Die Plejaden in der Kosmologie Rudolf Steiners
Die sieben Rishis
Auf der Suche nach Äußerungen Steiners bin ich mal wieder durchs Gesamtwerk getorkelt- war es wirklich so, dass Rudolf Steiner den Ursprung der Menschheit in den Plejaden vermutete (oder schaute), und es stellte sich heraus, dass es nicht so wahr. Es war, wie wir in dieser Textstelle lesen können, sehr viel drastischer. "Unser Sonnensystem", dieser kleine gemütliche Fleck, soll über die Plejaden in "unser Weltall hineingekommen" sein:
„Die 7 heiligen Rishis waren so eingeweiht in die Sonnen-Mysterien, dass uns das Sinnbild für ihre Einweihung das Stehen der Sonne im Sternbild des Stieres ist; und was wir schauen können am Firmament, wenn die Sonne im Sternbild des Stieres steht, das gibt tatsächlich das Mysterium der eigentümlichen Einweihung der Rishis. Das kommt dadurch zum Ausdruck, dass vom selben Orte herglänzt das Siebengestirn, die Plejaden. Das ist der Ort, an dem unser ganzes Sonnensystem in unser Weltall hineingekommen ist.“ — Rudolf Steiner, Exkurse in das Gebiet des Markus-Evangeliums (GA 124, Vortrag vom 18. Dezember 1910 in Berlin, S. 236)
Rudolf Steiner berührt das Motiv der Plejaden im Gesamtwerk nur an wenigen, konzentrierten Nahtstellen- erstaunlich, wenn man die von ihm angedeutete Bedeutsamkeit als "Tor" zwischen den Welten anschaut. Während die moderne Esoterik und die sogenannte Starseed-Literatur das Siebengestirn gerne als Heimatwelt oder physisch-ätherischen Ursprungsort einer Sternensaat imaginiert, zeichnet Steiner ein vollkommen anderes, streng hierarchisches und erkenntnismäßiges Bild.
In der anthroposophischen Kosmologie sind Fixsterne und Tierkreisbilder keine Ansammlungen bewohnter Exoplaneten, sondern periphere Wirkungsfelder erhabener geistiger Wesenheiten. In diesem Sinne erscheinen die Plejaden – oft in enger Wechselwirkung mit dem Stier-Impuls und dem gegenüberliegenden Skorpion- bzw. Adler-Prinzip – als kosmisches Verdichtungs- und Rhythmisierungszentrum geistiger Kräfte (vgl. Die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Himmelskreisen, GA 136).
In kulturhistorischen Betrachtungen dient ihr Auf- und Untergang den alten Mysterienschulen als kosmische Zeitmarke für die Rhythmen des Lebensleibes und den Zugang zu atavistischer Schau.
Der theosophische Hintergrund: Die Siebenheit und die Hypothese von Alkyone
Die Assoziation der Plejaden mit dem Ursprung unseres Weltsystems hat theosophische Vorläufer, die Steiner vertraut waren:
Die Sieben Rishis und die Plejaden: In der orientalischen und theosophischen Überlieferung (unter anderem bei Helena Petrovna Blavatsky in der Geheimlehre) werden die sieben heiligen Rishis der indischen Urzeit oft den sieben Sternen des Großen Bären zugeordnet, während das korrespondierende weiblich-empfangende Gegenbild im Siebengestirn der Plejaden gesehen wird.
Die Zentralsonnen-Theorie (Mädler): Im 19. Jahrhundert postulierte der Astronom Johann Heinrich Mädler die Hypothese, dass Alkyone, der hellste Stern der Plejaden, der physikalische Massenmittelpunkt der gesamten Galaxis sei, um den sich unsere Sonne mitsamt ihren Planeten bewege. Theosophen griffen diese Vorstellung enthusiastisch als okkultes Gesetz auf. Steiner übernimmt diese romantisierende Zentralstellung Alkyones jedoch nicht unbesehen. Für die Menschheitswerdung verbleiben die konstituierenden Mächte bei den Hierarchien unseres kosmischen Systems (Throne, Kyriotetes, Dynamis, Exusiai usw.), deren Wirken sich schrittweise über die Zustände des Alten Saturn, der Alten Sonne, des Alten Mondes und der Erde entfaltet – nicht in einem fernen Planetensystem innerhalb des offenen Sternhaufens.
