Das Licht der Dinge - meditative Konzepte im anthroposophischen Zusammenhang

In den „Briefen an die Mitglieder“ hat Rudolf Steiner selbst in Bezug auf die Frage, ob die kurz vor seinem Tod vollzogene anthroposophische Weihnachtstagung nun tatsächlich eine elementare Neubegründung klassischer Mysterien sei, für die beteiligten Individuen zu bedenken gegeben: „It really depends on the human being whether he merely pictures Anthroposophy in his mind or experiences it.“ In der Tat. Es besteht ein Unterschied zwischen Trockenübungen am Strand und dem tatsächlichen Schwimmen im Wasser.

Diese Unterscheidung scheint aber, trotz der realen und praktischen Wirkungen anthroposophischer Praxis, im spirituellen Kernbereich bis vor wenigen Jahren immer verwischt zu werden. Auch der Autor, der Steiner in diesem Zusammenhang zitiert - Sergej Prokofieff (1) stellt die Unterscheidung, die doch wesentlich ist, nicht weiter in den Mittelpunkt der Betrachtung, sondern fordert von den Individuen lediglich einen verschwommen bleibenden „guten Willen“- der (wenn alles gut geht) - zu einer inneren Erfahrung führt, die ein Tor zum Geist öffnet, der diesen Geist füllt mit dem Licht und der Wärme der geistigen Welt (2), um den Aufgaben der Zeit begegnen zu können. Falls der „gute Wille“ nicht bestünde, bliebe das Mysterium dieser Weihnachtstagung - so Prokofieff- lediglich ein abstraktes Konzept.

Allerdings, möchte man anfügen, ist der Begriff des „guten Willens“ selbst ein höchst spirituelles Konzept- nach Lukas 2,14 ein Durchdrungensein von Seiner Gnade. In den Augen Rudolf Steiners liest sich der gute Wille als Durchdringung des Alltags von „Ideen“, die den gesamten Alltag praktisch durchdringen: „Eine wahre Geistesauffassung fühlt sich fähig, Ideen hervorzubringen, die nicht allein einer inneren Seelenorientierung dienen, sondern die, indem sie entstehen, schon die Keime der praktischen Lebensgestaltung in sich tragen. Der Wille, in geistige Tiefen hinunterzusteigen, kann ein so starker werden, daß er in allem mitwirkt, was der Mensch vollbringt.“ (4)

Nun wissen wir, wenn wir ehrlich sind, alle, dass die Hölle mit unseren guten Absichten gepflastert ist. Selbst die besten Absichten haben sich oft genug - aus Unkenntnis der Komplexität der Situation, aus unausgelotet mitschwingenden Empfindungen und Intentionen uvam- in ein unausweichliches Scheitern verkehrt. Die „wahre Geistesauffassung“ hat, geprüft an der Realität, schon gezeigt, dass es am Hervorbringen eben dieser „Ideen“ gemangelt hat, die „schon die Keime der praktischen Lebensgestaltung“ in sich tragen- also tatsächlich konstruktiv wirken.

Die an diesem Punkt von Rudolf Steiner gemeinte Inspiration - der Wille, in geistige Tiefen hinunterzusteigen, steht, wie es Georg Kühlewind nannte (5), im Einklang „mit den Weltgesetzen“, ist also von Realismus so gesättigt, dass eine - nach Thomas von Aquin- Adaequatio entsteht- im Sinne eines „Identisch- Werdens mit dem, was man zu erkennen beabsichtigt.“ Damit ist gemeint: „Das zu Erkennende passt sich an uns an, an unsere erkennende Gebärde, und wir passen uns mit dieser Gebärde an es an. Es ist ein gegenseitiges Herbewegen, weil diese zwei Komponenten der Welt aufeinander abgestimmt sind. Was wir dann erkennen, ist das Resultat der zwei Bewegungen. Diese Anpassung wird im Fühlen durch den Einklang mit den Weltgesetzen vorbereitet. Das Denken wird zurückgehalten, damit die Dinge sich zeigen, uns sie zeigen sich erst dem ehrfurchtsvollen Blick. Dann kann das hören beginnen, womit der Erkennende dem Sprechen der Dinge entgegengeht. Der Einklang lässt dieses Sprechen erklingen, lässt das Fühlen von den „Dingen“ beeinflusst werden, das Fühlen, das dann das Denken im Ausdruck des Gehörten leiten kann. Die Eigenschaft der Dinge, die in dieser Seelenhaltung wirksam wird, ist ihre „Wahrheit“. Im Sinne des Thomas von Aquin - und nach dem mittelalterlichen und auch früheren Sprachgebrauch- ist Wahrheit die Fähigkeit der Dinge, ihre Bedeutung zu offenbaren, weil sie eine Bedeutung haben, ja, weil sie Bedeutung sind, und diese strahlt der vorbereiteten Seele entgegen, als das Licht der Dinge.“ Der im Neuen Testament so genannte, begnadete „Friede“ - eben die Adaequatio-, ist ein inspiriertes, intuitives Handeln, aus einer Erkenntnishaltung jenseits des Dualismus heraus.

Zugleich dürfen wir, Sergej Prokofieff folgend, schließen, dass dort, wo die Ebene des „guten Willens“ zwischen tätigen Menschen erreicht wird, „Weihnachtstagung“ stattfindet- unabhängig von Ort und Zeit. Es ist müßig, über das Gelingen oder Scheitern des von Rudolf Steiner initiierten Geschehens zu streiten. Es ist überflüssig, spirituelle Kompetenzen oder Traditionen, Normen, Gruppen- Zugehörigkeiten, einen Schulungsweg, Religion oder „Loyalität“ gegenüber Rudolf Steiner einzufordern. Eben das aber unternimmt Sergej Prokofieff im folgenden Schritt. Er macht - statt die Adaequatio als humanes Potential zu sehen- den Schritt zur exklusiven Deutungshoheit, indem er behauptet, die Weihnachtstagung sei das Zentrum der christlichen Mysterien, die in Anthroposophen durch ihre Loyalität gegenüber dem Schulungsweg eingelöst werde. Freilich, die Voraussetzungen dafür, diesen „Grundstein“ in sich zu realisieren, sieht Prokofieff auch. Für ihn ist es vor allem, das Herz als Erkenntnisorgan („heart as a cognitive organ“) auszubilden - also eine Fähigkeit entsprechend der Adaequatio Thomas von Aquins. Dass er diese Fähigkeit an die historische Weihnachtstagung bindet („for grasping the spiritual nature of the Christmas Conference“) - und nicht an das Alltagsleben schlechthin- entspricht wohl nicht nur seiner Tätigkeit als klassischer Funktionär, sondern spiegelt das verquere exklusive Selbstverständnis und die Rückwärtsgewandtheit der traditionellen, überlebten Dornacher Spiritualität des 20. Jahrhunderts.

