Die spirituelle Aristokratie anthroposophischer Prägung

Alicia Hamberg erweist nochmals Sergej Prokofieff die Ehre und liest seinen Erstling „Rudolf Steiner und die Grundlegung der neuen Mysterien“ - das Buch, das Prokofieff noch während seines Lebens in der Sowjetunion geschrieben hatte und das seinen (internen) Ruhm mit der deutschsprachigen Übersetzung 1982 (Link Wikipedia) begründete.

Hamberg schreibt in ihrem Blog in Englisch und bezieht sich auf die schwedische Übersetzung. Prokofieff ist vor etwas über zwei Jahren gestorben  und erhielt, als ehemaliges Vorstandsmitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, selbst die spezifische Todesnachricht seiner Kollegen in Anthrospeech- einer Kunstsprache mit weihevoll synthetischem Vokabular: „After a life of tireless activity for anthroposophy and Rudolf Steiner, our friend and emeritus Executive Council colleague Sergei Olegovitch Prokofieff crossed the threshold into the spiritual world during the early morning hours of July 26, 2014, following a serious illness that lasted three years.

Auch die Leserin Hamberg quält sich mit einer solchen Kunstsprache herum, in der Rudolf Steiner als Märtyrer und Heiliger, als nicht hinterfragbarer Eingeweihter dargestellt wird- wobei Prokofieff in dieser Art der Darstellung zur umstrittenen Person selbst für die Insider geworden war, für die er schrieb, obgleich der Eingeweihten- Nimbus für Manche auch auf ihn selbst zurück strahlte: „But many have fallen, spiritually speaking, at his feet; admiring him, even worshipping him, as a high initiate, even the highest since Steiner himself, possibly boosted by the old anthroposophical belief that the Russian folk-soul will be the dominant spiritual force in the coming cultural epoch. Depicting Steiner as a saint and martyr, the impression is that Prokofieff would not be unhappy to see such an image brush off on himself.“ (Zitate aus verlinktem Artikel)

Die monotone Schreibweise Prokofieffs (die selbst bei den Insidern gern als „anspruchsvoll“ bezeichnet wird), führt bei Hamberg zuverlässig nach wenigen Seiten zur akuten Schläfrigkeit - allein, sie kämpft sich durch: „I almost invariably fell asleep after about seven to ten pages, until I took to reading it sitting on a hard, wooden chair on the balcony, where it was impossible to nod off. It rather pains me to say this, but I began to think I was inflicting unforgivable cruelty on myself, but then reminded myself of people having their heads chopped off, and despite feelings of unpleasantness, I plugged along bravely, considering myself lucky after all.“

Hamberg sieht in Prokofieffs Werk eine Grundlegung fundamentalistischer Anthroposophie- Interpretation („religious-fundamentalist anthroposophy“) im Mix mit eigenen Spekulationen und der unkritischen, nie hinterfragten Übernahme grassierender anthroposophischer Mythen- etwa, was Steiners angebliche frühere Inkarnationen betrifft. So ist die Zielgruppe des Buchs eine sehr spezifische, bei der es keinerlei Mühen bezüglich des Stils oder der Rhetorik bedarf- es reicht vollkommen, durch angebliche „Esoterik“ an die Eitelkeit dieses Publikums zu appellieren: „He doesn’t need to be rhetorically convincing or poetically gifted; all he needs to do is to offer a pretense of esoteric depth and an appeal to vanity. Steiner, in that way, is more straightforward to deal with, has retained a sense of humour, and is less awkward in style.“ Rudolf Steiner selbst - so Hamberg- schrieb dagegen vielschichtig.

Die Darstellung Steiners in Prokofieffs Worten ist geisterhaft- ein Mann ohne Eigenschaften, aber von Christus geadelt: „So who is Steiner? To Prokofieff, an emissary of God; a kind of reincarnated Christ; the one and only saviour of all of humanity; the One whose life was planned by the angels with extraordinary care. I mean this quite literally; he does go on quite a bit about Steiner and Christ. A Steiner who is elevated to divinity but deprived of his humanity.“ Die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft sind in den Augen Prokofieffs geborene Führer der Menschheit und werden sogar - spirituell, nicht rassistisch- eine eigene menschliche Rasse begründen- weit über dem Rest der Menschheit stehend: „I need not tell you that this race is spiritually elevated above the rest of humankind, which will stay behind, as it were, just like the animals did when present man moved on.
Diese „spirituelle Aristokratie“ ist, so ist sowohl zu befürchten und so ist es immer wieder auch zu beobachten, wird tatsächlich heute noch von Anthroposophen verinnerlicht. Prokofieff steht daher - so Hamberg- für den Kult- Charakter der anthroposophischen Bewegung, der von Anthroposophen selbst stets bestritten wird: „Natural for a cult, of course, but anthroposophy claims not to be one. Or perhaps it’s just human nature. But let’s put it succinctly: in more ways than one, Prokofieff’s book provides ample ammunition for anyone wanting to prove that, indeed, anthroposophy can be a religious cult.

