Zen- Meister Bankei und Rudolf Steiner über die Ungeborenheit

Bankei
Im Laufe vieler Jahre habe ich immer mal wieder über ihn berichtet - den Zen- Meister Bankei, mir aufgrund seiner anarchistisch- spirituellen Attitüde so überaus sympathisch ist, über den sich aber auch einiges an Zeugnissen erhalten hat. Bankei lebte im 17. Jahrhundert, fiel so vollständig aus der Zeit und auch aus den Traditionen des Zen, dass er dadurch zum Erneuerer und Impulsator des Zen wurde. Um es einfach auszudrücken, war Zen damals in Traditionen, Riten und Gewohnheiten erstickt. Dagegen setzte Bankei den Begriff der Ungeborenheit - ein Zustand unmittelbarer geistiger Selbsterfahrung- einfach indem alles, was „geboren“ - tradiert, angelernt, angemaßt, Denkgewohnheiten, Geschlecht, soziale Schicht, usw - ist, im meditativen Akt abgelegt wird. Bankei forderte also von den Zen- Mönchen (nicht unähnlich den zahlreichen diesbezüglichen Aufforderungen Georg Kühlewinds gegenüber seinen anthroposophischen Zuhörern) inneres, aktives Arbeiten statt sinnentleerter Rituale oder ständiger Rückbezüge auf interne Traditionen.

Der Vater Bankeis (mit 8 Geschwistern) war von seinem Amt als Ritter zurück getreten und war jetzt „a masterless samurai or ronin“*. Der Junge Bankei fiel als besonders intelligent, aber auch als extrem unruhig, unfügsam und willensstark auf. In früher Jugend führte er Banden an, beruhigte sich aber, als er mit 11 endlich in eine Schule durfte. Fast erwartungsgemäß machte ihm das Schreiben - also das endlose kalligrafische Kopieren von Schriften- Schwierigkeiten. Um nicht jede Anekdote zu wiederholen: Der ganze Junge war eine Schwierigkeit. Er hat z.B. etwa in dem Alter eine Hand voll giftiger Spinnen geschluckt, um sich nach einem Streit umzubringen. Dazu schloss er sich in einem buddhistischen Schrein ein- lag Stunden vielleicht sterbend in einem Sarkophag. Seine Lehrer, die reine Repetitoren waren, nervte er mit endlosen Fragen nach dem Sinn ihrer Gebete: „the awakening of religious doubt in his consciousness“.

Bankei hat diese jugendlichen Jahre damit verbracht, jede Religion, jeden Kult und jede Tradition in seiner weiteren Umgebung „nach Gehalt“ zu erkunden. Er fand leider nichts und „wandered about like a stray mountain lamb, aimlessly and alone“*. Endlich fand er in einem Zen- Kloster einen Lehrer - Umpo-, der ihm auf seine Fragen antwortete: „practice zazen“*. Bankei wurde augenblicklich Mönch, und lernte drei Jahre bei Umpo. Mit 19 verließ er das Kloster und streifte durch das ganze Land. Es war offenbar ein tiefer Abstieg. Nach den Klöstern und dem Wandern folgte ein Leben als Nichtsesshafter und Bettler, unter Brücken schlafend- und dennoch ständig Zazen praktizierend. Die Zweifel blieben, auch als er mit 23 zu Umpo zurück kehrte. Es folgten Jahre des Hungerns, des Lebens in einer nackten Zelle, des ständigen Meditierens. Bankei wird davon schwer krank, stirbt beinah- und erlebt an der Schwelle des Todes das Einssein aller Dinge in der Ungeborenheit: „I realized what it was that had escaped me until now: All things are perfectly resolved in the Unborn“*. Nach Jahren weiteren Studiums bei einem chinesischen Meister wird Bankei der Erbe und Nachfolger Umpos. Er, der zunächst stark umstritten in der Priesterschaft gewesen war, fand nun so viel Anerkennung, dass er eine eigene Schule innerhalb des Zen begründete. Bankei lehrte die nächsten 36 Jahre jeden, der vorbei kam und eine Frage stellte. Diese wunderbaren, geistreichen Gespräche zur Ungeborenheit gehören zum Weltkultur- Erbe. Wenigstens sind sie in einer englischen Übersetzung und mit einer detaillierten Einführung von Norman Waddell - auf die ich mich hier bezogen habe- versehen hier und da erhältlich*