Dass sich diese Haltung tatsächlich überlebt hat, zeigt wohl deutlich die Tagung Living Connections (Juli 7–9 2017) am Goetheanum. Anbei ein Interview mit Terje Sparby über seine persönliche meditative Praxis (6)- eine unprätentiöse, freie Mischung von buddhistischen und typisch anthroposophischen Elementen: „The ideal of anthroposophic meditation, as I see it, is some kind of a universal type of meditation, which would include other traditions as well, or at least aspects of them. So I think it’s good to have a thorough knowledge of other traditions as well. And also why not have other forms of meditation as part of your practice? Then it doesn’t become exclusive. And in that way you can actually provide a scientific or at least experientially based perspective on other traditions; a perspective which remains open and non-exclusive.“ Sparby spricht von einer echten Aufbruchstimmung im anthroposophischen Kontext - gerade in Bezug auf meditative Konzepte. In dieser Hinsicht ist von der Tagung am Goetheanum Einiges zu erwarten.

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1. Sergej Prokofieff, May Human Beings hear it!, 2004, S. 8
2. frei zurück übersetzt aus der englischen Übersetzung Prokofieffs Buch, S. 8
3. Verherrlicht ist Gott in der Höhe / und auf Erden ist Friede / bei den Menschen seiner Gnade.
4. GA 24.247f
5. Georg Kühlewind, Der sanfte Wille, S. 52f
6. http://www.living-connections.info/texte/2017/1/26/interview-with-terje-sparby

Kommentare

  1. »Echte Aufbruchstimmung«, das gab's auch schon in den 90-er Jahren und auch danach immer mal wieder bei den Anthroposophen.

    Möchte man es sich denn schön bequem machen, mit 1.000 Gleichgesinnten, bei schöner Stimmung im »Großen Saal«?

    Oder hatte man nicht mal viel Größeres im Sinn? Kunst, Revolte, Anarchismus? Und nun soll man mit Waldorflehrern »meditieren«?

    Gruß,
    Hassan حسن

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  2. Der Wille in geistige Tiefen hinunter zu steigen gründet aus meiner Sicht „ausschliesslich“ in einer individuellen, beständig neu durch Selbstüberwindung zu erbringenden inneren Anstrengung.
    Es ist von daher müssig auf andere Menschen, in welcher Weise auch immer, den Finger zu richten, was diese im Vollzug der von R. Steiner intendierten spirituellen Entwicklung etwa nicht erbracht hätten oder dem immer und immer wieder an den guten Willen Appellieren, der diese Entwicklung dann schon voran bringen würde. Nichts von alledem wird letztlich weiterführen können, wenn nicht der eigene Wille im praktischen Alltag diese Kehrtwende im Kleinen bezeugen will.

    Der eigene Wille lässt sich tiefer betrachtet nicht an Vorstellungen über das was Rudolf Steiner tatsächlich oder möglicherweise auch von heute her gesehen missverständlich gesagt hat, erfahren. Der eigene Wille lässt sich allein an dem Darüberhinaus-Gehen über derartige Vorstellungsbildungen entfachen. Also an einem Erfahren der eigenen Denkbewegung als einem fortlaufenden Fäulnis- und Keimprozess, als einem beständigen inneren Umbildungsprozess eigener Denkbewegungen. Was dann zu eigenen, ohne wenn und aber selbst zu bezeugenden und zu verantwortenden Denkerfahrungen und Denkergebnissen führt.
    Sich in diesen Bereich des Erfahrens hinein zu begeben ist, solange der Wille nicht elastisch und dynamisch genug in sich durchgebildet wurde mit einer grossen, einer sehr grossen Schwellenangst behaftet.

    Das „Licht der Dinge“ enthüllt sich dem mutigen Vollzug des Hineingehen in den eigenen Willen.

    Bernhard Albrecht

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    1. @ Bernhard Albrecht:"Vorstellungsbildungen"

      Es gibt die "Abendvorträge" Rudolf Steiners, die er zwischen dem 5. und 12. März 1922 in der Philharmonie Berlin hielt.
      Im Vortrag vom 5.März 1922 :"Die Harmonisierung von Kunst,Wissenschaft und Religion" sprach er einerseits davon, das Denken zu erkraften, dann es bis zur "Imagination" zu bringen.
      Und weil Sie auch von "Denkerfahrungen" schrieben, hier für Sie ein Zitat aus diesem Vortrag:

      "Wir müssen dazu kommen, Vorstellungen...( ).. wieder aus dem Bewusstsein fortzuschaffen, so dass wir in die Lage kommen, ein völlig leeres Bewusstsein herzustellen. Diese Herstellung eines leeren Bewusstseins ist der zweite wichtige Akt auf dem Wege zur übersinnlichen Erkenntnis."
      Erst durch Herstellung des leeren Bewusstseins kommt es zur "inspirierten Erkenntnis" Zum Schauen. Und im Vortrag vom 9.März 1922 geht es auch um "Intuition", Zitat: "...so lernt man in der Ausdehnung der Inspiration zur Intuition das kennen, was die Menschenseele durchmacht nach dem Tode." Durch "Inspiration" lernt man das kennen, "was der Mensch durchgemacht hat vor der Geburt oder Konzeption,.."
      Die "Schwellenangst", die Sie erwähnen, ist eines der "drei Tiere" aus dem "Abgrund": Angst, Hass und Zweifel am Geist.
      Die gilt, zu überwinden, bis Furchtlosigkeit, Liebe und Gewissheit entstehen. So mancher Hirsch von heute ist der Braten von morgen.
      Empfehlung von: Das Magie - Kochstudio & Meisterjäger

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    2. Wir dürfen bei dem individuellen Bemühen, den Impuls der Geisteswissenschaft zu verstehen und wenn wir soweit sind, aktiv zur Geburt zu verhelfen, durchaus mit dem Weben und Leben der Geistigen Welt rechnen. Dr. Clement erforscht noch, ob Steiners Geistige Welt eine reine Eigenschöpfung ist, oder ob berechtigt die Ausführungen Steiners als eine allgemein-gültige "Landkarte" zu nehmen ist.

      Im Unterschied zum reinen Glaubensakt, den die Kirchen einfordern, ist in der Geisteswissenschaft ein aktives Element zu entwickeln.