Die kalte und spirituell- technische Darstellung Prokofieffs, die keinerlei persönliche Züge zulässt oder erkennen lässt, aber stets an „kosmische, höhere Wahrheit“ appelliert, hat für die Leserin Hamberg daher auch keinerlei spirituellen Züge: „Characteristically, Prokofieff is entirely impersonal. This is not about him, but about cosmic, higher truth. As far as the individual human being is concerned, it is all on the surface. Do I think it is ”spiritual”? No.“ Diese Steiner- Vorstellung Prokofieffs hat stattdessen den Charakter einer eitlen, überlegenen, exklusiven Selbstdarstellung, die frösteln lässt und ernsthafte Sorgen bereiten würde, wenn so etwas gesellschaftlich relevant geworden wäre. Das ist es glücklicherweise nicht.

Kommentare

  1. Ich erinnere mich, wie ich in jungen Jahren Prokoffiefs "Die okkulte Bedeutung des Verzeihens" begeistert gelesen hatte. Hinter mir lag eine traurige Trennung von meiner damaligen Freundin und ich habe daraufhin großmütig versucht, ihr zu verzeihen (und mich dabei innerlich natürlich verbogen). Dabei dann wohl auch noch gedacht, das wäre jetzt irgendwie "okkult". Peinlich, peinlich.

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  2. Wenn man viel und überwiegend Steiner liest, dann kommt es ganz instinktiv zum Nachahmungseffekt des Meisters in Mimik und belehrender Rhetorik.

    Übrigens: Nach neuesten Erkenntnissen ahmen nicht die Neugeborenen die Eltern, sondern die Eltern die Neugeborenen nach...

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  3. Michael, der amerikanische Anthroposoph Joel A. Wendt spekuliert ob der 1999 Unfalltod Irina Gordienko ein von Sergei P angeordneten Auftragsmord wäre.

    http://ipwebdev.com/hermit/dangerous.html

    In our time, within the Anthroposophical Society and Movement, a young woman (Irina Gordienko) published a book (Sergei O. Prokofieff: Myth and Reality) was also so dangerous and subversive that her reportedly accidental death was seen by some to be murder, done so as to prevent her from standing as a living human being, within the Society, proclaiming that the current Emperor of the Vorstand has no clothes.

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    1. Gordienko (1998) kritisierte u.a. Prokofieffs Medium-Bild:
      “If the human being surrenders his own ‘I’ he becomes a medium. And if we are to believe Prokofieff, this is precisely what happened to Rudolf Steiner; through his “sheaths” countless other beings had begun to work.”
      Siehe, https://kimgraaemunch.wordpress.com/various/irena-gordienkos-on-sergei-o-prokofieff/, und vgl. russische Medien (200.47 f.).

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  4. Im Vorwort (1986) schrieb Prokofieff, dass sein Buch über die Weihnachtstagung 1923 “is intended for members of the Anthroposophical Society only” (google 84425u8svkIC). Trotz seinem gelehrten, wissenschaftlichen Stil (Zitaten, Fragen, Fussnoten) war es seine Intention sein apokalyptisches Buch für eine kleine Gruppe zu schreiben, wie Zeylmans, Grosse und Lievegoed das vor ihm auch beabsichtigten: “looking to the end of the century“.
    Ist es also (elitäre) Wissenschaft oder Mysterienreligion? Und wie soll das 30 Jahre später im neuen Millennium sein?

    Für eine autobiographische Skizze, siehe noch die Introduction (1986) p.1-19.

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    1. "Elitäre Wissenschaft" ist es nicht, eine solche kann es gar nicht geben, da die allgemein anerkannte Begriffsbestimmung eine solche nicht vorsieht.

