Artifizielle anthroposophische Wehleidigkeit oder Das Christusbewusstsein in der LED- Lampe

Nach einem gemeinsam mit Waldorflehrern und deren gerade frisch pensioniertem und umschwärmtem Leit- Wolf verbrachten Abend, bleibt Außenstehenden wie mir, die die Binnenkräfte solcher Zirkel oft gesehen und verwundert betrachtet haben, doch nie wirklich Teil davon waren, an der einen oder anderen Stelle nachzudenken über das, was bei solchen Beobachtungen an Unwohlsein stehen bleibt. Was ja nicht alles ist: Da sind dreißig Jahre Wirken und Schaffen, Erziehen und Gestalten, Aufbauen und Betreiben, die niemand leugnen wird. Wo liegt der Stachel, der viele außen vor lässt, manche stört und wenige reizt, ihn auf den Punkt zu bringen?

Der Leit- Wolf sieht harmlos aus, gibt sich unauffällig und bescheiden, hat aber Schulgremien, Geldgeber, Bauherren, Geschäftsführer und wechselnde Kollegien über Jahrzehnte angeführt. Seine Soft Power hat er inzwischen auf die Anthroposophische Gesellschaft der Region ausgeweitet und könnte, wenn er wollte, sicherlich in der maroden Society nach größerem Einfluss greifen, wenn er wollte. Er hat alle Voraussetzungen dafür.

Seine Soft Power ruht auf Säulen wie einem bubenhaften, fast linkisch wirkenden Auftritt, der einen ganzen Kreis ihm nahe stehender Damen um ihn herum wirbeln lässt, um ihn mit allem zu versorgen, wonach er verlangt. Aber auch Anderen versucht er z.B., sein dreckiges Geschirr mit schelmischer Unfähigkeit in die Hand zu drücken: „Haben Sie eine Ahnung, wo man das hier abstellt?“ Nein, sie will keine Ahnung haben und schickt ihn aufgebracht in die Küche: „Hast du das gesehen? Der hält mich für seine Dienstbotin.“ Und so sieht man, dass die Soft Power doch eher im internen Anthroposophen- Ambiente funktioniert- dort, wo die unerklärte, aber nicht zu leugnende Autorität noch etwas zählt und Damen und Herren darum betteln, sich einem derart einflussreichen Waldorflehrer und Anthroposophen dienstbar machen zu dürfen.

Die zarten Geschöpfe mit ihren geschmeidigen Ätherleibern brauchen unsere tatkräftige Unterstützung an allen Ecken und Enden. Man fragt sich immer, was solche Menschen wohl denken, die uns ihr dreckiges Geschirr aufdrängen und als Dienstboten sehen, aber mit so sanften, verschwebten Zügen im Gesicht, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Wahrscheinlich denken sie so etwas wie das, was man im Stammheft des deutschen Anthroposophentums, die drei, als die Attitüde der Christussucher lesen kann:

Dieses Durchschauen der Konstitution unserer Wirklichkeit als Bild einer Lichtes- oder Logos-Fülle, in der wir mittendrin stehen, drängt uns in ein schauendes Verhältnis zur uns umgebenden Wirklichkeit. Wir befinden uns immer in einer Disposition zu einem solchen Schauen – nur müssen wir uns dessen bewusst werden. Dieses Angebot, diese stete Anwesenheit einer Möglichkeit, die eigene Wahrnehmung bzw. die eigene Weltverwirklichung vom Sehen zum Schauen zu erheben, die Welt aus dem Grab einer erstarrten Gegenstandsauffassung herauszuheben und sie zu einem Innesein einer seelisch-geistigen Situation zu beleben – dieses Angebot ist ein solches des, nach seiner Auferstehung und seiner Himmelfahrt, im Bereich der sinnlichen Welt-Wahrnehmung harrenden Christus-Wesens.“ (1) Normale Menschen sehen, wir schauen- so die Botschaft. Denn unser Blick ist Christus- durchdrungen. Und natürlich, wenn es denn hilft und etwas zustande kommt dabei- warum nicht? Nur wenige Menschen empfinden die Notwendigkeit, sich in der Begegnung mit diesen bigotten, selbstgerechten Anthroposophen - Heiligen, die dir ihr Geschirr in die Hand drücken wollen, in den nächsten Busch zu erbrechen.