      Mir schrieb nun dieser Tage ein Mann, der fast 80 Jahre ist, er habe beim Mittagsschlaf plötzlich eine innere Stimme "gehört", welche ihm genau Mitteilung machte, wie meine Ehefrau meine Person kennenlernte.
      Diese Person hatte "ungefragt" eine website über meine Person zu erstellen begonnen, nahm Kontakt mit mir auf. Mir war bewußt, es gibt keine Rechtsmittel die website zu verhindern. Natürlich passieren dann auch Fehler, weil Daten und Orte oftmals nicht stimmen.
      Mir zeigt die Mitteilung, wie wir verbunden sind und Dritte durchaus innerlich aktiv am Nächsten Anteil nehmen. Ich gehe davon aus, so wie Herr Jelle van der Meulen das innere Bild und die Stimme hörte, die ihn auf das idealistische von Schiller verwies, webt im Hintergrund, ein Wesen, das in der Zukunft nicht mehr Christus genannt werden wird - so Rudolf Steiner - welchem wir, nachdem erst einmal ein bewußtes Erlebnis eingetreten ist, immer mehr in unserem Handeln vertrauen dürfen. Wir sind miteinander verbunden, verwoben. Wir konnten erreichen, das diese Person ihre innere Wahrnehmung, die sie ins Internet - mit noch unbeholfenen Worten - stellte, wieder herausnahm. Ich denke das Steiner-Bild mit seinen objektiven Widersprüchen kann von der reinen Wissenschaft nicht erforscht werden, weder von Dr. Zander, noch von Dr. Clement. Es sind unzulängliche Bruchstücke, welche den geistigen Impuls Rudolf Steiners nicht fassen werden können. Erst das eigene, inspirative Element, wie bei Jelle van der Meulen und bei dem alten Mann z.B. können Rätsel eines Menschen zu lösen helfen, da werden Widersprüche in ein Gesamtgeschehen als sinnvoll erkannt, erlebt werden. Nach Steiner in der Zukunft sogar der Sinn des Bösen.....

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    3. @ Ernst:

      Christian Clement versucht, darzustellen, inwieweit der Inhalt der Schriften Rudolf Steiners auf früheren Schriften anderer aufbaut, seien es nun die Mystiker (Meister Eckhart, Böhme, Paracelsus, Cusanus, Silesius...), die Idealisten (Kant, Fichte, Schelling, Hegel…) oder die Theosophen (Blavatsky, Besant, Leadbeater...).
      Zu untersuchen, ob der Inhalt der Schriften Steiners oder der Genannten »berechtigt als allgemein-gültige "Landkarte"« zu nehmen ist, liegt - jedenfalls so wie ich ihn bisher verstanden habe - außerhalb seines Auftrags. Es ist am Leser, das jeweils für sich herauszufinden.

      Die Schwierigkeit in dem Satz:
      »Dr. Clement erforscht noch, ob Steiners Geistige Welt eine reine Eigenschöpfung ist, oder ob berechtigt die Ausführungen Steiners als eine allgemein-gültige "Landkarte" zu nehmen ist.«
      liegt zudem darin, daß er so tut, es gäbe nur diese beiden Alternativen: entweder Steiners »reine Eigenschöpfung« oder »berechtigt als allgemein-gültige „Landkarte“ zu nehmen«.

      Es gibt, wie so gut wie immer, auch hier mehr als nur zwei Möglichkeiten. Eine schöne Darstellung dieser Tatsache findet sich hier.

      Herzlich,
      Ingrid

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    4. Haha! :-) Das sind die Neuplatoniker mit ihren modernen Höhlengleichnissen! :-)) Platon hätte das sicher gefallen.
      Danke, liebe Ingrid. Für das durchaus auch witzige geometrische Gleichnis. Das hat was.
      herzlich, mischa

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    5. Ja, es hat wirklich etwas.

      Auch wenn es Menschen geben wird, die jetzt durch ihr begrenztes Abstraktionsvermögen - auch wenn sie es leugnen werden - ziemlich verunsichert sind, wenn auf einmal die Stütze ihres Weltbildes einfach in sich zusammenstürzt. Nämlich, dass das eigene Bild der Dinge per definitionem oder aufgrund eigenem angemaßten Autoritätsanspruch immer das einzig wahre ist.

      Nicht alles was so aussieht wie ein Quadrat, ist eben ein Quadrat.... ;-)

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  3. @Ingrid

    mir geht es nur darum aufzuzeigen, wie die gegenwärtig-allgemeine Wissenschaft nicht in den Lebens-Widerspruch bei Steiner eindringen kann. Ob Dr. Zander oder Dr. Clement, beide "reiben" sich an der Person Steiners (was durchaus erhellende Ergebnisse liefert), jedoch nicht in das Wesen der Geisteswissenschaft einzudringen vermag. Interessant Dein Hinweis auf "Auftrag" für Dr. Clement.
    E.S.

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    1. @ Ernst:

      :-) Mit „Auftrag“ meinte ich Christian Clements selbstgewählten Auftrag, und nicht etwa, daß er im Auftrag von jemand anders arbeitet.

      Im Rahmen des Unternehmens SKA enthält Christian Clement sich eigener Forschungen, ob sich der Inhalt der Mitteilungen Rudolf Steiners als „allgemein-gültige Landkarte“ eignet oder nicht, und beschränkt sich auf die Darstellung der Textentwicklung.
      Aus der Einleitung zum ersten erschienenen Band (SKA 5):

      »Die Anthroposophie Rudolf Steiners (1861-1925) hat eine tiefgehende und globale Wirkung auf das geistige und gesellschaftliche Leben des 20. Jahrhunderts gehabt und übt diese auch weiterhin aus. […]
      Obwohl aber Anthroposophie im kulturellen, intellektuellen und spirituellen Leben der Gegenwart unzweifelhaft eine bedeutsame Rolle spielt, steht der Forschung bisher keine wissenschaftlich-kritische Ausgabe ihrer theoretischen Grundlagentexte zur Verfügung. […] Angesichts eines gerade in jüngster Zeit zunehmenden öffentlichen und wissenschaftlichen interesses an der Anthroposophie muss das Fehlen einer kritischen Textgrundlage als schmerzlich angesehen werden; umso mehr als Steiner seine Monographien in immer neuen Auflagen vielfach umgearbeitet hat und in dieser Entwicklung seiner Texte ein wertvolles Zeugns seiner eigenen intellektuellen Entwicklung hinterlassen hat. Die bisherigen Ausgaben machen diese Entwicklung in der Regel nicht transparent und erzeugen so die Fiktion eines autoritativen anthroposophischen Lehrtextes, wo bei Berücksichtigung der Textentwicklung ein im ständigen Fluss befindliches, auf immer neue Weise mit der sprachlichen Form ringendes und auch inhaltlich sich selbst revidierendes Denken offenbar wird.
      Bisher musste, wer diese Entwicklng der steinerschen Texte detailliert nachvollziehen wollte, mit mehreren […] und oft nur schwer beschaffbaren Originalausgaben arbeiten. Diesem Umstand wird durch die mit dem vorliegenden Band beginnende Kritische Ausgabe (SKA) abgeholfen. Indem der kritische Apparat eines jeden Bandes sämtliche in den verschiedenen Neuauflagen auftauchenden inhaltlichen und orthographischen Textänderungen dokumentiert, lässt sich die Entwicklung von Steiners Denken und Sprachstil nicht nur durch die Folge seiner verschiedenen Veröffentlichungen, sondern auch durch die Entwicklungsstadien einer jeden Einzelschrift detailliert nachvollziehen. Ausführliche Einleitungen und ein Stellenkommentar kontextualisieren die jeweiligen Schriften im Rahmen von Steiners Gesamtwerk und geben durch vollständige Dokumentation sämtlicher Fremdzitate im Originalwortlaut Einblick in Steiners Quellen und Zitierpraxis.«

      »wie die gegenwärtig-allgemeine Wissenschaft nicht in den Lebens-Widerspruch bei Steiner eindringen kann.«
      Was genau meinst Du mit „Lebens-Widerspruch“?