Was meint Steiner mit: „in unser Weltall hineingekommen ist“?
Der Satz aus GA 124 wirkt zunächst kryptisch: Welches „Weltall“ ist gemeint, wenn das Sonnensystem durch die Plejaden „hineingekommen“ sei? Versteht Steiner darunter die Galaxie, einen Raumzustand oder einen geistigen Eintritt?
Ein Schlüssel zum Verständnis dieser Passage liegt vielleicht in zwei weiteren Dokumenten:
Die Einfallspforte aus der Makrokosmik
Im geisteswissenschaftlichen Sprachgebrauch Steiners deckt sich der Begriff „unser Weltall“ keineswegs mit dem heutigen naturwissenschaftlichen Begriff des unendlichen Vakuums oder einer einzelnen Galaxie. Oft bezeichnet er damit den geordneten, von den Schöpferhierarchien durchdrungenen Kosmos der planetarischen Sphären im Gegensatz zum transzendenten, unerschaffenen geistigen Umkreis.
Dass das Sonnensystem „beim Sternbild des Stieres / bei den Plejaden in unser Weltall hineingekommen ist“, deutet auf eine kosmische Bewegungs- und Einstrahlungsrichtung: Der Raum ist für Steiner kein statisches Gefäß, sondern ein von geistigen Kräften dynamisch erzeugtes Gebilde. Wenn ein planetarisches System aus dem undifferenzierten Weltenraum (dem Geist-Chaos der Hierarchien) in die raumzeitliche Ausgestaltung tritt, geschieht dies an polar bestimmten Nahtstellen des Tierkreises. Der Einfallsweg markiert gleichsam die Eintrittspforte der Sonnenkräfte in die gegenwärtige räumliche Konfiguration.
Dass das Sonnensystem „beim Sternbild des Stieres / bei den Plejaden in unser Weltall hineingekommen ist“, deutet auf eine kosmische Bewegungs- und Einstrahlungsrichtung: Der Raum ist für Steiner kein statisches Gefäß, sondern ein von geistigen Kräften dynamisch erzeugtes Gebilde. Wenn ein planetarisches System aus dem undifferenzierten Weltenraum (dem Geist-Chaos der Hierarchien) in die raumzeitliche Ausgestaltung tritt, geschieht dies an polar bestimmten Nahtstellen des Tierkreises. Der Einfallsweg markiert gleichsam die Eintrittspforte der Sonnenkräfte in die gegenwärtige räumliche Konfiguration.
Das korrespondierende Gegenstück: Das Ziel bei den Plejaden
Erstaunlicherweise findet sich in Steiners Nachlass eine Notiz, die den Gegenpol zu dieser Eintrittsaussage formuliert. In den Aufzeichnungen von Elisabeth Vreede zu einer Zeichnung des Tierkreises von Rudolf Steiner heißt es:
„Das nächste Sonnensystem wird sich in den Plejaden abspielen. Das ganze Sonnensystem bewegt sich zu den Plejaden hin.“ — Rudolf Steiner, Notizen zu einer Tierkreiszeichnung, in: Das graphische Werk (GA K 45/1, S. 103)
Liest man diese beiden Fragmente zusammen, ergibt sich ein vollständiger kosmischer Entwicklungsbogen:
Die Plejaden sind für Steiner folglich nicht die Wiege biologischer Vorfahren der Menschheit, sondern das kosmische Tor unseres Weltsystems: der Ort, an dem der Sonnenimpuls einst in die sichtbare Manifestation trat und auf dessen geistiges Feld sich die planetarische Entwicklung in ihrer künftigen Reifung zubewegt.
„Das nächste Sonnensystem wird sich in den Plejaden abspielen. Das ganze Sonnensystem bewegt sich zu den Plejaden hin.“ — Rudolf Steiner, Notizen zu einer Tierkreiszeichnung, in: Das graphische Werk (GA K 45/1, S. 103)
Liest man diese beiden Fragmente zusammen, ergibt sich ein vollständiger kosmischer Entwicklungsbogen:
Die Plejaden sind für Steiner folglich nicht die Wiege biologischer Vorfahren der Menschheit, sondern das kosmische Tor unseres Weltsystems: der Ort, an dem der Sonnenimpuls einst in die sichtbare Manifestation trat und auf dessen geistiges Feld sich die planetarische Entwicklung in ihrer künftigen Reifung zubewegt.


