THE ACCEPTANCE PRAYER von Rudolf Steiner (Translated by Tom Mellett)

Diese wunderbare, in eine lyrische Form gesetzte (und auch so klingende) Übersetzung von Tom Mellett (hier im Blog schon einmal vor Jahren erwähnt) ist deshalb für deutsch- sprachige Interessierte zu empfehlen, weil man es im anderen Sprach- Kleid noch einmal ganz anders, frisch und unbefangen liest. Vielleicht erlebt man das erste Betroffen- Sein, das beim ersten Lesen aufgetreten sein mag, noch einmal neu. Bei mir war das vor über 30 Jahren.

Es geht um die vielleicht schwerste Klippe, vor der jeder Mensch irgendwann steht, der völligen Akzeptanz des Faktischen, zu dem Verlust, Trauer, Krankheit, Tod gehören- aber auch eine weiche Willenskraft, die das Schicksal (das Leben, den Augenblick) aufmerksam, aber souverän annimmt, wie es ist. Leicht gesagt, mögen Sie sagen. So ist es. Das ist eben der Punkt, dass man erst weiß, ob man sich etwas vormacht oder nicht, wenn man an einer Klippe der Faktizität steht. Dem meditativen Leben, wenn es sich denn bewähren muss, kann die warme Luft der Selbstbeglückung schnell entweichen - ob man Luftblasen pflegte oder wirklich im Leben steht, muss man gelegentlich schmerzhaft neu justieren.

Aber es ist nicht nur das. Ich weiß nicht, wo genau das Fanal lag- wann die industriell organisierte Vernichtung von Menschen und Gruppierungen, Intellektuellen, Juden, Religionen, Volksgruppen genau begann. Das war schließlich die Idee von Philipp dem Schönen, vor 700 Jahren, den Staat durch Münzschwindel, Vertreibung und Ermordung von Juden, aber auch die Vernichtung der Templer finanzieren zu können.

Der Staatsterrorismus war schon in der Geburtsstunde staatlicher Gebilde als Grundstock funktional.  Heute- nach dem Unfassbaren an Produktivität, Effektivität und Systematik des Massenmords im Dritten Reiches, im Stalinismus, nähern wir uns den Vorformen eines Terrors, der kein Stein auf dem anderen lassen wird. So etwas wie IS agiert taktisch klug, medial wirksam und gleichzeitig derartig viehisch, dass ganze staatliche Systeme - Syrien- Irak- Libyen- in den Strudel der Selbstauflösung treiben. Die Massenfluchten sind nur zu verständlich- und womöglich auch vom IS gewollt, als Kalkül. Die Fliehenden kommen nach Europa um der Sicherheit willen, eine Familie zu ernähren, ein Leben nicht nur von der Hand in den Mund zu führen- ein menschenwürdiges Leben mit Perspektive zu finden.

Aber der Terror einer offenbar ansteckenden wirren Ideologie ermöglicht es, dass Zeiten kommen werden, in denen jeder jederzeit überall betroffen sein kann- ein Leben im Angesicht des puren Mordwillens. Das Leben in dieser Ungewissheit ist das Thema von Steiner:

"It’s something that we have to learn/ 
in this modern age:/ 
To live in pure reliance,/ 
even while doubting our very existence."

Dass das so ist - dass viele gerade junge Menschen einer Ideologie so vollkommen verfallen, dass sie, wie Anders Breivik- als sich "rein" empfindender "Tempelritter" fühlt, der 25000 Sozialdemokraten und Demokraten auf seiner Killer- Liste hatte, aber dessen denkbar größte Sorge in einer neuen Playstation für seine Zelle besteht, sehen wir immer mehr Menschen, die von einer Idee regelrecht besessen zu sein scheinen. Die mich sehr schockierende Betrachtung von Klaus Theleweit (s.u.) arbeitet die sexuelle -phallische- Note im Töten heraus.