Aber auch Rudolf Steiner hat sich zwar auch zur Ungeborenheit als besonderer Qualität geäußert, wusste aber offensichtlich nicht von Meister Bankei:

Man darf überhaupt nicht unterschätzen die Bedeutung, welche im Worte liegt. In dem Augenblicke, wo sich der Gedanke umprägt zum Worte, selbst wenn das Wort als solches nur gedacht wird, wie in der Wortmeditation, in demselben Moment prägt sich das Wort ein in den Äther der Welt. 

Der Gedanke prägt sich als solcher nicht in den Äther der Welt ein, sonst könnten wir niemals im reinen Denken freie Wesen werden. Wir sind ja in dem Augenblicke gebunden, wo sich etwas einprägt. Für die Initiations - Wissenschaft liegt ja heute einfach die Tatsache vor, dass im ganzen Erden- Äther dadurch, dass die zivilisierten Sprachen kein gangbares Wort für Ungeborenheit haben, dieses für die Menschheit wichtige Ungeborensein überhaupt nicht dem Weltenäther eingeprägt wird. 

Alles das aber, was an wichtigen Worten eingeprägt wird in den Welten- Äther vom Entstehen, von alldem was den Menschen betrifft in seiner Kindheit, in seiner Jugend, all das bedeutet einen furchtbaren Schrecken für die ahrimanischen Mächte. Unsterblichkeit im Welten- Äther eingeschrieben, das vertragen die ahrimanischen Mächte eigentlich sehr gut, denn Unsterblichkeit bedeutet, dass sie mit dem Menschen eine neue Schöpfung beginnen und mit dem Menschen hinauswandern wollen. Das irritiert die ahrimanischen Mächte nicht, wenn sie immer wieder den Äther durchsausen, um mit dem Menschen ihr Spiel zu treiben, wenn da so und so viel von den Kanzeln von Unsterblichkeit verkündet wird und in den Weltenäther eingeschrieben wird. Das tut den ahrimanischen Wesen sehr wohl. 

Aber ein furchtbarer Schrecken für sie ist es, wenn sie das Wort «Ungeborenheit» in den Weltenäther eingeschrieben finden. Da löscht für sie überhaupt das Licht aus, in dem sie sich bewegen, da verlieren sie die Richtung, da fühlen sie sich wie in einem Abgrund, wie im Bodenlosen.“ **

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*„The Unborn. The Life and Teaching of Zen Master Bankei 1622-1693“. San Francisco 1984
** Rudolf Steiner, GA 203, S. 275f

Text überarbeitet aus den Archiven

Kommentare

  1. Antworten
    1. Gerne! Ich finde Ungeborenheit einen ganz aktuellen Begriff, der dem der 'Präsenz" entspricht. Es läuft auf eine Selbsterfahrung zu, die in ihrer Vertiefung nicht umfassend genug vorgestellt werden kann.

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  2. Nächster eigener Aufenthalt www.benediktshof.de ist in Planung, hier in Braunschweig geht es eher zur Zeit "donimikanisch" zu www.dominikaner-braunschweig.de

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  3. Irgendwie schon seit geraumer Zeit wenig los hier. Man kann ein wenig den Eindruck bekommen, dass dieser Blog immer dann zu "leben" anfängt, wenn es darum geht, inneranthroposophische Kritik auszuteilen.

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    1. Ist das eine Kritik? Und wenn ja, in Bezug auf was? Dass das Blog eine interne Diskussionskultur anregen, aber nicht ersetzen kann, gestehe ich gerne zu.

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    2. Kritik, Meinung, Beobachtung - irgendetwas etwas in der Art. In Bezug auf die Idee oder den Sinn dieses Blogs.

      Ist einfach nur etwas auffallend, dass längere, eher anspruchsvolle Artikel wie zuletzt Gondishapur, Tycho Brahe, usw. so gut wie unkommentiert bleiben; die Blogleser vielleicht warten, bis es "wieder weitergeht" mit dem Anthro-Bashing.