Daran hat sich in den letzten 45 Jahren, in denen ich die Szene kenne, auch nicht das Geringste geändert. Das Faszinierende ist, dass der matte Glanz des verblichenen Rudolf Steiners noch immer auf Menschen abfärbt, aber auch auf viele anziehend wirkt, die dann in den Bannkreis und das Binnen- Milieu hinein gezogen werden. Das Versprechen, „die Welt aus dem Grab einer erstarrten Gegenstandsauffassung herauszuheben und sie zu einem Innesein einer seelisch-geistigen Situation zu beleben“ wirkt so verführerisch, dass mancher gewillt ist, die eigene Lebenskraft, Energie und sein Geld einzubringen, aber auch die Projektion auf Soft- Power- Idole zu vollziehen, denen das dann Einfluss und Bedeutung verschafft. Wenn man nicht aufpasst, redet man plötzlich von „Schwelle“, „Innesein“, und „Geisteswesen“, was nur der Anfang des Wortgeklingels sein kann. Danach beginnt man, sich für einen „Wächter seiner Zeit“ zu halten, der seit vielen Inkarnationen von Karma zu Karma durch diverse Einweihungsstätten gegangen ist, nur um jetzt mit Hans- Christian und Sabine im Zweig zu sitzen, wo ein bubenhafter Leit- Wolf dir die Welt erklärt. Und dann, endlich, ist es so weit, und du spürst die Sensitivität deines Ätherleibs, der schon zu Steiners Zeiten von der „drahtlosen Telegrafie“ empfindlich beeinträchtigt, aber dann erst von Atomkraft, TV- Strahlen, Radio, drahtlosen Telefonen und Wifi so richtig bombardiert wurde.

Moderne Geistesforscher wie Corinna Gleide (2) beklagen in „Das Essentielle geht verloren“ sogar, dass ihnen das Meditieren und Eurythmisieren durch die Auswirkungen von LED- Licht verleidet werden: „Wir standen dann in diesem Licht und stellten fest: Das eurythmische Bewegen ist da richtig unangenehm. Man konnte den Raum nicht richtig greifen, kam schwer in Kontakt mit den Kollegen, und wenn man ganz in die Gestaltung hineinging, hatte man das Gefühl, von Nadeln durchsetzt zu werden.“ Kollegin Wendt sieht im LED- Licht eine neue Stufe der menschheitlichen Dekadenz, ganz aus ihrer Befindlichkeit heraus: „Angefangen hat es für mich mit der
persönlichen Betroffenheit – und mit der Zeit ist mir immer deutlicher geworden, wie weit die Frage nach dem »richtigen« oder »guten« Licht reicht: dass es eigentlich mein ganzes Menschsein betrifft, in welchem Licht ich mich aufhalte. Und diese weite und entscheidende Dimension, was das Licht für den Menschen bedeutet, droht immer mehr verloren zu gehen.“(2) Daher hat man gleich eine „Gesellschaft für Bildekräfteforschung“ begründet, die auch den Fragen nachgeht, inwieweit dieses „falsche“ Licht „ sich auswirkt in der Natur, in der Pflanzenwelt und auf die Elementarwesen“ (2), und man muss leider sagen: Fatal, fatal.

Eine Generation zuvor, in den frühen 80ern, hat sich Anton Kimpfler weitschweifig über Glühlampen in „Okkulte Umweltfragen. Zur Urteilsbildung gegenüber der Unternatur und den untersinnlichen Kräften“ ausgelassen und hat dabei natürlich in dasselbe Horn geblasen. Er hat auch sonst, wie der Überblick bei Amazon (3) ergibt, keines der in Anthroposophistan gängigen Standardthemen ausgelassen und einen ganzen Schweif von bedeutungsschwerer Literatur hinterlassen, was uns zeigt, dass man ein Leben damit zubringen kann, anthroposophische Vokabeln auszuwalzen und sich durch Wortgeklingel eine Position innerhalb dieser Binnenkultur zu verschaffen. Notfalls gibt es ja allerlei Clubs, „Klassen“, Geheiminstitutionen, reisende Geisteslehrer, Studienhäuser oder eben „Gesellschaften“ wie die „für Bildekräfteforschung“, in denen man sich profilieren kann.

Es ist nicht leicht für den wahren Anthroposophen, inmitten einer Welt voller Spott und Gegnerschaft, von Doppelgänger- Energien, ahrimanischer Technik und ihren Schwingungen, auch nur die „ersten Schritte der Einweihung“ zu vollziehen, ohne einen im sensitiven Ätherleib zu erlebenden zermürbenden und zerquetschenden Kampf zu erleiden- sagte schon Rudolf Steiner: „Derjenige, der die ersten Schritte der Einweihung schon durchgemacht hat, merkt, daß alles das, was an Maschinellem das moderne Leben durchdringt, so in die geistig-seelische Menschlichkeit eindringt, daß es vieles in ihr ertötet, zerstört. Und ein solcher merkt, daß durch diese Zerstörung es ihm besonders schwierig gemacht wird, die inneren Kräfte nun wirklich zu entwickeln, die den Menschen in Zusammenhang bringen mit den rechtmäßigen geistigen Wesenheiten der Hierarchien.
Wenn der, welcher so die ersten Schritte der Einweihung gemacht hat, in einem Eisenbahnwagen oder auch in einem modernen Schiffe meditierend sich einleben will in die geistige Welt, merkt er, wie die ahrimanische Welt ihn ausstopft mit allem, was widerstrebt dieser Hingabe an die geistige Welt. Man kann sagen, es ist ein innerer, im Ätherleibe zu erlebender, zermürbender und zerquetschender Kampf. Durchmachen muß ihn jeder, in seinen Wirkungen erlebt ihn jeder und der Unterschied ist nur der, daß ihn derjenige, der die ersten Schritte der Initiation durchgemacht hat, bewußt erkennt.“ (4)