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    2. @Ingrid
      ":-) Mit „Auftrag“ meinte ich Christian Clements selbstgewählten Auftrag, und nicht etwa, daß er im Auftrag von jemand anders arbeitet.

      Im Rahmen des Unternehmens SKA enthält Christian Clement sich eigener Forschungen, ob sich der Inhalt der Mitteilungen Rudolf Steiners als „allgemein-gültige Landkarte“ eignet oder nicht, und beschränkt sich auf die Darstellung der Textentwicklung."

      Meine Antwort richtet sich nicht nur an Deine Person.

      Mir war klar, der Hinweis wird so ausfallen. Es bleibt offen, ob Herr Dr. Clement sich einen "Auftrag" gab und was er beinhaltet. Ich will jetzt nicht in abgelegten Beiträgen suchen, aber das Interesse an seiner Arbeit von meiner Seite war sein Hinweis, er wolle mit seiner Arbeit den Menschen einen leichteren, einfacheren Zugang zur Geisteswissenschaft ermöglichen. Das ist ja mehr als nur die Textentwicklung, weil diese u.U. auch ganz das Gegenteil als einen leichteren Zugangs bewirken kann. Es mag für die gegenwärtige Wissenschaft interessant sein und zu scheinbaren Widersprüchen der persönlichen Entwicklung Steiners spekulativen Anlaß geben, die Forschung an der Textentwicklung. Mein Interesse gilt der inneren Entwicklung Steiners, die so sich nicht unbedingt einwandfrei aus der reinen lesbaren Textentwicklung ergibt.

      Die Frage: "Was genau meinst Du mit „Lebens-Widerspruch“?"

      Nun, dieser Lebens-Widerspruch zeigt sich doch durch die Aufzeichnungen von Dr. Ernst (zum Vergiftungsanschlag) die von meiner Seite erst teilweise öffentlich verbreitet wurden. Interessanterweise fand sich auf der website, welche für Judith von Halle eingerichtet wurde, dieser Text:

      Samstag, 22. April 2017, 15.00 - 19.00 Uhr
      Der rätselhafte Tod Rudolf Steiners und der Fortgang der Anthroposophischen Gesellschaft
      Seminar mit Sebastian Boegner, Berlin
      für Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft
      zu den Themen der Vorträge vom 28.1.2017: Der Brand des Goetheanum, das Wagnis mit der Weihnachtstagung und der Vorfall auf dem Rout als Wirkensschichten des neun Monate später beginnenden Krankenlagers; ein Geschehnis in den letzten beiden Lebenswochen und dessen wenig bekannte Vorgeschichte sowie mögliche Gründe für Rudolf Steiners Verhalten gegenüber Marie Steiner und Ita Wegman in seinen letzten Lebenstagen; die Entwicklung der anthroposophischen Weltgesellschaft nach Rudolf Steiners Tod und die Frage einer möglicherweise entstandenen okkulten Gefangenschaft.
      Ausgangspunkt des Seminars werden die Fragen der Teilnehmenden sein.

      Bitte halten Sie für den Einlass Ihre Mitgliedskarte bereit.
      Für die Pause wäre es schön, wenn aus für alle Mitgebrachtem ein gemeinsames Buffet entstünde.
      Spenden erbeten (Richtwert 7 € pro Seminareinheit)
      Ort: Rudolf Steiner Haus

      Also die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft ringt um das Verhalten Rudolf Steiners zu Ita Wegmann und Marie Steiner. Insofern passt die Frage zu dem esoterischen Bild von Michael, da Steiner mit den beiden Damen esoterische Stunden gibt. Vielleicht kann ja aus der „geheimen“ Tagung (es bedarf eines Mitgliedsausweises, wahrscheinlich gilt nicht „rosa“ sondern „blau“) etwas an die Öffentlichkeit dringen, was uns allen weiterhilft.
      Es ist ja bemerkenswert, wenn Michael sogar das „Goetheanum“ als Ort der Möglichkeit eines interessanten Aufbruchs erkennt. Sein link zu den Teilnehmern der Tagung zeigt interessante Gesichter und so wie ein Nichtanthroposoph „inspiriert“ war im Mittagsschlaf sind es die Begegnungen der Menschen, welche wahrscheinlich den Impuls der Geisteswissenschaft neu beleben können. Wie geschrieben, mag die Textentwicklung, welche Dr. Clement darstellt durchaus zu wissenschaftlichen Ergebnissen führen, jedoch nicht in der Geisteswissenschaft. Diese beginnt erst mit einem individuellen Initiationserlebnis, das jeder für sich erlebt. Dann gibt es keine Diskussionen, kein Beweis ist notwendig, die Christus genannte Wesenheit schenkt unerschütterliche Gewissheit….. .

      E.S.

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    3. @ Ernst:
      »Wie geschrieben, mag die Textentwicklung, welche Dr. Clement darstellt durchaus zu wissenschaftlichen Ergebnissen führen, jedoch nicht in der Geisteswissenschaft.«
      Nochmal: Das wäre nicht weiter verwunderlich, denn das ist, wie schon gesagt, auch gar nicht sein Anspruch.
      Mir ist es wichtig, das zu betonen, da etlichen seiner Kritiker das nicht klar zu sein scheint.

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    4. „Wenn die Sprache nicht stimmt, dann ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist. Ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, so kommen keine guten Werke zustande. Kommen keine guten Werke zustande, so gedeihen Kunst und Moral nicht. Gedeihen Kunst und Moral nicht, so trifft das Recht nicht. Trifft das Recht nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Also dulde man keine Willkürlichkeit in den Worten. Das ist es, worauf es ankommt.“ Konfuzius

      https://de.wikipedia.org/wiki/Konfuzius

      E.S.

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    5. :-) Ja.
      Das trifft sich mit einem Ausspruch von Karl Kraus, von dem Ernst Krenek in seiner Autobiographie berichtet (und den ich hier schon des öfteren zitiert habe):
      »Als man sich gerade über die Beschießung von Shanghai durch die Japaner erregte und ich Karl Kraus bei einem der berühmten Beistrich-Probleme antraf, sagte er ungefähr: Ich weiß, daß das alles sinnlos ist, wenn das Haus in Brand steht. Aber solange das irgend möglich ist, muß ich das machen, denn hätten die Leute, die dazu verpflichtet sind, immer darauf geachtet, daß die Beistriche am richtigen Platz stehen, so würde Shanghai nicht brennen.«

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  4. Prokofieff hat den guten Willen als die Erfahrung der ‘Herzwärme‘ beschrieben (7TJ888LyxacC, S.133). Es ist der notwendige Gegenpol zum Licht der Offenbarung, die leicht dogmatisch wird.