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    3. Es gibt- sicherlich- unterschiedliche und heterogene Interessengruppen in der Szene. Davon ist diejenige, die im engeren Sinne anthroposophisch arbeitet und interessiert ist, die kleinste. Der größte Bedarf besteht in der Aufarbeitung von Konflikten und in politischer Aufklärung. Die meisten Leser generiert man, wenn die Auseinandersetzungen einen gewissen Unterhaltungswert bekommen- vor allem wenn es "Saalschlacht"- Charakter abnimmt. Ich gehe dem nicht aus dem Weg, schiele aber auch nicht darauf, im Sinne von Inszenierung. Es wäre kein Problem, technisch gesehen, bei dem Unsinn, der in der Szene grassiert. Aber wozu? Man muss schon zwischen Aufklärung und populistischer Inszenierung unterscheiden. Viele "Hits" wollen nur die generieren, die mit Werbung gutes Geld machen. Darauf habe ich stets verzichtet.

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    4. Es gibt für mich Beiiträge (wie die o.g.), die mir einfach keine scharfen Kanten für Kontroversen, sondern viel echten Inhalt zum Bewegen und zur echten Erweiterung meines Horizontes geben (insbesondere auch durch die kenntnisreichen Ergänzungen wie beispielsweise jenen von Ton M.).
      Und dann gibt es eben Thematiken, die so hanebüchen und horizontbeschränkend sind, dass sie sich nur zum 'Zerpflücken' eignen.


      Such is [anthroposophic] live...

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    5. Was sich hier häufig abspielt, ist m.E. weder "Aufklärung" noch "populistische Inszenierung" - ich erlebe es eher als (viel) Kritiksucht oder (gelegentlich) sogar als Freude am Spott, am Zynismus, an der Häme.

      Meistens geht es um "Ideen, Gedanken" von anderen, die kritisiert werden, manchmal geht es direkt um die anderen Menschen; die Grenze zwischen sachlicher angemessener Kritik und einem bewussten Verletzen des anderen Menschen ist fliessend.

      Eine kritische Bestandsaufnahme manch anthroposophischer Sektierereien und Denkfehler ist eine gute und notwendige Sache, das kann man 1 mal, 2 mal oder 3 mal machen.

      Aber Jahre? Wieder und wieder sich im Netz, in Zeitschriften oder Büchern auf die Suche nach einer Schwachstelle oder Dummheit begeben...? Ist es dass, was Steiner wollte?

      Warum nicht stattdessen eine produktive und positive Antwort publizieren und/oder leben - nach dem Motto "so könnte Anthroposophie sein, das ist ihr Wesen, das liebe ich an ihr...".

      "Wenn mir eine Sache mißfällt, so lass ich sie liegen oder mache sie besser" (Goethe/Eckermann)

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    6. @ Anonym:

      »"Wenn mir eine Sache mißfällt, so lass ich sie liegen oder mache sie besser" (Goethe/Eckermann)«
      Sehr schön gesagt!

      Ich nehme Sie beim Wort und lade Sie hiemit ein, selbst etwas zu schreiben und an meine mail-Adresse (link im Impressum) zu schicken.
      Ich würde Ihre »produktive und positive Antwort ... - nach dem Motto "so könnte Anthroposophie sein, das ist ihr Wesen, das liebe ich an ihr…“.« dann gern hier hereinstellen.

      Herzlich,
      Ingrid Haselberger

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    7. Lieber Anonym,

      da haben Sie den Nagel wohl nicht ganz auf den Kopf getroffen (hoffentlich nicht Ihren Daumen).
      Denn hier geht es nicht um eine Sache, welche mir nicht gefällt und an der ich nicht beteiligt bin, sondern es geht um das Gemeinschaftswerk Anthroposophie, an dem alle hier Schreibenden (teils seit jahrzehnten) schaffen und arbeiten.
      Und in diesem gemeinsamen Schaffen gibt es nun mal Kontroversen - speziell dort, wo Gruppierungen Teile von Steiners Werk für sich vereinnahmen möchten, oder/und Elemente wie beispielsweise Guru-Devotion in das anthroposophische Gemeinschaftswerk zu integrieren versuchen, welche mit Steiners Freiheitsbegriff zumindest fraglich vereinbar, wenn nicht unvereinbar sind...