      Zwischen Mysterien und Religionen gibt es zwar Berührungspunkte, sie sind vom Wesen her aber Gegensätze, daher kann es auch keine "Mysterienreligion" geben. Eine solche entsteht, wenn schon, bei Vorhandensein von falschen Vorstellungen über Wesen und Wirkungsmechanismus dieser Mysterien bei Nicht-Eingeweihten.

      Das Problem mit der Anthroposophie ist ja generell ihr sprichwörtlicher Überlegenheits- und der absolute Wahrheitsanspruch. Im Sinne von Erweiterung der herkömmlichen Wissenschaft einerseits und Preisgabe von "Mysterienwissen" andererseits, d.h. Veröffentlichung von "elitärem Wissen" bzw. "Mysterienwahrheiten" für die Allgemeinheit.

      Religion hingegen ist und war immer etwas für das Fußvolk. Zu den "Mysterien" hatten hingegen immer schon nur (geistige) Eliten, sprich "Eingeweihte" Zugang.
      Das Problem trat auf, als Steiner seit langem als "Mysterien" gehütete und vor der Öffentlichkeit geheimgehaltene "Wahrheiten", in Wirklichkeit Hypothesen und Kenntnisse über die Beeinflussung von Menschen, z.B. die Inhalte und Beschaffenheit einer "geistigen Welt", auch Nichteingeweihten zugänglich machte.
      Es musste somit zwangsläufig zu Missverständnissen bei den Nichteingeweihten in Bezug auf die Natur der "Mysterien" kommen.
      Die Anthroposophie wurde für diese in der Tat zu einer Art Religion, mit absolutem Wahrheitsanspruch verknüpft.

      Der "Wahrheitsanspruch" der Mysterien besteht aber nicht in Bezug auf ihre Inhalte, sondern auf die unter Zuhilfenahme des Instrumentariums der "Mysterien" verfolgten Ziele. Also bezogen auf das geistige Schaffen (von Realitäten) und die Wirkungen und Ziele in der realen Welt, welche die "Eingeweihten" damit verfolgen und hervorrufen möchten.

      Kurz gesagt, eine im herkömmlichen (wissenschaftlichen) Sinn bestehende Unwahrheit, kann innerhalb der Mysterien als "Wahrheit" bestehen, sofern man sich dieser bedient um geistig positiv zu schaffen.
      Die Eingeweihten agieren heute genauso wie früher, d.h. unter Beachtung eines "Klubzwanges", der sie nötigt, wissenschaftliche Unwahrheiten als "Wahrheiten" in der Welt (nicht nur der geistigen) zu vertreten, ihre Natur und Wirkungsweise geheim zu halten und damit im herkömmlichen Sinne praktisch zu lügen.

      Nicht eingeweihte Anthroposophen, welche sich zumeist der absoluten Wahrheit verpflichtet fühlen, haben damit Probleme.

      Steiner sprach zwar ausdrücklich von den Gefahren falscher "geistiger Wahrheiten", unterschlug aber die Tatsache, dass alle "geistigen Wahrheiten" im herkömmlichen Sinne lediglich Hypothesen sind, also potentiell auch Unwahrheiten sein könnten:

      "Ein fal­sches Forschungsresultat in der geistigen Welt ist ein lebendiges Wesen. Das ist da, das muss man erst bekämpfen, das muss man erst wegschaffen" (22.10.1915 - GA 254).

      Im Sinne der "Eingeweihten" kann auch die Lüge eine "Wahrheit" sein, wenn die darauf aufbauenden und angestrebten Ziele, Wirkungen und Ergebnisse als positive Realitäten in der realen Welt beschrieben und aufgefasst werden können.

      Um zu verhindern, dass der Zusammenhalt der elitär gesteuerten Gruppe der Anthroposophen als wirksame Einheit, zusammengehalten u.a. durch "Mysterienwissen", aufgrund des grundehrlichen und wohlwollenden Engagements von im klassischen Sinne wahrheitsliebenden, aber nicht eingeweihten Anthroposophen, gefährdet wird, d.h. um das Weiterbestehen des "Mysterienestablishments" abzusichern, setzt sich immer wieder und notgedrungen eine andere Logik durch, welche zwangsläufig zu Meinungsverschiedenheiten und Missverständnissen innerhalb der Anthroposophenschaft führen muss.

