

    Gerade deshalb gefällt es mir so gut, daß E.B. vom "wachen Schlafen" spricht.
    :-) Sozusagen: wer schläft, sündigt nicht...

    Dennoch wäre es wohl an der Zeit, endlich aufzuwachen.

    Herzlichen Gruß,
    Ingrid

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  6. Ja, das stimmt natürlich, dass wir das Konstrukt, das wir sind (und das auf so tönernen Füßen steht) aktiv erschaffen und aufrecht erhalten. Verantwortlich ist man auch, selbstverständlich. Aber es sind auch Zwänge dabei (vor allem die Angst, in *Nichts* zu zerfallen) und Vieles bleibt zunächst völlig unbewusst. Z.B. denke ich, dass wir unser Ich-Konstrukt mit inszenierten Konflikten, aber auch mit unserer Art der Nahrungsaufnahme konstituieren und fortführen. So nimmt z.B. der Zuckerkonsum stetig zu. Man "pusht" sich, wobei der Übergang von Alltagsanreizen (Fett, Zucker, Nikotin, Koffein) zu einer Gesellschaft, die sich flächendeckend mit Drogen anregt, fliessend ist. Aber es müssen natürlich nicht chemische Mittel sein; unbewusst bleibt es doch.

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  7. Ich zitier ja nicht gerne, --- GA 26 S 67/68
    aber um aus diesem Schlamassel sich erheben zu können -- immer mehr sich trauen, in sich selber lesen zu lernen. Der Wächter hierzu, der einem die Karte locht, ist die neu oder frisch (wieder) entdeckte Subjektivität, der Mut zur Sobjektivität, da bekommen wir dann schon inneren Beistand, um dann immer mehr selbst sehen zu können. Das Folgende, Weitere ist dann ziemlich selbsterklärend, weil "michaelischer Mut" dann mit mir geht. Und auf einmal beginnen wir dann uns den Schlaf aus den Augen zu reiben und zu erwachen, weil wir selber sehen.

    "Aber es kann in die Anschauung des äußeren
    Materiellen das Erleben des Geistigen und damit die geistige Anschauung in neuer Art wieder einziehen. Was im Zeichen des Materialismus an Naturerkenntnis gewonnen worden ist, kann in geistgemäßer Art im inneren Seelenleben erfaßt
    werden.

    Michael, der «von oben» gesprochen hat, kann «aus dem Innern», wo er seinen neuen Wohnsitz aufschlagen wird, gehört werden. Mehr imaginativ gesprochen, kann dies so ausgedrückt werden: Das Sonnenhafte, das der Mensch durch lange Zeiten nur aus dem Kosmos in sich aufnahm, wird im Innern der Seele leuchtend werden. Der Mensch wird von einer «innern Sonne» sprechen lernen.

    Er wird sich deshalb in seinem Leben zwischen Geburt und Tod nicht weniger als Erdenwesen wissen; aber er wird das auf der Erde wandelnde eigene Wesen als sonnengeführt erkennen.

    Er wird als Wahrheit empfinden lernen, daß ihn im Innern eine Wesenheit in ein Licht stellt, das zwar auf das Erdendasein leuchtet, aber nicht in diesem entzündet wird. Im Anbruche des Michael-Zeitalters mag es noch scheinen, als ob dies alles der Menschheit recht ferne liegen könne; doch es ist «im Geiste» nahe; es muß nur
    «gesehen» werden.

    Von dieser Tatsache, daß die Ideen des
    Menschen nicht nur «denkend» bleiben, sondern im Denken «sehend» werden, hängt unermeßlich viel ab.

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  8. Lieber Rainer,


    „Ein Autor, den ich sehr schätze, A.H. Almaas, sagte einmal, dass fast jeder erwachsene Mensch eine gewisse Meisterschaft im sich-selbst-belügen ausgebildet hätte…“

    hier zwei „passende“ gedichte…:):):)

    Willst du klug durchs Leben wandern,
    prüfe andre, doch auch dich!
    Jeder täuscht gar gern den andern,
    doch am liebsten jeder sich.
    Friedrich Bodenstedt


    Das Leben ist schwer, das will Bedacht.
    Vor dir besonders nimm dich in acht.
    Friedrich Th. Vischer

    Herzlichst Belinda

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  9. Liebe Ingrid,
    mag sein, dass viele Menschen den Begriff der "Schuld" mit dem der Unwahrheit/Lüge verbinden, im Rahmen einer solchen Online-Diskussion wie hier, würde mir das aber auch zu weit gehen (etwas allzu sehr belastet und theologisch überfrachtet, der Begriff, wo soll man da anfangen?...).
    (Es gibt allerdings ein interessantes und lesenswertes Flensburger Heft zum Thema "Schuld").

    Liebe Belinda,

    das ist nett, die Gedichte kannte ich noch nicht, sehr treffend. Herzliche Grüße

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