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    8. ich denke, dass es kaum möglich sein wird, in einem Blog "Anthroposophie zu schaffen".
      Sehr wohl aber ihr zu schaden.
      Nur als kleiner Hinweis zur gewollten oder ungewollten Ausrichtung dieser Veranstaltung hier.

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    9. Autsch, nochmal auf den Daumen!
      Ich habe NIRGENDS behauptet, dass hier in diesem Blog irgend jemand 'Anthroposophie schafft'!

      Betrachten Sie diesen Cyber-Lokus hier meinetwegen als den Feierabendstammtisch der Anthroposophiearbeiter...

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    10. Wie ich ja oben betont habe: Eine sachliche Kritik am anthroposophischen Sektierertum und meinetwegen auch ein Engagement für das "Gemeinschaftswerk Anthroposophie" ist eine sinnvolle und notwendige Sache.

      Das Ganze kann aber spätestens dann fragwürdig werden, wenn es zum Selbstzweck wird, wenn man sich an die Kritik am Anderen gewöhnt, sich in ihr seelisch-emotional und weltanschaulich eingerichtet hat; der "gewisse Unterhaltungswert" oder der "Saalschlachtcharakter" vieler Debatten kann eben auch dazu führen, dass die Anthroposophie zu einer Karikatur oder Jahrmarktsveranstaltung verkommt.

      (Anonym gestern 17:27 ist ein anderer Anonym)

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    11. @Jahrmarkt

      Anthroposophie ist vielerorts bereits zu einer Jahrmarktsveranstaltung verkommen!
      Oder was ist es anderes als Jahrmarktschreierei,
      wenn beispielsweise anthroposophische Naturkosmetikhersteller ihre Schmotze als 'ganzheitlich' (also so, dass es nicht mehr ergänzt werden kann) bezeichnen?
      Begriffe wie 'erweitert' oder 'umfassend' könnten ja noch durchgehen.
      Aber wenn ein Shampoo im Sinne des anthroposophischen Menschenbildes bereits ganzheitlich ist, dann brauche ich mich mit Anthroposophie eigentlich gar nicht mehr auseinandersetzen, dann genügt es, wenn ich mir die Haare wasche und dadurch eine ganzheitliche anthroposophische Erleuchtung erfahre.
      Produkte mit solchen Wunderwirkungen bekommt man tatsächlich nur auf Jahrmärkten, wo der Verkäufer dann auch schon wieder Verschwunden ist, wenn der Schwindel auffliegt...
      //
      Für mein Erleben geht es hier eben gerade darum, Jahrmarktsschwindel aufzudecken und die Anthroposphie von Schaustellern und Schaubudenbesitzern zu trennen...

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    12. @ anonym:

      »Ist einfach nur etwas auffallend, dass längere, eher anspruchsvolle Artikel wie zuletzt Gondishapur, Tycho Brahe, usw. so gut wie unkommentiert bleiben; die Blogleser vielleicht warten, bis es "wieder weitergeht" mit dem Anthro-Bashing.«

      Ich denke, es liegt vor allem daran, daß sich Diskussionen mit kontroversen Meinungen, die sich mit einem gewissen furor verteidigen lassen, einfach rasanter entwickeln. Solange, bis vom ursprünglichen Thema kaum mehr ein Hauch übrig bleibt und das Bewußtsein dafür, unter welchem Artikel man gerade kommentiert, schwindet --- ;-) wie auch hier. Wie schade, daß auch Sie nicht inhaltlich auf die von Ihnen erwähnten anspruchsvollen Artikel eingehen…

      Mein Angebot war übrigens durchaus ernst gemeint.

      Herzlich,
      Ingrid

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    13. @anonym (both)

      Schauen Sie sich doch beispielsweise die momentan stattfindende, völlig sachlich-qualifizierte Diskussion um das Europäer-Logo an, dann sehen Sie, wie Sie an der Wirklichkeit vorbeiargumentieren...

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    14. @ Ingrid H.

      Mein Vorschlag, sich auf eine produktive und positive Anthroposophie zu konzentrieren, sowie herauszufinden, was man an ihr liebt, richtete sich primär an Menschen, die (wie ich es empfinde) sich in einem dauerkritischen Modus seelisch-gedanklich eingerichtet haben.