So hat er das Rollenmodell für den sensitiven Anthroposophen in einer feindlichen Welt vorgegeben. Auch Kritik ist in seinen Augen nur eine Stufe der „Dornenkrönung“ des geisteswissenschaftlichen Initiierten, dem das aus der Welt entgegen schallt: „Diese Handlung besagt, daß, wenn uns auch Schmerzvolles begegnet, wenn unsere heiligsten Gefühle und Überzeugungen mit Hohn und Spott verfolgt würden, man seine innere Festigkeit, sein Gleichgewicht nicht verlieren soll.“ (5) Ja, die heiligsten Gefühle und die Selbstfühligkeit als Erwählter. Eigentlich befindet sich der Geistesforscher ja schon in einem vorgezogenen, selbst gewählten Purgatorium voller Anwürfe und Widerstände gegen diese seine Auserwähltheit: „Die Idee vom Feuer, vom Purgatorium, über das die Materialisten spotten, drückt wahrheitsgemäß den subjektiven Zustand des Menschen nach dem Tode aus.“ (6)
Letztlich weiß der Anthroposoph ja, dass er sich in einer absterbenden Zivilisation befindet, in der er das wahre Licht in sich entzünden will, gegen die Mächte des Materialismus, die in den Abgrund steuern: „Und geradeso wie das zum Untergang der atlantischen Zeit führte, damit eine andere Menschheit kommen konnte, so enthält dasjenige, was sich jetzt inauguriert als kaufmännische, industrielle, technische Kultur, die Elemente, welche zum Untergang der fünften Erdperiode führen; damit beginnen wir an dem zu arbeiten, was die Katastrophe herbei führen muß.“ (7)

Die anthroposophische Attitüde, diese sanfte Superiorität, diese Sensitivität des Ätherleibs, die Penetranz des Selbstgefühls, inmitten einer materialistischen Untergangskultur ein paar Geistessamen zu streuen und die Initiations- Kultur von Jahrtausenden in sich zu tragen- das alles gehört zu den Ur- Rollenmodellen, die von Steiner ausgegeben wurden und bis heute gerne befolgt werden. Das gibt dem Anthroposophen den Kick, das ist seine Droge. Kritik von Außenstehenden prallt an diesem komplett abgeschotteten Selbstbild vollkommen ab, da sie immer Ausdruck eines minderwertigen, „materialistisch“ deformierten, von Dämonen inspirierten Denkens ist. Bei langjährigem Praktizieren dieser Selbsthypnose sieht man nach und nach selbst ein wenig aus wie Steiner, hat einen Schwarm von Bewunderern um sich und behandelt Außenstehende wie Dienstboten, oder wird bigott in einer eitlen Frömmelei, legt sich einen eigenwilligen Sprachstil zu und wiederholt dieselben anthroposophischen Vokabeln in Endlosschleife.

Zur geistigen Emanzipation, möchte man dem Leitwolf ins Jahrbuch schreiben, gehört eben auch die Überwindung der Selbstbetörung, der perseverierenden Attitüden und der anthroposophischen Süchte, so unverzichtbar und immanent sie auch erscheinen möchten. Sonst stellt Anthroposophie die selbstgefühlige Falle dar, die sie so häufig ist, ob für den Leit- Wolf oder die Geistesforscher, die Generation für Generation dieselben Haltungen produzieren.

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1 die drei. Textstelle von Hans- Christian Zehnter https://diedrei.org/
HEFT 7/8, 2019
Schwerpunkt: Lichtberichte
2 die drei, Corinna Gleide im Gespräch mit Ulrike Wendt und Markus Buchmann, https://diedrei.org/tl_files/hefte/2019/Heft7-2019/03-Gleide-Wendt-Buchmann-DD190708.pdf?fbclid=IwAR1JwhySXIHTFkRimRZkZukbBmeEnvDVPi8Fn87eofQ3HCV4iVUbeR-7SN4
3 https://www.amazon.de/B%C3%BCcher-Anton-Kimpfler/s?rh=n%3A186606%2Cp_27%3AAnton+Kimpfler
4 Rudolf Steiner, GA 275.25
5 Rudolf Steiner, GA 97, 47
6 Rudolf Steiner, GA 94.62ff
7 Rudolf Steiner, GA 177.65f

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