Die asymmetrische Kriegsführung - vor allem der "Reinen", der Islamisten, der "Tempelritter", der Ultrarechten, der religiös und ideologisch Verblendeten - wird vermutlich zum globalen Standard werden. Wir oder unsere Nachfahren werden damit rechnen müssen. Klaus Theleweit stellt diese Menschen in Das Lachen der Täter vor- etwa den grinsenden Anders Breivik, als er auf der Insel seine jungen, sozialdemokratischen Opfer avisierte. In Bezug auf Kindersoldaten wird das Brechen der Persönlichkeit von 10jährigen geschildert, die nicht nur technisch im Töten geschult werden, sondern bis zu einer Art dunkler Initiation geführt werden. Breivik erscheint ähnlich entmenschlicht. Die Räume, in denen wir uns öffentlich bewegen, werden somit allesamt zur Gefahrenzone. Die "negative Initiation" wird konkret so lange durch das Abschlachten unbewaffneter Gefangener "gelehrt", bis diese Freude, die Kinder zu lustvollen Maschinen gemacht hat, überall eingesickert sein werden wird. Unsere Wohlstands- Enklaven werden wohl immer wieder zu Tatorten werden, die dem restlosen Zerstörungswillen wenig entgegen setzen können.

Es wird nicht viel anderes bleiben, als in Mut, Glaube, Humanismus zu bestehen - in einem Zustand, in dem nichts mehr sicher scheint.

Whatever comes my way,
whether within the hour or the day,
even if I don’t know what it is,
I know I cannot change it through my fear.

Yet I welcome it
with the most perfect inner stillness of soul
resting on an utter calm sea of emotion.
Through fear and dread our development is stunted.

So we decline the future waves of fear and dread
that seek to drown our souls.

The devotion to what we call
divine wisdom in our experiences;
the certainty that,
come what may,
and come what must,
and even not knowing in what direction
the good effects will flow ---
the evocation of this mood
in words, in impressions, in ideas ---

THIS is the mood of the acceptance prayer.

It’s something that we have to learn
in this modern age:
To live in pure reliance,
even while doubting our very existence.

To keep on trusting in
the ever-growing presence
of the world of spirit helping us.

How could it be otherwise
if our courage is not to fail
today?

If we would only take our will in hand,
and seek our inner awakening
every single morning
and every single evening. 

______
(überarbeitet)

Kommentare

  1. Lieber Michael, vielen Dank für diesen Text!

    Ich erinnere mich, daß wir schon vor Jahren über das sogenannte „Ergebenheitsgebet“ gesprochen (bzw geschrieben) haben… es handelt sich dabei um eine nachträgliche Zusammenstellung von Vortragstexten Rudolf Steiners.

    Lieber Tom, ich finde Deine Übersetzung nicht nur schön, sondern auch sehr stimmig – bis auf zwei Stellen, zu denen ich daher den deutschen Wortlaut nachreichen möchte, der für mich ein wenig anderes sagt:

    »It’s something that we have to learn
    in this modern age:
    To live in pure reliance,
    even while doubting our very existence.«


    Auf Deutsch (in einem Text, von dem, soviel ich weiß, nicht sicher ist, ob er von Rudolf Steiner stammt) heißt es:
    »Es gehört zu dem, was wir in unserer Zeit lernen müssen: im Vertrauen zu leben ohne Daseinssicherung…«

    »Ohne Daseinssicherung« bedeutet nicht, daß ich an meiner eigenen Existenz zweifle, sondern es bedeutet, daß ich keine Garantie habe für ein gesichertes „Dasein“ in dieser Welt, keine „Grundversorgung“ für mein Überleben. In einer solchen Situation dennoch Vertrauen in die Zukunft zu haben – das ist es, worauf schon derzeit viele Menschen angewiesen sind (nicht zuletzt unzählige Kriegsflüchtlinge…).