      Das ist bei mir nicht der Fall, ich "brauche" das vielleicht eher weniger, bzw. mache mir natürlich entsprechende Dinge durchaus gelegentlich bewusst.

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    15. @Anonym

      Du befindest dich aber im dauerkritischen Nörgel-Modus, ob Du das brauchst oder nicht...

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    16. "Wenn mir eine Sache mißfällt, so lass ich sie liegen oder mache sie besser" (Goethe/Eckermann)"

      Schon klar,

      man darf aber doch sicher davon ausgehen, dass über Jahre fortgesetztes "Anthro-bashing", noch dazu im Namen einer angeblich anderen, moderneren oder auch weiterentwickelten Anthroposophie, das Empfinden und das Herz vieler Menschen, denen die Anthroposophie Lebensinhalt und eine wahre innere Herzensangelegenheit ist, im tiefsten Kern berührt. Das geht über reines Missfallen weit hinaus.
      Wenn also die (pseudo)- "anthroposophischen" Anthro-Kritiker meinen, sie könnten z.B. durch Maulkorberlasse billigst und aufwandslos jeden Angriff auf sie abwehren, zeugt das nicht gerade von einem kooperativen Geist, wenn es darum geht - wie unermüdlich behauptet wird - im Dialog mit anderen das zu erreichen, was man vorgibt erreichen zu wollen.

      Wer austeilt, wird eben auch einstecken müssen.
      Das ist ein Naturgesetz, das man nicht mit klugen Sprüchen einfach aushebeln kann.

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    17. Doch, kann man, habe ich doch gemacht.

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    18. Das klingt nach einer schweren Depression...

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    19. @ anonym:

      Es geht mir nicht darum, mit klugen Sprüchen irgendetwas auszuhebeln. Schließlich habe nicht ich, sondern Du dieses Goethe/Eckermann-Zitat hier ursprünglich gepostet. ;-) Ich hätte schon erwartet, daß Du Dich dann selber daran hältst. (Oder warst das gar nicht Du, sondern ein anderer Anonymer?)

      Ich sehe Kritik, wie sie hier im Blog immer wieder mal geübt wird, als ein Zeichen der Liebe, im Sinne von Navid Kermani (in seiner Rede anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2015):
      "Die Liebe zum Eigenen – zur eigenen Kultur wie zum eigenen Land, und genauso zur eigenen Person – erweist sich in der Selbstkritik.
      Richtig: die Liebe zum Anderen setzt die Liebe zu sich selbst voraus. Aber verliebt [...] – verliebt kann man nur in den Anderen sein.
      Die Selbstliebe hingegen muß, damit sie nicht der Gefahr des Narzissmus, des Selbstlobs, der Selbstgefälligkeit unterliegt, eine hadernde, zweifelnde, stets fragende sein."

      Und "Maulkorberlaß" gibt's keinen - im Gegenteil.
      Mein Angebot von weiter oben gilt noch immer.

      Herzlich,
      Ingrid

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    20. @ Ingrid,

      Selbstkritik ist ganz klar eine Tugend, außer sie ist ein und dasselbe oder geht in dieselbe Richtung wie die Kritik der andern an einem selbst, die Kritik jener anderen, denen man im Dialog mit gegenteiligen Ansichten entgegentritt.
      Man kann Fehler aus besserer Einsicht eingestehen, das ja, aber sich selbst kritisieren, genau auf dieselbe Art wie die anderen mich kritisieren? Das wäre reichlich absurd!
      Außerdem müsste ja ein positives Prinzip für alle gelten, demzufolge müssten sich alle Teilnehmer an Dialogen sich selbst in der Weise kritisieren, wie es gerade die Gegner tun. Ein wahres Affentheater, das die Menschheit wohl weiterbringen würde? ...;-)

      Ja, ich bin nicht der anonym der das Goethe/Eckermann Zitat ursprünglich postete und gehöre auch nicht zu der Sorte Zeitgenossen, die sich tatsächlich einbilden Naturgesetze aushebeln zu können.

      Es ist manchmal mühsam und verwirrend hier, sicherlich ein negativer Begleiteffekt, aber wenn eindeutige Zuordenbarkeit bei "nicht konformen Meinungsäußerungen" reflexartig persönliche Angriffe der "Linientreuen" zur Folge hat, geht's wohl auch oft gar nicht anders.