    Die Weihnachtstage 1923 sollten vielleicht ‘Pfingsttage‘ heissen: nicht eine Anbetung als Neuanfang, sondern eine Art Ausgiessung als individuelle Wende, Kehre. Quasi eine pragmatische Wahrheitsauffassung.

    Kühlewind ging ‘einen sicheren Weg‘ und erarbeitete das Denken ‘wie eine in sich lebendige Wesenheit‘. Er stand ‘auf einer sehr wichtigen Zwischenstufe‘ (vgl. 13.343 f.).

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    2. Für mich ist der „gute Wille“ verbunden mit den letzten Zeilen des Grundsteinspruches — da ist sowohl die Gründung aus Herzen enthalten als auch die (zielvolle) Führung aus Häuptern.

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    3. Die Gedanke führt das Wollen. Und ist es dann etwas anderes mit dem Wollen im Denken (Weltgedanken, Weisheit)?

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    4. @Ton Mit dem *Wollen im Denken* ist allerdings ein Schnitt in der Selbsterfahrung verbunden, der als einigermaßen dramatisch empfunden werden kann. Ob man es in den Bildern der *Schwelle* heute ausdrücken sollte, möchte ich bezweifeln. Aber jedenfalls wird die Biografie und Person anders beleuchtet, und es kommen Zweifel auf, inwieweit der *Gedanke das Wollen* tatsächlich führte- inwieweit die eigenen Intentionen korrumpiert sind. Das *Herzdenken* als realistische und dynamische Ebene führt den Schein vor Augen, den man selbst erzeugt. Das Drama der Schwelle ist daher von Scham gesättigt. Bei Prokofieff hört es sich eher technisch referiert an.

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    5. Es ist schon aussergewöhnlich, dass Prokofieff hier seine eigene Erfahrung beschreibt. (wie auch später den inneren Tempel, S. 434 f.)

      Korrumpierte Intentionen bestimmt. Kleine Hüter (Scham) und Grosse Hüter (Zweifel) finde ich verbunden mit Aufwachen und Einschlafen in Exkurse (GA 124):
      Denken im Wollen: Jeden Morgen trifft der Mensch diesen kleinen Hüter der Schwelle. Wer bewußt beim Aufwachen eintritt in seine Hüllennatur, lernt diesen kleinen Hüter der Schwelle kennen. 124.95

      Wollen im Denken: Es steht auch abends, wenn wir einschlafen, vor einem Tore, das wir passieren müssen, ein Hüter der Schwelle. Das ist der große Hüter der Schwelle, der uns nicht hineinläßt in die geistige Welt, solange wir unreif sind; … 124.103

      (Wollen im Denken/ Denken im Wollen, z.B. in Allgemeine Menschenkunde 293.78 f., Leitsätze 26.74 f., die Brücke 202.201 f.)

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    6. Zugleich artikuliert Prokofieff die Großen Mythen, Anthroposophie betreffend: Das Selbstbild als moderne Version der Gralsritter, die Selbstaufopferung Steiners in der Weihnachtstagung, die ewige märkische Verknüpfung mit der äußeren anthroposophischen Gesellschaft (die dadurch unentbehrlich wird), das Scheitern der Gesellschaft, die resignierte Haltung. Zusammen genommen eine kultische, selbstbezügliche, depressive Weltabgewandtheit- mit heroisch sakral aufgeblähtem Selbstverständnis. Prokofieff ist der Hohepriester dieser Haltung.

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    7. Nicht *märkische*, sondern *karmische* - Autokorrektur von Google.

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    8. Ja, der Herr der Dorn-Mark.

      Anthroposophie wird eine wehrsportliche Organisation, um den schützenwerten Gralskern zu verteidigen, notfalls mit der Glock. Ein gütig hütender Menschheits-Anweiser holt aus jedem das Beste hervor, mal den Schafskern, mal den Wolfskern. Hachjaa....

      Da werden die hochmütigen Kritiker von heute bald die Um-Gnade-Winseler von morgen.

      Mir geht das so auf den Zeiger. Der "Geist" wäre überall, er müßte nur entbunden, "erlöst" werden zur rechten Zeit mit dem nötigen Einfühlungs-Vermögen. Aber dieses Verbreiten der Lehre, die mit dem "Opferfürsten Steiner" ("Winnetou ist ein Christ! Hou!" Musik ab) auf's engste, nämlich monolithisch verbunden ist, mit dem Schwerte.

      Das wird mir allmählich ein suspekter Krimi. Gerade wenn man dann "Schweig, Du Oberlehrer!" vorgeworfen kriegt, weil man die Bevormundung der Gralsmafia nicht nur leid ist, sondern ..ja, komisch ... findet.

      Dann ist man ein "Feind der Anthroposophie", der beobachtet werden sollte....

      mischa

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    9. Ja, klar, Prokofieff war auch VT’er (z.B. Kaspar Hauser), und seine Weisheit war einseitig abelitisch-weiblich gefärbt (93.218f.), nicht praktisch, kein Arthur-Ritter.

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    10. Hilf dem Jägermeister mal mit 'Herr Dorn-Mark' auf die Sprünge!

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    11. „Die Großen hören auf zu herrschen, wenn die Kleinen aufhören zu kriechen.“ Friedrich von Schiller (1759–1805)

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    12. Kühlewind scheint den ‘männlich-weltliche‘ Antipode von Prokofieff. Er hatte selbsterworbene, kainitisch-wissenschaftliche Weisheit.
      Kühlewind auf Englisch (The Gentle Will) in: books.google 8_8R2xbsB2UC

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    13. @Ton Kühlewind lebte und die nüchterne Geistselbst- Präsenz auf ideale Weise- seine vollständige Aufmerksamkeit für Andere war zurück genommen, aber bis in die entspannte Körperhaltung spürbar. Einmal war ich mit einer "entwickelten" älteren Freundin auf einem Vortrag, den er später in einer Menschentraube betrat, und er grüsste sie quer durch den Saal wie unter Kollegen. Sie hatten sich noch nie gesehen. Ich kann eine solche Person schwer mit Prokofieff vergleichen, den ich eher als Beamten- Typ kennen gelernt habe.

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    14. Prokofieff habe ich mich nur einmal angehört, steif aber feurig (vgl. von Sivers). War Kühlewind entspannter und wässeriger, weltmännischer, mehr Hirte als König?

      Über die Denkbremse, Ausschnitt aus einem 2005 in Köln gehaltenen Vortrag
      https://www.youtube.com/watch?v=fo_LDauXd8c&t=6s

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    15. finde über "Kühlewind" diesen interessanten Wiener Vortrag von Dr. Johannes Zwiauer:

      https://www.youtube.com/watch?v=lhK7_hx1EFs

      e.s.