    Die zweite Stelle:

    »Through fear and dread our development is stunted.
    So we decline the future waves of fear and dread
    that seek to drown our souls.«


    Bei Rudolf Steiner heißt es:

    »Durch Angst und Furcht wird unsere Entwickelung gehemmt; wir weisen durch die Wellen der Furcht und Angst zurück, was in unsere Seele aus der Zukunft herein will.« (17.2.1910, Berlin)
    und
    »Wir müssen mit der Wurzel aus der Seele ausrotten Furcht und Grauen vor dem, was aus der Zukunft herandringt an den Menschen…« (27.11.1910, Bremen)

    Ich verstehe das so:

    Nicht die zukünftigen, sondern die jetzigen Wellen der Furcht und Angst, alle jetzige Furcht und Angst vor der unbekannten Zukunft, das ist es, was wir zurückweisen wollen – denn sie versperren den Weg für alles NEUE, das aus der Zukunft in unsere Seelen kommen will.
    Und nur mit NEUEN Seelenfähigkeiten werden wir imstande sein, die Zukunft heilsam (mit-) zu gestalten.

    What we want to decline are not the future, but the present waves of fear and dread, all present fear and dread of the unknown future – for they block the way for everything NEW that wants to come into our souls out of the future.
    And only with NEW qualities in our souls we will be able to (co-)shape the future in a beneficial way.


    Herzlichen Gruß,
    Ingrid

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  2. Muss ich dies lesen in Zusammenhang mit ‘Die Egoisten. Diese Seite steht zum Verkauf’?

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    1. Lieber Michel, in Bezug auf "Furcht und Angst"? Nein. Eher so: Die Kooperationen mit anderen Autoren, Künstlern und Anthroposophen - auch mit Dir, Arfst Wagner uva. waren eine schöne Zeit, aber auch begrenzt. Ich selbst habe mehr und mehr - nach 20 Jahren- das Gefühl, nirgends in der anthroposophischen Gegenwart mehr anzudocken, die Leserzahlen sinken allmählich, ein Generationswechsel ist wohl fällig. Vieles, was in der Szene weltweit so abgeht und interessiert, langweilt mich oder stösst auf mein Befremden. Bevor ich restlos "out-of-time" gerate, mache ich lieber Schluss.

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    2. Ich meinte “der völligen Akzeptanz des Faktischen”: und Du bestätigst das. Ich kannte diese Fakten noch nicht. Aber einige Entmutigung hatte ich schon bemerkt.

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    3. Die Akzeptanz des Faktischen- ja, so weit es eben geht. Ein gewisses Rebellisches kann ich nicht ablegen, will ich auch gar nicht. Ich habe nochmals die Besucherzahlen bei meinem Provider nach gesehen- so schlimm war es dann doch nicht. In den letzten 8 Jahren 4,5 Millionen Besuche. Im Laufe der letzten 2-3 Jahre eine Verdopplung, wobei klar zu sehen es, dass es um Aktualität geht. Man muss - quer durch die sozialen Medien- ein erhebliches Marketing betreiben, immer mehr Aufwand und thematische Breite. Das ist ohne jede Unterstützung (die Verlage schicken ja meist nicht einmal Beleg- Exemplare, nur wenn Autoren explizit darum bitten) kaum noch möglich.

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    4. Lieber Herr Eggert,
      ich schätze Ihre Arbeit nicht vom anthroposophischen Gesichtspunkt, auch nicht vom Gesichtspunkt einer modernen Anthroposophie.
      Für mich sind Sie FAKTISCH ein unermüdlicher SCHNITTSTELLENSUCHER zwischen dem Werk Steiners (ich sag nicht mal der Anthroposophie) und der übrigen kulturellen/esoterischen Welt. Im Gegensatz zu vielen anderen Schnittstellensuchern strecken Sie Ihre Fühler dabei nicht (nur) aus der anthroposophischen Prespektive in die Restwelt - sie bewegen Sich auf ihrer Suche ganz zwischen den Welten (und fühlen sich dadurch manchmal so, als ob sie 'zwischen den Stühlen sitzen').
      Ihre SCHNITTSTELLENARBEIT ist es, die ich seit Jahren so schätze!

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  3. Generelles Entschuldigung für die Leser der ersten Version- Beitrag wird Stück für Stück überarbeitet- Word- in- Progress. Grammatisch hängts auch noch quer.

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