      Dieser Verwirrungseffekt ist hier doch sicher so gewollt, und wenn etwas gewollt ist, muss man eben auch damit umgehen können und nicht wieder nur die "Anderen" kritisieren.

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    21. "Ich sehe Kritik, wie sie hier im Blog immer wieder mal geübt wird, als ein Zeichen der Liebe"

      Hahahahaaaa, großartig, made my day, bitte mehr davon. Für mich das Zitat der Woche.

      @ Anonym 15:19

      "Naturgesetze" sind etwas anderes.

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    22. Ich könnte mir auf dem Hintergrund des obigen Gesagten durchaus vorstellen, dass sowohl ein Herr Niederhausen als auch eine Frau von Halle (und diverse andere Personen) jetzt erleichtert aufatmen werden:

      Die zum Teil jahrelange und heftig vorgetragene, häufig spöttische Kritik war nichts anderes als Liebe. Danke.

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    23. "Die zum Teil jahrelange und heftig vorgetragene, häufig spöttische Kritik war nichts anderes als Liebe."
      :-) Liebe allerdings nicht zu den erwähnten Personen, sondern zur Anthroposophie.
      Ja, das ist tatsächlich mein Eindruck.
      Jemand, dem die Anthroposophie gar nicht am Herzen läge, könnte sie schließlich einfach links liegen lassen, statt ein Blog mit anthroposophischem Schwerpunkt zu betreiben (der sich sogar schon im Untertitel zeigt). Nicht wahr?

      :-) Wobei ich allerdings nicht unterstellen möchte, daß auch Michael es so sieht. Ich spreche hier ausdrücklich von meinem Eindruck.

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    24. Ich habe keine Ahnung, wie die Anthroposophie vor den wirklich geistfeindlichen Mächten bestehen möchte, wenn sie sich durch kleine geistreiche Sticheleien schon Existenz bedroht fühlt....

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    25. "Liebe allerdings nicht zu den erwähnten Personen, sondern zur Anthroposophie".

      Das war auch so ungefähr mein Eindruck, mein Verdacht: Weil man eine Idee, eine Weltanschauung liebt (besser: meint zu lieben, vielmehr wird die vermeintliche Richtigkeit der eigenen Überzeugung verteidigt) werden konkret lebende Menschen mit einer anderen Auffassung jener Idee, über Jahre verspottet und verunglimpft. Willkommen in der Sekte.

      Literaturtipp: Die grundlegenden Schriften Steiners mit den Übungen zur Duldsamkeit, Toleranz, den zahlreichen Hinweisen zum "Lebenlassen im Verständniss des fremden Wollens" usw.

      Wenn einem die Anthroposophie "am Herzen liegt" gibt es reichlich Möglichkeiten dieses auszuleben; im stillen, praktischen, alltäglichen Tun, in der Arbeit in einer anthroposophischen Initiative, in der Face-to-Face-Begegnung mit anderen Anthroposophen, usw. Die moralisch bedenklichste Möglichkeit ist wahrscheinlich die spöttisch überlegene (ausschließlich Online-)Korrektur der anderen Meinung.

      ("Kleine geistreiche Sticheleien..."...?? Wenn das andere über einen sagen, ist es legitim, wenn man das selber über sich sagt, etwas albern)

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    26. Humor und Spott bei Steiner (1918 und 1924):

      “ Es ist durchaus nicht richtig, sich in die höheren Welten nur mit einer bloßen Sentimentalität erheben zu wollen. Will man sich richtig in die höheren Welten hinaufarbeiten, so muß man es nicht bloß mit Sentimentalität tun. Diese Sentimentalität hat immer einen Beigeschmack von Egoismus. Sie werden sehen, daß ich oftmals, wenn die höchsten geistigsten Zusammenhänge erörtert werden sollen, in die Betrachtung etwas hineinmische, was nicht herausbringen soll aus der Stimmung, sondern nur die egoistische Sentimentalität der Stimmung vertreiben soll. Erst dann werden sich die Menschen wahrhaftig zum Geistigen erheben, wenn sie es nicht erfassen wollen mit egoistischer Sentimentalität, sondern sich in Reinheit der Seele, die niemals ohne Humor sein kann, in dieses geistige Gebiet hineinbegeben können.“ 181.317 f.