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    2. Das Problem trat auf, als Steiner seit langem als "Mysterien" gehütete und vor der Öffentlichkeit geheimgehaltene "Wahrheiten", in Wirklichkeit Hypothesen und Kenntnisse über die Beeinflussung von Menschen, z.B. die Inhalte und Beschaffenheit einer "geistigen Welt", auch Nichteingeweihten zugänglich machte.

      Nein Rodolfo, das Problem trat auf, als es zum Mysterienverrat kam - lange vor Steiner.
      Als Steiner kam, plauderten die Spatzen schon wild von den Dächern (sagt er in GA 10 auch selbst).
      Steiners Mission war es diesbezüglich, aus den wild umherfliegenden Hermetik-Fetzen ein tragbares Gewand zu schneidern.

      Da Sie von irrtümlichen Voraussetzungen ausgegangen sind, sind folglich und zwangsläufig (um mich Ihrer Wrte zu bedienen)auch alle von Ihnen daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen lediglich Sauerkraut-Kopfkino...

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    3. *) Sauerkraut-Kopfkino

      Sowohl Wissenschaft, als auch Religion (und auch die Anthroposophie) sind jeweils fachsprachliche Gestaltungsmittel, mit denen aus den Mysterien (mal aus deren Schmuddelecken und mal aus der feinen Stube) auf Erden Werde-Prozesse moderiert werden...

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    4. @ Anonym

      Rudolf Steiner, als ein künstlerisch handelnder Mensch, produzierte keine Wahrheiten sondern Gutscheine. Also den Schein der ursprünglichen Wahrheit. Schein von daher, das die absolut gute Ursprungswahrheit sich nie vollkommen offenbaren wird, da sie in ihren Möglichkeiten selbst unendlich ist.

      Eine ihrer Möglichkeiten ist die Bildung des Begriffes „Hypothese“. So gesehen kann es keine bloß hypothetisch erwogene „geistige Welt“ geben.

      Dazu Steiner:

      „Der Künstler gehorcht nun weder einseitig der Naturnotwendigkeit noch der Vernunftnot-wendigkeit. Er gestaltet die Dinge der Außenwelt so um, dass sie erscheinen, als ob ihnen schon der Geist eingeboren wäre, und den Geist behandelt er so, als ob er unmittelbar natürlich wirkte.

      Dadurch entsteht der ästhetische Schein, in dem sowohl die Natur - wie die Vernunftnotwendigkeit aufgehoben ist; jene, weil sie nicht ohne Geist, und diese, weil sie aus ihrer ideellen Höhe herabgestiegen ist und wie Natur wirkt. Die Werke, die dadurch entstehen, sind nun freilich nicht naturwahr im gewöhnlichen Sinne des Wortes, weil ja in der Natur sich Idee und Wirklichkeit nirgends decken, aber sie müssen Schein sein, wenn sie wahrhafte Kunstwerke sein sollen.“( Steiner GA 30 s.216 )

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    5. @ Burghard

      Steiner war auch ein künstlerisch schaffender Mensch.
      Aber berühmt wurde er nicht als Künstler, sondern für ganz andere Dinge.
      Also, je nach Sichtweise, für die Begründung der Anthroposophie, Ausformung der Geisteswissenschaft, Enthüllung von bisher geheim gehaltenen "Wissen", Mysterienverrat oder auch nur als "Hermetik-Fetzen-Zusammenflicker".

      Nicht die Ursprungswahrheiten erzeugen als mögliches Abbild - unter einer unendlichen Anzahl von solchermassen möglichen Abbildern - Hypothesen, sondern der menschliche Geist.

      Die geistige Welt ist und bleibt immer "hypothetisch erwogen", in Bezug auf ihre Existenz außerhalb des menschlichen Geistes und menschlicher Vorstellungskraft. Das heißt, sie existiert nachweislich real immer nur im menschlichen Geist und in der Vorstellung des Menschen, und eben anderswo nur als Hypothese.

      Nur die Wirkungen der "geistigen Welt" sind auch insofern real, als daß das aufgrund ihrer Wirkung und durch Inspiration auf sie Geschaffene in der realen Welt auch unabhängig und außerhalb der Menschen existent bleibt, die sich ihrer bedienen oder durch welche sie ihre Wirkungen entfaltet.

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