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    16. @Ton: Ich hatte Kühlewind am Flughafen abgeholt, 200 km vor uns, stundenlange Verspätung des Fluges. Ich war sehr im Druck, weil etwa 100 Leute warteten und raste über die Straßen. Das hat ihn nicht im geringsten beeindruckt, auch nicht die grollende Menge im überfüllten Saal, die auf ihn wartete. Im Gegenteil, er zog sich erst einmal zurück, machte sich frisch und sammelte sich. Am Siedepunkt des Grolls der Menge kam er vollkommen entspannt herein. Humorvoll, immer souverän, aber auch ein strenger Lehrer, der beständig nachfragte, ob man sorgfältig beobachtete. Ob man z.B. die Türklinken am Eingang gesehen hatte und beschreiben konnte. Dann anspruchsvolle Betrachtungen zu Musik (etwa Gershwin), immer mit Fragen und Forderungen, sich einzulassen und zu artikulieren. Insgesamt war der Mann eine permanente Herausforderung.

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    17. Ja, sehr schön, einen Hirte. Es klingt für mich – um einen Begriff zu haben – wie den sicheren, wissenschaftlich-anthroposophischen Weg (daß man sich bloß dem äußeren Wahrnehmen hingibt … um gewissermaßen die Außenwelt begriffsfrei in sich einzusaugen, 322.113f., 13.343 f.).
      Vgl. The Logos-Structure, WamdLu1Nx5YC, p.104 f..

      Zehn fundamentalen Fehler im Denken, auf Ungarisch, 1996:
      https://www.youtube.com/watch?v=33_xMDcaPq4&t=1300s

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    18. In diesem Fall sogar der Hirte Chrispus:
      Bis d'hikummst

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    19. Ja, der Vierte Hirte. Mit Kains-Weisheit.

      Website mit selbstdargestellten Lebenslauf (aus dem Buch Bewusstseinsstufen):

      Ein Vogelgesang auf dem Fensterbrett, der Glanz des Schnees im Garten, das Meer an einem stürmischen Morgen, die Stimme eines Habichts, oder das lächelnde Gesicht eines geliebten Menschen, wenn eine Hand dich streichelt; ja, vielleicht haben diese „kleinen“ Sachen mich viel mehr beeinflusst, als dass ich das jemals beschreiben könnte.

      http://kuehlewind.org/de/georg-kuhlewind-de/uber-den-autor

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  5. Wenn die Überlegungen (bzw. »meditativen Konzepte«) so weit fortgeschritten sind: Schuhe anziehen, Zähne bürsten und nichts wie hin zum Goetheanum.

    Ich sehe jedoch methodisch Probleme in zweierlei Hinsicht.

    Fällt Steiner raus, ergeht man sich schnell in Mittlmässigkeiten und Banalitäten. Das ist eine ganz allgemeine Beobachtung von mir, die sich keinesfalls auf den Blogeintrag und die vorangegangenen Kommentare bezieht, die im Gegenteil auf mich einen gut durchdachten Eindruck machten.

    Zweitens ist es bei freien Darstellungen zu »Selbsterlebtem« sehr wohl möglich, dass das Gegenüber schlichtweg die Unwahrheit sagt oder sich in poetischen Reflexionen ohne tieferen Wirklichkeitsgehalt ergeht. Deshalb ist es von Vorteil, den Gesprächspartner bei diesen Formen der Darstellung zu kennen und persönlich zu erleben, um sich ein Bild von der Gesamtpersönlichkeit machen zu können.

    Und dieser zweite Punkt führt wieder zu der bereits eingangs gestellten Forderung: Schuhe anziehen, Zähne bürsten und nichts wie hin zum Goetheanum.

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    1. Aber sich waschen, und ein frisches Hemd anziehn sollte man auch, oder?
      mischas

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  6. @ Michael (07.03.2017 um 16:26:00)

    „Prokofieff ist der Hohepriester dieser Haltung.“

    Ist das nicht die notwendige Antipode, die entstehen muss, wenn ich mich um eine lebendige innere Anschauung dessen bemühe, welchen persönlichen Entwicklungsschritt Rudolf Steiner da im Fortgang der Weihnachtstagung vor aller Augen „ungesehen“ macht. Aber das gilt ja als sakrosankt, dass sich Menschen wie Rudolf Steiner selber noch entwickeln würden.
    Ich spreche damit etwas aus, worüber ich vierzig Jahre immer wieder intensiv fragend meditiert habe.
    Hochheiligkeit zu zelebrieren ist die notwendige Folge davon, wenn ich den Blick in die Schlangengrube meiner eigenen blinden Flecken möglichst bedeckt halten will. Etwas ganz und gar Menschliches. Denn, wer auch nur peripher an eigene blinde Flecken herantritt, der wird schon da von einer erdbebenartigen Welle der Scham innerlich leise berührt, die zu verkraften nicht jedermanns Sache ist.
    Entwicklung ist nicht einzufordern, nicht einmal anzumahnen. Und weil das aus meiner Sicht in den Monaten vor der Weihnachtstagung Rudolf Steiner immer deutlicher vor Augen trat, hat er folgerichtig sein Lehramt niedergelegt. Er hat unumkehrbar die Augenhöhe zu jedem Mitglied dieser Gesellschaft gesucht und eingenommen.
    Wer von einer Entwicklungsaufgabe in einem so weiten Ausmass spricht wie Rudolf Steiner das getan hat, muss der nicht auch mit allen Konsequenzen persönlich dafür einstehen? Schon aus Glaubwürdigkeit vor sich selbst, so denke ich. Es ist von daher aus meiner Sicht eine Mystifikation, wenn von einem Giftanschlag auf Rudolf Steiner am Ende der Weihnachtstagung gesprochen wird. Es ist dies auch dann, wenn es „scheinbar“ unwiderlegbare“ Hinweise dafür gibt. Die Weihnachtstagung hat Kräftebewegungen ausgelöst mit Folgewirkungen auf alle Beteiligten an diesem Geschehen.
    Wer in die Arena, in die Schlangengrube steigt, wie Rudolf Steiner das getan hat, der muss damit rechnen, dass er gebissen wird. Entwicklung kann nicht vonstatten gehen, ohne derartige energetisch ausgelöste Bisswunden. Das gilt auch für Rudolf Steiner. Ihn davon ausnehmen zu wollen kann mit einer zeitgemässen Denkweise nicht begründet werden.
    Die Weihnachtstagung ist ein Hinweis auf eine in freier Selbstverantwortung zu vollziehende Willensumkehr. Willensumkehr, die sich bis in die kleinsten Ecken des Alltags in der Bearbeitung meiner blinden Flecken schrittweise realisieren kann. Und wo dies geschieht, da wird in meinen Augen leise und unscheinbar an der Kräfteverdichtung und Kräfteentfaltung einer anthroposophischen Bewegung gearbeitet.
    Zum Anfang dieser Zeilen zurückkehrend: Kann Prokofieff ganz menschlich gesehen nicht als Auslöser einer Autokorrektur angesehen werden? Als ein Auslöser die Bearbeitung individueller blinder Flecken anzugehen …