      “Man wird Menschen heraufkommen sehen, von denen man nicht wird glauben können, daß sie wirkliche Menschen seien. Sie werden sich in einer eigentümlichen Weise auch äußerlich entwickeln. Sie werden äußerlich intensive starke Naturen sein mit wütigen Zügen, Zerstörungswut in ihren Emotionen. Sie werden ein Antlitz tragen, in dem man äußerlich eine Art Tierantlitz sehen wird. Die Soratmenschen werden auch äußerlich kenntlich sein, sie werden in der furchtbarsten Weise nicht nur alles verspotten, sondern alles bekämpfen und in den Pfuhl stoßen wollen, was geistiger Art ist.“ (Apokalypse und Priesterwirken, 346.122)

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    27. "Reinheit der Seele" bedeutet- in der meditativ bewussten, völligen Hingabe des Willens und Bewusstseins. Nicht in Inhalten, nicht in Frömmigkeit, sondern im Bestehen in der Stille von Allem, aber in einem weichen, bewussten Sein. Dann leben die implizit essentiellen Strömungen des Herz- Chakras in der Liebe zur Wahrheit und Schönheit - Simone Weil- aus dem Wesenskern auf. Man ist im mystischen "Leben".

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    28. @ Ton Majoor

      Danke für die Zitate. Dass Anthroposophie sich mit vielen Formen des Humors gut vereinbaren lässt, ist klar, entsprechend eindeutig hat sich Steiner in diversen Stellen seines Werkes auch geäußert.

      Etwas anderes ist der Spott, die Häme, der Zynismus in bezug auf andere Meinungen. Interessanterweise hat Steiner vor allem in seinen sehr späten und sehr esoterischen Vorträgen die Haltung des Spottes als unvereinbar mit Anthroposophie dargestellt, neben dem Priesterzyklus vor allem in den ersten 2 Klassenstunden.

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    29. @anonym

      Steiner hat bereits in GA 10 explizit ausgedrückt, dass 'die Achtung der Meinung des anderen Menschen' auf Geisteswegen eindeutigen Vorrang vor der eigenen Meinung hat; selbst dann, wenn man nachweisbar Recht hat.
      //
      Spott und Häme sind mit 'der Achtung der Meinung des Anderen' sicher unvereinbar - da sind wir uns völlig einig.
      //
      Nun gibt es aber anthroposophisch orientierte Gestalten vom Typ 'Niedersausen', die ihre verkorkste Geistesschau (bzw. Anthroposophie-Interpretation) in der gleichen toxischen Manier versprühen, wie der Monokultur-Bauer das Glyphosat.
      Und die (so meine ich), darf man getrost mal am Bauch kitzeln...

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  4. Nicht jede Nahrung verursacht Blähungen und Aufstoßen...

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  5. Der pantheistische Arzt und polemische Theologe Scheffler (Angelus Silesius) war Zeitgenosse Bankeis.

    Das Licht der Herrlichkeit scheint mitten in der Nacht.
    Wer kann es sehn? Ein Herz das Augen hat und wacht.

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  6. Präexistenz (‘Ungeborenheit‘) ist für Steiner eine allgemeine orientalische Erfahrung (im alten Indertum, 199.113 f., Yoga-Erlebnis 77b.68), sogar noch anwesend bei Aristoteles:

    “Brentano meinte, eine Präexistenz nehme nur Plato, nicht aber Aristoteles an. … Da aber Aristoteles das Seelische als die «Form» der Leibesorganisation faßt, so scheint es, daß man ihm nicht zuschreiben dürfe: er habe gedacht, die Seele könne vor der Entstehung der Leibesorganisation existieren. … So wie sie an der Stoffmasse erscheint, ist die Kugelform gewiß nicht vor der Zusammenballung des Stoffes vorhanden. Allein bevor dieser zusammenschießt, sind die Kräfte vorhanden, welche an diesen Stoff herankommen, und deren Ergebnis für ihn sich in seiner Kugelgestalt offenbart. (21.102 f.)

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