    Bernhard Albrecht

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    1. Prokofieff stellt auch den Zusammenhang her, dass durch die Ausbreitung anthroposophischer Einrichtungen "in die Welt" eine Art materialistischer Gegenschlag in Sachen Gegnerschaft, aber auch eine innere Zersetzung innerhalb der Mitgliedschaft eingesetzt habe. Durch seine "okkulte Offensive" wie Weihnachtstagung und Jugendkreis habe Rudolf Steiner dem entgegen wirken wollen, bis hin zum eigenen Opfer. Ich frage an dieser Stelle, ob diese - nennen wir es Strategie - nicht den paranoiden Status der Bewegung zementiert hat, den Prokofieff hier, Steiner folgend und weiter geradezu hysterisch überhöhend, in ein sakrales Selbstbild der Gesellschaft innerhalb einer feindlichen, ahrimanischen Welt ausbaut. Es wäre eine ganz andere, weltoffene Haltung möglich und denkbar gewesen. Stattdessen diese sektiererische Abschottung, die nur zersetzend auch nach innen gewirkt hat. Es ist kein Wunder, dass die Wagenburg- Mentalität heute weiter in die Dekadenz geraten ist, und politisch anti- amerikanische und antisemitische Züge trägt, teilweise Diktatoren und die Rechte huldigend, die EU verdammend. Dann- folgt man dieser These- wäre der Mythos der "Weihnachtstagung" der Irrweg in ein sektiererisches Nirgendwo, dem heute zwar weder Leitung noch Praktizierende folgen, sehr wohl aber weite Teile der Mitgliedschaft.

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    2. "Wagenburg-Mentalität"

      Der Mainstream lässt nur äusserst selten
      Andere Meinung als seine gelten.
      Meinung - so sagt er - kommt von: Mein.
      Deine Deinung kann nicht meine sein.
      Meine Meinung - ja, das lässt sich hören !
      Deine Deinung könnte da nur stören.
      (Und ihr andern bitt`schön schweigt.)
      Meine Güte ! Eure Eurung steckt euch an die Hüte.
      Lasst uns schweigen, Freunde, senkt das Banner.
      Der Mainstream irrt, doch formulieren kann er.
      Erhascht von: Das Magie-Kochstudio

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    3. "Die Weihnachtstagung hat Kräftebewegungen ausgelöst mit Folgewirkungen auf alle Beteiligten an diesem Geschehen."

      Sehe, Herr Rudolf Saacke hat nun viel neues Material zur Weihnachtstagung, den Umständen zusammengetragen. Die Worte Steiners waren mir bisher nicht bekannt. Saacke schreibt:

      "Erst kürzlich wurde bekannt, daß Rudolf Steiner einen Tag vor Beginn dieser Tagung die von ihm auserkorenen fünf Kandidaten für den Vorstand in einer speziellen „Esoterischen Stunde“ in deren verantwortungsvolle Aufgabe mit folgenden Worten einführte:

      Wir werden in dieser Stunde herunterrufen den Segen der geistigen Mächte, in deren Strömung wir uns befinden. Geloben werden wir ihnen, daß wir im Verantwortlichkeitsgefühl den guten geistigen Schöpfermächten gegenüber uns nicht mehr trennen wollen von dieser gemeinsamen Arbeit, die in den nächsten Tagen hier zu begründen sein wird."

      http://fvn-rs.net/index.php?option=com_content&view=article&id=4620:5-iii-das-geheimnis-des-3-august-1924&catid=313:rudolf-saacke&Itemid=24

      E.S.

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    4. @Magie

      Ah so, deine Deinung nun, gebraut im Magie-Kochstudio?
      Sag Ulk - doch nicht aus einer Wagenburg?

      Nur zu, so soll es sein..koch eifrig dir dein Süppchen,
      es bleibt auch dein! (mit viel Geschmacksverstärker fein)..

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  7. Lieber Michael,

    nur zur Klarstellung: Ich dachte, Sergej O. Prokofieff wäre innerhalb des Dornacher Vorstandes und der verschiedenen »scientific communities« der Anthroposophen recht isoliert gewesen und nun auch schon vor ein paar Jahren verstorben.

    Kannst Du bitte ausführen, weshalb Du Prokofieff eine solch dominante Rolle einräumst, und in welchem Zusammenhang das mit der angesprochenen Tagung und der dahinterstehenden Initiative steht?

    Gruß,
    Hassan حسن

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    1. Hassan, als Vorstand war Prokofieff sicherlich isoliert- kein Wunder bei seiner permanenten Suche nach Anweichlern und Ketzern. Aber sein Werk hat schon Gewicht und repräsentiert die Haltung der Orthodoxen. Die angesprochene Tagung sehe ich an als weiteren deutlichen Schritt hin zur Öffnung und eben zur Überwindung der Orthodoxie.

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    2. Lieber Michael,

      „Es wäre eine ganz andere, weltoffene Haltung möglich und denkbar gewesen.“

      Es wäre dies nicht nur … es ist dies mit der Umkehr auf den Willen hin eigene blinde Flecken zu bearbeiten immer noch und weiterhin möglich. Zu einer jeden Entwicklung gehört es andere Menschen ihren Weg gehen und „ihre Erfahrungen auf den Wegen ihrer Reifung“ machen zu lassen. … Mich von ihnen anregen und herausfordern und dennoch mich nicht beirren zu lassen meinen eigenen Weg still weiter zu suchen und zu gehen ohne irgendwen zu verdammen. Antipoden sind das Ferment einer jeglichen Entwicklung. Es ist daher müssig sie zu beklagen oder gar gering zu schätzen. Sie sind notwendige Reibflächen.

      Bernhard Albrecht

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  8. Lieber Michael,

    Danke für die Klarstellung. Es fiel mir zuvor etwas schwer, diesen Aspekt Deiner Beiträge hier zu verstehen. Prokofieff war und ist umstritten; auch gegen diese Tagung und auch gegen die hinter dieser Tagung stehende Initiative gibt es kritische Einwände.

    Gruß,
    Hassan حسن

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    1. @Hassan

      "auch gegen diese Tagung und auch gegen die hinter dieser Tagung stehende Initiative gibt es kritische Einwände."

      Falls Sie diesen blog einige Zeit besuchten, werden Sie erkennen, wie konträr die Positionen oft sind. Lese erstmals nun von "kritischen" Einwänden gegen die Initiative. Gibt es hierzu einen link, bzw. einen öffentlich-zugänglichen Hinweis?

      Sie haben recht, es bedarf des persönlichen Kennenlernens. War dieser Tage verblüfft, da Jemand eine Charaktereigenschaft veröffentlichte. Fragte die Person, wie sie darauf komme. Sie antwortete mir, als ich vor Ihnen stand, sah ich Ihren Kopf und mir bildete sich der Begriff über Sie. Die Person ist Lehrer gewesen. Es geht also auch recht gut ohne Hellsehen, für die tägliche Klarheit.

      Falls Sie die kritischen Einwände erhellen können, Dank im Voraus.

      Ernst Seler

      E.S.

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    2. Es gibt unterschiedlichste Lebenswege, daher auch vollständig verschiedene Entwicklungen in einer menschlichen Biographie.

      Diese verschiedensten Menschen immer in "Reibung" zu halten, damit "Hitze" entsteht, ist ab einem gewissen Level der "Konflikt-Temperatur" destruktiv gefährlich.
      Echte Demokratie erkennen wir am Schutz der Minderheiten, so eine Faustregel, mit zwei Kopfnüssen. Wann gehören wir zu Minderheiten? was ist Schutz? Aktiver oder passiver Schutz? Abendfüllend.

      Was sich sagen will: "Spaltung" und Trennungen gehören zum Leben dazu. Seltenster auch erneute Zusammenfindungen, dafür aber ist ein normales Menschenleben zu kurz und wirtschaftlich zumeist beschränkt. "Versöhnungen" sind Wohlstandsflausen oder konsumbedingt, aber Trennungen sind meistens echt, bracchial, wahrhaftig und tragen Zukunft in sich.

      Was der erste Streit, der bekanntlich oft auch der letzte sein wird, übrigläßt, das Gemeinsame, das kann eine Weile die gestaltende Brücke eines Geben und Nehmens sein.
      Wäre der sich entwickelnde, der immer an sich bildende Mensch nicht nach der Natur ein zentrifugales Wesen, säßen wir heute noch in Zentralafrika.

      Jede Orthodoxie fröhnt - aufgrund irgendwelcher Traumatisierungen? - einem paramilitärischem Korpsgeist.

      Streitigkeiten werden relativiert. Jeder Übergriff verschwindet in poetischen Nebelkerzengewittern einer endorphinen kollektiv auf's Äußerste überspannten Schein-Toleranz. Jede Konflikt-Ursachen-Forschung wird für unwichtig achselzuckend unter den Teppich verwiesen, notfalls auch mit scharfer Zurechtweisung. "Der Streit", pfui, wird zur Ursache erklärt, zum Dämon :-)) ... die beiden Konfliktparteien erfahren weder Schiedspruch noch Untersuchung, "Streithähne" für - gleichschuldig - befunden, weil sie dem "falschen" Impuls offensichtlich "nachgegeben" haben sollen.

      Paramilitärischer Korpsgeist sieht in jedem innerparteilichem Konflikt die personelle und auch quantitative Schwächung der Schlagkraft der Truppe, und in der Gesinnungs-Abweichung eine qualitative Wehrkraft-Zersetzung. Die Unvereinbarkeit - die durch solche Verkollektivierung - entsteht, mit in eher spirituell intendierten Gemeinschaften mit der Weihe des Hauses (in dieser Stille hört man jede Nadel klirrend fallen) und mit dem tauben Funktionsfleiß kaschiert, und einem Zähneblecken, was man früher, verträumt, "ein Lächeln" nannte. Tadellose Sauberkeit dokumentiert die Angst vor dem Einbruch des Lebendigen. Man fürchtet oft "den Einbrecher". In der Diktatur ist das "der fremde Spion".

      Der Aufruf, die hohe Forderung, "jeden zu verstehen" -, bevor sich wahrhaftiges Verständnis-Bedürfnis inhaltlich aus der zentrifugalen Distanz am peripheren Übergang in eine neue biographische Situation (Metamorphose, Häutung) ergäbe, - ist das letzte Aufgebot, der Zersetzung der Truppe, der monolithischen Betonblock-Anthroposophie, entgegenzuwirken.

      Die Samenkapsel möchte geschlossen bleiben, ehe der Wind ihr den ganzen Inhalt raubt, um ihn auf Nimmerwiedersehn in alle Richtungen davonzutragen...

      mischa

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    3. interessanter Text mischa.
      Fasse ihn so auf, lass die Menschen ruhig schlafen (im Goehteanum)?!
      Realität:

      "In die Panik mischt sich Gereiztheit. Menschen stoßen aneinander, viele haben trotz aller Angst ihre Telefone in der Hand, laufen und tippen gleichzeitig. „Pack doch das Ding weg“, herrscht ein Mann eine Frau neben ihm an. Sie hört nicht. Sie und viele andere senden Nachrichten, machen Bilder, nehmen Videos auf. Von den Polizisten, von sich selbst, von den Gehetzten um sich herum. Die Menge strömt, hastet in Richtung Hotel Nikko in der Immermannstraße. Überall sind Streifenwagen. Über den Köpfen kreist ein Helikopter. Der Verkehr steht. Keine Bahn fährt. Niemand weiß, was passiert ist. Alle wollen weg, nur weg."

      http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/axt-angriff-am-duesseldorfer-hauptbahnhof-pack-doch-das-ding-weg/19498568.html

      E.S.

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  9. Rückblickend.
    Es ist in den 90 iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gewesen, dass ich Georg Kühlewind in einem Vortrag und einer nachfolgenden, in Gesprächsbeiträgen ihm teilweise deutlich Widerspruch entgegen bringenden Atmosphäre erleben durfte. Was er damals als innere Haltung in die Gespräche einbrachte, hat sich in mir in den Jahren danach immer tiefer verdichtet und ich würde es heute so beschreiben.
    Kühlewind verstand es durch seine Art wie er antwortete einen „Gesprächsraum“ zu schaffen in dem deutlich wurde, dass er nicht nur sachlich, sondern auch anekdotisch-humorvoll in eine hitzige Stimmungslage hinein zu antworten wusste. Es gab Momente, in denen für mich weiter sichtbar wurde wie er innehielt und etwas von dem vorgebrachten Argument wie nachsinnend zu sich nahm. Gleichzeitig öffnete er mit seiner inneren Haltung, während er antwortete, wie einen Prozessraum, in dem der gegensätzlich Argumentierende auf eine ganz leise Art die Möglichkeit zugesprochen bekam sein Argument, wie auch die Antwort darauf weiter zu bedenken. Er schuf mit seiner Antwort einen Wachstumsraum, indem er wie beiläufig zu verstehen gab, nicht was ich jetzt sage beinhaltet die Antwort, sondern die Antwort wird Dir werden in dem Masse wie Du weiter mit unser beider Sagen umgehen wirst. Unterstrichen wurde dieses unscheinbare Vorgehen durch die nachfolgende Stille, welche die nächste Frage einen „verlängerten“ Augenblick lang wie zurück hielt bis sie geschehen konnte.
    Stille als von innen geprägter Gestaltfaktor in einander widerstreitenden Gesprächssituationen. Für mich, über dieses Erlebnis hinausreichend, eine über mein ganzes Leben hin sich fort und fort immer wieder auf neue Weise zum Ausdruck bringende Herausforderung dafür, wie das „Licht der Dinge“ in den täglichen Aufgabenstellungen ganz praktisch zum Ausdruck zu bringen ist.

    Bernhard Albrecht

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